Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“
„Until you dig a hole, you plant a tree, you water it and make it survive, you haven’t done a thing. You are just talking.“ (Solange du kein Loch gräbst, keinen Baum pflanzt, ihn wässerst und am Leben erhältst, hast du nichts getan. Du redest nur.)
Wangari Maathai (Kenia, 1940-2011) war keine Frau der leeren Worte. Sie war eine Frau der Taten. Über 51 Millionen Bäume hat ihre Bewegung gepflanzt. Für sie war klar: Schöpfungsbewahrung ist Friedensarbeit.
In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Die ersten drei Frauen (Bertha von Suttner (1843-1914), Sophie Scholl (1921-1943) und Petra Kelly (1947-1992)) standen für Aufbruch. Mit dieser Biografie beginnt der zweite thematische Schwerpunkt: Schöpfung & Gerechtigkeit. Wangari Maathai zeigt, dass Friedensarbeit und Schöpfungsbewahrung untrennbar verbunden sind.
2026 erleben wir verschärfte ökologische Krisen. Entwaldung, Wüstenbildung, Artensterben beschleunigen sich. Der Kampf um Ressourcen wie Wasser und fruchtbares Land wird härter. Besonders der Globale Süden trägt die Hauptlast dieser Zerstörung. Zerstörte Umwelt führt zu Armut, Armut zu Konflikten. Wangari Maathai hat diese Zusammenhänge früh erkannt.
In unserem neuen Mitgliederbereich erhalten Sie die vollständige Langversion als pdf-Dokument.
Mit diesem Kartenset können Sie Mut, Kraft und Unterstützung für andere Menschen pflanzen.
Bäume pflanzen als politischer Akt
1977 gründete Wangari Maathai das Green Belt Movement. Die Idee war radikal einfach: Frauen sollten Bäume pflanzen. Einheimische Arten. Dort, wo sie gebraucht wurden: um Felder, entlang von Flüssen, in erodierten Gebieten.
Was harmlos klingt, war hochpolitisch. Die Wälder Kenias verschwanden nicht zufällig. Holzkonzerne rodeten im Auftrag korrupter Politiker. Öffentliches Land wurde an Günstlinge verkauft. Die Folgen trugen die Ärmsten: Frauen, die immer weitere Wege gehen mussten für Brennholz. Bauern, deren Böden erodierten.
Wenn Frauen Bäume pflanzen, fordern sie nicht nur grüne Landschaft, sie fordern Gerechtigkeit. Jeder gepflanzte Baum war ein Akt des Widerstands gegen ein System, das die Umwelt und die Menschen ausbeutete. Die Frauen bekamen für jeden überlebenden Baum eine kleine Bezahlung. Das gab ihnen Einkommen und Selbstbewusstsein.
Was als kleines Projekt begann, wurde zu einer Bewegung. Bis zu Wangaris Tod hatte das Green Belt Movement über 51 Millionen Bäume gepflanzt. Aber wichtiger als die Bäume waren die Frauen selbst. Sie hatten gelernt: Wir sind nicht machtlos.
Kenias Präsident Daniel arap Moi (Kenia, 1924-2020) regierte autokratär und korrupt. 1989 wollte er einen 60-stöckigen Wolkenkratzer mitten im Uhuru Park bauen. Wangari Maathai sagte Nein. Öffentlich, laut, unüberhörbar.
Das Regime reagierte mit Hass. Wangari wurde als „verrückte Frau“ diffamiert. Das war ihr Moment des Mutes: Sie wusste, was ihr drohte. Ihre Hände zitterten vielleicht. Aber sie ging trotzdem. Der Wolkenkratzer wurde nie gebaut. Aber Wangari zahlte einen Preis. Sie verlor ihre Professur, wurde mehrfach verhaftet, misshandelt. Ihre Ehe zerbrach. Ihr Mann ließ sich scheiden mit der Begründung, sie sei „zu gebildet, zu stur“. Wangari kommentierte: „Er hatte recht.“
Wurzeln im Glauben
Wangari Maathai wuchs als Katholikin auf. Für sie war Schöpfungsbewahrung ein biblischer Auftrag. In Genesis 2,15 heißt es: „Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.“ Bebauen und bewahren, nicht ausbeuten und zerstören.
Sie sagte: „Die Umwelt ist Gottes Schöpfung. Wenn wir sie zerstören, zerstören wir Gottes Werk.“ Für sie war jeder Baum ein Zeugnis göttlicher Kreativität. Die Erde zu bewahren war für sie Gottesdienst.
Gleichzeitig blieb sie verbunden mit der Spiritualität der Kikuyu. Für die Kikuyu waren Bäume heilig, Orte der Ahnen, Orte der Kraft. Diese spirituelle Verwurzelung gab ihr Kraft. Als sie im Gefängnis saß, betete sie. Als sie zweifelte, ging sie in den Wald und pflanzte einen Baum.
2004 erhielt sie den Friedensnobelpreis als erste afrikanische Frau. Das Nobelkomitee: „Frieden auf der Erde hängt von unserer Fähigkeit ab, unsere natürliche Umwelt zu sichern.“
Was Wangari uns heute sagt
Schöpfungsbewahrung ist Friedensarbeit. Zerstörte Umwelt führt zu Armut, Armut zu Konflikten. Wer die Schöpfung bewahrt, schafft Grundlagen für Frieden. Wangari würde heute fragen: Säen wir Zerstörung oder pflanzen wir Zukunft?
Kleine Taten können Großes bewirken. Ein Baum scheint unbedeutend. Aber 51 Millionen Bäume verändern ein Land. Friedensarbeit beginnt mit dem ersten Schritt.
Frauen sind Friedensstifterinnen. Wangari arbeitete mit Frauen, weil sie wusste: Frauen tragen die Hauptlast von Umweltzerstörung. Aber Frauen haben die Kraft, Dinge zu verändern.
Wangari Maathai hat gezeigt, dass Veränderung möglich ist. Sie hat Samen gesät, im wörtlichen und übertragenen Sinn. Die Bäume wachsen noch heute.
Couragiert widerständig, wie Wangari Maathai. Für eine Welt, in der wir die Schöpfung bewahren.
Fragen zur Reflexion:
Wangari zeigte, dass Umweltzerstörung zu Konflikten führt. Wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen Schöpfungsbewahrung und Frieden?
Wangari begann mit dem Pflanzen von Bäumen. Was wäre Ihr „erster Baum“ – eine kleine Handlung zur Bewahrung der Schöpfung?
Wangari wurde verhaftet, verspottet, bedroht. Was würde Ihnen helfen, auch unter Druck an Ihren Werten festzuhalten?
Gebet:Gott der Schöpfung, danke für Menschen wie Wangari Maathai, die die Erde heilten. Lehre uns, Deine Schöpfung zu bewahren. Gib uns Mut, für die Erde einzustehen.
Amen.
Zum Weiterlesen:
Wangari Maathai: „Unbowed. A Memoir“ (2006)
Wangari Maathai: „The Challenge for Africa“ (2009)
Frieden braucht Lebensgrundlagen: Wangari Maathai machte deutlich, dass Frieden ohne Gerechtigkeit und ohne den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen nicht möglich ist. Ihr Einsatz für Demokratie, Frauenrechte und Umwelt war ein Weckruf gegen strukturelle Gewalt und Ausbeutung. Wie Frieden als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden kann, greift auch der „Friedensruf der Friedenssynode – Friedensfähig werden!“ im Materialheft zur FriedensDekade 2025 auf (Seite 30). Sichern Sie sich diese praxisnahen Entwürfe im Materialheft 2025 zum Aktionspreis oder Bestellen Sie schon heute das Gesamtpaket im Abo für die Erstlieferung im Juni diesen Jahres.
Church & Peace und über 100 Organisationen weltweit fordern Schutz für ukrainischen Menschenrechtsverteidiger
Der ukrainische Menschenrechtsverteidiger und Kriegsdienstverweigerer Yurii Sheliazhenko ist in akuter Gefahr, verhaftet und zwangsrekrutiert zu werden. Über 100 internationale Organisationen, darunter unser Mitglied Church & Peace, haben sich in einer gemeinsamen Erklärung vom 23. Januar 2026 an die ukrainische Regierung und die internationale Gemeinschaft gewandt.
Wer ist Yurii Sheliazhenko?
Yurii Sheliazhenko ist Akademiker, Exekutivsekretär der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung und Vorstandsmitglied des Europäischen Büros für Kriegsdienstverweigerung (EBCO) sowie von World Beyond War. Seit 1998 ist er öffentlich erklärter Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen.
Die aktuelle Bedrohung
Sheliazhenko erhielt zu Weihnachten eine Vorladung zur Musterung. Die ukrainischen Behörden, einschließlich des Parlamentarischen Beauftragten für Menschenrechte Dmytro Lubinets, haben schriftlich mitgeteilt, dass es in Kriegszeiten keine Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen in der Ukraine gibt.
Das System der allgemeinen Wehrerfassung wird durch Zwangsmaßnahmen durchgesetzt, einschließlich willkürlicher Verhaftungen und Zwangsüberstellungen zu Einberufungsstellen. Solche Praktiken zwingen Kriegsdienstverweigerer faktisch dazu, gegen ihre Überzeugungen zu handeln, und verstoßen gegen Artikel 18(2) des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR).
Kriegsdienstverweigerung ist ein Menschenrecht
Die Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen ist ein Menschenrecht, das in Artikel 18 des ICCPR über Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit verankert ist. Nach internationalem Menschenrechtsstandard gilt dieses Recht sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten, wie der UN-Menschenrechtsausschuss bestätigt hat. Artikel 4, Absatz 2 des ICCPR erlaubt keine Abweichung von den Verpflichtungen eines Vertragsstaates bezüglich Artikel 18, selbst in Zeiten eines öffentlichen Notstands.
Berichten des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte und des Menschenrechtskommissars des Europarates zufolge wurden bereits mehrere Kriegsdienstverweigerer in der Ukraine gefoltert und inhaftiert.
Die Anklage gegen Sheliazhenko
Sheliazhenko wird nach Artikel 436-2 (2) des ukrainischen Strafgesetzbuches angeklagt, der Strafen von bis zu fünf Jahren Gefängnis und Vermögenseinziehung vorsieht. Der Vorwurf: Er habe durch das Versenden einer pazifistischen Erklärung an Präsident Wolodymyr Selenskyj die „russische Aggression gerechtfertigt“.
Die Erklärung „Friedensagenda für die Ukraine und die Welt“ enthält neben der Unterstützung der UN-Verurteilung der russischen Aggression Aufrufe an alle Konfliktparteien, die Rechte von Kriegsdienstverweigerern zu respektieren und gewaltfreien Widerstand zuzulassen. Sheliazhenkos Haus wurde 2023 durchsucht, sein Smartphone und Computer beschlagnahmt. Er stand bis Februar 2024 unter Hausarrest, das Verfahren dauert bis heute an.
Internationale Aufmerksamkeit
Der Fall Sheliazhenko wurde bereits in einer Mitteilung der UN-Sonderberichterstatter für Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Minderheitenfragen und Religionsfreiheit aufgegriffen. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte erwähnte seinen Fall in einem Bericht über Kriegsdienstverweigerung. Auch Amnesty International hat seinen Fall im Jahresbericht 2023/2024 hervorgehoben.
Was die unterzeichnenden Organisationen fordern
An die ukrainische Regierung:
Einstellung der Verfolgung von Kriegsdienstverweigerern, insbesondere von Yurii Sheliazhenko
Rücknahme der Anklage wegen angeblicher „Rechtfertigung russischer Aggression“
Schutz der Meinungsfreiheit und der Rechte von Kriegsdienstverweigerern im Einklang mit internationalen Standards
An die internationale Gemeinschaft:
Sicherstellung, dass Menschenrechtsverteidiger und Friedensaktivisten nicht für ihr Eintreten für Frieden und Gewaltfreiheit kriminalisiert werden
Vollständige Umsetzung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung gemäß internationalen Standards
Notwendiger Schutz für Kriegsdienstverweigerer gegen Verfolgung in ihren Herkunftsländern, auch durch Asyl
Demokratie braucht Gewissensfreiheit
Die Verletzung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen kann auch demokratische Prinzipien untergraben, die das Überleben einer inklusiven Gesellschaft sichern, anstatt einen Teil der Bürger zu unterdrücken, die beispielsweise Alternativen zur Kriegsführung suchen und unterstützen, um Frieden zu schaffen.
Mehr Informationen:
Die vollständige Erklärung (auf Englisch) mit allen unterzeichnenden Organisationen finden Sie auf der Website des European Bureau for Conscientious Objection (EBCO):
Über Church & Peace: Church & Peace ist ein ökumenisches Netzwerk für Gewaltfreiheit und Mitglied im Trägerkreis der Ökumenischen FriedensDekade.
Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler blickt in ihrer Osterpredigt für die FriedensDekade 2026 auf die „Tische der Macht“ und kontrastiert sie mit Gottes Einladung zum Frieden.
Was macht eine „Erfolgsgeschichte“ wirklich aus? In einer Zeit, in der Aufrüstung und Abschreckung wieder als alternativlos gelten, setzt unsere Friedensbotin, Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler, einen bewussten Gegenakzent. Sie verbindet ihre eigene Geschichte in der Friedensbewegung mit einer radikalen biblischen Vision: dem Festmahl auf dem Berge Zion. In unserem neuen Mitgliederbereich erhalten Sie die Osterpredigt auch als PDF zum Download
Die Osterpredigt im Wortlaut
Liebe österliche Gemeinde,
„Die erfolgreichste Geschichte der Welt: Sie waren kaum mehr als 20 Jünger, als ihr Anführer starb. Es wurden Milliarden Christen. Kaum zu glauben, wie aus einer kopflosen Sekte eine Hochreligion werden konnte.“ So titelte eine bekannte deutsche Wochenzeitung. Ich gestehe: Mit „erfolgreich“ tue ich mich schwer, wenn es um den Glauben geht, den wir einander bekennen und bekräftigen mit dem Ruf „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!“
„Erfolgreich“ ist nicht die Kategorie, nach der Gott die Welt rettet, ja es bereits getan hat. Natürlich haben die Journalisten mit der Bestandsaufnahme ansonsten recht. Denn das, was als kleine innerjüdische Bewegung mit Jesus von Nazareth, wahrer Mensch und wahrer Gott, begann, hat in den 2000 Jahren unzählige Menschen erreicht. Milliarden sind gelinde gesagt, leicht untertrieben. Und das – und das ist für mich das größte Osterwunder – mit und trotz aller Bedrohung, Angst und Furcht durch die Geschichte. Mit und trotz aller Abgründe und Schuld der Kirche. Mit und trotz aller Unzulänglichkeiten beim Bodenpersonal Gottes, uns heute eingeschlossen. Ich ahne, was da der Heilige Geist so zu tun hat…
„Die erfolgreichste Geschichte der Welt“ handelt von Gottes Reich. Das war Jesu Botschaft. Alle seine Gleichnisse, seine empathischen Zuwendungen, seine heilenden Berührungen dienten der Beschreibung dieses Gottesreiches. Er hat bei den Leuten die Sehnsucht geweckt, dazuzugehören. Er hat unter den Trostlosen Hoffnungsbilder geformt, unter den Ängstlichen Ermutigung gestiftet, unter den Einsamen und Ausgegrenzten Anerkennung ausgegossen. Alles Erfahrungen, die den Worten vom Reich Gottes Nahrung gaben.
Ein Bild für das Unvorstellbare
Denn, machen wir uns nichts vor: Es ist schwer, sich das Gottes Reich konkret vorzustellen. Das wusste schon Jesaja, der Prophet. Die Leute brauchen etwas Greifbares, etwas zum Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen, um auch nur ansatzweise eine Ahnung davon zu bekommen. Deshalb beschreibt Jesaja ganz bildhaft, was er für unser aller Zukunft sieht:
Jesaja 25,6-9
6 Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. 7 Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. 8 Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der Herr hat’s gesagt. 9 Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«
Jesaja werden von Gott Vorstellungen von etwas Unvorstellbarem geschenkt. Nicht nur für sich, sondern zum Ausrichten an die, die es gerade nötig haben. Das ist der Beruf eines Propheten, nicht mehr und nicht weniger: Mund Gottes für Israel zu sein. Gottes Volk hatte das wohl damals genauso nötig wie heute. Um etwa 320 vor Christi Geburt muss es gewesen sein, als Jesaja Gottes Wort weitergab. Wenn ich lese, was diese Zeit damals ausmachte, bekomme ich Gänsehaut: das ganze heutige Europa und Asien wurde gebeutelt von jahrzehntelangen Kriegen, ein Kommen und Gehen unter den Herrschern, man ließ die Muskeln spielen und gefiel sich in Drohgebärden, hatte dagegen alle Verbindung zum Volk verloren.
Die Tische der Macht
Mir fallen heutige Herrscherhäuser ein: Ich sehe etwa einen Mann an einem über 6 m langen Tisch, der vorhergehende war noch länger. Der Staatschef auf der einen Seite, die ihn aufsuchenden Männer und Frauen, ganz gleich ob aus dem Land, für welches er Verantwortung trägt oder nicht, auf der anderen. Oder der mit dem überdimensionalen Schreibtisch aus hochpoliertem Edelholz: Der dahinter sitzt, thront in Sicherheit, lässt sich von tiefbewegten Menschen umbeten und segnen; wer davorsteht, muss sich fügen. Deutlicher lässt sich die Distanz zwischen selbstbewusster und ausgeübter Macht kaum darstellen.
Und Gott sprach zu Jesaja. Und Jesaja spricht Gottes Zielbild für die Welt heute zu uns. Das klingt etwa so: „Am Ende der Zeit werden alle herrschaftlichen Sekretäre, alle Konferenztische, alle militärischen Kartentische, alle einschüchternden, erhöhten Tische aus Gerichtssälen und jene aus den Kommandozentralen herausgeräumt und aneinandergereiht auf dem Berg Gottes. Und über ihre aufpolierten Oberflächen, die die Wucht niedersausender Fäuste kennen (denn einer muss ja mal richtig auf den Tisch hauen!) und die Einkerbungen der Richterhammer und die winzigen Löcher, die durch Nadeln auf Schlachtplänen entstanden sind, werden mit feinem weißem Leinen bedeckt.
Und dann tafelt Gott auf: das Beste vom Besten ist ihm gerade gut genug, ER lässt es sich etwas kosten. ER dient am Tisch der Völker und ermöglicht damit den Frieden unter ihnen. Für einen Frieden, der es wert ist, Friede genannt zu werden, ist Gott nichts zu teuer!“
Gottes Jahrhundertwein und die Festtafel der Völker
Jesaja schwärmt von dem, was aufgetafelt wird. Und dabei läuft ihm sicher das Wasser im Mund zusammen, so sehr sehnt er sich mit allem Volk nach gutem, sättigendem Essen und Trinken. Gott serviert wunderbare Speisen und Getränke. Der hebräische Urtext ist hier sehr genau. Die Worte beschreiben, dass das, was sonst für das Opfer am Tempel an gutem Fleisch beiseitegelegt wurde, auf Gottes Friedenstisch für die Völker kommt. Dazu ein Jahrhundertwein! Das Hebräische schwelgt, ihn zu beschreiben und ist sich der vielen „Ah!s“ und „Oh!s“ der kostenden Münder sicher.
Das Bild, welches Jesaja vor das innere Auge seiner Zuhörenden malt, führt unmittelbar in staunende Freude über diese Festtafel. Und nun sitzen sie alle an einem Tisch: die Putins und Trumps, die Xi Jinpings, Macrons, Netanjahus, Mullahs und Merzens ebenso, wie alle anderen Staatsoberhäupter der Erde: Alle sind geladen, alle sind gekommen. Und nein, kein „Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen“, denn es ist für alle gesorgt. Gott selbst bindet sich die Schürze um und trägt auf, die Gläser blinken und die Tische biegen sich unter der Last der Köstlichkeiten.
Und wer sitzt hier so alles? Nicht nur die Staatsoberhäupter, alle haben Platz an Gottes langer Friedenstafel, alle, alle, alle. Keiner wird abgewiesen, alle heißt Gott willkommen. Mit seinem Friedensmahl wird er ihre verkrampften Minen aufhellen und ihre versteinerten Herzen weich werden lassen wie Butter in der Sonne. Bereits nach der Vorspeise legen die Waffentragenden ihr Kriegsgerät ab. Deren Geschichte ist zu Ende, ein für alle Mal. Sie taugen ab heute nur noch zum Ackergerät. Und spätestens nach dem Hauptgang ist man selbst mit dem größten Gegner auf „Du und Du“. Dann wird angestoßen auf Schwestern- und Brüderschaft und diese wird halten bis ans Ende aller Tage.
Die Wahrheit wird sichtbar
Was für ein Bild! Jesaja kann gar nicht so verzückt sprechen, wie ihm gerade zumute ist. Sein Gesicht leuchtet, wird er doch Zeuge davon, wie die Decke der Bosheit und Dummheit, der Gier und Macht von den Augen aller weggezogen wird. Was hervorkommt, ist kaum zu fassen: Wahrheit steht auf einmal allen vor Augen und die Lügen haben ausgedient. Es gibt nichts Verdecktes mehr, keine Machenschaften, keine unlauteren Absichten, keine Klüngeleien, keine Korruption. Alles beendet.
Und wenn der Hauptgang verzehrt ist, serviert Gott das Dessert und mit diesem wird auch der letzte Gang des Lebens vertilgt: der Tod. „Verschlungen in den Sieg“, Gott hat den Fresser des Lebens selbst verschlungen, schaut Jesaja. Aus ist es mit dem Tod, er wird nie wieder Nahrung erhalten, wird vom Erdboden vertilgt, ist Geschichte. Keiner wird ihn mehr vermissen.
Während nun die so Verköstigten noch gar nicht recht fassen können, wie ihnen geschieht, zu Tränen gerührt, tief im Herzen berührt sind, steht Gott erneut neben ihnen. Und mit der Geste größter Aufmerksamkeit tupft er mit seinem blütenweißen Taschentuch Tränen von ihren Gesichtern. „Alles wird gut“, flüstert er. „Alles wird gut, denn das Ende ist mein“, spricht er.
Das österliche „ABER“
Ihr Lieben, den Drohgebärden des Todes und der Hölle begegnen wir täglich beim Blick auf die Welt. Noch! Und die Argumente, sich durch riesige Waffenarsenale schützen zu müssen, werden immer selbstbewusster vorgetragen. So als hätten wir nichts gelernt aus den Jahrzehnten des kalten Krieges, so als wüssten wir nichts von der Logik der Abschreckung, die einzig zum Wettrüsten führt und den Teufelskreislauf der Vernichtung anheizt. Da werden Ressourcen verschleudert, die für großen Herausforderungen der Zukunft so wichtig wären. Ach, es ist ein Jammer und manch einer von uns schwindet mitunter die Hoffnung.
ABER: Gottes Frieden bricht in unsere Welt ein. Es wird Ostern! Mit der Kraft der Ohnmacht setzt sich Gottes Aber durch, bricht mit einem Wort hinein in alles, was ängstigt und kleinlaut macht. Jesaja ist Gottes Mund für uns. Er lässt uns nicht im Unklaren über Gottes Pläne. Auch Jesus bezog sich auf ihn. Etwa beim Abendmahl mit den Seinen: „Ich werde von jetzt an nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.“
Daran erinnern wir uns als Gemeinde Gottes und feiern ihn und seine Auferstehung. Heute ist er unter uns. Heute spricht er uns unsere Auferstehung zu. Wisst also um die himmlische Festtafel, gebaut aus den Tischen der Macht: Den Völkern zum Frieden, Euch zum Heil. Es ist um Gottes Willen bereits alles vorbereitet. Gebt die Einladung weiter: Furchtlos und mit vertrauensvollen Herzen, denn, so spricht der Herr: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“
Amen.
Und der Friede Gottes, höher als alle Vernunft, bewahre und erhalte eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem HERRN.
Für Ihre Gemeindearbeit: Die offizielle Lesefassung
Möchten Sie die Botschaft von Dr. Friederike F. Spengler im Gottesdienst verlesen, im Hauskreis diskutieren oder im Gemeindebrief veröffentlichen? Wir haben für Sie eine hochwertig gestaltete PDF-Version als Werkzeug für die Praxis vorbereitet.
Exklusiv für unsere Abonnentenschaft:
Über die Friedensbotin:Dr. Friederike F. Spengler ist seit 2022 Regionalbischöfin im Bischofssprengel Erfurt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie bringt ihre eigene Geschichte aus der Friedensbewegung in die Arbeit der Ökumenischen FriedensDekade 2026 ein.
Die Ostermärsche 2026 stehen bevor. In einer Zeit globaler Aufrüstung und anhaltender Kriege sind sie das wichtigste öffentliche Zeichen für Diplomatie, Abrüstung und Gewaltfreiheit. Während die Ökumenische FriedensDekade im November die spirituelle Basis schafft, bringen die Ostermärsche den Protest seit Jahrzehnten auf die Straße.
Warum sind die Ostermärsche 2026 entscheidend?
Geopolitische Spannungen fordern uns heraus, über den Tellerrand der eigenen Gemeinde hinauszublicken. Die Friedensbewegung setzt 2026 ein klares Statement gegen die Logik des Krieges. Erfahren Sie hier, wo Sie aktiv werden können und welches Material Sie für Ihren Auftritt benötigen.
Die weltweite Verschärfung der geopolitischen Lage sowie die anhaltenden Kriege und Krisenherde fordern uns heraus, über den Tellerrand der eigenen Gemeindearbeit hinauszublicken. Während wir uns in der Ökumenischen FriedensDekade intensiv der spirituellen Friedensarbeit widmen, bieten die Ostermärsche seit Jahrzehnten die Bühne für den öffentlichen, politischen Protest.
Flagge zeigen: „Schwerter zu Pflugscharen“ im Einsatz
Damit Ihre Botschaft auf den Demonstrationen weithin sichtbar ist, bietet unser Webshop das passende Aktionsmaterial. Besonders symbolträchtig ist dabei das Motiv „Schwerter zu Pflugscharen“.
Dieses Symbol hat eine tiefe Geschichte: In den 1980er Jahren wurde es zum Erkennungszeichen der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR. Trotz staatlicher Repressionen trugen mutige Menschen diesen Aufnäher auf ihren Jacken – ein Zeichen für den Wunsch nach einer Welt ohne Waffen. Heute führen wir dieses Erbe fort.
Damit Sie auf den Demonstrationen auch visuell ein klares Statement für Gewaltfreiheit setzen können, weisen wir gerne auf unser Aktionsmaterial hin. Unsere Fahnen, Aufkleber, Pins und Aufnäher mit dem klassischen „Schwerter zu Pflugscharen“-Motiv sind ideale Begleiter für die Märsche und Kundgebungen.
Termine & Startorte: Ostermärsche 2026 in der Übersicht
Hier finden Sie eine Auswahl zentraler Termine. Eine tagesaktuelle Gesamtübersicht aller über 100 Veranstaltungenbietet das Netzwerk Friedenskooperative.
Karfreitag, 03. April 2026
Gronau (NRW): Ostermarsch zur Urananreicherungsanlage, 13:00 Uhr Urananreicherungsanage (Haupttor, Röntgenstraße 4) Aufruf mit Infos: https://www.bbu-online.de/Aktionen%20vor%20Ort/Aufruf%20PDF%20OMA%20Gronau%202026.pdf.
Bruchköbel (Hessen): Traditioneller Marsch nach Hanau, 10:30 Uhr am Freien Platz.
Jagel/Büchel: Mahnwachen gegen Atomwaffen, ab 11:00 Uhr an den Haupttoren.
Karsamstag, 04. April 2026 (Zentraler Aktionstag)
Berlin: Große Kundgebung, 12:00 Uhr, Karl-Marx-Allee (U-Bhf Schillingstraße).
Stuttgart: Zentraler Ostermarsch Südwest, 11:55 Uhr am Schlossplatz.
München: Friedensmarsch durch die City, 11:00 Uhr am Marienplatz.
Hannover: Start 11:00 Uhr, Aegidientorplatz.
Leipzig – Historischer Boden: Auftakt 11:00 Uhr auf dem Nikolaikirchhof. Hier, wo die Montagsgebeten der Friedlichen Revolution ihren Ursprung hatten, ist die Verbindung von Glaube und politischem Handeln bis heute spürbar.
Kassel: Zentraler Ostermarsch Nordhessen, 11:00 Uhr ab Hauptbahnhof.
Nürnberg: Friedensmarsch, 11:30 Uhr ab Kopernikusplatz.
Ostersonntag, 05. April 2026
Potsdam: Friedensspaziergang, 14:00 Uhr am Alten Markt.
Frankfurt/Main: Fortsetzung des hessischen Ostermarsches, 10:30 Uhr ab Römerberg.
Ostermontag, 06. April 2026
Hamburg: Großer Abschlussmarsch, 12:00 Uhr ab Ohlsdorf oder Hauptbahnhof.
Müllheim (Baden): Deutsch-Französischer Ostermarsch – eine wichtige regionale Besonderheit, die die grenzüberschreitende Versöhnung in den Fokus rückt. Start 13:30 Uhr.
Erfurt: Abschlusskundgebung, 11:00 Uhr am Fischmarkt.
Helfen Sie mit, den Frieden zu wecken
Die Ostermärsche leben von der Vielfalt. Wir laden Sie herzlich ein, die kommenden Feiertage zu nutzen, um Ihre Sehnsucht nach einer gewaltfreien Welt öffentlich zu machen. Wir wünschen Ihnen eine gesegnete Passionszeit und kraftvolle Begegnungen bei den Ostermärschen!
In unserer Serie „Frieden im Dialog“ stellen wir die Menschen und Ideen hinter der ökumenischen FriedensDekade vor, die seit Jahrzehnten für Frieden, Gerechtigkeit und die
Bewahrung der Schöpfung eintritt. In regelmäßigen Gesprächen teilen Akteure aus dem Gesprächsforum, dem Redaktionskreis und weiteren Netzwerken ihre Erfahrungen, Visionen und Impulse. Dieses Mal treffen sich Lars Blume und Miriam Kähne, Bildungsreferentin für Frieden und Gerechtigkeit und Initiatorin des weltweiten Kunstprojekts justice.peace.imagination. Ein Gespräch über die Kraft der Vorstellungskraft, handgemachte Sketchbooks aus aller Welt und die Frage, ob Kreativität ein Akt des Widerstands gegen Resignation sein kann – geprägt von Neugier, Tiefe und dem Glauben daran, dass das Morgen noch gestaltbar ist.
Lars: Herzlich willkommen bei „Frieden im Dialog“, einer Serie der Ökumenischen FriedensDekade. Heute spreche ich mit Miriam Kähne. Miriam ist Bildungsreferentin für Frieden und Gerechtigkeit und hat ein weltweites Kunstprojekt ins Leben gerufen: justice.peace.imagination, mit handgemachten Sketchbooks aus aller Welt. Miriam, schön, dass du da bist.
Miriam: Ich freue mich sehr!
Lars: Bevor wir ins Projekt einsteigen, wer bist du, wenn du gerade mal nicht als Bildungsreferentin Projekte jonglierst? Was lässt dich persönlich hoffnungsvoll bleiben?
Miriam: Ich bin Bildungsreferentin für die Themen Frieden und Gerechtigkeit und arbeite auf dem Gebiet der beiden Ev. Landeskirchen von Mitteldeutschland & Sachsen. Was mich – privat wie beruflich – immer wieder hoffnungsvoll stimmt ist, dass alle Systeme, die von Menschen gemacht sind, auch von Menschen anders gemacht werden können. Ab jetzt. Und erst recht ab morgen. Wir müssen uns nur darauf verständigen, welches Morgen wir gestalten möchten.
Lars: „Ab jetzt. Und erst recht ab morgen.“ Das ist ein Satz, den ich mir merke. Und er führt direkt zum Kern deines Projekts. Der Titel sagt ja schon viel: justice, Gerechtigkeit. peace, Frieden. Und dann: imagination, Vorstellungskraft. Warum braucht es ausgerechnet die, um Frieden und Gerechtigkeit greifbar zu machen?
Miriam: bell hooks – die Schreibweise mit kleinen Buchstaben war ihr selbst wichtig, um sich von ihrer Großmutter zu unterscheiden – sagte: „What we cannot imagine cannot come into being“. Wir brauchen also Bilder und Ideen davon, wie die Welt anders als jetzt aussehen könnte, wo es hingehen soll und wie wir so Frieden und Gerechtigkeit gemeinsam umzusetzen können. Ich beobachte, dass unsere Diskurse über Frieden und Gerechtigkeit oft nur kognitiv und in Begriffen geführt werden und selten mal jemand fragt „was meinst du denn damit“? Aber jede:r von uns verbindet mit den Begriffen doch Gefühle, Bilder, Ohnmachtserfahrungen, Wünsche und vieles mehr! Gerechtigkeit und Frieden (und noch stärker Ungerechtigkeit und Un-Frieden) berühren uns! Lasst uns doch mal schauen, wo wir hinkommen, wenn wir das miteinander teilen und sehen, was dann alles möglich wird!
Lars: Mein eigenes Bild dazu ist ein sehr konkretes. Wenn wir Krieg auf die eigene Familie herunterbrechen, wer von uns möchte wirklich seinen Sohn, seine Tochter, seine Schwester, seinen Vater unter lebensgefährlichen Umständen wissen? Wenn wir das ehrlich beantwortet haben, wissen wir eigentlich schon, wo wir stehen. Und genau deshalb brauchen wir dieses Bild, bevor wir den Weg gehen können.
Miriam: Das ist ein sehr direktes und ehrliches Bild. Und ich frage mich: Glaubst du, dass dieses Bild die Menschen wirklich erreicht, auch diejenigen, die Krieg vielleicht eher als abstrakte Notwendigkeit betrachten?
Lars: Das ist eine wichtige Frage. Ich glaube, es braucht genau diese Konkretion. Abstraktion schützt uns vor dem Fühlen. Wenn wir aber ein Gesicht, einen Namen, eine Familie dazudenken, dann wird es schwer, wegzuschauen. Kommen wir zur Form, in der du das alles umsetzt. In einer Zeit, in der fast alles digital läuft, schickst du analoge Notizbücher um die Welt. Was macht den Reiz dieser kleinen Bücher aus?
Miriam: Ehrlich gesagt war ich mir gar nicht ganz bewusst, dass Sketchbook-Art „so ein Ding“ ist in der Künstler:innen-Community weltweit. Ich hatte von einem Projekt gehört (The Sketchbook Project), das ich bei einer USA-Reise in Brooklyn besuchen wollte. Die schickten seit Jahren tausende leere Sketchbooks in die Welt. Leider war das Haus kurz vor meinem Besuch abgebrannt und ich konnte das „Original“ nicht kennenlernen. Aber ich fand die Idee klasse! Und ich glaube, sie eignet sich aus mehreren Gründen perfekt für „Justice.Peace.Imagination“: 1. Es entsteht ein Raum, in dem Menschen ernsthaft nach ihren Erfahrungen und Ideen gefragt werden. Und ich habe von sehr vielen die Rückmeldung erhalten, dass sie dadurch eine große Selbstwirksamkeit anstatt Ohnmacht erfahren haben. 2. Die Seiten sind weiß. Jede:r füllt sie mit dem ganz Eigenen. Mit den eigenen Ideen, eigenen Erfahrungen, eigener künstlerischer Handschrift, ohne Vorgabe, mit dem, was ganz tief aus dem Innersten kommt. 3. Menschen, die sich künstlerisch ausdrücken, sind geübt darin, ihre Vorstellungskraft ernst zu nehmen und können andere dadurch inspirieren.
Lars: Diese weißen Seiten sind fast schon ein Symbol. Das kenne ich auch aus dem gemeinsamen Singen. Ich bin musikalisch unterwegs und wenn Menschen zusammen singen, passiert etwas, das ich mit Worten kaum beschreiben kann: Die Stimmen werden eins. Du wächst mit den anderen zusammen. Das ist kein Konzept, das ist eine Erfahrung. Und ich glaube, diese Sketchbooks funktionieren genauso. Parallel zu dieser sehr physischen Welt gibt es das Projekt auch online. Wie ergänzen sich diese beiden Welten für dich?
Miriam: Das wird sich zeigen. 😉 Vor allem wollte ich den internationalen Künstler:innen die Möglichkeit geben, selbst die Ausstellung zu entdecken, sich in einer internationalen Plattform zu zeigen und wie alle anderen Künstler:innen auch, die das möchten, während der Ausstellung über ihre Kunst und ihren Prozess zu sprechen. Inzwischen ist über Insta außerdem eine community unter den Künstler:innen entstanden, sodass wir monatliche globale Kunsttreffs („90 art minutes“) entwickeln, in dem eine Person eine Gestaltungs-Art beibringt. Alle gestalten bei sich vor Ort und vorher wird kommuniziert, welche Materialien benötigt werden. Alle Infos dazu wird es auf dem Insta-Kanal geben. Es gibt eine Vielzahl von kurzfristigen Nutzmöglichkeiten des online-Raums, auch Gruppen können ihn nutzen, um die Sketchbooks zu entdecken und ich denke, dass sich da zwischen März und November noch einiges Kreatives entwickeln wird! Aber wie siehst du das eigentlich? Du bist ja für die Online-Redaktion bei der FriedensDekade zuständig. Wie erlebt man diesen Spagat von innen?
Lars: Das ist eine sehr lebendige Spannung. Ich bin für die Online-Redaktion bei der FriedensDekade zuständig und trotzdem bin ich ein großer Fan analoger Produkte. Wir haben das ja schon zusammen erlebt: Mit der digitalen Vorausstellung zu justice.peace.imagination im Rahmen der FriedensDekade 2025 haben wir gemeinsam erste Erfahrungen gesammelt, wie sich so ein Format online anfühlt und was es leisten kann. Und dieses Jahr machen wir den nächsten Schritt mit erstmals digitalen Versionen des Friedenskompasses 2026. Es ist nicht immer einfach, aber ich glaube: Es braucht beides. Der Mittelweg ist es. Digital öffnet Türen und analog schafft Tiefe.
Lars: Du hattest ja zwei Fragen zusammen beantwortet, die ich trotzdem beide kurz einleiten möchte. Zum einen: Warum war es dir wichtig, dass Menschen nicht nur schauen, sondern selbst aktiv werden? Und zum anderen: Kann ein Sketchbook manchmal mehr vermitteln als ein klassischer pädagogischer Vortrag über Frieden?
Miriam: Je nachdem, was das Ziel ist, muss der Weg dorthin natürlich passen. Und ich empfinde schon, dass es Kontexte gibt, wo zu Frieden und Gerechtigkeit nicht noch mehr Worte gesprochen werden müssen, sondern alles gesagt ist. Und vor allem bestimmte Leute bereits genug Raum in diesem Diskurs eingenommen haben und wir anderen Menschen mehr Gehör schenken sollten. Das war auch eine Frage, die mich geleitet hat während der Einladung von Künstler:innen: Welche Stimmen sind denn interessant zu fragen und werden im momentanen Diskurs nicht laut genug gehört? Ich bin eine große Freundin von ganzheitlicher Bildung und wünsche mir außerdem, dass die Bildungsarbeit Menschen zum Aktivwerden motiviert, zum eigenen Mitgestalten unserer Welt. Und dazu eignet sich die Kunst auf jeden Fall! Denn ein Bild spricht andere Dimensionen des Menschseins an als ein Vortrag.
Diese Dynamik möchten wir auch mit den begleitenden Bildungsangeboten aufgreifen. Alle zu völlig unterschiedlichen Themen rund um Justice.Peace.Imagination, aber alle gleich darin, dass sie keine PowerPoint-Präsentation verwenden dürfen. Es sind aktivierende Formate geplant, die Menschen ins Gespräch, ins Kreativwerden und/oder ins Imaginieren bringen.
Lars: Kein PowerPoint, das gefällt mir sehr! Gerade beim Thema Krieg und Frieden nutzen wir so viele Worte. Manchmal zu viele. Kunst ist ein anderer Kanal, kein besserer, aber ein notwendiger. Ich freue mich, sagen zu können, dass ich selbst bei einigen Bildungsveranstaltungen im Rahmen der Ausstellungsreise dabei sein werde. Ohne Folien, dafür mit echtem Dialog. Genau das, wofür dieses Format steht. Ich freue mich sehr darauf, mit Menschen vor Ort zu diesen Themen ins Gespräch zu kommen. Das Motto der FriedensDekade 2026 lautet „couragiert widerständig“. Inwiefern ist das Wiederentdecken der eigenen Fantasie für dich ein Akt des Widerstands?
Miriam: Erstmal merke ich schon, dass es Mut erfordert, sich heute hinzustellen und dafür zu einzustehen, dass die Vorstellungskraft eine wirkliche Kraft ist, die der Katalysator für echte Veränderung sein kann. Wir leben in einer Zeit, in der die vielen Krisen eng miteinander verzahnt sind, hohe Komplexität aufweisen und ehrlicherweise von uns verlangen, dass wir uns radikal alles anders vorstellen. Dass wir Wege finden, die bisher nicht gegangen wurden, weil die Herausforderungen noch nie derartig waren. Unser kollektives Vorstellungsvermögen ist in dieser Zeit massiv gefragt und wir bräuchten viel mehr Mutige, die in den Widerstand gegen „weiter so“ gehen.
Lars: Für mich bedeutet „couragiert widerständig“ auch Widerstand gegen die Spaltung unserer Gesellschaft. Im Brückenbauen, im Verbinden hinter dem, was uns verbindet. Wir sind alle Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Ideen. Aber die meisten von uns wollen doch eine Welt, in der es unseren Familien gut geht. Das ist mehr, als uns manchmal bewusst ist. Und das ist ein Anfang. Du hast jetzt so viele dieser Bücher in den Händen gehabt. Gibt es eine Geschichte, eine Seite, die dich besonders berührt hat?
Miriam: Ja, sehr viele. Es war nicht selten, dass ich beim Anschauen eines Hefts weinen musste über die Tiefe und die Ehrlichkeit der Bilder, die mir begegnet sind. Mich berühren die Worte der dementen Frau, deren Wortschnipsel echte Weisheit sind und von einer künstlerischen Wegbegleiterin zusammengefügt wurden. Das Heft eines Strafgefangenen, der in seinem ganz eigenen Stil und seinen Worten Frieden beschreibt. Das Sketchbook eines Mannes, der das letzte Gespräch mit seinem Vater kurz vor seinem Tod dokumentiert hat und mit Kerzenwachs und Haaren gestaltet hat. Es sind einzelne Hefte von Menschen mit Erkrankungen dabei, die es geschafft haben, die Ungerechtigkeitserfahrungen in Gerechtigkeits-Bilder zu verwandeln und eine Welt zu zeichnen, in der wir alle gerne leben.
Einige Hefte von Frauen zeigen ganz konkrete Situationen und thematisieren politische Veränderungen, die umsetzbar wären. Und wenn ich anfange zu berichten, fallen mir so viele weitere ein, die alle erwähnt werden sollten. Am besten ist es, sie sich selbst mit viel Zeit anzuschauen! Die vielen so unterschiedlichen Darstellungen von unserer Welt wie sie möglich ist und schon in den Köpfen existiert fesselt mich immer von Neuem.
Lars: Ich merke, wie ich beim Zuhören ganz still werde. Kerzenwachs und Haare. Das letzte Gespräch mit dem Vater. Das ist kein Kunstprojekt mehr, das ist Menschsein in seiner reinsten Form. Ich freue mich sehr darauf, diese Bücher selbst in die Hand zu nehmen. Ich hatte dich auch gefragt: Wenn du selbst eine Seite gestalten müsstest, die Frieden zeigt, welche Farben, welche Motive würden wir dort finden?
Miriam: Das finde ich eine wirklich coole Frage über die ich auch viel nachgedacht habe, aber ich glaube, die will ich nicht beantworten.
Lars: Das respektiere ich vollständig. Und ich finde, das ist selbst schon eine Aussage. Manche Bilder gehören uns allein. Weil wir aber im Dialog sind, wage ich es für mich: Mein Friedensbild wäre kein großes Motiv. Es wäre ein Abendessen. Ein Tisch. Menschen, die ich liebe. Lachen. Sicherheit. Kein Warten auf schlechte Nachrichten. Vielleicht ist das der einfachste und ehrlichste Frieden, den ich kenne. Jetzt steht die Vernissage in Magdeburg bevor, am 26. März geht es los. Was ist das für ein Gefühl?
Miriam: Mich bewegt es sehr, dass sich so viele Menschen aus der ganzen Welt von der Projektidee anstecken ließen! Und ich freue mich, das am 26.3. zu feiern. Und wenn ich nun in der Planung höre, dass Menschen aus ganz Deutschland den Weg nach Magdeburg machen und genauso wie wir auf den Beginn der Ausstellung hinfiebern, fühlt es sich an als ob da eine Gemeinschaft von Menschen entstanden ist, die wie ich hoffen, dass „da noch was geht“ in unserer Gesellschaft und weltweit.
Dass die Ohnmachtsgefühle, die wir durch die multiplen Krisen erleben, nicht das letzte Wort sind und dass Kreativität ein Ventil sein kann, dass uns anstößt, auch andere Wege auszuprobieren. Darauf bin ich sehr neugierig. Und auch darauf, wie Menschen, die die vielen Sketchbooks noch nicht in der Hand hatten, darauf reagieren, wie sie mit den Bildern in Interaktion gehen, welche Reaktionen sie darauf zeigen, welche Hefte eher herausgezogen werden, usw.
Ich freue mich darauf, dass die Sketchbooks nun dahin kommen, wofür sie gestaltet wurden.
Lars: Und genau dafür steht die FriedensDekade. Diese Gemeinschaft, die du beschreibst, die gibt es. Wir sind nicht allein damit. Im November endet die Tour in der Dresdner Frauenkirche, genau zur FriedensDekade. Was bedeutet dir dieser Ort als Abschluss?
Miriam: Ich freue mich sehr auf den Projekt-Abschluss während der Friedensdekade in Dresden. Und wie für alle anderen Ausstellungsorte sind wir auch hier schon in der Planung, um dem ganz speziellen Ort gerecht zu werden und den Ausstellungsrahmen an den Ort anzupassen, damit die Sketchbooks den Menschen begegnen können.
Ich habe familiär eine enge Beziehung zu Dresden und bin jedes Mal persönlich berührt, in der wieder aufgebauten Frauenkirche sein zu können. Für mich persönlich ist sie ein Symbol des Friedens. Und ich finde, dass unsere Ausstellung dort ganz hervorragend hin passt, sehe das aber auch im Kontext der vielen andere Orte (kleine Kirchengemeinden auf dem Land, die etwas Kreatives gegen die Rechten in ihrem Ort machen wollen, Jugendkirchen in Kooperation mit Kunstschulen, Ortsvereine, Think Tank-Orte uvm.), die den Weg der Ausstellung zeichnen und alle ihre ganz besonderen Elemente dort hinein bringen.
Lars: Letzte Frage, Miriam. Wenn die letzte Besucherin die Ausstellung in Dresden verlässt, was sollte sie im Idealfall im Kopf oder im Herzen mit nach Hause nehmen?
Miriam: Ich wünsche mir, dass Menschen, die die Ausstellung (und auch die Veranstaltungen, die damit zusammen gehören) besucht haben, motiviert sind, unsere Welt zu einem friedlicheren und gerechteren Ort zu gestalten. Dass sie Bilder gefunden haben von einer Welt, in der sie und wir alle gerne leben möchten. Dass sie begreifen (und zwar nicht nur kognitiv, sondern das auch fühlen und erlebt haben), dass die jetzigen multiplen Krisen nicht das letzte Wort sind, sondern wir zahlreiche Optionen haben, wie es morgen weitergehen kann.
Toll wäre es, wenn sie ihre Idee mit anderen teilen konnten und sich bei sich vor Ort in einer Gemeinschaft von anderen Motivierten wiederfinden.
Lars: Miriam, vielen Dank. Für dieses Gespräch, für das Projekt und für deinen Mut, die Vorstellungskraft ernst zu nehmen. Wer die Ausstellung besuchen oder an den Bildungsveranstaltungen teilnehmen möchte, findet alle Infos in den Shownotes. Die Ausstellung startet am 26. März in Magdeburg und wandert bis November durch Mitteldeutschland bis zur Frauenkirche in Dresden. Bis zur nächsten Folge, bleibt im Dialog.
Termine der Ausstellung (Auswahl)
März, Magdeburg-Buckau (Volksbad, Karl-Schmidt-Str. 56): Vernissage justice.peace.imagination. Ab 14 Uhr Sketchbooks ansehen, 16:30 Uhr Eröffnung mit persönlichen Geschichten und Musik von Michael Nickel. Anmeldung erbeten. → friedensdekade.de
2.–8. April, Naumburg (Peter und Paul Kirche, Salzstr. 26): Ausstellung justice.peace.imagination.
21.–26. April, Erfurt (Landeskirchenamt, Michaelisstr. 39): Ausstellung justice.peace.imagination.
27.–30. April, Erfurt (Offene Arbeit, Allerheiligenstraße 9): Ausstellung justice.peace.imagination.
8.–18. November, Dresden (Frauenkirche): Ausstellung justice.peace.imagination – zur FriedensDekade 2026. Ein besonderer Ort für ein besonderes Projekt.