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Monat: Juli 2026

Rosa Parks – Die Frau, die sitzen blieb

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„People always say that I didn’t give up my seat because I was tired, but that isn’t true. No, the only tired I was, was tired of giving in.“ (Die Menschen sagen immer, ich habe meinen Sitzplatz nicht aufgegeben, weil ich müde war. Aber das stimmt nicht. Das Einzige, wessen ich müde war, war das Nachgeben.)

Rosa Parks (USA, 1913-2005) sprach aus bitterer Erfahrung. Montgomery, Alabama, 1. Dezember 1955. Nach einem langen Arbeitstag setzt sie sich in den Stadtbus. Als ein weißer Fahrgast keinen Platz findet, fordert der Fahrer sie auf aufzustehen. Rosa Parks bleibt sitzen. Sie wird verhaftet.

Was darauf folgt, verändert die Geschichte der Vereinigten Staaten. Aber Rosa Parks war weder erschöpft noch handelte sie spontan. Sie war eine geschulte Aktivistin, die genau wusste, was sie tat. Und sie war bereit, den Preis dafür zu zahlen.

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In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Im Mai zeigte uns Leymah Gbowee, dass Frieden von unten wächst. Im Juni zeigte uns Rigoberta Menchú Tum, dass Würde unteilbar ist. Rosa Parks verbindet beides: Sie zeigt, dass ziviler Ungehorsam keine Schwäche ist, sondern Ausdruck einer tiefen inneren Haltung.

Eine Frau, die schon lange widerstand

Rosa Louise McCauley wurde 1913 in Tuskegee, Alabama, geboren. Die sogenannten Jim-Crow-Gesetze regelten, wo Schwarze sitzen, essen, trinken und zur Schule gehen durften. Widerspruch konnte das Leben kosten.

Rosa Parks kannte diese Realität von Kindheit an. Sie heiratete Raymond Parks, Mitglied der NAACP, organisierte Wählerregistrierungen, dokumentierte Fälle rassistischer Gewalt. 1955 besuchte sie das Highlander Folk School in Tennessee, eine Bildungsstätte für gewaltfreien Widerstand. Was am 1. Dezember 1955 geschah, war kein Zufall. Es war der Moment, in dem eine Frau mit jahrzehntelanger Erfahrung sagte: Jetzt. Hier. Nicht mehr.

 

 

 

Spendenaufruf FriedensDekade 2026
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Der Abend, der eine Bewegung auslöste

Rosa Parks wurde verhaftet, angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Noch in derselben Nacht druckte Jo Ann Robinson über 35.000 Flugblätter: Boykottiert die Busse. Fahrt am Montag nicht.

Am 5. Dezember 1955 blieben die Busse fast leer. Der Boykott, der einen Tag dauern sollte, dauerte 381 Tage. Die Gemeinschaft organisierte Fahrgemeinschaften, lief zu Fuß, trug die Einbußen gemeinsam. Am 13. November 1956 erklärte der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in Bussen für verfassungswidrig. Der Preis war hoch: Rosa Parks verlor ihre Arbeit, ihr Mann seine. Sie mussten Montgomery verlassen.

Ziviler Ungehorsam als Glaubenspraxis

Rosa Parks war tief in ihrer Kirchengemeinde verwurzelt. Die Schwarze Kirche in den Südstaaten war nicht nur Ort der Andacht, sondern Rückgrat der Bürgerrechtsbewegung. Für Rosa Parks war Widerstand gegen Ungerechtigkeit kein politisches Kalkül, sondern ein Gebot des Gewissens. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Jeder Mensch trägt unantastbare Würde. Ein Gesetz, das diese Würde verletzt, hat keine moralische Grundlage.

Das Jahresmotto der ökumenischen FriedensDekade 2026 erinnert an die hebräischen Hebammen Schifra und Pua (Exodus 1), die sich dem Tötungsbefehl des Pharaos widersetzten. Rosa Parks steht in genau dieser Tradition: Wenn das Gesetz die Würde von Menschen verletzt, ist Ungehorsam keine Rebellion, sondern Treue zu einer höheren Ordnung.

 

Fragen zur Reflexion:

Rosa Parks handelte nicht spontan, sondern aus jahrzehntelangem Engagement heraus. Welche innere Vorbereitung braucht es, um in einem entscheidenden Moment Haltung zu zeigen?

Der Busboykott funktionierte, weil eine ganze Gemeinschaft mitzog. Wo in Ihrer Umgebung gibt es Ansätze gemeinsamer Widerständigkeit, die Unterstützung brauchen?

Rosa Parks verstand Gleichwürdigkeit als biblisches Gebot. Welche Strukturen in Ihrer Umgebung verletzen die Würde von Menschen, ohne dass es als Unrecht wahrgenommen wird?

 

 

Gebet: Gott der Würde, danke für Menschen wie Rosa Parks, die nicht nachgaben. Gib uns Mut, für die Würde des Nächsten einzustehen, auch wenn es uns etwas kostet. Amen.

 


Couragiert widerständig, wie Rigoberta Menchú Tum.
Für eine Welt, in der die Würde aller Völker geachtet und die Schöpfung bewahrt wird.


Quellen und zum Weiterlesen:

Rigoberta Menchú / Elisabeth Burgos: „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ (1983)
Rigoberta Menchú: „Die Enkel der Maya. Das Überleben der indigenen Kulturen Guatemalas“ (1998)
Fundación Rigoberta Menchú Tum: www.menchutum.org

 

 

Exklusiver Einblick in das Materialheft 2026

Die Vorbereitungen für die FriedensDekade 2026 laufen vielerorts bereits an. Mit dem neuen Materialheft zum Jahresthema „couragiert widerständig“ erhalten Gemeinden, Gruppen, Schulen und Bildungseinrichtungen vielfältige Anregungen für Gottesdienste, Bildungsarbeit und Veranstaltungen.

Auch in diesem Jahr haben unsere Autorinnen und Autoren aktuelle friedenspolitische Fragen, biblische Impulse und zahlreiche Praxisideen zusammengetragen. Entstanden ist ein Arbeitsheft, das Mut macht, Haltung zeigt und zum gemeinsamen Nachdenken und Handeln einlädt. Das gesamte Inhaltsverzeichniss finden Sie hier: INHALTSÜBERSICHT MATERIALHEFT

Spirituelle Impulse für Gottesdienst und Gemeinde

Den Auftakt bilden geistliche Zugänge zum Jahresthema. Neben einer Bildmeditation zum Plakatmotiv finden Sie das FriedensDekade-Lied, Auslegungen der diesjährigen Bibeltexte aus Exodus 1 und 2. Timotheus 1 sowie Bausteine für einen ökumenischen Gottesdienst und einen Kindergottesdienst. Ein weiterer Beitrag lädt dazu ein, darüber nachzudenken, warum auch das Innehalten und Ausruhen eine Form von Widerstand sein kann.

Wenn Sie schon vor Beginn der FriedensDekade nach geistlichen Impulsen suchen, empfehlen wir Ihnen einen Blick auf unsere Website. Dort veröffentlicht Friedensbotin Friederike Spengler regelmäßig neue Texte zum Jahresthema. Alle bisheringen Predigttexte finden Sei in unserem Mitgliederbereich noch einmal für Sie zusammengefasst.

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Für Friedensgebete vor, während und nach der FriedensDekade ergänzt der neue Friedenskompass 2026 das Materialheft mit Gebeten, Andachten und liturgischen Impulsen.

Ideen für die Bildungsarbeit

Das zweite Kapitel richtet sich an alle, die mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen arbeiten. Spiele, Übungen, Andachten und Gesprächsformate eröffnen unterschiedliche Zugänge zum Thema. Fragen wie Kriegsdienstverweigerung, Gewaltfreiheit, Friedensbildung an Schulen oder gelingende Friedensgespräche werden praxisnah aufgegriffen.

Menschen, die Haltung zeigen

Ein besonderer Schwerpunkt des Materialhefts sind Menschen, die couragiert widerständig gehandelt haben. Vorgestellt werden unter anderem Gisela Penteker, Carla Hinrichs, Stanislaw Petrow, Yurii Sheliazhenko, Olga Shparaga und weitere Persönlichkeiten, deren Lebenswege zeigen, wie unterschiedlich Einsatz für Frieden und Menschenwürde aussehen kann. Die Porträts laden dazu ein, über Zivilcourage, Verantwortung und den eigenen Handlungsspielraum ins Gespräch zu kommen.

Ergänzend dazu stellen wir auf unserer Website regelmäßig weitere Materialien bereit. Unsere Reihen „Frauen des Friedens“ erzählen von Menschen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung eingesetzt haben. Sie eignen sich hervorragend als zusätzliche Impulse für Unterricht, Gruppenstunden oder Gemeindeveranstaltungen. Auch diese Portraits finden Sie auf unserer Website und als Datein in unserem Mitgliederbereich.

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Widerstand verstehen und einordnen

Was bedeutet ziviler Widerstand? Welche Verantwortung tragen Kirchen in gesellschaftlichen Konflikten? Und wie lassen sich aktuelle friedenspolitische Entwicklungen einordnen?

Das vierte Kapitel verbindet Hintergrundwissen mit konkreten Beispielen und bietet eine fundierte Grundlage für Diskussionsabende, Seminare und Bildungsangebote.

Wer diese Themen weiter vertiefen möchte, findet auf unserer Website außerdem die Reihe „Friedenspolitische Einblicke“ von Jan Gildemeister sowie Hinweise auf Dialogveranstaltungen der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF).

Medien, Filme und weitere Materialien

Den Abschluss bildet ein umfangreicher Serviceteil mit Buch- und Medienempfehlungen, Ausstellungstipps, didaktischen Materialien sowie einer Filmempfehlung. Außerdem finden Sie Hinweise zur digitalen Materialsammlung, zur Peace and Pray-App und Möglichkeiten, eigene Veranstaltungen zur FriedensDekade bekannt zu machen.

Das Materialheft bestellen

Das Materialheft „couragiert widerständig“ ist Bestandteil der Materialmappe sowie des Gesamtpakets der FriedensDekade.

Mit dem Gesamtpaket erhalten Sie zusätzlich Zugang zur digitalen Materialsammlung mit Vorlagen, Bildern, Audiodateien und weiteren Arbeitshilfen für die Vorbereitung Ihrer Veranstaltungen. Finden Sie in unserem Onlineshop alles was Sie für Ihre Friedensdekade 2026 unter dem Motto courargiert widerständig benötigen.

Das ganze Jahr über informiert bleiben

Die FriedensDekade begleitet Sie nicht nur im November. Auf unserer Website veröffentlichen wir regelmäßig neue spirituelle Impulse, Hintergrundbeiträge, friedenspolitische Einblicke und weitere Materialien für Gemeinden, Gruppen und Interessierte.

Mit unserem Friedensbrief bleiben Sie über neue Veröffentlichungen, Veranstaltungen und Materialien auf dem Laufenden und erhalten regelmäßig Anregungen für Ihre Friedensarbeit.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Entdecken der neuen Materialien und eine inspirierende Vorbereitung auf die FriedensDekade 2026.

Peace and Pray: Friedensimpulse bekommen ein neues Zuhause

Peace and Pray: Friedensimpulse bekommen ein neues Zuhause

Die digitale Begleitung der Ökumenischen FriedensDekade entwickelt sich weiter. Auch 2026 gibt es täglich einen Friedensimpuls zum Hören, Lesen und Weiterdenken. Neu ist: Die Impulse kommen direkt über Signal, WhatsApp und Telegram sowie über den Instagram-Kanal der FriedensDekade.

Die FriedensDekade lebt davon, dass Menschen sich verbinden: im Gebet, im Gespräch, in Aktionen und im gemeinsamen Nachdenken über Frieden. Seit mehreren Jahren begleitet das digitale Angebot „Peace and Pray“ diese Bewegung und bringt tägliche Impulse direkt auf das Smartphone.

Nun geht das Angebot einen neuen Weg. Die bisherigen Friedensimpulse werden künftig über Messenger-Kanäle weitergeführt. Damit möchten wir es noch einfacher machen, die täglichen Gedanken, Gebete und Anregungen dort zu empfangen, wo viele Menschen miteinander verbunden sind.

Jeden Tag ein Moment für den Frieden

Auch weiterhin erwarten Sie:

  • tägliche Impulse zur Ökumenischen FriedensDekade
  • Texte, Bilder und Gedanken zum Innehalten
  • Anregungen zum Mitbeten, Weiterdenken und Handeln
  • Impulse, die sich einfach teilen und gemeinsam nutzen lassen

Die Friedensimpulse begleiten durch den Tag: morgens als Gedankenanstoss, unterwegs als kurzer Moment der Besinnung oder als Einstieg in ein gemeinsames Gespräch.

Ob im Gesprächskreis einer Kirchengemeinde, in Schule, Diakonie oder Verwaltung: Die Impulse können unkompliziert aufgegriffen und miteinander geteilt werden. So bleibt die FriedensDekade nicht nur auf die zehn Aktionstage im November begrenzt, sondern begleitet Menschen auch in der Vorbereitung und darüber hinaus.

Neue Wege, gleiche Botschaft

Mit der Weiterentwicklung von „Peace and Pray“ verändert sich vor allem der Weg, auf dem die Impulse Menschen erreichen. Die Idee dahinter bleibt dieselbe: Frieden beginnt mit Aufmerksamkeit. Mit der Bereitschaft zuzuhören, andere Perspektiven wahrzunehmen und den eigenen Alltag bewusst zu gestalten.

Neben den Messenger-Kanälen gibt es die täglichen Impulse auch weiterhin über den Instagram-Kanal der Ökumenischen FriedensDekade. Dort laden wir ein, die Gedanken sichtbar zu machen, zu teilen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

So entstehen verschiedene Möglichkeiten, die FriedensDekade im Alltag zu begleiten:

Digital: über die täglichen Impulse von Peace and Pray, den Instagram-Kanal der FriedensDekade und weitere Online-Angebote.

Zum Vertiefen: über den Friedensbrief mit aktuellen Informationen, Hintergrundtexten, Veranstaltungen und Impulsen rund um die FriedensDekade.

Für Ihre Aktionen vor Ort: mit den Materialien der FriedensDekade, die im Shop erhältlich sind und Gemeinden, Schulen und Initiativen bei ihrer Friedensarbeit unterstützen.

Die Materialien der FriedensDekade sind dabei mehr als praktische Arbeitshilfen. Mit jeder Bestellung unterstützen Sie auch die kontinuierliche Arbeit der Ökumenischen FriedensDekade und helfen dabei, neue Impulse, Veranstaltungen und Angebote möglich zu machen.

Gemeinsam unterwegs für den Frieden

Gerade im Themenjahr „couragiert widerständig“ geht es darum, aufmerksam zu bleiben und Haltung zu zeigen. Kleine Impulse können helfen, innezuhalten, Fragen zu stellen und neue Perspektiven zu entdecken.

Der Weg ist neu. Die Botschaft bleibt.

Frieden wächst dort, wo Menschen sich verbinden, miteinander ins Gespräch kommen und den ersten Schritt wagen.

Abonnieren Sie jetzt die Friedensimpulse über Signal, WhatsApp oder Telegram:

https://wonderl.ink/@friedensdekade

Bleiben Sie auch über Instagram und den Friedensbrief mit der Ökumenischen FriedensDekade verbunden.

„Sei ein Mensch!“ – Predigt von Dr. Friederike F. Spengler zum Gedenken an Paul Schneider und Otto Neururer

Gedenken ist nie nur Rückblick. Wer an einem Ort wie Buchenwald innehält, stellt sich Fragen, die weit in die Gegenwart reichen: Was macht den Menschen aus? Und was bleibt von uns, wenn wir wegschauen?

Dr. Friederike F. Spengler, Regionalbischöfin im Bischofssprengel Erfurt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Friedensbotin 2026 der Ökumenischen FriedensDekade, hat diese Fragen bei einer Gedenkfeier zu Ehren von Paul Schneider und Otto Neururer aufgenommen. Die vollständige Predigt lesen Sie hier.

 


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott…

 

Liebe gedenkende Gemeinde,

Erinnerung. Gedenken. Die Uhr anhalten und hören, was die Zeit ansagt. Anhalten. Aushalten.

Dazu sind wir heute hier.

Gedenktage. Schon immer ein Spannungsfeld. Ideologisch überfrachtet und fortwährend in der Gefahr stehend, einseitig vereinnahmt zu werden. Auch das Gedenken an Menschen wie Paul Schneider und Otto Neururer.

Beide lehren uns, das Wort Gottes als Zuspruch und Anspruch an uns zu hören.

Für heute lese ich den Vers, den uns die Herrnhuter Losung als Wort für den Tag aufgibt. Ein Vers aus dem ersten Buch Mose, Genesis: Gott schuf sie als Mann und Frau und segnete sie und gab ihnen den Namen „Mensch“ (Gen 5,2).

Gerade für heute ein zentraler Satz! Gerade für heute, wo wir uns hier dem aussetzen, unbedingt aussetzen müssen, was es heißt, alles Menschliche zu verleugnen. Und dem nachdenken wollen, was es hieß, selbst in der menschengemachten Hölle Mensch zu sein und zu bleiben. Es zu riskieren, Mensch zu sein. In der Bibel heißt es weiter, dass sie einander erkannten: „Ach, das ist ja Fleisch von meinem Fleisch, Bein von meinem Bein!“ Ein Erkennen, was zu der Erkenntnis führt: In jedem Menschen mein eigen Fleisch und Blut zu erkennen. Das ist die Voraussetzung aller von uns geforderten Nächstenliebe. Und selbst die Voraussetzung für die uns zugemutete Feindesliebe. Den und die andere erkennen. Und sich in den Augen der und des anderen erkannt wissen. Als Schwester und Bruder. Als schwierige Menschen mitunter, als Herausforderung an unsere Toleranz, aber immer und unbedingt als Einander-Gleiche erkennend.

„Gott schuf sie als Mann und Frau“, heißt von Anfang an Zweierlei: Erstens, Mensch, erkenne, dass du dich nicht dir selbst verdankst. Auch wenn du durch das Einander-Erkennen ein Fleisch sein kannst und dir, hoffentlich aus Liebe und in Liebe, Nachkommen geboren werden, ist und bleibt es Gottes Sache und sein Werk, dass du und ich Menschen sind.

Und zweitens, Mensch, bedenke, dass dich Gott zu seinem Ebenbild erdacht und gemacht und berufen hat. Es ihm gleichzutun, als verantwortungsvoller Schöpfer, König und Herr Sorge zu tragen, dass das Leben gedeihen kann, das sei dein Auftrag. Und weil Er, dein Schöpfer, mit dir auf Augenhöhe geht, bist du zur Augenhöhe erhoben. Bist geadelt, deinen Mitgeschöpfen auf Augenhöhe zu begegnen.

„Sei ein Mensch!“, rief Marcel Reif anlässlich des Gedenkens an den Holocaust im Bundestag aus. Drei Worte wie ein Ausrufezeichen! Drei Worte, oft zitiert, die doch gar nicht oft genug wiederholt werden können.

 

Liebe Mitmenschen,

bei der Beschäftigung mit meiner eigenen Familiengeschichte zur Zeit der NS-Herrschaft und danach bin ich auf ein Tagungsbändchen zu einer Konferenz gestoßen, die im März 1965 hier in Weimar und auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald stattfand. Personen aus elf Ländern waren zu einer „Konferenz christlicher und jüdischer Persönlichkeiten“ geladen. Landesrabbiner und der Präsident der jüdischen Gemeinden in der DDR gehörten ebenso wie ostdeutsche Theologieprofessoren und eine -Professorin aus Jena und Berlin zu den Einladenden. Bischöfe und Kirchenpatriarchen trafen auf Staatssekretäre, Mitglieder des Staatsrates der DDR und Oberbürgermeister auf Pfarrer. Zwanzig Jahre nach der Befreiung wollte man den Schwur von Buchenwald aktualisieren.

Dabei viel Werbung für den Sozialismus, für die einzigartige, demokratische Republik im Osten Deutschlands. Beim Gang über das Gelände, auf dem wir auch heute stehen, dann die gegenseitige Versicherung, letztlich doch für dieselbe Sache angetreten zu sein.

Im Referat eines Dresdner Pfarrers, der nach der Wende als Stasispitzel enttarnt wurde, lese ich: „Eine Delegation aus unserm Kreise hat heute in der Zelle Paul Schneiders einen Kranz niedergelegt. Marxistische Freunde haben uns berichtet, dass sie durch den Opfergang unseres Bruders Paul Schneider uns besser verstehen gelernt haben. Der Leipziger Kommunist Hasso Grabner hat vom furchtbaren Tode Paul Schneiders berichtet und dabei erklärt: ‚Dein Tod legt unsere Hände ineinander.'“ (24)

Ein katholischer Redner zitiert Pater Alfred Delp, der im Februar 1945 in Plötzensee für seine Gradlinigkeit und christliche Courage ermordet wurde: „Beim Studium der Geschichte macht mich immer wieder die Tatsache traurig, dass wir sie erst nachher studieren. Zu einem guten Teil kann und müsste man sie vorher studieren. Man könnte und würde so der Menschheit viel Not und Leid ersparen.“ (27)

Beide Redner nutzen namentlich Paul Schneider und katholische Priester, und ich füge dazu, wie etwa Otto Neururer, um der Politik der DDR die einzig wahre Verantwortungsübernahme zu bescheinigen, die man sich als Lehre aus dem, wofür Buchenwald steht, vorzustellen vermag. Kein Wort davon, wie schwer es Opfergruppen auch hier hatten, Anerkennung ihres unsäglichen Leids zu erfahren. Kein Wort vom fortwährenden Antisemitismus, Antiziganismus und der Homophobie, die auch in der DDR reichlich gepflegt wurden.

Besonders gelegen kam der gastgebenden Regierung, dass zur selben Zeit im westlichen Teil der Republik die sogenannte „Verjährungsdebatte“ geführt wurde. Und gerade in ebendiesen Tagen im März 1965 die neue Rechtsprechung erging, nach der die Verjährung auf 1969 hinausgeschoben und später für die Ahndung von Mord bis 1979 angesetzt und für Völkermord jegliche Verjährungsfrist aufgehoben wurde. Im Tagungsband wird in zahlreichen Redebeiträgen diese Diskussion als Beweis dafür gelesen, dass der Schwur von Buchenwald für Teile Deutschlands, natürlich stets der jeweils andere Teil, bloßes Lippenbekenntnis sei.

Mit Blick auf unsere heutige Situation, dem erschreckenden Erstarken nationalistischer Ideale und rechtsextremer Gesinnung in Europa im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen, müssen wir allerdings feststellen, dass es nicht gelungen ist, das Gedankengut der NS-Herrschaft zu überwinden. Um es mit Bertolt Brecht zu sagen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

 

Liebe Gemeinde,

vor den Bunkerfenstern von Paul Schneider und Otto Neururer stehend, gedenken wir. Gedenken um unser selbst willen. Gedenken, um zu erkennen, was den Menschen ausmacht, wie er gemeint und wozu er aufgefordert ist.

Ich erkenne: Es waren immer nur Einzelne, die während der NS-Zeit Widerstand geleistet haben. Einzelne, die den Mut hatten, wirklich hinzuschauen, was geschah und was geschieht. Einzelne, die demütig genug waren, schon während des Krieges und kurz danach von eigener Schuld zu sprechen, von der Schuld der Kirche, von der Schuld der Deutschen.

Und ich ahne: Es werden immer nur Einzelne sein, die bereit sind, wirklich hinzuschauen, was geschieht, die offen, klar und dabei doch immer demütig über Schuld und auch über eigene Verstrickungen sprechen werden. Und ich will mir immer wieder, heute also erneut vornehmen, hinzuschauen, weil ich ahne, dass es auf dich, Bruder und Schwester, und auf mich ankommt. Stets ankommt. Heute und in Zukunft.

 

Gedenktage. Schon immer ein Spannungsfeld. Ideologisch überfrachtet und fortwährend in der Gefahr stehend, einseitig vereinnahmt zu werden. Auch das Gedenken an Menschen wie Paul Schneider und Otto Neururer.

Die „Konferenz christlicher und jüdischer Persönlichkeiten“ vom 17. und 18. März 1965 in Weimar und Buchenwald, deren Diskurse ich soeben abstrakt und ausgewählt und nur in einem ersten Überfliegen paraphrasiert habe, endete jedoch mit einer verpflichtenden Mahnung, der ich Sätze entnehme, die mir aktueller denn je erscheinen und die ich uns abschließend ans Herz legen möchte:

„In Buchenwald… sind wir, christliche und jüdische Bürger, zusammengetreten, vereint im Glauben an Gott, unseren Vater, der uns alle füreinander verantwortlich macht.“ Jahrzehntelang haben in Europa die Waffen geschwiegen. „Und doch ist kein Friede. Die Welt ohne Angst, die aus Leid und Qual der Verfolgung, aus Blut, Tränen und Trümmern des Krieges erstehen sollte, ist noch nicht verwirklicht. In ernster Sorge vor einer neuen Bedrohung der Menschheit und des friedlichen Zusammenlebens der Völker erklären wir: Die Verantwortung vor Gott, unserem Schöpfer, verpflichtet uns zur Verantwortung für das Leben. Gott will den Frieden. Der Krieg ist Folge menschlicher Sünde, die Gott nicht will. Darum wissen wir uns zu neuem Widerstand gerufen: zum Widerstand gegen jeden Versuch, Atomwaffen in deutsche Hände zu geben, zum Widerstand gegen jeden Missbrauch unseres Glaubens für Zwecke des Krieges oder der psychologischen Kriegsführung. Wir geloben an dieser Gedenkstätte, unbeirrbar für Verständigung der Menschen untereinander, für friedliche Zusammenarbeit und Freundschaft der Völker zu wirken. Wir rufen alle Menschen guten Willens: Verbündet Euch zum gemeinsamen Widerstand gegen Atomgefahr, gegen Rückfall in faschistisches Denken und gegen Missbrauch unseres Glaubens! Gemeinsames Handeln aller Menschen guten Willens und der Glaubenden Gebet retten den Frieden der Welt!“ (86)

Ich lese den Satz aus der heutigen Losung: „Gott schuf sie als Mann und Frau und segnete sie und gab ihnen den Namen ‚Mensch‘.“

Heute, hier und überall einander Mensch sein: Dazu helfe uns Gott.

Amen.

Und der Friede Gottes, höher als unsere Vernunft…

 


Die Predigt basiert auf einem 1965 in Weimar und Buchenwald verfassten Aufruf der „Konferenz christlicher und jüdischer Persönlichkeiten“, herausgegeben vom Nationalrat der Nationalen Front der DDR. Das Zitat von Bertolt Brecht stammt aus „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941).

Die Predigt zum Ausdrucken finden Sie im Mitgliederbereich.

Friedenspolitische Einordnung | Teil 6: Wenn der Staat sich zurückzieht: Hitze, Ungleichheit und die Frage nach Solidarität

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

Die Hitze Ende Juni in Deutschland, aber auch in Frankreich, hat die Menschen unterschiedlich betroffen – abhängig von Alter und Gesundheit, Wohnort und sozialer Lage, Art der Erwerbstätigkeit etc. Viele waren auf die Solidarität anderer angewiesen.

Ungleich verteilte Folgen

An diesem im wahrsten Sinne des Wortes Brennpunkt zeigen sich viele Probleme bzw. Herausforderungen. Die wachsende Schere in Einkommen, Bildung, sozialer Lage etc. wirkt sich sehr konkret aus: Während die Zahl der privaten Pools wächst, mussten viele kommunale Schwimmbäder schließen. Manche können mit Klimaanlagen oder Verreisen der Hitze entkommen, andere erkranken oder sterben an den Hitzefolgen.

Die aktuelle Politik – nicht nur in Deutschland – ist destruktiv: Öffentliche Mittel, die benötigt werden, um mit den Folgen der Erderhitzung auf den verschiedenen Ebenen (strukturell, Angebote für besonders betroffene Zielgruppen) reagieren zu können, werden immer weniger. Die soziale Umverteilung von unten nach oben wird fortgeführt. Und damit sind wir schnell bei der fehlenden Klimagerechtigkeit, bei uns im Land und weltweit.

Solidarität, die trägt

Manches kann durch solidarisches Handeln partiell aufgefangen werden. Auf der individuellen Ebene zeigen Untersuchungen, dass häufig gerade diejenigen solidarisch handeln, die vergleichsweise wenig haben. Proportional spenden Menschen mit geringem Einkommen deutlich mehr als reiche. Sehr Wohlhabende schirmen sich mit Stacheldraht und Sicherheitsdiensten ab, andere achten auf diejenigen, die in ihrem sozialen Umfeld wohnen.

Zivilgesellschaft füllt Lücken

Solidarisches Handeln erfolgt zudem auf zivilgesellschaftlicher Ebene, durch Initiativen, Kirchengemeinden, Einrichtungen der Wohlfahrtspflege, Nichtregierungsorganisationen. Sie füllen Lücken, in denen staatliche und internationale Institutionen versagen. Zumeist ist dies verbunden mit der Forderung, dass der Staat doch bitte seiner Fürsorgepflicht nachkommt und für mehr soziale Gerechtigkeit sorgt.

Und da sind wir leider schon wieder bei der aktuell destruktiven Politik: kritische Zivilgesellschaft ist lästig, auch für Wirtschaftslobby, Klüngel u. a., daher wird ihr das Leben schwergemacht – in Deutschland wie weltweit.

Sparpläne mit sozialer Schieflage

Die Regierung versucht gerade, viele Reformvorhaben auf die Spur zu setzen, die einerseits notwendig sind, andererseits eine soziale Schieflage haben. Bis Mitte Juli wird wohl die Bundesregierung ihre Eckpunkte für den Haushalt 2027 und die mittelfristige Finanzplanung vorlegen. Planungen zur Kürzung des Wohngeldes, weitere Pläne für Streichungen zu Lasten sozial Schwacher, Debatten über die Entwicklungszusammenarbeit – dies alles ist vermutlich ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns im Sommer erwartet.

Vielleicht kühlen Erfolge der deutschen Fußballnationalmannschaft der Herren die Gemüter ein wenig ab. Wir brauchen dringend eine Diskussion über die solidarische Funktion des Staates.


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

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