Zum Hauptinhalt springen
Frauen des Friedens Leymah Gbowee

Leymah Gbowee – Frieden beginnt auf dem Marktplatz

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„We must continue to unite in sisterhood to turn our tears into triumph, our despair into determination and our fear into fortitude.“ (Wir müssen uns weiterhin in Schwesternschaft vereinen, um unsere Tränen in Triumph zu verwandeln, unsere Verzweiflung in Entschlossenheit und unsere Angst in Stärke.)

Leymah Gbowee (Liberia, geboren 1972) sprach aus Erfahrung. Sie kannte Tränen, Verzweiflung und Angst. Sie hatte jahrelang in einem Land gelebt, das sich selbst zerfleischte. Und dann stand sie auf. Und mit ihr standen Tausende Frauen auf.

 

In unserem neuen Mitgliederbereich erhalten Sie die Langversion der Episode als PDF zum Download

Tragen Sie sich ein für Ihre kostenlosen Mitglieder-Zugang (Testversion 2026):

Sie erhalten: Ausgewählte Texte als hochwertige Druck-PDFs & Regelmäßiger Friedensbrief direkt per E-mail. Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Die ersten drei Frauen zum thematischen Schwerpunkt Aufbruch waren von Suttner, Scholl und Kelly. Mit Maathai und nun Gbowee vertiefen wir den Schwerpunkt Schöpfung & Gerechtigkeit. Leymah Gbowee zeigt: Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist die Anwesenheit von Gerechtigkeit.

2026 leben wir in einer Welt, die auf militärische Hierarchien setzt, auf Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Leymah Gbowee zeigt uns einen anderen Weg: Frieden kommt nicht von den Verhandlungstischen der Mächtigen, sondern von den Marktplätzen der Frauen. Von der horizontalen Macht der Gemeinschaft.

Wenn Gott im Traum ruft

Leymah Roberta Gbowee wurde 1972 in Monrovia geboren. 1989 brach der erste liberianische Bürgerkrieg aus. Milizführer kämpften um Macht und Bodenschätze. Kindersoldaten wurden mit Drogen an die Front geschickt. Vergewaltigungen waren Kriegswaffe.

Leymah war 17, als der Krieg begann. Sie floh, wurde Mutter, lebte in einer gewalttätigen Beziehung. Sie arbeitete mit traumatisierten Kindersoldaten. Jeden Tag sah sie, was Krieg aus Menschen macht.

2002 hatte Leymah einen Traum. Sie hörte eine Stimme: „Versammle die Frauen, um für Frieden zu beten.“¹ Wie sollte sie, eine einzelne Frau ohne Macht, Frauen versammeln? Wie sollten Gebete einen Krieg beenden?

Aber die Stimme ließ sie nicht los. Leymah erkannte: Das war ein Auftrag. Gott rief sie nicht, weil sie mächtig war, sondern weil sie bereit war. Sie vertraute darauf, dass eine Kraft größer war als ihre Ohnmacht. Sie betete, um „den Teufel zurück in die Hölle zu treiben“.²

 

Spendenaufruf FriedensDekade 2026
Diese Serie ist dank Ihrer Spenden möglich

Die Kraft der weißen T-Shirts

Leymah begann, Frauen zu versammeln. Zunächst Christinnen. Dann geschah etwas Radikales: Sie sprach auch muslimische Frauen an. In einem Land, das entlang religiöser Linien zerrissen war, war das gewagt. Die muslimischen Frauen erkannten: Unsere Söhne sterben genauso. Krieg kennt keine Religion. Warum sollte Frieden Religion trennen?

So entstand „Women of Liberia Mass Action for Peace“ – eine interreligiöse Frauenbewegung. Christinnen und Musliminnen trugen weiße T-Shirts. Weiß für Frieden, weiß für Einheit. Sie besetzten öffentliche Plätze. Sie saßen in der prallen Sonne auf dem Fischmarkt in Monrovia, Tag für Tag. Sie beteten, sie forderten. Sie verweigerten ihren Männern Sex, bis Frieden geschlossen wurde.³

Aber wichtiger war ihre Präsenz. Sie waren da. Sie ließen sich nicht vertreiben.

Präsident Charles Taylor konnte sie nicht ignorieren. Tausende Frauen in weißen T-Shirts forderten: Verhandelt. Beendet den Krieg.

Ghana 2003: Als Frauen Milizführer einsperrten

2003 begannen Friedensverhandlungen in Accra, Ghana. Die Milizführer verhandelten halbherzig, zogen die Gespräche in die Länge. Draußen warteten die Frauen in weißen T-Shirts.

Im August 2003 wollten die Milizführer den Saal verlassen, ohne Ergebnis. Leymah und ihre Frauen blockierten die Türen. Sie ließen niemanden raus.⁴

Die Milizführer drohten mit Verhaftung. Leymah drohte zurück: „Wir haben keine Angst mehr. Wir sind bereit, für das zu sterben, woran wir glauben.“⁴ Dann begann sie, ihr T-Shirt auszuziehen. In der liberianischen Kultur eine tiefe Schande, ein Fluch.

Die Milizführer erstarrten. Das war ihr Moment des Mutes: Die Frauen riskierten öffentliche Demütigung, Verhaftung, Gewalt. Aber sie standen da. Unbewegt.

Die Milizführer blieben. Sie verhandelten weiter. Wenige Wochen später wurde Frieden geschlossen. Der Krieg war vorbei.

Heilige Wut als Kraft

Leymah war wütend. Wütend auf Milizführer, die Kindersoldaten rekrutierten. Wütend auf die Welt, die zusah.

Aber diese Wut machte sie stark. Leymah lehrte: Eure Wut ist heilig. Aber wir verwandeln sie nicht in Gewalt, sondern in Handeln. Wir organisieren uns. Wir besetzen Räume.

2011 erhielt Leymah den Friedensnobelpreis für ihren „gewaltfreien Kampf für die Sicherheit von Frauen“.⁵ In ihrer Rede sagte sie: „Ich bin das Gesicht der Frauen, die ihr nicht seht.“⁵

Was Leymah uns heute sagt

Frieden beginnt bei den Betroffenen. Frieden kommt von den Marktplätzen, nicht von Verhandlungstischen. Wer Frieden will, muss denen zuhören, die am meisten leiden.

Gemeinschaft überwindet Grenzen. Leymah vereinte christliche und muslimische Frauen. Unser Leid ist größer als unsere Unterschiede.

Wut ist eine Kraft für Gerechtigkeit. Friede bedeutet nicht, nett zu sein. Friede bedeutet, heilige Wut in Handeln umzuwandeln.

Leymah Gbowee zeigt: Auch wenn du arm bist, auch wenn du keine Macht hast, auch wenn du Angst hast – du bist Werkzeug für einen größeren Frieden.


Couragiert widerständig, wie Leymah Gbowee. Für eine Welt, in der Frieden von unten wächst.


Quellen und zum Weiterlesen:

¹ Leymah Gbowee: „Mighty Be Our Powers: How Sisterhood, Prayer, and Sex Changed a Nation at War“ (2011), Kapitel 8

² Dokumentarfilm: „Pray the Devil Back to Hell“ (Regie: Gini Reticker, 2008)

³ Gbowee (2011), Kapitel 10

⁴ Dokumentiert in „Pray the Devil Back to Hell“ (2008); Gbowee (2011), Kapitel 14

⁵ The Nobel Peace Prize 2011, Nobelprize.org

Gbowee Peace Foundation: www.gboweepeacefoundation.org

Ziviler Einsatz statt Gewaltlogik: Leymah Gbowee machte mit der Frauenfriedensbewegung in Liberia deutlich, dass Frieden von unten wächst – durch zivilen Mut, gemeinsames Handeln und die bewusste Entscheidung gegen Gewalt. Ihr Engagement stellt bis heute die Frage, wie Menschen Verantwortung für Frieden übernehmen können, ohne Teil militärischer Eskalation zu werden. Diese Frage greift auch der Beitrag Freiwillige Dienste oder Wehrpflicht?“ im Materialheft zur FriedensDekade 2025 auf Seite 40 auf. Sichern Sie sich diese praxisnahen Entwürfe im Materialheft 2025 zum Aktionspreis oder Bestellen Sie schon heute das Gesamtpaket im Abo für die Erstlieferung im Juni diesen Jahres.

Krieg ist keine Konstante

Zivile Konfliktbearbeitung: Das unterschätzte Fundament des Friedens

Wer die ersten beiden Teile dieser Serie gelesen hat, kennt das Dilemma: Sicherheit mit oder gegen andere? Ein Versprechen von 1945, das zunehmend erodiert. Bleibt die Frage: Was ist die Alternative?

Es gibt sie, doch sie wird systematisch kleingehalten.

Zivile Konfliktbearbeitung, also die Umwandlung gewaltsamer Konflikte in verhandelbare Prozesse durch Mediation, Diplomatie und den Aufbau von Dialogstrukturen, ist keine romantische Idee, sondern erprobte Praxis. Martina Fischer, Politikwissenschaftlerin und langjährige Mitarbeiterin der Berghof Stiftung, zeigt das im Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten mit erfrischender Nüchternheit.

Was zivile Arbeit konkret leistet

Die Beispiele sind zahlreich, in der Öffentlichkeit aber oft wenig bekannt. Die Gemeinschaft Sant’Egidio begleitete etwa in Mosambik, Guatemala und dem Südsudan Friedensprozesse, die ohne sie wohl nie zustande gekommen wären. Der Zivile Friedensdienst entsendet heute rund 380 Fachkräfte in 45 Länder. Sie bauen Dialogstrukturen auf, vernetzen Friedensinitiativen und begleiten Betroffene vor Ort. Nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Geduld und dem sprichwörtlich langen Atem der Friedensarbeit.

Wer wissen möchte, wie diese Arbeit konkret aussieht und wie man sie stärken kann, findet im Band eine fundierte Einordnung. (Wir haben noch einige Exemplare in unserem Onlineshop).

Chronisch unterfinanziert und unterschätzt

Und dennoch bleibt diese Arbeit chronisch unterfinanziert. Martina Fischer benennt das Problem klar: Während die globalen Militärausgaben 2024 einen neuen Rekordwert erreichten, wurden die Budgets für zivile Konfliktbearbeitung, Entwicklung und humanitäre Hilfe drastisch gekürzt. Dabei kommt eine aktuelle Studie des Global Public Policy Institute zu dem Schluss, dass Prävention unterm Strich deutlich weniger menschliche und ökonomische Kosten verursacht als das nachträgliche Intervenieren in hocheskalierte Krisen.

Dass dennoch nicht hier investiert wird, ist keine Frage fehlender Beweise. Es ist eine politische Entscheidung. Dieselbe, die wir in den Artikeln 1 und 2 beschrieben haben: Stärke vor Recht, Konfrontation vor Kooperation.

Was die Menschheit kann und was sie vergisst

Jan Gildemeister, Geschäftsführer der AGDF und Mitherausgeber des Bandes, erinnert in seiner aktuellen friedenspolitischen Einordnung daran, dass die Menschheit über Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt hat. Kriegerische Auseinandersetzungen sind keine anthropologische Konstante, sondern eine historische Fehlentwicklung. Die Fähigkeit zur Kooperation und zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung ist also nicht verloren. Sie wird derzeit nur schlicht nicht gefördert.

Genau hier setzt unsere Buch-Serie und der Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ an, den die AGDF vorgelegt hat.

Ein langer Atem, der sich lohnt

Couragiert widerständig zu sein bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu schließen. Es bedeutet, die Möglichkeiten zu sehen, die in ihr stecken. Zivile Konfliktbearbeitung wirkt dort, wo sie konsequent gefördert und finanziert wird. Sie verändert, wie Konflikte ausgetragen werden und wie Frieden entsteht. Das ist keine naive Antwort auf harte geopolitische Fragen, sondern die tägliche Erfahrung derer, die diese Arbeit vor Ort leisten.

Mit diesem Teil schließen wir unsere Buch-Serie ab. Alle Artikel sind auf unserer Website nachzulesen, und das Buch ist weiterhin in unserem Shop erhältlich.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav.

 

Friedenspolitische Einordnung Teil 4 Ein notwendiger Perspektivwechsel

Friedenspolitische Einordnung | Teil 4: Perspektivwechsel

Die Möglichkeit des Friedens: Ein notwendiger Perspektivwechsel

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

Historische Grundlagen des Zusammenlebens

Die große Zahl an Kriegen und despotisch bzw. autoritär regierten Staaten, die immense Konzentration an Besitz, (patriarchale) Herrschaftssysteme und Machtstrukturen – es gibt vieles, was derzeit daran zweifeln lässt, dass es in Bälde eine friedlichere und gerechtere Welt geben könnte.

In solchen Momenten hilft ein Perspektivwechsel: Die Menschheit hat über viele Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt. Die These, dass wir uns die Köpfe einschlagen, wenn man uns auf einer einsamen Insel aussetzt, wurde von Archäologen und Anthropologen widerlegt. Erst mit Sesshaftigkeit, Besitztum, enger Besiedlung und schließlich etablierten Herrschaftsstrukturen begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen.

Die Konstruktion der Gewalt

Die Begeisterung, für Herrschende in den Krieg zu ziehen, blieb historisch gesehen jedoch gering. Frauen waren immer schon kritischer gegenüber Kriegen, und Männer müssen in der Regel erheblich verbogen werden, damit sie als Kämpfer taugen. Nicht umsonst braucht es tiefgreifende Kriegspropaganda.

Die gute Nachricht ist also: Die Menschheit ist durchaus willens und in der Lage, friedlich zusammenzuwohnen. Zudem gab es in den letzten beiden Jahrhunderten beachtliche zivilisatorische Fortschritte.

Wege aus der Resignation

Dies beantwortet aber noch nicht die Frage, wie wir die aktuellen Entwicklungen drehen können, damit kriegerische Gewalt und Ungerechtigkeit wieder abnehmen und die Menschheit sich gemeinsam um die Herausforderungen kümmert, vor denen wir stehen.

Um angesichts dieser Mammutaufgabe nicht zu verzweifeln, hilft die Osterbotschaft: Jesus hat den Tod am Kreuz überwunden, er ist auferstanden! Die Botschaft der Gewaltfreiheit hat letztlich die Oberhand behalten. Wenn wir weiter aktiv bleiben, Prozesse vorantreiben und andere überzeugen mitzumachen, werden wir schon den richtigen Weg finden – mit Gottes Hilfe.

Literaturhinweise zum Thema:

  • Irene Dänzer-Vanotti: Ist Krieg verlernbar? Anmerkungen für Friedenssuchende. In: Religion – Die Dokumentation, Bayern 2 (Podcast vom 5. April 2026).

  • Ralph Gerstenberg: Rutger Bregman – Warum der Mensch im Grunde gut ist. In: Andruck – Das Magazin für Politische Literatur, Deutschlandfunk (Audio-Archiv vom 8. Juni 2020).


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

Peacewalk erreicht Deutschland: Wenn der längste Friedenspfad der Welt durch Berlin führt

Von Finisterre nach Jerusalem: Eine internationale Friedensbewegung auf dem Weg – und Sie können mitgehen

Anfang Mai 2026 wird es in Berlin besonders sein: Der Peacewalk, eine internationale Friedenspilgerschaft von den entlegensten Enden Europas nach Al-Quds/Jerusalem, erreicht die deutsche Hauptstadt. Was am 31. Januar 2026 in Finisterre, Spanien, begann, ist längst mehr als eine Wanderung – es ist eine wachsende Bewegung für Frieden, Dialog und Versöhnung.

Was ist der Peacewalk?

Der Peacewalk folgt dem Jerusalem Way, dem längsten Friedenspfad der Welt. Menschen aus verschiedenen Ländern pilgern gemeinsam – manche für eine Stunde, andere für einen Tag, eine Woche oder die gesamte Strecke bis nach Jerusalem. Die Initiative reagiert auf die Hilflosigkeit angesichts der Lage in Palästina und Israel und der Spaltung, die dieser Konflikt weltweit verursacht.

Das Besondere: Diese Pilgerschaft ist kein stiller Rückzug, sondern aktives Lernen. Unterwegs treffen die Teilnehmenden auf Friedensstiftende, Expertinnen und Aktivistinnen. Es geht darum, von palästinensischen und israelischen Versöhnungsinitiativen zu lernen und ihre Arbeit zu unterstützen. „So wie der Krieg die Welt spalten kann, können Friedensstiftende die Welt vereinen“, heißt es im Aufruf der Organisator*innen.

Ein Jahr Friedensschule auf dem Weg

Der Peacewalk ist zugleich Friedensfest, Friedensschule und Spendenaktion:

Friedensfest: Musik, Events und Begegnungen unterwegs schaffen Räume der Gemeinschaft.

Friedensschule: Teilnehmende treffen friedensstiftende Persönlichkeiten und lernen von Führungskräften der Versöhnung.

Spendenaktion: Unterwegs werden Mittel für palästinensisch-israelische Friedensbemühungen gesammelt.

Inspiriert von mutigen Vorbildern

Die Initiative steht in der Tradition großer Friedensmärsche: vom Civil March for Aleppo über die französischen Schweigeproteste bis zu Martin Luther Kings Bürgerrechtsmärschen. Inspiriert wurde sie von Menschen wie Maoz Inon und Aziz Abu Sarah, Hamze Awawde und Magen Inon, von Women of the Sun und Women Wage Peace – Menschen, die trotz persönlicher Verluste nicht aufhören, Brücken zu bauen.

Mitmachen in Berlin und darüber hinaus

Wenn der Peacewalk Anfang Mai durch Berlin zieht, sind alle eingeladen mitzugehen – für eine Stunde, einen Nachmittag oder länger. Das Tempo ist bewusst so gewählt, dass alle mitkommen können: 15 bis 25 Kilometer pro Tag. Jede*r Teilnehmende ist selbst für den eigenen Weg verantwortlich, wird aber von Länderteams und anderen Pilgernden unterstützt.

Frieden ist eine Fähigkeit, die man lernen kann

Der Peacewalk lädt ein:

  • In Frieden zu investieren – durch Versöhnung und Diplomatie
  • Lokale Stimmen anzuerkennen – Friedensbemühungen der Basis zu unterstützen
  • Frieden zu praktizieren – als erlernbare Fähigkeit

Die Route durch Deutschland wird auf der Website des Peacewalk veröffentlicht. Dort finden Sie auch alle Informationen, wie Sie sich beteiligen können – ob als Mitgehende, Gastgebende oder Unterstützende.

Mehr Informationen und aktuelle Route:
www.peacewalk.info


Über den Peacewalk:
Der Peacewalk wird organisiert von der Stichting PopUpWerk (Leitung: Rikko Voorberg), dem JERUSALEMWAY-Team (Leitung: Johannes Aschauer) und dem Glocalspirit-Team. Die Pilgerschaft startete am 31. Januar 2026 in Finisterre, Spanien, und führt über verschiedene Routen durch Europa nach Jerusalem.


15. Februar 2003: Die Welt sagt Nein– Über Mut, Gewissen und die Grenzen des Gehörtwerdens

Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert | Folge 3

Aus der Serie „Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert“ zur Ökumenischen FriedensDekade zum Jahresmotto 2026 „couragiert widerständig“.
Das vollständige Porträt steht als PDF zum Download bereit.


15. Februar 2003: Die Welt sagt Nein

Über Mut, Gewissen und die Grenzen des Gehörtwerdens

Es ist Samstag, der 15. Februar 2003. In Berlin ist es kalt. Die Veranstalter hatten mit 80.000 gerechnet, vielleicht 150.000. Es kommen 500.000.¹ Ein Querschnitt, den es so selten gibt: Junge und Alte, Linke und Konservative, Schulklassen und Gewerkschaftsgruppen, Müllwerker und Hochschullehrer, Deutsche und in Deutschland lebende US-Amerikaner. Vom Podium spricht der Theologe Friedrich Schorlemmer: „Wir stehen hier in der großen Ökumene des Friedens.“²

An diesem Tag gehen weltweit zwischen sechs und zehn Millionen Menschen auf die Straße, in über 600 Städten, auf allen Kontinenten. Es ist der 15. Februar 2003. Die größte koordinierte Friedensdemonstration, die die Welt je gesehen hat.³

Fünf Wochen später beginnt der Angriff auf den Irak.

Die Weigerung zu schweigen

Keine zentrale Organisation, keine Führung. Was es gab: eine wachsende Überzeugung, dass dieser Krieg falsch war, und die Bereitschaft, das sichtbar zu machen. Menschen, die noch nie demonstriert hatten. Menschen, die wussten, dass sie wahrscheinlich nichts ausrichten würden, und die trotzdem kamen.

Das ist das Wesen von Zivilcourage: nicht die Gewissheit des Erfolgs, sondern die Weigerung zu schweigen.

Viele trugen eine Erinnerung mit sich, die größer war als der Tag selbst. Der 8. Mai 1945, das Kriegsende, die Befreiung, war für eine Generation noch keine Schulbucherinnerung. Es war die Geschichte ihrer Eltern, ihrer Großeltern. Das „Nie wieder“ hatte gerade in Deutschland eine andere Wucht. Weil die Erinnerung noch körperlich war.

Der Spiegel der Politik

Es gab Regierungen, die Nein sagten. Bundeskanzler Schröder hatte im August 2002 eine klare Linie gezogen. Am Vorabend des Angriffs bekräftigte er in einer Fernsehansprache: „Meine Antwort in diesem Fall war und ist: Nein.“⁴ Frankreichs Präsident Chirac drohte im UN-Sicherheitsrat mit einem Veto. War es Überzeugung? Politisches Kalkül? Wahrscheinlich beides. Diese Frage bleibt offen, und sie ist ehrlicher als jede Glorifizierung.

Auf der anderen Seite standen Geheimdienstberichte, die dem UN-Sicherheitsrat als gesicherte Beweise präsentiert wurden: Massenvernichtungswaffen im Irak. US-Außenminister Colin Powell trug sie vor, mit Satellitenbildern und Abhörprotokollen. Großbritanniens Premier Blair, wie Schröder Sozialdemokrat, stellte sein Land hinter diese Begründung, obwohl eine Million Menschen in London demonstriert hatten.

Was später festgestellt wurde: Die Belege waren falsch.⁵ Powell nannte seine Rede vor den Vereinten Nationen Jahre später den Schandfleck seiner Karriere. Konsequenzen für die Entscheidung selbst? Keine. Zwischen 275.000 und 306.000 Zivilisten starben bis 2019 infolge der Gewalt.⁶

Die Frage, was internationale Rechtsordnung wert ist, wenn Mächtige sie übergehen, stellte sich damals. Sie stellt sich 2026 dringlicher denn je.

Was Gewissen bedeutet, wenn die Stunde kommt

Die Bibel kennt diese Erschöpfung: Menschen, die reden und nicht gehört werden. Jeremia rief zur Umkehr, jahrzehntelang. Jerusalem fiel trotzdem. Aber er sagte es trotzdem. Weil Zeugnis nicht davon abhängt, ob es Erfolg hat. Weil der gerechte Friede eingefordert werden muss. Auch wenn die Mächtigen nicht hören. Gerade dann.

Was uns das heute sagt

Am 8. Mai 2026 gehen Schülerinnen und Schüler bundesweit auf die Straße. Bewusst an diesem Datum: dem Jahrestag des Kriegsendes 1945. Sie sagen Nein zur Wehrpflicht, Nein zu einer Politik, die Milliarden in Aufrüstung lenkt, während Bildung und Zukunft ihrer Generation zur Verhandlungsmasse werden.⁷ Andere Themen als 2003. Eine andere Generation. Dieselbe Geste.

Und ringsum: Kriege in der Ukraine, in Gaza, im Nahen Osten. Seit Ende Februar 2026 werden Militärschläge geflogen, begründet mit einem Atomprogramm, kurz nachdem die zuständige internationale Behörde erklärte, es gebe auf Basis der vorliegenden Informationen keinen Beweis dafür.⁸ Die Parallelen ziehen sich von selbst.

Was Europa antwortet? Vorsichtige Statements. Diplomatische Formeln. Haltung zu zeigen kostet mehr als 2003. Das stimmt. Aber Unübersichtlichkeit war noch nie ein Grund, zu schweigen.

Eine letzte Wahrheit

Der 15. Februar 2003 hat den Krieg nicht verhindert. Und doch haben die Millionen, die damals aufstanden, etwas hinterlassen: einen Maßstab, eine Erinnerung daran, dass es möglich ist, Nein zu sagen, laut, öffentlich, gewaltfrei. Dass es Menschen gab, die nicht geschwiegen haben. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Zeugnis. Das ist Vermächtnis.

Gerade heute, in einer Welt, in der so viele gleichzeitig Haltung brauchen, brauchen wir diese Erinnerung. Nicht als Erfolgsgeschichte. Als Zeugnis.

Couragiert widerständig, wie die Millionen auf den Straßen vom 15. Februar 2003. Für eine Welt, in der kein Krieg mit falschen Belegen beginnt, und kein Friede mit Schweigen endet.

Quellenangaben

¹ Wissenschaft & Frieden / Universität Antwerpen: Sozialwissenschaftliche Befragung der Berliner Friedensdemonstration vom 15. Februar 2003. wissenschaft-und-frieden.de/artikel/die-friedensdemonstranten/

² Friedensratschlag: Dokumentation der bundesweiten Demonstration gegen den Irakkrieg, 15. Februar 2003. ag-friedensforschung.de/bewegung/15-02-2003/Welcome.html

³ German History in Documents and Images: Demonstration gegen den Irakkrieg (15. Februar 2003). germanhistorydocs.org/de/ein-neues-deutschland-1990-2023/demonstration-gegen-den-irakkrieg-15-februar-2003

⁴ Schröder, Gerhard: Fernsehansprache vom 18. März 2003. Zit. nach: germanhistory-intersections.org

⁵ evangelisch.de: Colin Powells „Schandfleck“-Rede vor 20 Jahren. Januar 2023. evangelisch.de/inhalte/211125/23-01-2023/falschinformationen-zum-irak-colin-powells-schandfleck-rede-vor-20-jahren

⁶ Watson Institute, Brown University: Costs of War Project. watson.brown.edu

⁷ Berliner Zeitung / Netzwerk Friedenskooperative: Schulstreiks gegen Wehrpflicht am 8. Mai 2026. berliner-zeitung.de/article/demonstration-gegen-die-wehrpflicht-tausende-schueler-streiken-am-8-mai-10034940 sowie friedenskooperative.de/aktion/schulstreiks-gegen-die-wehrpflicht-am-8-5

⁸ Bundeszentrale für politische Bildung: Chronik Irans Atomprogramm. Stand April 2026. bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/576705/chronik-irans-atomprogramm/

0
    0
    Einkaufswagen
    Der Einkaufswagen ist leerZurück zum Shop