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Krieg ist keine Konstante

Zivile Konfliktbearbeitung: Das unterschätzte Fundament des Friedens

Wer die ersten beiden Teile dieser Serie gelesen hat, kennt das Dilemma: Sicherheit mit oder gegen andere? Ein Versprechen von 1945, das zunehmend erodiert. Bleibt die Frage: Was ist die Alternative?

Es gibt sie, doch sie wird systematisch kleingehalten.

Zivile Konfliktbearbeitung, also die Umwandlung gewaltsamer Konflikte in verhandelbare Prozesse durch Mediation, Diplomatie und den Aufbau von Dialogstrukturen, ist keine romantische Idee, sondern erprobte Praxis. Martina Fischer, Politikwissenschaftlerin und langjährige Mitarbeiterin der Berghof Stiftung, zeigt das im Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten mit erfrischender Nüchternheit.

Was zivile Arbeit konkret leistet

Die Beispiele sind zahlreich, in der Öffentlichkeit aber oft wenig bekannt. Die Gemeinschaft Sant’Egidio begleitete etwa in Mosambik, Guatemala und dem Südsudan Friedensprozesse, die ohne sie wohl nie zustande gekommen wären. Der Zivile Friedensdienst entsendet heute rund 380 Fachkräfte in 45 Länder. Sie bauen Dialogstrukturen auf, vernetzen Friedensinitiativen und begleiten Betroffene vor Ort. Nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Geduld und dem sprichwörtlich langen Atem der Friedensarbeit.

Wer wissen möchte, wie diese Arbeit konkret aussieht und wie man sie stärken kann, findet im Band eine fundierte Einordnung. (Wir haben noch einige Exemplare in unserem Onlineshop).

Chronisch unterfinanziert und unterschätzt

Und dennoch bleibt diese Arbeit chronisch unterfinanziert. Martina Fischer benennt das Problem klar: Während die globalen Militärausgaben 2024 einen neuen Rekordwert erreichten, wurden die Budgets für zivile Konfliktbearbeitung, Entwicklung und humanitäre Hilfe drastisch gekürzt. Dabei kommt eine aktuelle Studie des Global Public Policy Institute zu dem Schluss, dass Prävention unterm Strich deutlich weniger menschliche und ökonomische Kosten verursacht als das nachträgliche Intervenieren in hocheskalierte Krisen.

Dass dennoch nicht hier investiert wird, ist keine Frage fehlender Beweise. Es ist eine politische Entscheidung. Dieselbe, die wir in den Artikeln 1 und 2 beschrieben haben: Stärke vor Recht, Konfrontation vor Kooperation.

Was die Menschheit kann und was sie vergisst

Jan Gildemeister, Geschäftsführer der AGDF und Mitherausgeber des Bandes, erinnert in seiner aktuellen friedenspolitischen Einordnung daran, dass die Menschheit über Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt hat. Kriegerische Auseinandersetzungen sind keine anthropologische Konstante, sondern eine historische Fehlentwicklung. Die Fähigkeit zur Kooperation und zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung ist also nicht verloren. Sie wird derzeit nur schlicht nicht gefördert.

Genau hier setzt unsere Buch-Serie und der Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ an, den die AGDF vorgelegt hat.

Ein langer Atem, der sich lohnt

Couragiert widerständig zu sein bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu schließen. Es bedeutet, die Möglichkeiten zu sehen, die in ihr stecken. Zivile Konfliktbearbeitung wirkt dort, wo sie konsequent gefördert und finanziert wird. Sie verändert, wie Konflikte ausgetragen werden und wie Frieden entsteht. Das ist keine naive Antwort auf harte geopolitische Fragen, sondern die tägliche Erfahrung derer, die diese Arbeit vor Ort leisten.

Mit diesem Teil schließen wir unsere Buch-Serie ab. Alle Artikel sind auf unserer Website nachzulesen, und das Buch ist weiterhin in unserem Shop erhältlich.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav.

 

Friedenspolitische Einordnung Teil 4 Ein notwendiger Perspektivwechsel

Friedenspolitische Einordnung | Teil 4: Perspektivwechsel

Die Möglichkeit des Friedens: Ein notwendiger Perspektivwechsel

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

Historische Grundlagen des Zusammenlebens

Die große Zahl an Kriegen und despotisch bzw. autoritär regierten Staaten, die immense Konzentration an Besitz, (patriarchale) Herrschaftssysteme und Machtstrukturen – es gibt vieles, was derzeit daran zweifeln lässt, dass es in Bälde eine friedlichere und gerechtere Welt geben könnte.

In solchen Momenten hilft ein Perspektivwechsel: Die Menschheit hat über viele Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt. Die These, dass wir uns die Köpfe einschlagen, wenn man uns auf einer einsamen Insel aussetzt, wurde von Archäologen und Anthropologen widerlegt. Erst mit Sesshaftigkeit, Besitztum, enger Besiedlung und schließlich etablierten Herrschaftsstrukturen begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen.

Die Konstruktion der Gewalt

Die Begeisterung, für Herrschende in den Krieg zu ziehen, blieb historisch gesehen jedoch gering. Frauen waren immer schon kritischer gegenüber Kriegen, und Männer müssen in der Regel erheblich verbogen werden, damit sie als Kämpfer taugen. Nicht umsonst braucht es tiefgreifende Kriegspropaganda.

Die gute Nachricht ist also: Die Menschheit ist durchaus willens und in der Lage, friedlich zusammenzuwohnen. Zudem gab es in den letzten beiden Jahrhunderten beachtliche zivilisatorische Fortschritte.

Wege aus der Resignation

Dies beantwortet aber noch nicht die Frage, wie wir die aktuellen Entwicklungen drehen können, damit kriegerische Gewalt und Ungerechtigkeit wieder abnehmen und die Menschheit sich gemeinsam um die Herausforderungen kümmert, vor denen wir stehen.

Um angesichts dieser Mammutaufgabe nicht zu verzweifeln, hilft die Osterbotschaft: Jesus hat den Tod am Kreuz überwunden, er ist auferstanden! Die Botschaft der Gewaltfreiheit hat letztlich die Oberhand behalten. Wenn wir weiter aktiv bleiben, Prozesse vorantreiben und andere überzeugen mitzumachen, werden wir schon den richtigen Weg finden – mit Gottes Hilfe.

Literaturhinweise zum Thema:

  • Irene Dänzer-Vanotti: Ist Krieg verlernbar? Anmerkungen für Friedenssuchende. In: Religion – Die Dokumentation, Bayern 2 (Podcast vom 5. April 2026).

  • Ralph Gerstenberg: Rutger Bregman – Warum der Mensch im Grunde gut ist. In: Andruck – Das Magazin für Politische Literatur, Deutschlandfunk (Audio-Archiv vom 8. Juni 2020).


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

Peacewalk erreicht Deutschland: Wenn der längste Friedenspfad der Welt durch Berlin führt

Von Finisterre nach Jerusalem: Eine internationale Friedensbewegung auf dem Weg – und Sie können mitgehen

Anfang Mai 2026 wird es in Berlin besonders sein: Der Peacewalk, eine internationale Friedenspilgerschaft von den entlegensten Enden Europas nach Al-Quds/Jerusalem, erreicht die deutsche Hauptstadt. Was am 31. Januar 2026 in Finisterre, Spanien, begann, ist längst mehr als eine Wanderung – es ist eine wachsende Bewegung für Frieden, Dialog und Versöhnung.

Was ist der Peacewalk?

Der Peacewalk folgt dem Jerusalem Way, dem längsten Friedenspfad der Welt. Menschen aus verschiedenen Ländern pilgern gemeinsam – manche für eine Stunde, andere für einen Tag, eine Woche oder die gesamte Strecke bis nach Jerusalem. Die Initiative reagiert auf die Hilflosigkeit angesichts der Lage in Palästina und Israel und der Spaltung, die dieser Konflikt weltweit verursacht.

Das Besondere: Diese Pilgerschaft ist kein stiller Rückzug, sondern aktives Lernen. Unterwegs treffen die Teilnehmenden auf Friedensstiftende, Expertinnen und Aktivistinnen. Es geht darum, von palästinensischen und israelischen Versöhnungsinitiativen zu lernen und ihre Arbeit zu unterstützen. „So wie der Krieg die Welt spalten kann, können Friedensstiftende die Welt vereinen“, heißt es im Aufruf der Organisator*innen.

Ein Jahr Friedensschule auf dem Weg

Der Peacewalk ist zugleich Friedensfest, Friedensschule und Spendenaktion:

Friedensfest: Musik, Events und Begegnungen unterwegs schaffen Räume der Gemeinschaft.

Friedensschule: Teilnehmende treffen friedensstiftende Persönlichkeiten und lernen von Führungskräften der Versöhnung.

Spendenaktion: Unterwegs werden Mittel für palästinensisch-israelische Friedensbemühungen gesammelt.

Inspiriert von mutigen Vorbildern

Die Initiative steht in der Tradition großer Friedensmärsche: vom Civil March for Aleppo über die französischen Schweigeproteste bis zu Martin Luther Kings Bürgerrechtsmärschen. Inspiriert wurde sie von Menschen wie Maoz Inon und Aziz Abu Sarah, Hamze Awawde und Magen Inon, von Women of the Sun und Women Wage Peace – Menschen, die trotz persönlicher Verluste nicht aufhören, Brücken zu bauen.

Mitmachen in Berlin und darüber hinaus

Wenn der Peacewalk Anfang Mai durch Berlin zieht, sind alle eingeladen mitzugehen – für eine Stunde, einen Nachmittag oder länger. Das Tempo ist bewusst so gewählt, dass alle mitkommen können: 15 bis 25 Kilometer pro Tag. Jede*r Teilnehmende ist selbst für den eigenen Weg verantwortlich, wird aber von Länderteams und anderen Pilgernden unterstützt.

Frieden ist eine Fähigkeit, die man lernen kann

Der Peacewalk lädt ein:

  • In Frieden zu investieren – durch Versöhnung und Diplomatie
  • Lokale Stimmen anzuerkennen – Friedensbemühungen der Basis zu unterstützen
  • Frieden zu praktizieren – als erlernbare Fähigkeit

Die Route durch Deutschland wird auf der Website des Peacewalk veröffentlicht. Dort finden Sie auch alle Informationen, wie Sie sich beteiligen können – ob als Mitgehende, Gastgebende oder Unterstützende.

Mehr Informationen und aktuelle Route:
www.peacewalk.info


Über den Peacewalk:
Der Peacewalk wird organisiert von der Stichting PopUpWerk (Leitung: Rikko Voorberg), dem JERUSALEMWAY-Team (Leitung: Johannes Aschauer) und dem Glocalspirit-Team. Die Pilgerschaft startete am 31. Januar 2026 in Finisterre, Spanien, und führt über verschiedene Routen durch Europa nach Jerusalem.


15. Februar 2003: Die Welt sagt Nein– Über Mut, Gewissen und die Grenzen des Gehörtwerdens

Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert | Folge 3

Aus der Serie „Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert“ zur Ökumenischen FriedensDekade zum Jahresmotto 2026 „couragiert widerständig“.
Das vollständige Porträt steht als PDF zum Download bereit.


15. Februar 2003: Die Welt sagt Nein

Über Mut, Gewissen und die Grenzen des Gehörtwerdens

Es ist Samstag, der 15. Februar 2003. In Berlin ist es kalt. Die Veranstalter hatten mit 80.000 gerechnet, vielleicht 150.000. Es kommen 500.000.¹ Ein Querschnitt, den es so selten gibt: Junge und Alte, Linke und Konservative, Schulklassen und Gewerkschaftsgruppen, Müllwerker und Hochschullehrer, Deutsche und in Deutschland lebende US-Amerikaner. Vom Podium spricht der Theologe Friedrich Schorlemmer: „Wir stehen hier in der großen Ökumene des Friedens.“²

An diesem Tag gehen weltweit zwischen sechs und zehn Millionen Menschen auf die Straße, in über 600 Städten, auf allen Kontinenten. Es ist der 15. Februar 2003. Die größte koordinierte Friedensdemonstration, die die Welt je gesehen hat.³

Fünf Wochen später beginnt der Angriff auf den Irak.

Die Weigerung zu schweigen

Keine zentrale Organisation, keine Führung. Was es gab: eine wachsende Überzeugung, dass dieser Krieg falsch war, und die Bereitschaft, das sichtbar zu machen. Menschen, die noch nie demonstriert hatten. Menschen, die wussten, dass sie wahrscheinlich nichts ausrichten würden, und die trotzdem kamen.

Das ist das Wesen von Zivilcourage: nicht die Gewissheit des Erfolgs, sondern die Weigerung zu schweigen.

Viele trugen eine Erinnerung mit sich, die größer war als der Tag selbst. Der 8. Mai 1945, das Kriegsende, die Befreiung, war für eine Generation noch keine Schulbucherinnerung. Es war die Geschichte ihrer Eltern, ihrer Großeltern. Das „Nie wieder“ hatte gerade in Deutschland eine andere Wucht. Weil die Erinnerung noch körperlich war.

Der Spiegel der Politik

Es gab Regierungen, die Nein sagten. Bundeskanzler Schröder hatte im August 2002 eine klare Linie gezogen. Am Vorabend des Angriffs bekräftigte er in einer Fernsehansprache: „Meine Antwort in diesem Fall war und ist: Nein.“⁴ Frankreichs Präsident Chirac drohte im UN-Sicherheitsrat mit einem Veto. War es Überzeugung? Politisches Kalkül? Wahrscheinlich beides. Diese Frage bleibt offen, und sie ist ehrlicher als jede Glorifizierung.

Auf der anderen Seite standen Geheimdienstberichte, die dem UN-Sicherheitsrat als gesicherte Beweise präsentiert wurden: Massenvernichtungswaffen im Irak. US-Außenminister Colin Powell trug sie vor, mit Satellitenbildern und Abhörprotokollen. Großbritanniens Premier Blair, wie Schröder Sozialdemokrat, stellte sein Land hinter diese Begründung, obwohl eine Million Menschen in London demonstriert hatten.

Was später festgestellt wurde: Die Belege waren falsch.⁵ Powell nannte seine Rede vor den Vereinten Nationen Jahre später den Schandfleck seiner Karriere. Konsequenzen für die Entscheidung selbst? Keine. Zwischen 275.000 und 306.000 Zivilisten starben bis 2019 infolge der Gewalt.⁶

Die Frage, was internationale Rechtsordnung wert ist, wenn Mächtige sie übergehen, stellte sich damals. Sie stellt sich 2026 dringlicher denn je.

Was Gewissen bedeutet, wenn die Stunde kommt

Die Bibel kennt diese Erschöpfung: Menschen, die reden und nicht gehört werden. Jeremia rief zur Umkehr, jahrzehntelang. Jerusalem fiel trotzdem. Aber er sagte es trotzdem. Weil Zeugnis nicht davon abhängt, ob es Erfolg hat. Weil der gerechte Friede eingefordert werden muss. Auch wenn die Mächtigen nicht hören. Gerade dann.

Was uns das heute sagt

Am 8. Mai 2026 gehen Schülerinnen und Schüler bundesweit auf die Straße. Bewusst an diesem Datum: dem Jahrestag des Kriegsendes 1945. Sie sagen Nein zur Wehrpflicht, Nein zu einer Politik, die Milliarden in Aufrüstung lenkt, während Bildung und Zukunft ihrer Generation zur Verhandlungsmasse werden.⁷ Andere Themen als 2003. Eine andere Generation. Dieselbe Geste.

Und ringsum: Kriege in der Ukraine, in Gaza, im Nahen Osten. Seit Ende Februar 2026 werden Militärschläge geflogen, begründet mit einem Atomprogramm, kurz nachdem die zuständige internationale Behörde erklärte, es gebe auf Basis der vorliegenden Informationen keinen Beweis dafür.⁸ Die Parallelen ziehen sich von selbst.

Was Europa antwortet? Vorsichtige Statements. Diplomatische Formeln. Haltung zu zeigen kostet mehr als 2003. Das stimmt. Aber Unübersichtlichkeit war noch nie ein Grund, zu schweigen.

Eine letzte Wahrheit

Der 15. Februar 2003 hat den Krieg nicht verhindert. Und doch haben die Millionen, die damals aufstanden, etwas hinterlassen: einen Maßstab, eine Erinnerung daran, dass es möglich ist, Nein zu sagen, laut, öffentlich, gewaltfrei. Dass es Menschen gab, die nicht geschwiegen haben. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Zeugnis. Das ist Vermächtnis.

Gerade heute, in einer Welt, in der so viele gleichzeitig Haltung brauchen, brauchen wir diese Erinnerung. Nicht als Erfolgsgeschichte. Als Zeugnis.

Couragiert widerständig, wie die Millionen auf den Straßen vom 15. Februar 2003. Für eine Welt, in der kein Krieg mit falschen Belegen beginnt, und kein Friede mit Schweigen endet.

Quellenangaben

¹ Wissenschaft & Frieden / Universität Antwerpen: Sozialwissenschaftliche Befragung der Berliner Friedensdemonstration vom 15. Februar 2003. wissenschaft-und-frieden.de/artikel/die-friedensdemonstranten/

² Friedensratschlag: Dokumentation der bundesweiten Demonstration gegen den Irakkrieg, 15. Februar 2003. ag-friedensforschung.de/bewegung/15-02-2003/Welcome.html

³ German History in Documents and Images: Demonstration gegen den Irakkrieg (15. Februar 2003). germanhistorydocs.org/de/ein-neues-deutschland-1990-2023/demonstration-gegen-den-irakkrieg-15-februar-2003

⁴ Schröder, Gerhard: Fernsehansprache vom 18. März 2003. Zit. nach: germanhistory-intersections.org

⁵ evangelisch.de: Colin Powells „Schandfleck“-Rede vor 20 Jahren. Januar 2023. evangelisch.de/inhalte/211125/23-01-2023/falschinformationen-zum-irak-colin-powells-schandfleck-rede-vor-20-jahren

⁶ Watson Institute, Brown University: Costs of War Project. watson.brown.edu

⁷ Berliner Zeitung / Netzwerk Friedenskooperative: Schulstreiks gegen Wehrpflicht am 8. Mai 2026. berliner-zeitung.de/article/demonstration-gegen-die-wehrpflicht-tausende-schueler-streiken-am-8-mai-10034940 sowie friedenskooperative.de/aktion/schulstreiks-gegen-die-wehrpflicht-am-8-5

⁸ Bundeszentrale für politische Bildung: Chronik Irans Atomprogramm. Stand April 2026. bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/576705/chronik-irans-atomprogramm/

Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten – Herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister & Klara Butting

Geben wir stillschweigend auf, was aus den Trümmern von 1945 entstand?

 81 Jahre Kriegsende: Ein Versprechen und seine Erosion

Am 8. Mai 1945 endete in Europa der verheerendste Krieg der Geschichte. Was die Überlebenden daraus machten, war bemerkenswert. Sie setzten nicht auf Stärke. Sie setzten auf Recht. Die UN-Charta, das Völkerrecht, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, all das entstand in diesem Moment. Nicht aus Idealismus. Aus bitterer Erfahrung.

Die Lehre war einfach und radikal zugleich: Recht vor Macht. Kooperation vor Konfrontation. 81 Jahre später steht dieses Versprechen unter Druck.

Erinnern heißt auch: nachfragen

Der Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) nimmt diesen Druck ernst. Er weicht den schwierigen Fragen nicht aus. Was bedeutet Sicherheit heute wirklich? Wer trägt Verantwortung für den Frieden? Und was hat die Generation, die 1945 „Nie wieder“ sagte, uns hinterlassen?

Wer diese Fragen nicht nur im Stillen stellen, sondern durchdenken möchte, findet im Band einen verlässlichen Denkpartner. Das Buch finden Sie aktuell in unserem Webshop.

Eine Ordnung unter Druck

Diese Ordnung ist heute nicht mehr selbstverständlich. Auf der geopolitischen Bühne erleben wir, wie Regierungen und Akteure weltweit die Verhandlungsgrundlage verschieben. Völkerrechtliche Verpflichtungen gelten zunehmend als Hindernis. Konfrontation ersetzt Kooperation. Und wer auf das gemeinsame Regelwerk pocht, wirkt schnell weltfremd.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Umkehrung dessen, was 1945 mühsam errichtet wurde.

Rainer Keil benennt das im Buch „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ ohne Beschönigung. Das Völkerrecht sei eine kostbare Errungenschaft – aber keine stabile. Es funktioniere nur, solange Staaten es gemeinsam tragen. Wo das aufhört, setzt sich die Stärke des Stärkeren durch. Nicht die Stärke des Rechts.

Und was bedeutet das konkret?

Jan Gildemeister zeigt in seinem Beitrag, wie sich diese geopolitische Verschiebung ganz konkret auf Menschen auswirkt. Das geplante Wehrdienstmodernisierungsgesetz senkt die Schwelle für eine Wehrpflicht auch in Friedenszeiten deutlich. Zivile Alternativen kommen in der öffentlichen Debatte kaum vor. Junge Menschen werden nicht gefragt, wie sie Verantwortung übernehmen wollen. Sie haben das Gefühl vor Entscheidungen gestellt zu werden. Auch ein Grund warum heute zum dritten Mal Schülerinnen und Schüler zur Demonstration gegen die Wehrpflicht und für einen gerechten Umgang der Politik mit ihrer Generation auf die Straße gehen.

Das außeracht lassen von zivilen Alternativen ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz einer Sicherheitspolitik, die Stärke vor Recht stellt. Die militärische Antworten bevorzugt, bevor zivile Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Was der 8. Mai nicht vergessen lässt

Am 8. Mai 1945 endete etwas Grausames. Nicht langsam, nicht allmählich – sondern mit einer Plötzlichkeit, die Millionen Menschen atemlos zurückließ. Befreiung und Erschöpfung zugleich. Das Ende eines Albtraums, der Europa in Schutt gelegt hatte.

Was diese Generation daraus machte, hatte eine Klarheit, die nur aus gelebter Erfahrung kommt. Sie wussten, wovon sie redeten. Sie hatten gesehen, wohin Macht ohne Recht führt. Wohin Konfrontation ohne Kooperation führt. Und sie bauten – mühsam, unvollkommen, aber entschlossen – eine Ordnung, die genau das verhindern sollte. Institutionen, Verträge, das Völkerrecht. Nicht als Idealismus. Als Konsequenz.

Diese Ordnung steht heute zur Disposition. Nicht durch einen einzigen dramatischen Bruch, sondern durch viele kleine Verschiebungen. Durch Verträge, die nicht mehr eingehalten werden. Durch Institutionen, die ausgehöhlt werden. Durch eine Debatte, in der zivile Lösungen als naiv gelten und militärische Stärke als einzig realistische Antwort.

Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist die Erinnerung. Die Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht und warum es damals so klar war.

Das Motto der FriedensDekade 2026 couragiert widerständig meint genau das. Nicht Widerstand als Ablehnung. Sondern Haltung. Die tägliche Entscheidung, Recht vor Macht zu stellen. Kooperation vor Konfrontation. Auch wenn das unbequem ist. Gerade dann.

Im nächsten Friedensbrief greifen wir den dritten Bereich aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf: die Kraft der Zivilgesellschaft und was zivile Konfliktbearbeitung weltweit konkret leisten kann.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist jetzt in unserem Shop erhältlich.

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