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Autor: Thomas Oelerich

Kein Platz im Flieger (von Peter Herrfurth, Magdeburg)

Plötzlich tönen Sirenen in Tel Aviv. Es ist Luftalarm! Eine evangelische Jugendgruppe aus Essen muss Schutz suchen. Dann die Hiobsbotschaft. Ihre Heimatflüge sind gestrichen. Erst Tage später können sie Plätze in einem Flieger nach Zypern ergattern. Endlich sind sie in Sicherheit. Gott sei Dank! Die Eltern sind heilfroh.

Wie viele unserer Landsleute haben in den letzten Tagen verzweifelt gebetet, aus Israel rauszukommen? Ich danke Gott für jeden der heil heimkommt!

Ich denke aber genauso an die Menschen, die in Israel ihre Heimat haben und ihr Land lieben. Sie sind dort zuhause. Terroralarm gehörte zu ihrem Alltag. Aber jetzt dieser brutale Terror und dieser Krieg? Sie erleben Mord und Bomben. Sie sind potenzielle Ziele für Hamas-Terroristen. Das ist für sie eine Katastrophe. Sie werden nicht ausgeflogen. Ich bitte Gott für jeden von ihnen um Schutz.

Ich bete für Deutsche und für Israelis. Ja. Aber ich bete auch für die Menschen in Palästina. Auch dort gibt es viele, die keine Messer wetzen und die nicht schießen. Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder, die um die Ermordeten weinen. Auch dort sind Menschen, die Angst vor dem haben, was jetzt passiert. Über eine Million Menschen sollen Nord-Gaza räumen. Das Perfide: die Terroristen hindern sie daran. Für die Flüchtlinge gibt es keinen Platz in irgendeinem Flieger, der sie fortbringt. Egal wohin.

Ich bete für sie alle. Ich bete mit biblischen Worten, die Juden und Christen vertraut sind:

Gott, segne uns und behüte uns.

Schau auf uns!

Lass dein Angesicht leuchten über uns.

Und gib uns Frieden. Überall. Amen.

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Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Krieg in Israel (von Peter Herrfurth, Magdeburg)

Stell dir vor, du fährst zu einem Festival mit Hunderten Menschen, irgendwo auf dem Land.
Stell dir vor, deine Kinder fahren dorthin.
Stell dir vor, sie wollen Musik hören, Freundinnen treffen.
Stell dir vor, sie wollen tanzen, feiern, Spaß haben.

Letzten Samstag findet so ein Festival in der Nähe zu Gaza in Israel statt. Adi ist dabei, ihre Mutter Maizel zuhause weiß es.
Die Rhythmen der Raver wummern über den Platz. Es ist laut. So laut, dass Adi und die anderen das Dröhnen der Raketen nicht bemerken. Bis das Unvorstellbare passiert:
Plötzlich sind Terroristen auf dem Gelände. Sie schießen auf die verzweifelt Flüchtenden. Wahllos werden Menschen auf Pickups gezerrt und nach Gaza verschleppt.Über 260 Leichen werden gezählt. Mütter und Väter durchforsten Videos vom Terrorangriff nach ihren vermissten Kindern. Maizel entdeckt darauf ihre Tochter Adi. Maizel fleht die Entführer an:
„Bitte, bitte bleibt menschlich. Wir haben alle die gleiche DNA, wir sind alles nur Menschen.“

Und ich stelle mir vor, alle halten den Atem an.

Und ich selbst atme tief durch, und halte alles für möglich. Auch das Wunder.

Ich stelle mir vor, der große Gegenschlag bleibt aus. Die Geiseln kehren heim, die Toten werden bestattet.

Und die Lebenden schauen sich in die Augen. Erst langsam und vorsichtig. Denn die Augen sind verschleiert von Tränen und Schmerz.

Aber: es wäre da keine Rache.

Weil alle spüren: So kann – so soll es nicht weitergehen. Nicht diesseits und nicht jenseits des Zaunes. Auf beiden Seiten leben Menschen. Mütter und Töchter, Väter, Söhne und Großeltern. Und sie wollen nicht hassen, sie wollen leben und feiern und tanzen, essen und trinken und arbeiten.

Und ein Kind streckt die Hand aus. Und da landet eine Taube mit einem Ölzweig im Schnabel. Und es ist so still, dass man ihr Gurren hört. Stell dir das mal vor.

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Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade

Wittenberg feiert “Friedensfest”: Debatte über Ukraine-Krieg

Die Schmiedeaktion “Schwerer zu Pflugscharen” in Wittenberg war vor 40 Jahren ein Meilenstein der DDR-Friedensbewegung. Die evangelische Kirche erinnert an den Jahrestag und kommt dabei auch auf aktuelle Friedensdebatten zu sprechen.

Wittenberg (epd). Bei einem „Friedensfest“ hat die evangelische Kirche in Wittenberg gemeinsam mit den LutherMuseen und weiteren Akteuren an ein historisches Datum erinnert. Vor 40 Jahren begann im Lutherhof die Schmiedeaktion „Schwerter zu Pflugscharen“, die zum Slogan der DDR-Friedensbewegung wurde. „Ich bin mir nach wie vor sicher, dass das Zeichen, das Friedrich Schorlemmer an diesem Ort 1983 gesetzt hat, eines der bedeutsamsten Symbole für alles bleibt, was danach passiert ist“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Donnerstagabend in Wittenberg.

Er sei damals von den Ereignissen tief bewegt gewesen und sei es in gewisser Weise bis heute, sagte der Landesregierungschef. Ausgangspunkt der damaligen Aktion sei gewesen, dass die atheistische Sowjetunion das biblische Wort von „Schwerter zu Pflugscharen“ in Form einer Skulptur aufgegriffen habe, die sie 1959 den Vereinten Nationen geschenkt habe. Die kirchliche Friedensbewegung in der DDR habe sich dann dieses Bibelworts bedient und die DDR-Oberen in die Situation gebracht, gegen Aufnäher mit diesem Symbol vorgehen zu müssen, so Haseloff.

Der Ministerpräsident, der selbst katholisch ist, erinnerte an aus seiner Sicht zwei bedeutsame Wendepunkte für den damaligen Ostblock: Die Wahl des polnischen Papstes Johannes Paul II. (1920-2005) im Jahr 1978 und die Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“. Am 24. September 1983 hatten sich im Wittenberger Lutherhof rund 600 Menschen versammelt und dabei zugeschaut, wie auf Initiative des Wittenberger Theologen und Pfarrers Friedrich Schorlemmer der Kunstschmied Stefan Nau ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedete. Mit dem symbolischen Akt sollte der Wunsch nach Frieden ausgedrückt werden.

Schorlemmer wurde später zu einem bedeutenden Akteur der Wendezeit ab 1989. Der 1944 in Brandenburg geborene Theologe war Mitbegründer der Partei Demokratischer Aufbruch (DA) und wechselte dann 1990 in die SPD. Während des „Friedensfests“ wurden Filmausschnitte eingespielt, in denen Schorlemmer zu Wort kam. Mit der Schmiedeaktion sei eine Bewegung gewachsen, die dazu beigetragen habe, dass das DDR-Regime im Herbst 1989 friedlich und ohne Waffen zusammengebrochen sei, betonte Haseloff.

Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Friedrich Kramer, erinnerte an den Weltfriedenstag der Vereinten Nationen, der am selben Tag begangen wurde. Kramer, der auch Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, bekräftigte bei einer Podiumsdiskussion seine Ablehnung von deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine. Sie seien nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems, sagte er. Dem widersprach Haseloff: „Wir sind aus der Geschichte schlauer geworden, dass man dem Bösen nicht den freien Lauf lassen darf“, sagte er unter Anspielung auf die NS-Zeit.

Im Hinblick auf die Polarisierung politischer Debatten erinnerte Kristin Jahn, die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, daran, dass die evangelische Kirche immer auch ein Raum für gesellschaftliche Dialoge gewesen sei. „Wir sollten nicht zu schnell von politischer Färbung geprägte Statements setzen“.

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epd

Klimaschutz braucht Frieden! (von Michael Kettelhoit)

Die Klimakrise, gesellschaftliche Spannungen, die steigende Anzahl gewalttätiger Konflikte rufen bei vielen ein Gefühl der Verunsicherung hervor. Da liegt es nahe, mehr Sicherheit zu fordern. Viele denken dabei schnell an das Militär. Aus dieser Logik entstand in Deutschland das Sondervermögen für die Bundeswehr. Kann aber eine zunehmende Militarisierung eine passende Antwort auf die aktuellen Krisen sein? Sicher nicht – oder?

Wir stellen den Zusammenhang von Militär bzw. Kriegen und Klima bisher oft vor allem einseitig her. Die Klimakrise führt zu Ressourcenkonflikten, zu unbewohnbaren Gebieten, zu Migration und verschärft dadurch Gewalt und militärische Konflikte. Aber welche Auswirkungen haben das Militär und Kriege auf das Klima? Gibt es womöglich keine? Sicher nicht – oder?

Bei näherer Betrachtung wird schnell klar, dass militärische Aktivitäten einen großen Einfluss auf das Klima haben. Die Zerstörungen in einem Krieg treffen nicht nur Menschenleben, sondern auch die Infrastruktur und die Umwelt. Treibstofflager werden angegriffen, Wälder angezündet und Gebäude zerstört. Hochrechnungen für den Ukraine-Krieg gehen davon aus, dass dieser im ersten Kriegsjahr so viele Treibhausgase verursacht hat, wie Belgien im Jahr 2022. Kriege verschärfen also die Klimakrise. Aber selbst in Friedenszeiten ist die Klimabilanz des Militärs fatal, denn auch in Übungen stößt militärisches Gerät wie Panzer, Flugzeuge oder Kriegsschiffe massiv CO2 aus. Außerdem haben die Liegenschaften, Bauvorhaben und Lieferketten des Militärs negative Auswirkungen auf das Klima. Eine Studie des Conflict and Environment Observatory (CEOBS)[1] kommt zu dem Schluss, dass das Militär weltweit für 5,5% der Emissionen verantwortlich ist. In der Rangliste der Treibhausgasemissionen der Länder wäre dies die vierte Position nach Indien und noch vor Russland. Diese Größenordnung ist eine konservative Schätzung, da es kaum offizielle Zahlen gibt. Seit den Verhandlungen des Kyoto-Protokolls 1997 und auch im Pariser Klimaabkommen von 2015 gibt es keine Rechenschaftspflichten für das Militär, geschweige denn CO2-Reduktionsziele.

Wenn der Einfluss des Militärs auf das Klima so gravierend ist, bedeutet die Aufrüstung des Militärs eine weitere Verschärfung der Klimakrise. Meinen wir es mit dem Klimaschutz also ernst, dann müssen uns nicht nur aus friedensethischen Gründen gegen eine Kriegslogik und für gewaltfreie Konfliktbearbeitung einsetzen – auch Klimaschutz braucht Frieden!

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[1] Conflict and Environment Observatory (CEOBS) (2022): Estimating the military’s global greenhouse gas emissions, online unter: https://ceobs.org/wp-content/uploads/2022/11/SGR-CEOBS_Estimating_Global_MIlitary_GHG_Emissions.pdf

(Autor: Michael Kettelhoit, Referent der Evangelischen Friedensarbeit

Hinhören (von Michael Zimmermann, Dresden)

Ob unsere Zeit krisenhafter ist als die Vergangenheit, sei dahingestellt. Unstrittig ist die Vielzahl der Krisen, mit denen wir gegenwärtig konfrontiert sind: Klima, Hunger, Energie, Krieg, Gewalt und Spaltungen. Das alles scheint schwer zu ertragen. Es ist nicht möglich, eines zu klären, ohne beim nächsten zu landen. Das verunsichert. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Manche wenden sich einfach ab, stecken sich Stöpsel ins Ohr, verweigern Nachrichten oder lassen nur passende Informationen und Meinungen an sich heran. Andere vertrauen auf neue Schritte und bringen die Kraft für Aktionen auf.

In dieser Situation gehen wir auf die Friedensdekade zu, die nach Sicherheit fragt: „sicher nicht – oder?“. Abschottung oder Offenheit, wo ist das eine dran und wo das andere?

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa wurde durch das Buch „Resonanz“ bekannt. In dem neuen Buch „Demokratie braucht Religion“ beschreibt er nicht nur unsere Gegenwart mit dem Begriff des „rasenden Stillstands“, sondern plädiert für eine Haltung des „hörenden Herzens“. Es reiche nicht, eine Stimme zu haben, die gehört wird, sondern es sind auch Ohren nötig, die andere Stimmen hören.

Ob das persönlich und in der Gesellschaft Sicherheit geben kann, wenn

  • im Konflikt zwischen zwei Menschen oder Gruppen die eine Seite auf die andere Seite hören könnte,
  • sich in Kirche und Gesellschaft nicht Abstand und Rückzug breit machen würde und im anderen nicht nur Gegner*innen gesehen werden, denen mal gesagt werden müsste, wie es richtig ist,
  • die Mächtigen andere Vorschläge als Gewalt und Ab-hören hätten?

Zuhören fordert Menschen nicht nur, wenn es um grundverschiedene Meinungen geht. Es bewahrt vor Manipulation, vor Geschichtsfälschung, vor Eskalation von Konflikten und vor der Illusion, mit einem Schwarz-Weiß-Denken dem Leben gerecht zu werden. Hören meint nicht zustimmen. Hinhören kann aber die Möglichkeit für Gemeinsames schaffen.

Frieden braucht deutliche Worte, aber vor allem offene Ohren. Dafür spricht sich Hartmut Rosa aus, wenn er für „hörende Herzen“ plädiert. Angeregt für diesen Begriff wurde er vom Traum des Salomo, der uns in der Bibel (1. Kön. 3) berichtet wird.

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Michael Zimmermann, Beauftragter für Friedens- und Versöhnungsarbeit der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsensim Landesjugendpfarramt, Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade

August 2023

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