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Schlagwort: Gewaltfreiheit

„Frieden ist möglich!“ – Predigt unserer Friedensbotin 2026 Dr. Friederike F. Spengler

Unter dem Jahresthema „couragiert widerständig“ setzt die Ökumenische FriedensDekade 2026 Zeichen für Zivilcourage, Gewaltfreiheit und politische Sprachfähigkeit. In einer Zeit, in der Aufrüstung oft als alternativlos dargestellt wird und die Sprache des Krieges den öffentlichen Diskurs prägt, fragen wir: Wo finden wir Halt? Woran halten wir uns fest?

Unsere Friedensbotin 2026, Bischöfin Dr. Friederike F. Spengler, weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, für den Frieden Haltung zu zeigen: Bereits 1982 war sie als 14-Jährige in der Nikolaikirche Leipzig dabei, als die FriedensDekade unter den Augen der Staatssicherheit ihren Anfang nahm.

Anlässlich des Festgottesdienstes zur Wieder-Indienstnahme und Namensgebung der neuen „Friedenskirche“ im Ortsteil Aue am Berg (Saalfeld) hielt sie am 26. Juli 2026 die folgende Festpredigt zu Jesaja 2,1–5. Wir dokumentieren ihre Worte sowie die Liturgie zur Benennung der Kirche im Wortlaut.

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Frieden ist möglich!

Predigt zur Ersten Schriftlesung aus Jesaja 2,1-5

Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem.

2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, feststehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen,

3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem

4 Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Gnade sei mit Euch…

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder,

heute lesen wir uns den Predigttext vom Ende her ins Leben: „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“ Also, auf, Gemeinden, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“ Vielleicht denkt Ihr jetzt im Stillen: Wenn das nur so einfach wäre!

Was uns daran hindert, gleich damit zu beginnen, sind wohl unsere tagtäglichen Erfahrungen. Und die, da brauchen wir gar nicht lange nachzudenken, widersprechen dem Bild vom Frieden, wie es uns die Bibel vorhält.

Der Prophet Jesaja denkt und spricht ganz konkret von Jerusalem. Damals bereits eine Multi-Kulti-Stadt und Zentrum des Judentums. Heute ist Jerusalem Zentrum mehrerer Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Und bereits der Name der Stadt ist Programm: hebräisch übesetzt „Gründung des Gottes ‚Schalem‘“. Ihr kennt das Wort „Schalom“, Friede, also: „Stadt von Gottes Frieden.“ Dieser Umstand macht Jerusalem zur „Heiligen Stadt“. So heißt sie bei Juden, Christen und Muslimen, und El Quds, „die Heilige“ heißt sie auf Arabisch. Jede der Religionen erhebt Anspruch auf die Stadt. Keiner kann sich vorstellen, dass es Frieden geben könnte, wenn die jeweils Anderen in Jerusalem das Sagen hätten. Nun sind in der Gegenwart Vertreter aller drei Religionen dort und es geht alles andere als friedlich zu. Jeder beansprucht die Heilige Stadt letztlich für sich, die jeweils Anderen werden in einer Art „Burgfrieden“ mehr oder weniger geduldet. Und was seit dem 7. Oktober 2023 in Stadt und Land los ist, kann man sich unfriedlicher kaum vorstellen…Was sich in Jerusalem, ja momentan im ganzen Nahen Osten zeigt, ist wie ein Blick durch einen Brennspiegel auf die Welt.

Seit 81 Jahren lebt Deutschland in Frieden. Und ebenso ergeht es vielen unserer Nachbarländer. Seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine haben wir allerdings eine Ahnung davon, dass unser Frieden alles andere als selbstverständlich, vielmehr großes Glück, ja, ein Geschenk ist!

Ganz zu schweigen von anderen Teilen der Welt. Es gibt Gebiete auf unserer Erde, wo Familien bereits in dritter Generation ohne eine Periode Frieden leben müssen! Kaum vorstellbar!

Liebe Gemeinde, Frieden in unserem Land ist das Eine, aber geht es deshalb auch unter uns, unter Euch hier vor Ort, friedlich zu? Wenn ja, wunderbar, Gott sei Dank! Wenn nein, wie ist das zueinander zu bringen? Geht es uns vielleicht zu gut, um das Geschenk des Friedens so zu würdigen, wie dieser es verdient? Merken wir etwa erst bei Abwesenheit eines guten, heilsamen Zustands, was uns fehlt? Lernen wir erst, wenn Menschen schon einander schänden, vertreiben, morden, was Heil, Ruhe, was also Frieden bedeutet?

Mit Blick auf die Welt sehen wir große Kriege, Religionskriege, Wirtschaftskriege, Vertreibungskriege, Terrorkriege. Mit Blick auf uns, hier in Dörfern und Städten, sehen wir Kleinkriege, Nachbarschaftskriege, Familienkriege, Rosenkriege, Deutungskriege. Wir sehen Neid und hören üble Nachrede, auch eine Form von Krieg. Wir hörten mit Entsetzen vom gestrigen Anschlag auf Leib und Leben inmitten eines friedlichen Festes (CSD) in Berlin, auch eine Form von Krieg. Und wer in den sozialen Medien unterwegs ist, der weiß um mediale Kriege, die da ausgefochten werden, per Mausklick oder Daumen runter, per Foto oder Hasskommentar, schlimmste Beleidigungen und Hetze.

„Es wird sein zur letzten Zeit“…Wenn heute Abend die Tagesschausprecherin so beginnen würde, hätten wir nichts Gutes zu erwarten. Dann würden apokalyptische Bilder über den Bildschirm ergießen, – vielleicht, um Schuldige an einer Situation zu entlarven, vielleicht, um der eigenen Lust am Untergang zu frönen, vielleicht um die anderen endlich aufzurütteln, vielleicht, um die eigenen Lösungsvorschläge an die Frau und den Mann zu bringen. Vielleicht auch – solche Stimmen hört man wieder – um durch die Katastrophe hindurch und nach Beseitigung aller Hindernisse und bösen Widersacher, endlich das Reich der eigenen Wahrheiten aufrichten zu können.

Ganz anders klingt der Satz bei Jesaja, dem großen Propheten, der im 8. Jh vor Christus im Südreich, in Juda, Gottes Stimme war. Hören wir noch einmal genau hin:

Das „wird zur letzten Zeit geschehen…“: eine Welt, in der niemand mehr Schwert oder Faust erhebt und keiner mehr von Hass und Gewalt weiß. Und das, obwohl die Welt, in der Jesaja lebte, so gewalttätig war wie die unsere, erfüllt vom Gedröhn von Soldatenstiefeln und schwerem Gerät und vom Geschrei der Leidenden. In dieser Welt hatte Jesaja eine Botschaft auszurichten, und unserer Welt heute haben wir diese Botschaft auszurichten. Und die heißt Frieden ist möglich. Jesaja sagt: Die Menschen werden kommen, ja, sie wollen zu Gott kommen und sein Wort hören und es wird in ihre Herzen und Gewissen dringen. Sie werden ihre Konflikte friedlich schlichten und sich zurechtrücken lassen, sie werden alle Waffen in Handwerkszeug und landwirtschaftliches Gerät umarbeiten und werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Keiner wird mehr dem Anderen ein Fremder sein, und jedes Gesicht im großen Heer der Völker wird uns das Gesicht eines Freundes sein.

ACH! Was ist das für ein schönes, ermutigendes, tröstliches Bild. Ein Bild des Paradieses, ein Bild des Himmels. Und deshalb könnte man meinen. Das ist ja viel zu schön, um wahr zu sein. Aber das Bild vom Frieden ist alles andere als billiger Peace-Kitsch. Ja, das Bild vom Frieden balanciert auch bei Jesaja, schon bei ihm, am Rande der Wirklichkeit. Nicht nur, dass sich keiner vorstellen kann, wie die Welt zu einem Ort des Friedens werden könnte, auch, dass wir nicht wissen, was wir dafür tun sollten. Dazu reicht unsere Fantasie nicht aus. Dazu bedarf es eines Wunders.

Und genau deshalb schildert Jesaja fast unbemerkt ein solches Wunder: Der Zionsberg, in Wirklichkeit nur ein Hügelchen, wird durch Gottes Wort zum Berg der Berge, zum Berg über alle anderen. Und alle Menschen, alle Völker entschließen sich, zu Gott zu kommen. Sie hören auch auf ihn, keiner steht mehr dazwischen, und seine Worte sind ihnen klar. Sie vertrauen seinem Wort und lassen ihre Konflikte von ihm schlichten. Schwerter zu Pflugscharen wird ihrer aller Motto, und keiner übt mehr für den Krieg. Na, wenn das mal kein Wunder ist! Ein Wunder, was aber leider noch aussteht.

Heute, hier vor Ort, kann aber bereits erlebt werden, wie die Vision eines göttlichen Weltfriedens anbricht. Denn Gott verbindet sein Tun mit unserem Tun, wenn wir in seinem Sinne handeln. Ja, jeder Friedensprozess ist anstrengend. Um im Bild des Propheten zu bleiben: Aus einem Schwert eine Pflugschar zu schmieden, ist mit viel Arbeit, mit Hitze, Kraft, und Schweiß. Und mit Ausdauer. Jede Waffe muss einzeln für eine friedlichen Zweck umgestaltet, und in ihrem Kern verändert werden.

Und auch ja, den Frieden zu leben, bedarf der Übung. Frieden muss man trainieren. Er beginnt mit dem Nachdenken über solch wichtige Fragen wie: Wie gehe ich mit Mitmenschen um, die mir so gar nicht passen? Wie versöhnt man sich? Heißt Vergeben, einfach zu vergessen?

Frieden fordert ganzen Einsatz. Und der ist nötig, wenn wir uns von der Vision Gottes erreichen lassen und so zu Friedensstiftern in unserem Umfeld werden. Und genau damit sind wir ganz bei uns und der Verantwortung, die aus diesem wunderbaren Bild vom Frieden erwächst: Wenn Gottes Reich mitten unter uns entsteht, ja bereits da ist, ist dieses Reich ein Friedensreich. Ganz klar. Und deshalb wird uns das Mühen um den Frieden, das Sich-Ausstrecken, Das-Jagen-nach-Frieden zugemutet. Und es wird uns zugetraut! Im Evangelium ist euch gesagt „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt!“. Jesus rechnet mit euch. Er zählt auf euch, dass wir mit dem Frieden, den Gott am Ende der Zeit für die Welt bereithält, heute schon beginnen: als Frieden in Partnerschaften und Ehen, in Familien und Gemeinden, zwischen den Generationen. Frieden beginnt, wenn du ein gutes Wort, eine hilfreiche Geste findest, um eine Situation zu beruhigen. Und er setzt sich fort, wo Du es als Gewinn betrachtest, dich über gute Gemeinschaft und nicht über Abgrenzung zu definieren. Frieden stiften heißt, seinem Gegenüber zu Gerechtigkeit zu verhelfen. Dich also dafür einzusetzen, dass er/sie sein/ihr Recht bekommt.

Bei Euch hier, liebe Gemeinde, könnte beginnen, was im großen Frieden Gottes mündet. Ja, ihr habt richtig gehört: Bei Euch kann beginnen, was im Frieden Gottes sein Ziel hat! Frieden ist möglich. Seht doch hin, erkennt ihr ihn denn nicht?

Dazu eine kleine Begebenheit zum Schluss:

In einer Stadt mit Bewohnenden aus aller Welt, betritt eine Frau einen Gemüseladen. Sie schaut den Händler an: „Sie sehen aber müde aus“, sagt sie.

„Ja“, sagt er, „es ist Ramadan, ich faste. Was möchten Sie denn?“

„Ich will Gemüse einkaufen für den Schabbat. Ich bin Jüdin.“

Stille

Dann sagt er verwundert: „Noch nie hat eine Jüdin bei mir eingekauft, As-salamu alaykum, Friede sei mit dir“.

“Schalom aleicha, Friede auch mit dir“, sagt sie.“

Liebe Schwestern und Brüder: Friede sei mit Euch!

Amen.

Und der Friede Gottes, höher als unsere Vorstellungskraft, der bewahre und erhalte eure Herzen und Sinne im HERRN des Friedens, Jesus Christus.

HINTERGRUND: Eine Kirche wird zur „Friedenskirche“

Dass die Vision vom Frieden konkret werden kann, zeigte sich in Aue am Berg: Die dortige romanische Kirche hatte bisher keinen Namen. Nach fünfjähriger Bauzeit (infolge von Hausschwammbefall) nutzte die Gemeinde die Wieder-Indienstnahme für einen starken Akzent: Sie entschied sich für den Namen „Friedenskirche“ und bat Dr. Friederike F. Spengler um die feierliche Benennung.

Vor voll besetzten Bänken und vielen Gästen im Außenbereich wurde nicht nur der Gottesdienst gefeiert, sondern auch die liturgische Benennung vollzogen:

Benennung der Kirche als „Friedenskirche“ in Aue am Berg

L: Wir hören auf Worte aus dem 1. Buch Mose im 35. Kapitel:

Lektor/in: Gott sprach zu Jakob: Mach dich auf und zieh nach Bethel und wohne dort und errichte einen Altar dem Gott, der dir erschien, als du flohst vor deinem Bruder Esau. Und sie brachen auf. Und Jakob kam nach Lus im Lande Kanaan, das nun Bethel heißt, samt all dem Volk, das mit ihm war, und er baute als Altar und nannte die Stätte El-Beth-el, weil Gott sich ihm dort offenbart hatte, als er vor seinem Bruder floh. (1. Mose 35,1.5.6.7)

L: Im Vertrauen auf Gott, der ewigen Frieden schaffen wird; auf Gott, der uns bei unserem Namen zum Frieden ruft; auf Gott, der sich an Orte bindet, die mit ihrem Namen von ihm zeugen, wollen wir heute dieser Kirche einen Namen geben.

Wir beten:

Lieber himmlischer Vater,

wir danken dir

für den Segen, den du auf dieses Haus gelegt hast,

damit wir einen Ort haben,

an dem wir deiner Nähe gewiss werden,

zu dir beten und dich loben,

und an dem du uns immer wieder neu zu Teilen deiner Gemeinde machst.

Gib, dass der Name,

den wir diesem Haus nun geben,

öffentlich erkennbar werden lässt, dass deine Wohnung ein Ort des Friedens ist,

der denen, die hier ein und ausgehen,

Frieden schenkt und sie dann selbst zu Friedensstiftern werden.

Das bitten wir durch Jesus Christus,

G: Amen.

L: So sei diese Kirche von nun an „Friedenskirche“ genannt.

Friede diesem Haus von Gott, unserem himmlischen Vater.

Friede diesem Haus von seinem Sohn, der unser Frieder ist.

Friede diesem Haus vom Heiligen Geist, der Leben schafft.

Im Namen [+] des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

G: Amen.

Miterleben, Gestalten, Vernetzen: Bleiben Sie couragiert widerständig

Frieden braucht Menschen, die ihn tragen, und Orte, an denen er gelernt und gelebt wird. Ob in der eigenen Kirchengemeinde, in der Schule oder in der Nachbarschaft: Setzen auch Sie im Jahr 2026 ein Zeichen.

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FAQ: Dr. Friederike F. Spengler (Friedensbotin 2026 & Schwerter zu Pflugscharen)

Wer ist die Friedensbotin 2026 der Ökumenischen FriedensDekade?

Die Thüringer Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler ist die Friedensbotin der Ökumenischen FriedensDekade 2026. Sie steht in der Tradition der Friedensbewegung der Leipziger Nikolaikirche von 1982 und setzt sich für zivilcouragierte, gewaltfreie Friedensarbeit ein.

Wofür steht das Jahresthema „couragiert widerständig“ der FriedensDekade 2026?

Das Motto „couragiert widerständig“ ruft dazu auf, Hass, Aufrüstung und gesellschaftlicher Spaltung aktiv entgegenzutreten. Es ermutigt Menschen, auf Grundlage des christlichen Glaubens Zivilcourage zu zeigen und sich gewaltfrei für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.

Wo kann man Materialien und Aktionshefte zur FriedensDekade 2026 bestellen?

Alle offiziellen Arbeitsmaterialien, Plakate, Gottesdienstbausteine und Aktionsmedien zum Jahresthema „couragiert widerständig“ können direkt im Online-Shop der FriedensDekade bestellt werden.

Martin Luther Kings Botschaft aktueller denn je – Versöhnung braucht Gerechtigkeit

Eine Antwort des Erfurter Friedenstheologie Michael Haspel

Zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit

Nach dem Ende der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA und den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – aber auch mit Blick auf Gedenktage wie den 20. Juli – stellt sich die Frage: Welche Bedeutung haben die Ideale von Freiheit und Gleichheit heute, und für wen gelten sie wirklich?

In der aktuellen Ausgabe der Ökumenischen Rundschau (ÖR 2/2026) beantwortet der Erfurter Friedenstheologe Michael Haspel diese Fragen mit der Botschaft von Martin Luther King. Er erinnert daran, dass demokratische Gesellschaften nicht allein von ihren Gründungsdokumenten leben, sondern diese immer wieder neu mit Leben füllen müssen – ein wichtiger Impuls für unsere Friedensarbeit unter dem Jahresmotto „couragiert widerständig“.

Zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit

250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der USA antwortet der Erfurter Friedenstheologie Michael Haspel mit Martin Luther King auf die Frage: Welche Bedeutung haben die Ideale von Freiheit und Gleichheit heute – und für wen gelten sie wirklich? Offizielle Feiern wie die Aktion „Freedom 250“ verharmlosen oft die Widersprüche dieser Geschichte, indem sie vor allem die weiße Siedlerperspektive in den Mittelpunkt stellen.

In einem Beitrag der aktuellen Ausgabe der Ökumenischen Rundschau (ÖR 2/2026) analysiert Michael Haspel in seinem Beitrag „Am Anfang steht das Wundern“ Martin Luther Kings Denken und stellt zum einen dar, dass obwohl King den Begriff „Versöhnung“ selten direkt verwendet, ist sie der zentrale Kern seines politischen und theologischen Wirkens.

Der Erfurter Friedenstheologe Haspel zeigt, dass Kings Vision der „Beloved Community“ – einer versöhnten Gemeinschaft – weit über die Überwindung der Rassentrennung hinausweist. Gewaltfreiheit bedeutet für den Friedensnobelpreisträger Martin Luther King nicht Schwäche oder bloßer Verzicht auf Gewalt. Sie ist vielmehr eine aktive Kraft, die Gerechtigkeit schaffen und den Gegner nicht vernichten, sondern verändern soll. Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen trotz aller Unterschiede in gegenseitiger Anerkennung zusammenleben.

Zugleich macht Haspel deutlich, dass Martin Luther King seine Position im Laufe der 1960er Jahre weiterentwickelte. Angesichts anhaltenden Rassismus, wachsender sozialer Ungleichheit und politischer Enttäuschungen rückte für ihn die Forderung nach struktureller Gerechtigkeit immer stäker in den Vordergrund. Liebe ohne Macht bleibe sentimental, Macht ohne Liebe zerstörerisch – beide müssten zusammenwirken, um gesellschaftliche Veränderung zu ermöglichen.

Damit formuliert der Systematische Theologe Michael Haspel eine Einsicht, die über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung hinausreicht: Versöhnung kann nicht an die Stelle von Gerechtigkeit treten. Sie setzt Gerechtigkeit voraus. Wo Diskriminierung, wirtschaftliche Ungleichheit oder politische Ausgrenzung fortbestehen, bleibt Versöhnung unvollendet.

Diese Erkenntnis erhält im Jubiläumsjahr besondere Bedeutung. 250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung erinnern die Vereinigten Staaten an die universellen Ideale von Freiheit und Gleichheit, während gleichzeitig kontrovers darüber diskutiert wird, wie diese Werte heute eingelöst werden können. Die offiziellen und zivilgesellschaftlichen Jubiläumsinitiativen verstehen das Gedenken ausdrücklich auch als Einladung, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der amerikanischen Demokratie nachzujagen.

Michael Haspel lädt mit seinem Beitrag dazu ein, Martin Luther King nicht nur als Symbol der Bürgerrechtsbewegung zu lesen, sondern als Denker, dessen Fragen bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Wie gelingt gesellschaftlicher Zusammenhalt? Welche Rolle spielen Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit und politische Verantwortung? Und wie kann Versöhnung dort entstehen, wo Vertrauen verloren gegangen ist?

Im Jahr des 250. amerikanischen Jubiläums erinnert Michael Haspel mit Kings Vermächtnis daran, dass demokratische Gesellschaften nicht allein von ihren Gründungsdokumenten leben. Sie müssen nicht nur in Amerika die darin formulierten Versprechen immer wieder neu mit Leben füllen – durch Gerechtigkeit, gegenseitige Anerkennung und die Bereitschaft zum friedlichen Zusammenleben.

Artikel-Download & Hintergrund

Der vollständige Beitrag von Michael Haspel, „Versöhnte Gemeinschaft. Martin Luther Kings Theologie und Praxis der Versöhnung“, steht unter www.oekumenische-rundschau.de zum kostenlosen Download bereit.

Über die Ökumenische Rundschau:

Die Ökumenische Rundschau (ÖR) ist die führende deutschsprachige Zeitschrift zu Themen der Ökumene und erscheint vierteljährlich in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig (EVA Leipzig). Im Jahr 2026 erscheint sie seit 1952 im 75. Jahrgang und wird presserechtlich von Pastor Jens D. Haverland verantwortet. Sie wird in Verbindung mit dem Deutschen Ökumenischen Studienausschuss (DÖSTA) der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) herausgegeben.

Engagement & Materialien zur FriedensDekade

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FAQ: Prof. Dr. Michael Haspel (Martin Luther King & Ökumenische Rundschau)

Was besagt die Theologie der Versöhnung nach Martin Luther King?

Martin Luther King betonte, dass echte Versöhnung nicht ohne strukturelle Gerechtigkeit existieren kann. Gewaltfreiheit ist dabei keine Passivität, sondern eine aktive Kraft, die Diskriminierung abbaut und Feindschaft in eine versöhnte Gemeinschaft („Beloved Community“) verwandelt.

Warum ist Martin Luther Kings Botschaft im Jahr 2026 besonders aktuell?

Anlässlich des 250. Jahrestags der US-Unabhängigkeitserklärung erinnert Kings Erbe daran, dass demokratische Versprechen von Freiheit und Gleichheit nicht von allein bestehen, sondern durch stetigen Einsatz für Gerechtigkeit und soziale Teilhabe eingelöst werden müssen.

Wo finde ich vertiefende Arbeitshilfen und Downloads für die Gemeindearbeit?

Neben Veröffentlichungen wie der Ökumenischen Rundschau bietet die FriedensDekade im Online-Shop und im Mitgliederbereich umfangreiche Arbeitshilfen, Gebetsentwürfe und Informationsmaterialien für Gemeinden und Friedensgruppen an.

 

Rosa Parks – Die Frau, die sitzen blieb

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„People always say that I didn’t give up my seat because I was tired, but that isn’t true. No, the only tired I was, was tired of giving in.“ (Die Menschen sagen immer, ich habe meinen Sitzplatz nicht aufgegeben, weil ich müde war. Aber das stimmt nicht. Das Einzige, wessen ich müde war, war das Nachgeben.)

Rosa Parks (USA, 1913-2005) sprach aus bitterer Erfahrung. Montgomery, Alabama, 1. Dezember 1955. Nach einem langen Arbeitstag setzt sie sich in den Stadtbus. Als ein weißer Fahrgast keinen Platz findet, fordert der Fahrer sie auf aufzustehen. Rosa Parks bleibt sitzen. Sie wird verhaftet.

Was darauf folgt, verändert die Geschichte der Vereinigten Staaten. Aber Rosa Parks war weder erschöpft noch handelte sie spontan. Sie war eine geschulte Aktivistin, die genau wusste, was sie tat. Und sie war bereit, den Preis dafür zu zahlen.

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In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Im Mai zeigte uns Leymah Gbowee, dass Frieden von unten wächst. Im Juni zeigte uns Rigoberta Menchú Tum, dass Würde unteilbar ist. Rosa Parks verbindet beides: Sie zeigt, dass ziviler Ungehorsam keine Schwäche ist, sondern Ausdruck einer tiefen inneren Haltung.

Eine Frau, die schon lange widerstand

Rosa Louise McCauley wurde 1913 in Tuskegee, Alabama, geboren. Die sogenannten Jim-Crow-Gesetze regelten, wo Schwarze sitzen, essen, trinken und zur Schule gehen durften. Widerspruch konnte das Leben kosten.

Rosa Parks kannte diese Realität von Kindheit an. Sie heiratete Raymond Parks, Mitglied der NAACP, organisierte Wählerregistrierungen, dokumentierte Fälle rassistischer Gewalt. 1955 besuchte sie das Highlander Folk School in Tennessee, eine Bildungsstätte für gewaltfreien Widerstand. Was am 1. Dezember 1955 geschah, war kein Zufall. Es war der Moment, in dem eine Frau mit jahrzehntelanger Erfahrung sagte: Jetzt. Hier. Nicht mehr.

 

 

 

Spendenaufruf FriedensDekade 2026
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Der Abend, der eine Bewegung auslöste

Rosa Parks wurde verhaftet, angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Noch in derselben Nacht druckte Jo Ann Robinson über 35.000 Flugblätter: Boykottiert die Busse. Fahrt am Montag nicht.

Am 5. Dezember 1955 blieben die Busse fast leer. Der Boykott, der einen Tag dauern sollte, dauerte 381 Tage. Die Gemeinschaft organisierte Fahrgemeinschaften, lief zu Fuß, trug die Einbußen gemeinsam. Am 13. November 1956 erklärte der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in Bussen für verfassungswidrig. Der Preis war hoch: Rosa Parks verlor ihre Arbeit, ihr Mann seine. Sie mussten Montgomery verlassen.

Ziviler Ungehorsam als Glaubenspraxis

Rosa Parks war tief in ihrer Kirchengemeinde verwurzelt. Die Schwarze Kirche in den Südstaaten war nicht nur Ort der Andacht, sondern Rückgrat der Bürgerrechtsbewegung. Für Rosa Parks war Widerstand gegen Ungerechtigkeit kein politisches Kalkül, sondern ein Gebot des Gewissens. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Jeder Mensch trägt unantastbare Würde. Ein Gesetz, das diese Würde verletzt, hat keine moralische Grundlage.

Das Jahresmotto der ökumenischen FriedensDekade 2026 erinnert an die hebräischen Hebammen Schifra und Pua (Exodus 1), die sich dem Tötungsbefehl des Pharaos widersetzten. Rosa Parks steht in genau dieser Tradition: Wenn das Gesetz die Würde von Menschen verletzt, ist Ungehorsam keine Rebellion, sondern Treue zu einer höheren Ordnung.

 

Fragen zur Reflexion:

Rosa Parks handelte nicht spontan, sondern aus jahrzehntelangem Engagement heraus. Welche innere Vorbereitung braucht es, um in einem entscheidenden Moment Haltung zu zeigen?

Der Busboykott funktionierte, weil eine ganze Gemeinschaft mitzog. Wo in Ihrer Umgebung gibt es Ansätze gemeinsamer Widerständigkeit, die Unterstützung brauchen?

Rosa Parks verstand Gleichwürdigkeit als biblisches Gebot. Welche Strukturen in Ihrer Umgebung verletzen die Würde von Menschen, ohne dass es als Unrecht wahrgenommen wird?

 

 

Gebet: Gott der Würde, danke für Menschen wie Rosa Parks, die nicht nachgaben. Gib uns Mut, für die Würde des Nächsten einzustehen, auch wenn es uns etwas kostet. Amen.

 


Couragiert widerständig, wie Rigoberta Menchú Tum.
Für eine Welt, in der die Würde aller Völker geachtet und die Schöpfung bewahrt wird.


Quellen und zum Weiterlesen:

Rigoberta Menchú / Elisabeth Burgos: „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ (1983)
Rigoberta Menchú: „Die Enkel der Maya. Das Überleben der indigenen Kulturen Guatemalas“ (1998)
Fundación Rigoberta Menchú Tum: www.menchutum.org

 

 

Friedenspolitische Einordnung | Teil 5: Zwischen Aufrüstung und Aufklärung

Wenn Sicherheitspolitik sich verschiebt

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

 

In Deutschland erleben wir auf verschiedenen Ebenen eine schleichende Militarisierung. Zuletzt stellte der Bundesinnenminister neue Planungen für den Bevölkerungsschutz vor – mit deutlichem Vorrang auf Maßnahmen im Kriegsfall. Die Auswirkungen betreffen letztlich alle, nicht zuletzt durch die entsprechende Priorisierung im Bundeshaushalt.

 

Die Eckwerte der Bundesregierung sehen beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung weitere Kürzungen von mindestens sechs Prozent vor. Betroffen sein dürften unter anderem der entwicklungspolitische Freiwilligendienst weltwärts und vermutlich auch der Zivile Friedensdienst – während für die Bundeswehr erheblich mehr Mittel vorgesehen sind.

 

Politisch wird das als Sachzwang dargestellt: Die weltweiten Krisen und Kriege bedrohten unsere Sicherheit, weshalb militärischer Schutz notwendig sei. Von Russland geht eine reale militärische Bedrohung für europäische NATO-Mitgliedsstaaten aus, für die Europa auch ohne den Beistand der USA gewappnet sein müsse. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

 

Gleichzeitig bleibt es schwierig, diese Art einer Zeitenwende zu hinterfragen und überzeugende Alternativen aufzuzeigen. Wer den Umfang militärischer Verteidigungsfähigkeit zur Debatte stellt, braucht Friedensgeschichten, die auf die aktuelle Lage wirklich antworten, das wird eines der zentralen Themen der AGDF-Fachwerkstatt Friedensbotschaften im Februar 2027 sein.

 

So bleibt in einem erheblichen Teil der Bevölkerung eine latente Unzufriedenheit mit der Sicherheitspolitik und viel Verunsicherung. Protest lässt sich kaum organisieren – am ehesten noch durch Kreise, mit denen wir keine gemeinsame Sache machen wollen.

 

Was bleibt, ist eine Aufgabe, die wichtiger geworden ist als seit langem: eine längerfristig angelegte Aufklärungs- und Friedensbildungsarbeit. Sie braucht langen Atem – und sie lohnt ihn.

 


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

Rigoberta Menchú Tum – Stimme der Geächteten und Hüterin der Erde

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„Peace is not only the absence of war; as long as there is poverty, racism, discrimination and exclusion, we could hardly achieve a world of peace.“ (Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg; solange es Armut, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung gibt, können wir schwerlich eine Welt des Friedens erreichen.)

Rigoberta Menchú Tum (Guatemala, geboren 1959) sprach aus bitterer Erfahrung. Ihr Vater starb 1980 beim Brand der spanischen Botschaft in Guatemala-Stadt, ihre Mutter und ihr Bruder wurden vom Militär ermordet. Das Schicksal ihrer Familie war kein Einzelschicksal. Es war das kollektive Trauma des Maya-K’iche‘-Volkes, das eine Militärdiktatur mit systematischer Gewalt verfolgte.

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In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Mit Wangari Maathai haben wir im April gezeigt, dass Schöpfungsbewahrung Friedensarbeit ist. Mit Leymah Gbowee im Mai, dass Frieden von unten wächst. Rigoberta Menchú Tum scließen wir den Schwerpunkt „Schöpfung & Gerechtigkeit Wer die Erde raubt, raubt auch das Leben.

Das Buch, das die Welt aufweckte

Im Exil in Mexiko erkannte Rigoberta Menchú: Das wirksamste Mittel des Unrechts ist das Schweigen der Weltöffentlichkeit. 1982 diktierte sie der Anthropologin Elisabeth Burgos ihre Lebensgeschichte. Das daraus entstandene Buch „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ gab dem namenlosen Sterben in den Bergen Guatemalas erstmals ein Gesicht.

Als indigene Frau, der die koloniale Gesellschaft jegliches Recht auf Sprache abgesprochen hatte, brach sie das Schweigen, das die Diktatur ihren Opfern auferlegt hatte. Jahre später stellte ein Anthropologe einzelne Angaben des Buches in Frage. Menchú räumte ein, Erlebnisse anderer in ihre eigene Erzählung eingewoben zu haben, um das kollektive Schicksal ihres Volkes sichtbar zu machen. Sie ließ sich davon nicht beirren. Die Massaker hatten stattgefunden. Die Erde war geraubt worden. Die Menschen waren tot.

Sie reiste von Land zu Land, sprach vor den Vereinten Nationen, organisierte den gewaltfreien Widerstand aus dem Exil. 1992, genau 500 Jahre nach der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika, erhielt sie den Friedensnobelpreis.

 

 

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Schöpfung als Lebensgrundlage

Für das Volk der Maya ist die Erde kein Spekulationsobjekt. Sie ist spirituelle Heimat und Lebensgrundlage. Der Raub des Landes durch Großgrundbesitzer war deshalb nicht nur wirtschaftliches Unrecht. Es war ein Angriff auf die Würde eines ganzen Volkes und auf die Schöpfung selbst.

Menchú zeigt: Umweltzerstörung, Rassismus und Gewalt sind eng verbunden. Wer den Boden ausbeutet, beutet auch die Menschen aus, die auf ihm leben. Diese Erkenntnis verbindet sich mit dem biblischen Auftrag aus Genesis 2,15: die Erde bebauen und bewahren, nicht ausbeuten und zerstören.

Inmitten von Verlust und Bedrohung bewahrte sie den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2. Timotheus 1,7). Sie verfiel nicht der Spirale der Gegengewalt, sondern setzte auf das Wort, auf das Recht, auf die Hoffnungskraft einer besseren Zukunft.

 

Was Rigoberta uns heute sagt

Weltweit werden Umweltaktivistinnen und Aktivisten sowie indigene Gemeinschaften bedroht, wenn sie sich der Ausbeutung der Natur entgegenstellen. Rigobertas Botschaft bleibt dringend: Frieden entsteht nicht durch militärische Absicherung allein. Frieden setzt Gerechtigkeit voraus, die Bewahrung der Schöpfung und den Respekt vor der Würde des Nächsten.

Ihr Leben fordert uns auf, das Schweigen zu brechen, wo Unrecht geschieht, und unseren eigenen Wohlstand zu hinterfragen.

Fragen zur Reflexion:

Rigoberta Menchú sieht den Frieden gefährdet, solange Armut, Diskriminierung und Umweltzerstörung existieren. Wo sehen Sie in Ihrem Alltag den Zusammenhang zwischen ökologischer Zerstörung und gesellschaftlichem Unfrieden?

Menchú brach das Schweigen über die Verbrechen in ihrem Heimatland unter Lebensgefahr. In welchen Bereichen Ihrer Gemeinde nehmen Sie ein lähmendes Schweigen wahr, das durch couragierten Widerstand gebrochen werden müsste?

Trotz des Verlusts ihrer engsten Angehörigen lehnte Menchú die Logik der Rache ab. Was gibt uns die Kraft, in Konflikten nicht mit Gegengewalt zu reagieren, sondern für das Recht einzutreten?

 

Gebet: Gott der Gerechtigkeit, danke für Menschen wie Rigoberta Menchú, die das Schweigen brachen und für die Würde ihres Volkes eintraten. Gib uns Mut, die Schöpfung zu bewahren und die Stimme zu erheben, wo Unrecht geschieht. Amen.

 


Couragiert widerständig, wie Rigoberta Menchú Tum.
Für eine Welt, in der die Würde aller Völker geachtet und die Schöpfung bewahrt wird.


Quellen und zum Weiterlesen:

Rigoberta Menchú / Elisabeth Burgos: „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ (1983)
Rigoberta Menchú: „Die Enkel der Maya. Das Überleben der indigenen Kulturen Guatemalas“ (1998)
Fundación Rigoberta Menchú Tum: www.menchutum.org

 

 

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