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Schlagwort: Gewaltfreiheit

Rosa Parks – Die Frau, die sitzen blieb

Biographie einer Friedenspionierin
Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

 

„People always say that I didn’t give up my seat because I was tired, but that isn’t true. No, the only tired I was, was tired of giving in.“ (Die Menschen sagen immer, ich habe meinen Sitzplatz nicht aufgegeben, weil ich müde war. Aber das stimmt nicht. Das Einzige, wessen ich müde war, war das Nachgeben.)

 

Rosa Parks (USA, 1913–2005) sprach aus bitterer Erfahrung. Montgomery, Alabama, 1. Dezember 1955. Nach einem langen Arbeitstag setzt sie sich in den Stadtbus. Als ein weißer Fahrgast keinen Platz findet, fordert der Fahrer sie auf aufzustehen. Rosa Parks bleibt sitzen. Sie wird verhaftet.

Was darauf folgt, verändert die Geschichte der Vereinigten Staaten. Aber Rosa Parks war weder erschöpft noch handelte sie spontan. Sie war eine geschulte Aktivistin, die genau wusste, was sie tat. Und sie war bereit, den Preis dafür zu zahlen.

In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Im Juli zeigte uns Leymah Gbowee, dass Frieden von unten wächst. Im Juni zeigte uns Rigoberta Menchú Tum, dass Würde unteilbar ist. Rosa Parks verbindet beides: Sie zeigt, dass ziviler Ungehorsam keine Schwäche ist, sondern Ausdruck einer tiefen inneren Haltung.

Eine Frau, die schon lange widerstand

Rosa Louise McCauley wurde 1913 in Tuskegee, Alabama, geboren. Die sogenannten Jim-Crow-Gesetze regelten, wo Schwarze sitzen, essen, trinken und zur Schule gehen durften. Widerspruch konnte das Leben kosten.

Rosa Parks kannte diese Realität von Kindheit an. Sie heiratete Raymond Parks, Mitglied der NAACP, organisierte Wählerregistrierungen und dokumentierte Fälle rassistischer Gewalt. 1955 besuchte sie die Highlander Folk School in Tennessee, eine Bildungsstätte für gewaltfreien Widerstand. Was am 1. Dezember 1955 geschah, war kein Zufall. Es war der Moment, in dem eine Frau mit jahrzehntelanger Erfahrung sagte: Jetzt. Hier. Nicht mehr.

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Der Abend, der eine Bewegung auslöste

Rosa Parks wurde verhaftet, angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Noch in derselben Nacht druckte Jo Ann Robinson über 35.000 Flugblätter: Boykottiert die Busse. Fahrt am Montag nicht.

Am 5. Dezember 1955 blieben die Busse fast leer. Der Boykott, der einen Tag dauern sollte, dauerte 381 Tage. Die Gemeinschaft organisierte Fahrgemeinschaften, lief zu Fuß und trug die Einbußen gemeinsam. Am 13. November 1956 erklärte der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in Bussen für verfassungswidrig. Der Preis war hoch: Rosa Parks verlor ihre Arbeit, ihr Mann ebenfalls. Sie mussten Montgomery verlassen.

Ziviler Ungehorsam als Glaubenspraxis

Rosa Parks war tief in ihrer Kirchengemeinde verwurzelt. Die Schwarze Kirche in den Südstaaten war nicht nur Ort der Andacht, sondern Rückgrat der Bürgerrechtsbewegung. Für Rosa Parks war Widerstand gegen Ungerechtigkeit kein politisches Kalkül, sondern ein Gebot des Gewissens. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Jeder Mensch trägt unantastbare Würde. Ein Gesetz, das diese Würde verletzt, hat keine moralische Grundlage.

Das Jahresmotto der ökumenischen FriedensDekade 2026 erinnert an die hebräischen Hebammen Schifra und Pua (Exodus 1), die sich dem Tötungsbefehl des Pharaos widersetzten. Rosa Parks steht in genau dieser Tradition: Wenn das Gesetz die Würde von Menschen verletzt, ist Ungehorsam keine Rebellion, sondern Treue zu einer höheren Ordnung.


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Fragen zur Reflexion

  • Widerspruch vorbereiten: Rosa Parks handelte nicht spontan, sondern aus jahrzehntelangem Engagement heraus. Welche innere Vorbereitung braucht es, um in einem entscheidenden Moment Haltung zu zeigen?
  • Gemeinschaft tragen: Der Busboykott funktionierte, weil eine ganze Gemeinschaft mitzog. Wo in Ihrer Umgebung gibt es Ansätze gemeinsamer Widerständigkeit, die Unterstützung brauchen?
  • Würde schützen: Rosa Parks verstand Gleichwürdigkeit als biblisches Gebot. Welche Strukturen in Ihrer Umgebung verletzen die Würde von Menschen, ohne dass es als Unrecht wahrgenommen wird?

 

Gebet

Gott der Würde, danke für Menschen wie Rosa Parks, die nicht nachgaben.
Gib uns Mut, für die Würde des Nächsten einzustehen, auch wenn es uns etwas kostet.
Amen.

 


Couragiert widerständig, wie Rosa Parks.
Für eine Welt, in der die Würde aller Menschen geachtet wird.


 

Quellen und zum Weiterlesen

Rosa Parks mit Jim Haskins: „Rosa Parks: My Story“ (1992)

Jeanne Theoharis: „The Rebellious Life of Mrs. Rosa Parks“ (2013)

Library of Congress: Rosa Parks Papers – www.loc.gov

Häufig gestellte Fragen

Wer ist Rosa Parks?

Rosa Parks (1913–2005) war eine US-amerikanische Bürgerrechtlerin. Ihre Weigerung, ihren Busplatz in Montgomery (Alabama) im Jahr 1955 an einen weißen Fahrgast abzugeben, löste den historischen Busboykott aus und gilt als Meilenstein der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Warum war Rosa Parks „couragiert widerständig“?

Weil ihr ziviler Ungehorsam das Resultat eines jahrelangen, bewussten Kampfes gegen Rassismus und Unterdrückung war. Sie nahm Verhaftung, Jobverlust und Bedrohungen in Kauf, um für die unantastbare Würde und Gleichberechtigung Schwarzer Menschen einzustehen.

Was bewirkte der Montgomery Bus Boykott?

Der von der Gemeinschaft getragene Boykott dauerte 381 Tage an und führte schließlich dazu, dass der Oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehr für verfassungswidrig erklärte.

Wo kann ich das Buch und die Langversionen erhalten?

Die vollständige Geschichte dieses Mutes und alle Porträts der Ausstellung finden Sie im gedruckten Buch „Frauen des Friedens“. Die vertiefenden Langversionen der Episoden stehen exklusiv im Mitgliederbereich der Ökumenischen FriedensDekade als PDF zum Download bereit. Sowohl das Buch als auch die Materialien zur Ausstellung können direkt über den Shop der FriedensDekade erworben werden.

 

 

 

Friedenspolitische Einordnung | Teil 5: Zwischen Aufrüstung und Aufklärung

Wenn Sicherheitspolitik sich verschiebt

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

 

In Deutschland erleben wir auf verschiedenen Ebenen eine schleichende Militarisierung. Zuletzt stellte der Bundesinnenminister neue Planungen für den Bevölkerungsschutz vor – mit deutlichem Vorrang auf Maßnahmen im Kriegsfall. Die Auswirkungen betreffen letztlich alle, nicht zuletzt durch die entsprechende Priorisierung im Bundeshaushalt.

 

Die Eckwerte der Bundesregierung sehen beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung weitere Kürzungen von mindestens sechs Prozent vor. Betroffen sein dürften unter anderem der entwicklungspolitische Freiwilligendienst weltwärts und vermutlich auch der Zivile Friedensdienst – während für die Bundeswehr erheblich mehr Mittel vorgesehen sind.

 

Politisch wird das als Sachzwang dargestellt: Die weltweiten Krisen und Kriege bedrohten unsere Sicherheit, weshalb militärischer Schutz notwendig sei. Von Russland geht eine reale militärische Bedrohung für europäische NATO-Mitgliedsstaaten aus, für die Europa auch ohne den Beistand der USA gewappnet sein müsse. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

 

Gleichzeitig bleibt es schwierig, diese Art einer Zeitenwende zu hinterfragen und überzeugende Alternativen aufzuzeigen. Wer den Umfang militärischer Verteidigungsfähigkeit zur Debatte stellt, braucht Friedensgeschichten, die auf die aktuelle Lage wirklich antworten, das wird eines der zentralen Themen der AGDF-Fachwerkstatt Friedensbotschaften im Februar 2027 sein.

 

So bleibt in einem erheblichen Teil der Bevölkerung eine latente Unzufriedenheit mit der Sicherheitspolitik und viel Verunsicherung. Protest lässt sich kaum organisieren – am ehesten noch durch Kreise, mit denen wir keine gemeinsame Sache machen wollen.

 

Was bleibt, ist eine Aufgabe, die wichtiger geworden ist als seit langem: eine längerfristig angelegte Aufklärungs- und Friedensbildungsarbeit. Sie braucht langen Atem – und sie lohnt ihn.

 


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

Rigoberta Menchú Tum – Stimme der Geächteten und Hüterin der Erde

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„Peace is not only the absence of war; as long as there is poverty, racism, discrimination and exclusion, we could hardly achieve a world of peace.“ (Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg; solange es Armut, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung gibt, können wir schwerlich eine Welt des Friedens erreichen.)

Rigoberta Menchú Tum (Guatemala, geboren 1959) sprach aus bitterer Erfahrung. Ihr Vater starb 1980 beim Brand der spanischen Botschaft in Guatemala-Stadt, ihre Mutter und ihr Bruder wurden vom Militär ermordet. Das Schicksal ihrer Familie war kein Einzelschicksal. Es war das kollektive Trauma des Maya-K’iche‘-Volkes, das eine Militärdiktatur mit systematischer Gewalt verfolgte.

In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Mit Wangari Maathai haben wir im April gezeigt, dass Schöpfungsbewahrung Friedensarbeit ist. Mit Leymah Gbowee im Mai, dass Frieden von unten wächst. Mit Rigoberta Menchú Tum schließen wir den Schwerpunkt „Schöpfung & Gerechtigkeit“: Wer die Erde raubt, raubt auch das Leben.

Das Buch, das die Welt aufweckte

Im Exil in Mexiko erkannte Rigoberta Menchú: Das wirksamste Mittel des Unrechts ist das Schweigen der Weltöffentlichkeit. 1982 diktierte sie der Anthropologin Elisabeth Burgos ihre Lebensgeschichte. Das daraus entstandene Buch „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ gab dem namenlosen Sterben in den Bergen Guatemalas erstmals ein Gesicht.

Als indigene Frau, der die koloniale Gesellschaft jegliches Recht auf Sprache abgesprochen hatte, brach sie das Schweigen, das die Diktatur ihren Opfern auferlegt hatte. Jahre später stellte ein Anthropologe einzelne Angaben des Buches in Frage. Menchú räumte ein, Erlebnisse anderer in ihre eigene Erzählung eingewoben zu haben, um das kollektive Schicksal ihres Volkes sichtbar zu machen. Sie ließ sich davon nicht beirren. Die Massaker hatten stattgefunden. Die Erde war geraubt worden. Die Menschen waren tot.

Sie reiste von Land zu Land, sprach vor den Vereinten Nationen und organisierte den gewaltfreien Widerstand aus dem Exil. 1992, genau 500 Jahre nach der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika, erhielt sie den Friedensnobelpreis.

Spendenaufruf FriedensDekade 2026
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Schöpfung als Lebensgrundlage

Für das Volk der Maya ist die Erde kein Spekulationsobjekt. Sie ist spirituelle Heimat und Lebensgrundlage. Der Raub des Landes durch Großgrundbesitzer war deshalb nicht nur wirtschaftliches Unrecht. Es war ein Angriff auf die Würde eines ganzen Volkes und auf die Schöpfung selbst.

Menchú zeigt: Umweltzerstörung, Rassismus und Gewalt sind eng verbunden. Wer den Boden ausbeutet, beutet auch die Menschen aus, die auf ihm leben. Diese Erkenntnis verbindet sich mit dem biblischen Auftrag aus Genesis 2,15: die Erde bebauen und bewahren, nicht ausbeuten und zerstören.

Inmitten von Verlust und Bedrohung bewahrte sie den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2. Timotheus 1,7). Sie verfiel nicht der Spirale der Gegengewalt, sondern setzte auf das Wort, auf das Recht und auf die Hoffnungskraft einer besseren Zukunft.

Was Rigoberta uns heute sagt

Weltweit werden Umweltaktivistinnen und Aktivisten sowie indigene Gemeinschaften bedroht, wenn sie sich der Ausbeutung der Natur entgegenstellen. Rigobertas Botschaft bleibt dringend: Frieden entsteht nicht durch militärische Absicherung allein. Frieden setzt Gerechtigkeit voraus, die Bewahrung der Schöpfung und den Respekt vor der Würde des Nächsten.

Ihr Leben fordert uns auf, das Schweigen zu brechen, wo Unrecht geschieht, und unseren eigenen Wohlstand zu hinterfragen.

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Fragen zur Reflexion:

Rigoberta Menchú sieht den Frieden gefährdet, solange Armut, Diskriminierung und Umweltzerstörung existieren. Wo sehen Sie in Ihrem Alltag den Zusammenhang zwischen ökologischer Zerstörung und gesellschaftlichem Unfrieden?

Menchú brach das Schweigen über die Verbrechen in ihrem Heimatland unter Lebensgefahr. In welchen Bereichen Ihrer Gemeinde nehmen Sie ein lähmendes Schweigen wahr, das durch couragierten Widerstand gebrochen werden müsste?

Trotz des Verlusts ihrer engsten Angehörigen lehnte Menchú die Logik der Rache ab. Was gibt uns die Kraft, in Konflikten nicht mit Gegengewalt zu reagieren, sondern für das Recht einzutreten?

Gebet: Gott der Gerechtigkeit, danke für Menschen wie Rigoberta Menchú, die das Schweigen brachen und für die Würde ihres Volkes eintraten. Gib uns Mut, die Schöpfung zu bewahren und die Stimme zu erheben, wo Unrecht geschieht. Amen.

 


Couragiert widerständig, wie Rigoberta Menchú Tum.
Für eine Welt, in der die Würde aller Völker geachtet und die Schöpfung bewahrt wird.


Quellen und zum Weiterlesen:

Rigoberta Menchú / Elisabeth Burgos: „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ (1983)
Rigoberta Menchú: „Die Enkel der Maya. Das Überleben der indigenen Kulturen Guatemalas“ (1998)
Fundación Rigoberta Menchú Tum: www.menchutum.org

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer ist Rigoberta Menchú Tum?

Rigoberta Menchú Tum (geboren 1959) ist eine guatemaltekische Menschenrechtsaktivistin und indigene Maya-K’iche‘-Frau. Sie kämpfte unermüdlich gegen die systematische Verfolgung und Auslöschung ihres Volkes durch die Militärdiktatur und erhielt dafür 1992 den Friedensnobelpreis.

Warum war Rigoberta Menchú Tum „couragiert widerständig“?

Weil sie trotz schwerster persönlicher Schicksalsschläge – der Ermordung ihrer Familienangehörigen – das weltweite Schweigen über die Verbrechen in Guatemala brach. Sie setzte sich konsequent für die Rechte der indigenen Bevölkerung, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Schöpfung ein.

Was ist die Reihe „Frauen des Friedens“?

„Frauen des Friedens“ ist die biographische Kernreihe zur Ökumenischen FriedensDekade 2026 unter dem Jahresmotto „couragiert widerständig“. Sie stellt zwölf außergewöhnliche Pionierinnen vor, die sich in unterschiedlichen Epochen und Konflikten gegen Unrecht, Krieg und Zerstörung gestellt haben.

Wo gibt es die Ausstellung und das Buch dazu?

Die vollständigen Porträts und Geschichten sind im gedruckten Begleitbuch „Frauen des Friedens“ sowie als Plakate für die begleitende Ausstellung erhältlich. Vertiefende Langversionen als PDFs stehen im Mitgliederbereich bereit. Alle Materialien und das Buch können direkt über den Shop der Ökumenischen FriedensDekade bezogen werden.

 

Friedensbotin 2026 Friederike Spengler: „Nur Friede ist der Weg zum Frieden“

Hinweis: Dieser Text basiert auf einem Radiobeitrag von MDR KULTUR. Das Gespräch mit Friederike Spengler führte Journalist Michael Hollenbach.

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Friederike Spengler, evangelische Regionalbischöfin im Sprengel Erfurt und Friedensbotin der Ökumenischen FriedensDekade 2026, spricht klar aus, was für sie als Christin unverhandelbar ist: Frieden ist kein Fernziel, das man mit militärischen Mitteln erreicht. Frieden ist der Weg selbst.

„Friede ist das Ziel und deshalb muss Friede auch der Weg sein. Ich sehe nicht, dass der Krieg der Weg zu Frieden ist, und ich sehe, dass nur Friede der Weg zu Frieden ist.“

Angesichts der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und weiteren Regionen benennt Spengler eine Gefahr, die sie für ebenso ernst hält wie die Kriege selbst: die schleichende Gewöhnung. Eine Gesellschaft, die Krieg als unvermeidliche Realität hinnimmt, verliert die Sensibilität für das Leid der Betroffenen und die Bereitschaft, friedliche Wege zu suchen.

Kontroversen in den Kirchen

Spenglers konsequent pazifistische Haltung steht nicht unwidersprochen. Die EKD hat in einer Denkschrift von 2024 auch militärische Gewalt in Extremsituationen als legitim anerkannt. Spengler kritisiert daran besonders zwei Verschiebungen: die zunehmende politische Relativierung nuklearer Abschreckung sowie die Streichung des Passus, der den unbewaffneten Dienst als „deutliches Zeichen der Friedensbotschaft Jesu Christi“ bezeichnet hatte. „Das ist für mich sehr schmerzhaft“, sagt sie.

Auch Cesare Zocconi, Generalsekretär der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio, mahnt: „Wir dürfen uns nicht an den Krieg gewöhnen.“ Der Blick müsse auf die Opfer gerichtet bleiben – sie geben Zeugnis davon, was Krieg wirklich bedeutet.

Missbrauch des Glaubens

Spengler warnt ausdrücklich davor, Religion zur Legitimation von Gewalt zu nutzen – sei es durch den russisch-orthodoxen Patriarchen, evangelikale Stimmen in den USA oder die Mullahs im Iran:

„Ich sehe, dass das ein Missbrauch an Religion ist – der Name Gottes wird dafür missbraucht, was Menschen für diese Situation wollen. Das ist nicht das, was ich in den Schriften lese. In keiner der Schriften.“

Engagement aus Überzeugung

Friederike Spengler schöpft ihr Friedens-Engagement aus der biblischen Botschaft – und sie tut es in einer Zeit, in der diese Haltung in kirchlichen wie gesellschaftlichen Debatten zunehmend unter Druck steht. Genau deshalb ist sie Friedensbotin 2026.

Radiobeitrag mit Friederike Spengler (MDR KULTUR)

Krieg ist keine Konstante

Zivile Konfliktbearbeitung: Das unterschätzte Fundament des Friedens

Wer die ersten beiden Teile dieser Serie gelesen hat, kennt das Dilemma: Sicherheit mit oder gegen andere? Ein Versprechen von 1945, das zunehmend erodiert. Bleibt die Frage: Was ist die Alternative?

Es gibt sie, doch sie wird systematisch kleingehalten.

Zivile Konfliktbearbeitung, also die Umwandlung gewaltsamer Konflikte in verhandelbare Prozesse durch Mediation, Diplomatie und den Aufbau von Dialogstrukturen, ist keine romantische Idee, sondern erprobte Praxis. Martina Fischer, Politikwissenschaftlerin und langjährige Mitarbeiterin der Berghof Stiftung, zeigt das im Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten„ mit erfrischender Nüchternheit.

Was zivile Arbeit konkret leistet

Die Beispiele sind zahlreich, in der Öffentlichkeit aber oft wenig bekannt. Die Gemeinschaft Sant’Egidio begleitete etwa in Mosambik, Guatemala und dem Südsudan Friedensprozesse, die ohne sie wohl nie zustande gekommen wären. Der Zivile Friedensdienst entsendet heute rund 380 Fachkräfte in 45 Länder. Sie bauen Dialogstrukturen auf, vernetzen Friedensinitiativen und begleiten Betroffene vor Ort. Nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Geduld und dem sprichwörtlich langen Atem der Friedensarbeit.

Wer wissen möchte, wie diese Arbeit konkret aussieht und wie man sie stärken kann, findet im Band eine fundierte Einordnung. (Wir haben noch einige Exemplare in unserem Onlineshop).

Chronisch unterfinanziert und unterschätzt

Und dennoch bleibt diese Arbeit chronisch unterfinanziert. Martina Fischer benennt das Problem klar: Während die globalen Militärausgaben 2024 einen neuen Rekordwert erreichten, wurden die Budgets für zivile Konfliktbearbeitung, Entwicklung und humanitäre Hilfe drastisch gekürzt. Dabei kommt eine aktuelle Studie des Global Public Policy Institute zu dem Schluss, dass Prävention unterm Strich deutlich weniger menschliche und ökonomische Kosten verursacht als das nachträgliche Intervenieren in hocheskalierte Krisen.

Dass dennoch nicht hier investiert wird, ist keine Frage fehlender Beweise. Es ist eine politische Entscheidung. Dieselbe, die wir in den Artikeln 1 und 2 beschrieben haben: Stärke vor Recht, Konfrontation vor Kooperation.

Was die Menschheit kann und was sie vergisst

Jan Gildemeister, Geschäftsführer der AGDF und Mitherausgeber des Bandes, erinnert in seiner aktuellen friedenspolitischen Einordnung daran, dass die Menschheit über Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt hat. Kriegerische Auseinandersetzungen sind keine anthropologische Konstante, sondern eine historische Fehlentwicklung. Die Fähigkeit zur Kooperation und zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung ist also nicht verloren. Sie wird derzeit nur schlicht nicht gefördert.

Genau hier setzt unsere Buch-Serie und der Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ an, den die AGDF vorgelegt hat.

Ein langer Atem, der sich lohnt

Couragiert widerständig zu sein bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu schließen. Es bedeutet, die Möglichkeiten zu sehen, die in ihr stecken. Zivile Konfliktbearbeitung wirkt dort, wo sie konsequent gefördert und finanziert wird. Sie verändert, wie Konflikte ausgetragen werden und wie Frieden entsteht. Das ist keine naive Antwort auf harte geopolitische Fragen, sondern die tägliche Erfahrung derer, die diese Arbeit vor Ort leisten.

Mit diesem Teil schließen wir unsere Buch-Serie ab. Alle Artikel sind auf unserer Website nachzulesen, und das Buch ist weiterhin in unserem Shop erhältlich.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav.

 

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