
„Sei ein Mensch!“ – Predigt von Dr. Friederike F. Spengler zum Gedenken an Paul Schneider und Otto Neururer
Gedenken ist nie nur Rückblick. Wer an einem Ort wie Buchenwald innehält, stellt sich Fragen, die weit in die Gegenwart reichen: Was macht den Menschen aus? Und was bleibt von uns, wenn wir wegschauen?
Dr. Friederike F. Spengler, Regionalbischöfin im Bischofssprengel Erfurt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Friedensbotin 2026 der Ökumenischen FriedensDekade, hat diese Fragen bei einer Gedenkfeier zu Ehren von Paul Schneider und Otto Neururer aufgenommen. Die vollständige Predigt lesen Sie hier.
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott…
Liebe gedenkende Gemeinde,
Erinnerung. Gedenken. Die Uhr anhalten und hören, was die Zeit ansagt. Anhalten. Aushalten.
Dazu sind wir heute hier.
Gedenktage. Schon immer ein Spannungsfeld. Ideologisch überfrachtet und fortwährend in der Gefahr stehend, einseitig vereinnahmt zu werden. Auch das Gedenken an Menschen wie Paul Schneider und Otto Neururer.
Beide lehren uns, das Wort Gottes als Zuspruch und Anspruch an uns zu hören.
Für heute lese ich den Vers, den uns die Herrnhuter Losung als Wort für den Tag aufgibt. Ein Vers aus dem ersten Buch Mose, Genesis: Gott schuf sie als Mann und Frau und segnete sie und gab ihnen den Namen „Mensch“ (Gen 5,2).
Gerade für heute ein zentraler Satz! Gerade für heute, wo wir uns hier dem aussetzen, unbedingt aussetzen müssen, was es heißt, alles Menschliche zu verleugnen. Und dem nachdenken wollen, was es hieß, selbst in der menschengemachten Hölle Mensch zu sein und zu bleiben. Es zu riskieren, Mensch zu sein. In der Bibel heißt es weiter, dass sie einander erkannten: „Ach, das ist ja Fleisch von meinem Fleisch, Bein von meinem Bein!“ Ein Erkennen, was zu der Erkenntnis führt: In jedem Menschen mein eigen Fleisch und Blut zu erkennen. Das ist die Voraussetzung aller von uns geforderten Nächstenliebe. Und selbst die Voraussetzung für die uns zugemutete Feindesliebe. Den und die andere erkennen. Und sich in den Augen der und des anderen erkannt wissen. Als Schwester und Bruder. Als schwierige Menschen mitunter, als Herausforderung an unsere Toleranz, aber immer und unbedingt als Einander-Gleiche erkennend.
„Gott schuf sie als Mann und Frau“, heißt von Anfang an Zweierlei: Erstens, Mensch, erkenne, dass du dich nicht dir selbst verdankst. Auch wenn du durch das Einander-Erkennen ein Fleisch sein kannst und dir, hoffentlich aus Liebe und in Liebe, Nachkommen geboren werden, ist und bleibt es Gottes Sache und sein Werk, dass du und ich Menschen sind.
Und zweitens, Mensch, bedenke, dass dich Gott zu seinem Ebenbild erdacht und gemacht und berufen hat. Es ihm gleichzutun, als verantwortungsvoller Schöpfer, König und Herr Sorge zu tragen, dass das Leben gedeihen kann, das sei dein Auftrag. Und weil Er, dein Schöpfer, mit dir auf Augenhöhe geht, bist du zur Augenhöhe erhoben. Bist geadelt, deinen Mitgeschöpfen auf Augenhöhe zu begegnen.
„Sei ein Mensch!“, rief Marcel Reif anlässlich des Gedenkens an den Holocaust im Bundestag aus. Drei Worte wie ein Ausrufezeichen! Drei Worte, oft zitiert, die doch gar nicht oft genug wiederholt werden können.
Liebe Mitmenschen,
bei der Beschäftigung mit meiner eigenen Familiengeschichte zur Zeit der NS-Herrschaft und danach bin ich auf ein Tagungsbändchen zu einer Konferenz gestoßen, die im März 1965 hier in Weimar und auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald stattfand. Personen aus elf Ländern waren zu einer „Konferenz christlicher und jüdischer Persönlichkeiten“ geladen. Landesrabbiner und der Präsident der jüdischen Gemeinden in der DDR gehörten ebenso wie ostdeutsche Theologieprofessoren und eine -Professorin aus Jena und Berlin zu den Einladenden. Bischöfe und Kirchenpatriarchen trafen auf Staatssekretäre, Mitglieder des Staatsrates der DDR und Oberbürgermeister auf Pfarrer. Zwanzig Jahre nach der Befreiung wollte man den Schwur von Buchenwald aktualisieren.
Dabei viel Werbung für den Sozialismus, für die einzigartige, demokratische Republik im Osten Deutschlands. Beim Gang über das Gelände, auf dem wir auch heute stehen, dann die gegenseitige Versicherung, letztlich doch für dieselbe Sache angetreten zu sein.
Im Referat eines Dresdner Pfarrers, der nach der Wende als Stasispitzel enttarnt wurde, lese ich: „Eine Delegation aus unserm Kreise hat heute in der Zelle Paul Schneiders einen Kranz niedergelegt. Marxistische Freunde haben uns berichtet, dass sie durch den Opfergang unseres Bruders Paul Schneider uns besser verstehen gelernt haben. Der Leipziger Kommunist Hasso Grabner hat vom furchtbaren Tode Paul Schneiders berichtet und dabei erklärt: ‚Dein Tod legt unsere Hände ineinander.'“ (24)
Ein katholischer Redner zitiert Pater Alfred Delp, der im Februar 1945 in Plötzensee für seine Gradlinigkeit und christliche Courage ermordet wurde: „Beim Studium der Geschichte macht mich immer wieder die Tatsache traurig, dass wir sie erst nachher studieren. Zu einem guten Teil kann und müsste man sie vorher studieren. Man könnte und würde so der Menschheit viel Not und Leid ersparen.“ (27)
Beide Redner nutzen namentlich Paul Schneider und katholische Priester, und ich füge dazu, wie etwa Otto Neururer, um der Politik der DDR die einzig wahre Verantwortungsübernahme zu bescheinigen, die man sich als Lehre aus dem, wofür Buchenwald steht, vorzustellen vermag. Kein Wort davon, wie schwer es Opfergruppen auch hier hatten, Anerkennung ihres unsäglichen Leids zu erfahren. Kein Wort vom fortwährenden Antisemitismus, Antiziganismus und der Homophobie, die auch in der DDR reichlich gepflegt wurden.
Besonders gelegen kam der gastgebenden Regierung, dass zur selben Zeit im westlichen Teil der Republik die sogenannte „Verjährungsdebatte“ geführt wurde. Und gerade in ebendiesen Tagen im März 1965 die neue Rechtsprechung erging, nach der die Verjährung auf 1969 hinausgeschoben und später für die Ahndung von Mord bis 1979 angesetzt und für Völkermord jegliche Verjährungsfrist aufgehoben wurde. Im Tagungsband wird in zahlreichen Redebeiträgen diese Diskussion als Beweis dafür gelesen, dass der Schwur von Buchenwald für Teile Deutschlands, natürlich stets der jeweils andere Teil, bloßes Lippenbekenntnis sei.
Mit Blick auf unsere heutige Situation, dem erschreckenden Erstarken nationalistischer Ideale und rechtsextremer Gesinnung in Europa im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen, müssen wir allerdings feststellen, dass es nicht gelungen ist, das Gedankengut der NS-Herrschaft zu überwinden. Um es mit Bertolt Brecht zu sagen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“
Liebe Gemeinde,
vor den Bunkerfenstern von Paul Schneider und Otto Neururer stehend, gedenken wir. Gedenken um unser selbst willen. Gedenken, um zu erkennen, was den Menschen ausmacht, wie er gemeint und wozu er aufgefordert ist.
Ich erkenne: Es waren immer nur Einzelne, die während der NS-Zeit Widerstand geleistet haben. Einzelne, die den Mut hatten, wirklich hinzuschauen, was geschah und was geschieht. Einzelne, die demütig genug waren, schon während des Krieges und kurz danach von eigener Schuld zu sprechen, von der Schuld der Kirche, von der Schuld der Deutschen.
Und ich ahne: Es werden immer nur Einzelne sein, die bereit sind, wirklich hinzuschauen, was geschieht, die offen, klar und dabei doch immer demütig über Schuld und auch über eigene Verstrickungen sprechen werden. Und ich will mir immer wieder, heute also erneut vornehmen, hinzuschauen, weil ich ahne, dass es auf dich, Bruder und Schwester, und auf mich ankommt. Stets ankommt. Heute und in Zukunft.
Gedenktage. Schon immer ein Spannungsfeld. Ideologisch überfrachtet und fortwährend in der Gefahr stehend, einseitig vereinnahmt zu werden. Auch das Gedenken an Menschen wie Paul Schneider und Otto Neururer.
Die „Konferenz christlicher und jüdischer Persönlichkeiten“ vom 17. und 18. März 1965 in Weimar und Buchenwald, deren Diskurse ich soeben abstrakt und ausgewählt und nur in einem ersten Überfliegen paraphrasiert habe, endete jedoch mit einer verpflichtenden Mahnung, der ich Sätze entnehme, die mir aktueller denn je erscheinen und die ich uns abschließend ans Herz legen möchte:
„In Buchenwald… sind wir, christliche und jüdische Bürger, zusammengetreten, vereint im Glauben an Gott, unseren Vater, der uns alle füreinander verantwortlich macht.“ Jahrzehntelang haben in Europa die Waffen geschwiegen. „Und doch ist kein Friede. Die Welt ohne Angst, die aus Leid und Qual der Verfolgung, aus Blut, Tränen und Trümmern des Krieges erstehen sollte, ist noch nicht verwirklicht. In ernster Sorge vor einer neuen Bedrohung der Menschheit und des friedlichen Zusammenlebens der Völker erklären wir: Die Verantwortung vor Gott, unserem Schöpfer, verpflichtet uns zur Verantwortung für das Leben. Gott will den Frieden. Der Krieg ist Folge menschlicher Sünde, die Gott nicht will. Darum wissen wir uns zu neuem Widerstand gerufen: zum Widerstand gegen jeden Versuch, Atomwaffen in deutsche Hände zu geben, zum Widerstand gegen jeden Missbrauch unseres Glaubens für Zwecke des Krieges oder der psychologischen Kriegsführung. Wir geloben an dieser Gedenkstätte, unbeirrbar für Verständigung der Menschen untereinander, für friedliche Zusammenarbeit und Freundschaft der Völker zu wirken. Wir rufen alle Menschen guten Willens: Verbündet Euch zum gemeinsamen Widerstand gegen Atomgefahr, gegen Rückfall in faschistisches Denken und gegen Missbrauch unseres Glaubens! Gemeinsames Handeln aller Menschen guten Willens und der Glaubenden Gebet retten den Frieden der Welt!“ (86)
Ich lese den Satz aus der heutigen Losung: „Gott schuf sie als Mann und Frau und segnete sie und gab ihnen den Namen ‚Mensch‘.“
Heute, hier und überall einander Mensch sein: Dazu helfe uns Gott.
Amen.
Und der Friede Gottes, höher als unsere Vernunft…
Die Predigt basiert auf einem 1965 in Weimar und Buchenwald verfassten Aufruf der „Konferenz christlicher und jüdischer Persönlichkeiten“, herausgegeben vom Nationalrat der Nationalen Front der DDR. Das Zitat von Bertolt Brecht stammt aus „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941).
Die Predigt zum Ausdrucken finden Sie im Mitgliederbereich.
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