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Schlagwort: Ökumenische FriedensDekade

Geben wir stillschweigend auf, was aus den Trümmern von 1945 entstand?

 81 Jahre Kriegsende: Ein Versprechen und seine Erosion

Am 8. Mai 1945 endete in Europa der verheerendste Krieg der Geschichte. Was die Überlebenden daraus machten, war bemerkenswert. Sie setzten nicht auf Stärke. Sie setzten auf Recht. Die UN-Charta, das Völkerrecht, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, all das entstand in diesem Moment. Nicht aus Idealismus. Aus bitterer Erfahrung.

Die Lehre war einfach und radikal zugleich: Recht vor Macht. Kooperation vor Konfrontation. 81 Jahre später steht dieses Versprechen unter Druck.

Erinnern heißt auch: nachfragen

Der Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) nimmt diesen Druck ernst. Er weicht den schwierigen Fragen nicht aus. Was bedeutet Sicherheit heute wirklich? Wer trägt Verantwortung für den Frieden? Und was hat die Generation, die 1945 „Nie wieder“ sagte, uns hinterlassen?

Wer diese Fragen nicht nur im Stillen stellen, sondern durchdenken möchte, findet im Band einen verlässlichen Denkpartner. Das Buch finden Sie aktuell in unserem Webshop.

Eine Ordnung unter Druck

Diese Ordnung ist heute nicht mehr selbstverständlich. Auf der geopolitischen Bühne erleben wir, wie Regierungen und Akteure weltweit die Verhandlungsgrundlage verschieben. Völkerrechtliche Verpflichtungen gelten zunehmend als Hindernis. Konfrontation ersetzt Kooperation. Und wer auf das gemeinsame Regelwerk pocht, wirkt schnell weltfremd.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Umkehrung dessen, was 1945 mühsam errichtet wurde.

Rainer Keil benennt das im Buch „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ ohne Beschönigung. Das Völkerrecht sei eine kostbare Errungenschaft – aber keine stabile. Es funktioniere nur, solange Staaten es gemeinsam tragen. Wo das aufhört, setzt sich die Stärke des Stärkeren durch. Nicht die Stärke des Rechts.

Und was bedeutet das konkret?

Jan Gildemeister zeigt in seinem Beitrag, wie sich diese geopolitische Verschiebung ganz konkret auf Menschen auswirkt. Das geplante Wehrdienstmodernisierungsgesetz senkt die Schwelle für eine Wehrpflicht auch in Friedenszeiten deutlich. Zivile Alternativen kommen in der öffentlichen Debatte kaum vor. Junge Menschen werden nicht gefragt, wie sie Verantwortung übernehmen wollen. Sie haben das Gefühl vor Entscheidungen gestellt zu werden. Auch ein Grund warum heute zum dritten Mal Schülerinnen und Schüler zur Demonstration gegen die Wehrpflicht und für einen gerechten Umgang der Politik mit ihrer Generation auf die Straße gehen.

Das außeracht lassen von zivilen Alternativen ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz einer Sicherheitspolitik, die Stärke vor Recht stellt. Die militärische Antworten bevorzugt, bevor zivile Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Was der 8. Mai nicht vergessen lässt

Am 8. Mai 1945 endete etwas Grausames. Nicht langsam, nicht allmählich – sondern mit einer Plötzlichkeit, die Millionen Menschen atemlos zurückließ. Befreiung und Erschöpfung zugleich. Das Ende eines Albtraums, der Europa in Schutt gelegt hatte.

Was diese Generation daraus machte, hatte eine Klarheit, die nur aus gelebter Erfahrung kommt. Sie wussten, wovon sie redeten. Sie hatten gesehen, wohin Macht ohne Recht führt. Wohin Konfrontation ohne Kooperation führt. Und sie bauten – mühsam, unvollkommen, aber entschlossen – eine Ordnung, die genau das verhindern sollte. Institutionen, Verträge, das Völkerrecht. Nicht als Idealismus. Als Konsequenz.

Diese Ordnung steht heute zur Disposition. Nicht durch einen einzigen dramatischen Bruch, sondern durch viele kleine Verschiebungen. Durch Verträge, die nicht mehr eingehalten werden. Durch Institutionen, die ausgehöhlt werden. Durch eine Debatte, in der zivile Lösungen als naiv gelten und militärische Stärke als einzig realistische Antwort.

Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist die Erinnerung. Die Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht und warum es damals so klar war.

Das Motto der FriedensDekade 2026 couragiert widerständig meint genau das. Nicht Widerstand als Ablehnung. Sondern Haltung. Die tägliche Entscheidung, Recht vor Macht zu stellen. Kooperation vor Konfrontation. Auch wenn das unbequem ist. Gerade dann.

Im nächsten Friedensbrief greifen wir den dritten Bereich aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf: die Kraft der Zivilgesellschaft und was zivile Konfliktbearbeitung weltweit konkret leisten kann.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist jetzt in unserem Shop erhältlich.

Wolkig mit Aussicht auf Musik“: Die Kantate-Predigt von Friedensbotin Dr. Friederike F. Spengler

Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler hört in ihrer Predigt zum Sonntag Kantate auf das, was Musik mit Frieden zu tun hat und warum Gottes Gegenwart sich manchmal nur erahnen lässt.

Was hat ein fertiggestellter Tempel mit Friedenssehnsucht zu tun? Und warum klingt das Widderhorn, das einst zum Dienst an der Waffe rief, bei Salomo plötzlich als Musikinstrument? Unsere Friedensbotin, Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler, predigt am Sonntag Kantate in der Johanniskirche Gera über 2. Chronik 5 – und entfaltet dabei ein überraschendes Bild: Gotteslob als Zeichen des Friedens, Klang als Ort der Gegenwart Gottes, und eine Wolke, die mal weiß und flauschig, mal schwer und dunkel ist.

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Die Predigt im Wortlaut

Wolkig mit Aussicht auf Musik

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Wolkig

Gott ist mit den Menschen unterwegs. Solange die Bibel denken kann, ist das so. Immer wieder hat es Versuche gegeben, ihn dingfest zu machen: Gott mit Etiketten zu versehen, auf denen draufsteht, wie er ist, wo sie wohnt.

Dabei hatte das Volk Israel Gott ganz anders kennengelernt. Als Gott mit ihnen. Mitziehend. Als einen, der immer dabei war. Den man vorausgehen sah – etwa tagsüber in einer Wolke und nachts in einem Feuerschein. So kannten sie Gott. Und so trugen sie auch ihr Heiligtum mit sich herum. Ein bisschen wie ein mobiles Mobiliar:  In einem großen Kasten trug das Volk die Tafeln, auf die Mose die Zehn Gebote von Gott geschrieben hatte, mit sich. Das war ihr Heiligtum. „Lade“ nannten sie den Kasten. In der gesamten Zeit ihrer jahrzehntelangen Wanderung haben sie die Lade mit sich genommen und waren sich damit Gottes sicher

Und weil das Volk inzwischen sesshaft wurde, braucht auch – so stellten sich die Leute das vor – natürlich auch Gott ein Haus! Im biblischen Buch der Könige wird uns erzählt, wie König David die Lade nach Jerusalem brachte. König Salomo bringt nun das Werk seines Vorgängers zuende, die Lade zu Ruhe.

Der Tempel ist fertiggebaut, ein Prachtbau sondergleichen! Jetzt kann die Lade einziehen und Gott hat einen festen Wohnsitz. Das Volk hofft damit auf ruhige, friedliche Zeiten. Dafür hat im Auftrag Gottes ein König zu sorgen. Das galt und gilt bis heute: Gott will, dass die Herrscher dieser Welt in seinem Namen für Frieden sorgen. Für Beruhigung des Lebens durch Gerechtigkeit Schalom also. Deshalb König Salomo. In seinem Namen steckt das Wort „Shalom“ schon drin. Sei Name ist Programm für: Friede, Ruhe, Heil, Gutes. Ganz schöne hohe Erwartungen an einen König.

Die Erfahrung der Menschen damals wie heute: Könige, Herrscher allgemein, haben ihre ganz eigenen Vorstellungen und scheren sich wenig darum, was Gott Gutes für seine Erde will. Hier geht es vor allem um Machterhalt und Sicherheit: und dazu braucht es Schutz, natürlich durch Armeen. Ohne Abschreckung keine Ruhe vor den Feinden, sagen sie und finanzieren Waffen über alles hinausgehend, was sich ein Land leisten kann. Ohne Vorbereitung auf einen Krieg keinen Frieden, sagen sie und beginnen schon mal mit der Musterung der jungen Menschen ab 18.

Schaut man sich die Zeiten an, hat es in beinah jeder Generation Kriege gegeben. Ich denke, so rechnete auch das Gottesvolk damit, dass ihr Salomo verfahren würde. Damals rief man mithilfe eines Widderhorns an die Waffen. Salomo aber ließ nicht zu den Waffen rufen, sondern zum Gottesdienst! Aus dem Horn des Krieges wird ein Musikinstrument, aus Kampfübungen wird gemeinsames Musizieren. Nicht Kampf, Gewalt und zur Schau gestellte Macht soll das Zeichen von Gottes Volk sein – sondern gemeinsames Gotteslob.

Im Predigttext heißt es: Es war, als wären alle wie eine einzige Stimme – als würden die vielen Trompeter und Sänger denselben, guten, friedfertigen Ton zur Ehre Gottes treffen. Wie „ein Herz und eine Seele“. Alle hatten dieselbe Ausrichtung: Gott zu loben. Und in diesem Moment passiert dann – und seitdem immer wieder – etwas ganz Besonderes: Die Menschen spüren Gottes Gegenwart. Ganz dicht bei ihnen. Neben dir und dir und mir Gott. In unserer Mitte und ganz am Rand. Ganz nah. Die Bibel beschreibt das mit der Wolke, die den Tempel erfüllt.

Gott in einer Wolke daher und füllt den ganzen Raum aus. Alles voll Gott.

Wolkig erscheint Gott.

Als Kind habe ich vieler solcher Bilder gemalt: kuschlig-schöne, weiße Flauschwolken. Ich konnte mich herrlich hineinträumen in Wolkenlandschaften. Alles schön, friedlich und gut. Wer schon mal geflogen ist, der hat es vielleicht erlebt: Wolken über einem und dann stößt die Nase des Fliegers durch die Wolkendecke. Man schwebt dann über den Wolken dahin, blendendes Sonnenlicht von allen Seiten und unter einem ein Teppich wie aus weißer Watte.

Gott als Wolke heißt aber auch: nicht greifbar, gleichzeitig da und sich verflüchtigend, unverfügbar, nicht zu fassen. Wolkig.

Jetzt erinnert ihr euch vielleicht: mitnichten sind Wolken nur weiß und leuchtend. Oder rosarot, weil die Sonne gerade majestätisch im Meer versinkt. Wolken können auch grau und schwer, zerrissen und dunkel, tiefhängend und bedrohlich sein. Stehen also auch für das, was wir von Gott nicht erkennen. Oder nicht mit seiner Liebe zusammenbringen. Schwere Zeiten etwa. Menschen, die alles verlassen und fliehen müssen, Leute, die ihre Liebsten loslassen müssen, Enttäuschungen, Krankheit, Trennung, Schmerz… Da ist nichts mit Schäfchenwolken oder solchen wie aus rosa Zuckerwatte. Da liegen die Wolken schwer auf mir und ich komme nicht hindurch.

Ich kenne solche Zeiten und ihr sicher auch. Und nicht immer fällt mir dabei immer gleich ein, dass Gott doch „im Dunkel wohnen will“. Und, dass er das Dunkel erhellen kann. Aber so hat er es versprochen und ich will mich darauf verlassen!

Ja, Gott ist nicht berechenbar. Nicht einhegbar, nicht domestizierbar. Weder zwischen Aktendeckel noch in schöne Kirchen. Gott ist unverfügbar. Gott lässt sich auch nicht für unsere Ziele einspannen (Gott sei Dank!). Aber finden lässt er sich, wenn du ihn suchst. Finden lässt er sich an allen Orten, auch in dieser Kirche hier. Und manchmal lässt er sich spüren. Wenn das passiert, ist das ein Geschenk. Im Lied, welches wir nach der Predigt singen, wird das so beschrieben: „Du durchdringest alles, lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“ (EG 165,6)

…mit Aussicht auf Musik

Ich spüre Gott besonders in der Musik. Du auch? Etwa, wenn die Orgel einsetzt oder ein Chor so richtig gut singt. Oder wenn die Handglocken perfekt aufeinander abgestimmt sind. Wenn der Posaunenchor den Rhythmus vorgibt und ich kaum stillsitzen kann und alles in mir vibriert, ein Gospelchor oder eine Band die ganze Kirche zum Kochen bringt. Dann fällt alles ab von mir, was mich bedrückt und beschäftigt und ich spüre: Gott will mein Bestes! Sein Shalom hüllt mich ein.

Zur Zeit von König Salomo war das mit der Musik im Tempel ganz anders als heute. Da gab es noch keinen Gemeindegesang, bei dem alle mitsingen. Musik war die Aufgabe von Profis – den Leviten und Priestern. Die hier aufgezählten Profis für Trompeten (die damals eher Fanfaren glichen, denn es gab noch keine Instrumente mit Ventilen und Klappen) und Gesang waren bei aller Vielstimmigkeit einstimmig unterwegs. Auch wieder ein Friedensbild: Dass alle ihre Bedürfnisse zur Sprache bringen können, dass alle die Freiheit ihres Selbst-Seins leben können und dennoch im Ziel, als Gemeinschaft EINS sind. Das muss einen sagenhaften Klang ergeben haben. Bibelwissenschaftler kommen bei Nachzählen von hier Musikbeteiligten auf 288 Leute. Was für eine Klangwolke! Da ist sie ja wieder die Wolke. Gott in der Wolke, also auch in der Klangwolke. Dort, wo um des Gemeinsamen Willen der eine, gute Ton getroffen wird, ist Gott gegenwärtig!

Der Predigttext erzählt, dass Salomo Musik im Gottesdienst sehr wichtig war. Er wusste: Gesungenes Gotteslob kann etwas verändern: Es richtet unseren Blick nach oben. Und gibt dadurch eine neue Perspektive. Also: „Lobe den Herrn, meine Seele“!

Das Wort für „Seele“ (im Hebräischen näfesch) bedeutet eigentlich „Kehle“ – also das, womit wir atmen. Das heißt: Loben kann schon beim Atmen anfangen.

Beim Einatmen: Ich empfange Leben von Gott.

Beim Ausatmen: Ich gebe ihm meinen Dank zurück.

So wird dein Atem zum Gotteslob. Gotteslob muss ja nicht laut sein. Manchmal passiert es ganz leise – einfach dadurch, dass du atmest und dabei dankbar bist.

Und gleichzeitig kann Gott loben wunderbar kräftig und unüberhörbar klingen. Denn seit inzwischen Jahrhunderten singen wir alle. Besonders die Reformatoren hatten es sich auf die Fahnen geschrieben, die ganze Gemeinde durch Lieder an Gotteslob, Klage, dem Ausdruck von Freude und Dank, der Suche in Zeiten der Not u.s.w. zu beteiligen. Kirchenlieder wurden geschrieben und tragen seitdem auch zur Demokratisierung kirchlichen Lebens bei: alle können, keiner muss singen. Und in Zeiten, in denen dir die Stimme versagt, kannst du dich auf die der anderen verlassen, die für dich mitsingen. Singende Gemeinde trägt einander auf der Wolke des Klangs.

Auf Kirchentagen, Bläser – und Chortreffen ist das Gotteslob laut und unüberhörbar. Und das ist gut so. Das braucht unsere Gesellschaft. So wie unsere Glocken in den mehr als 3000 Kirchtürmen unserer Landeskirche. Glocken sind ja Instrumente und haben ganz eindeutige Aufträge: Die Menschen ans Gotteslob zu erinnern etwa, zum Gottesdienst zu versammeln, zum Frieden aufzurufen. Unsere alten und neuen Lieder, die wir an Sonn- und Feiertagen als Gemeinde singen, haben orientierenden Charakter. Und: Menschen, die miteinander singen und musizieren, gehen nicht aufeinander los, schießen nicht aufeinander. Auch das ist eine Erfahrung, die wir bewusst machen, eine Wahrheit, die wir weitersagen sollen.

Liebe Gemeinde, singen und musizieren wir also gemeinsam das Lob Gottes: zur Ehre des Höchsten und uns zum Shalom. Denn „Gott ist gegenwärtig“! Amen

 

Predigtlied: EG 165,1.4-6.8

 


Für Ihre Gemeindearbeit: Die offizielle Lesefassung

Möchten Sie die Botschaft von Dr. Friederike F. Spengler im Gottesdienst verlesen, im Hauskreis diskutieren oder im Gemeindebrief veröffentlichen? Wir haben für Sie eine hochwertig gestaltete PDF-Version als Werkzeug für die Praxis vorbereitet.

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Über die Friedensbotin: Dr. Friederike F. Spengler ist seit 2022 Regionalbischöfin im Bischofssprengel Erfurt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie bringt ihre eigene Geschichte aus der Friedensbewegung in die Arbeit der Ökumenischen FriedensDekade 2026 ein.

Sicherheit mit oder Sicherheit gegen? Eine Frage, die alles verändert

Wer in einer Kirchengemeinde oder Friedensgruppe aktiv ist, kennt das Gefühl. Die Fragen werden größer, die Antworten dünner. Aufrüstung, Wehrpflichtdebatte, Krieg in Europa. Und mittendrin Menschen, die sich fragen, was Friedensarbeit heute noch bedeuten kann und wie sie vor Ort konkret aussehen soll.

Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) hat mit dem Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ genau diesen Raum geschaffen. Herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting versammelt es dreizehn Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Kirche und Zivilgesellschaft. Ihr gemeinsames Anliegen: die drängenden Fragen unserer Zeit friedensethisch durchdenken. Für Gemeinden, Friedensgruppen und alle, die Haltung zeigen wollen.

Widerstand als Öffnung – nicht als Mauer

Olaf Warburg, dessen Motiv in diesem Jahr die FriedensDekade prägt, hat es in der aktuellen Folge unseres Gesprächsformates „Frieden im Dialog“ mit Lars Blume klar benannt. Widerstand bedeutet für ihn nicht „Dagegen sein“, sondern „Öffnung zur anderen Seite“. Genau diese Öffnung sucht auch das Buch. Es fragt nicht, ob Frieden möglich ist. Es fragt, wie er gedacht werden muss, damit er es bleibt.

Wer seinem Friedens-Engagement mehr Substanz geben möchte, findet in „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“einen verlässlichen Denkpartner. Derzeit im Sonderangebot in unserem Shop.

Zwei Logiken, eine Entscheidung

Wolfram Stierle arbeitet in seinem Beitrag eine Unterscheidung heraus, die in der aktuellen Debatte kaum jemand so deutlich benennt. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Vorstellungen von Sicherheit. Die eine entsteht durch Kooperation, gemeinsame Strukturen und das mühsame Ringen um Vertrauen. Die andere durch Abschreckung, Aufrüstung und das Prinzip der Stärke. Stierle zeigt: Wer Sicherheit nur als Abwehr denkt, landet unweigerlich in einer Logik, die Wandel verhindert statt ermöglicht.

Beide Logiken sind heute wirksam. Aber nicht gleichgewichtig.

Was die Zahlen sagen

UN-Generalsekretär António Guterres hat es unlängst öffentlich ausgesprochen: Höhere Militärausgaben allein schaffen keinen Frieden. Die Zahlen geben ihm recht. Die globalen Militärausgaben erreichten 2024 einen Rekordwert. Die Ausgaben für Entwicklung und humanitäre Hilfe sanken im gleichen Zeitraum deutlich. Die Investitionen in Abschreckung und Aufrüstung übersteigen die in Kooperation und zivile Lösungen inzwischen um den Faktor zwölf.

Couragiert widerständig – mehr als ein Motto

Das ist der Rahmen, in dem die FriedensDekade 2026 unter dem Motto couragiert widerständig steht. Und es ist der Rahmen, in dem Olafs Bild von den bunten Tauben vor dem Gitterfenster seine eigentliche Tiefe bekommt. Wer heute für gewaltfreie Lösungen eintritt, steht nicht am Rand der Debatte. Er oder sie stellt eine der zentralen politischen Fragen unserer Zeit.

Ein Buch, das weiterdenkt

Was das konkret bedeuten kann, entfaltet das Buch auf seinen weiteren Seiten. Welche Erfahrungen zivile Konfliktbearbeitung weltweit gesammelt hat. Wo sie wirkt. Wo sie an Grenzen stößt. Es liefert keine einfachen Antworten. Aber es gibt der Frage, die Olaf am Ende des Gesprächs stellt, das Fundament, das sie verdient: Braucht unsere Welt wirklich noch mehr Waffen?

In den nächsten zwei Ausgaben des Friedensbriefs greifen wir zwei weitere Bereiche aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf. Im Mai erinnern wir an den 8. Mai und fragen, was „Nie wieder Krieg“ heute bedeutet, wenn junge Menschen wieder über Wehrpflicht diskutieren. Danach blicken wir auf die Kraft der Zivilgesellschaft gestern und heute.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist derzeit zum Sonderpreis in unserem Webshop erhältlich.

Ein Ruf nach Frieden

Vom Zombie zum Friedensboten: Ein Oster-Echo aus Irland

Heute schreiben wir den 24. April 2026. In Bayern sind gerade die Osterferien zu Ende gegangen, doch im Kirchenjahr befinden wir uns noch mitten in der Osterzeit, jener 50-tägigen Spanne bis Pfingsten, die uns daran erinnert, dass das Leben das letzte Wort hat.

Doch Ostern ist nicht überall nur ein Fest der Ruhe. Auf den Tag genau vor 110 Jahren, am 24. April 1916, begann in Irland der Osteraufstand. Ein Ereignis, das eine Spirale der Gewalt auslöste, die Jahrzehnte überdauerte.

In unserem Jahresmotto „couragiert widerständig“ suchen wir nach Wegen, wie wir aus solchen Kreisläufen ausbrechen können. Pastor Jens D. Haverland blickt in seinem Impuls auf ein weltberühmtes Protestlied und stellt eine radikale Frage: Sind wir Gefangene unserer Köpfe, oder folgen wir dem Ruf der Auferstehung?


Der Schatten von 1916: Ein Aufstand und seine Folgen

Im Jahr 1916 war Ostern spät im Jahr – Ostermontag fiel auf den 24. April 1916 und an diesem Ostermontag begannen in Irland auch der sogenannt Osteraufstand, der schließlich zu den jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Nordirland um die Eigenständigkeit Irlands führte – dem Nordirlandkonflikt. Dabei lagen die Wurzeln des Konflikts rund 800 Jahre zurück. In den 1150er Jahre bat Dermot MacMurrough nach Verbannung durch seine Landsleute König Heinrich II. von England um Unterstützung, sein Land zurückzuerhalten. Bis nächstes Jahr läuft nun noch das Friedensprojekt „PEACE PLUS“ der Europäischen Union, um in der irischen Grenzregion und Nordirland Frieden und Versöhnung zu fördern und soziale, wirtschaftliche und regionale Stabilität und Zusammenarbeit voranzutreiben. Trotz immer wieder aufflackernder Konflikte in Folge des Brexits liegen große Hoffnung auf der Jugend und der weitestgehend im Frieden aufgewachsenen Generation.

„Zombie“: Wenn Gewalt die Gedanken besetzt

Im September 1994 veröffentlichte die Irische Band „The Cranberries“ ein Lied, das zu ihrem größten Erfolg werden sollte – Zombie. Der Text nimmt Bezug auf den Nordirlandkonflikt und erinnert an den Tot zweier Kinder, die bei einem Bombenanschlag der IRA im März 1920 ums Leben kamen. Im Wechsel zwischen den Beschreibungen, wie die beiden toten Körper der Kinder weggetragen werden, wird refrainartig der Attentäter, der Betrachter der Szene bzw. der Hörer des Liedes mit der Frage konfrontiert: Was ist bloß in deinem Kopf los, Zombie? Mittelpunkt des Textes ist die Erinnerung an den Osteraufstand von 1916: Es ist immer das gleiche Thema seit 1916. In deinem Kopf kämpfen sie noch immer – mit ihren Panzern und ihren Bomben und ihren Waffen. In deinem Kopf sterben sie.

Aufwachen aus der Spirale des Hass

Zugegeben: Als Jugendlicher habe ich dieses Lied nicht verstanden. Habe es nicht in Verbindung gebracht mit den Bildern in den Nachrichten aus Belfast und Nordirland, mit Begriffen wie IRA und Sinn Féin. Heute ist dieses Lied für mich das geworden, was es ursprünglich sein sollte: Ein Protestlied gegen den sinnlosen Krieg in dem die Beteiligten, ob Betrachter oder Betroffene, zu Zombies der Gewalt werden und selbst töten. Selbst gefangen in Gewalt, Hass, Verletzungen und Enttäuschungen. Solche Zombies gibt es auch heute noch an anderen Orten und wir sind aufgefordert aufzuwachen, damit ich nicht selbst zum Zombie werde. Die Spirale der Gewalterfahrungen muss mühsam und mit langem Atem durchbrochen werden. Was ist los in deinem Kopf? Zombie! Zombie, zombie, zombie-ie-ie…

Ostern: Keine Untoten, sondern lebendige Hoffnung

Einer meiner Konfirmanden hat mich mal gefragt, ob Jesus nach seiner Auferstehung nicht ein Zombie gewesen wäre – ein Untoter. Von Ostern kommend ist das für mich aber grade nicht das Bild. Der Auferstandene ist nicht ein Furcht und Schrecken verbreitender Untoter, sondern die Macht des Todes als Schreckensmacht beendender Friedensbote. Als Nachfolgende Christi haben wir ein lebendiges und hoffnungsvolles Beispiel, wie der Teufelskreislauf durchbrochen werden kann – weil Jesus selbst diese Spirale von Gewalt und Tod unterbrochen hat. Ein für alle mal – auch für mich.


Jens D. Haverland erinnert uns daran: Widerstand beginnt im Kopf. Couragiert widerständig zu sein bedeutet heute auch, sich der „Zombifizierung“ durch Hassbotschaften und Feindbilder entgegenzustellen. Während wir uns auf Himmelfahrt und Pfingsten zubewegen, bleibt die österliche Botschaft unsere Basis: Der Teufelskreis ist durchbrochen. Wir müssen nicht bleiben, wie wir sind. Wir können aufstehen.

Friedensarbeit braucht einen langen Atem und viele Hände. Wir laden Sie ein, Teil dieser Bewegung zu sein und die FriedensDekade 2026 in Ihrer Region und Gemeinde mitzugestalten. Ob durch das Verteilen unserer Materialien, das gemeinsame Gebet oder finanzielle Unterstützung, jeder Beitrag ist ein wichtiger Stein in unserem Mosaik des Friedens, das wir gemeinsam in ganz Deutschland bilden.

Bleiben Sie couragiert widerständig!

Friedenspolitische Einordnung | Teil 3: Glaubwürdigkeit

Glaubwürdigkeit als Fundament der Friedensarbeit

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

Recht und Gerechtigkeit als Maßstab

Die Friedensarbeit lebt von ihrer Glaubwürdigkeit – und dies hat vor allem mit Gerechtigkeit und Recht zu tun. Was dies konkret bedeutet, wurde beim AGDF-Fachgespräch zu Generationen und Friedensarbeit und bei der Kooperationsveranstaltung „Dialog Friedensbewegung(en)“ in Hofgeismar wieder einmal deutlich: Die Verletzung von Völkerrecht und Menschenrechten muss von Friedensinitiativen als Verbrechen benannt werden – egal von welchem Staat sie ausgeht. Opfer kriegerischer Gewalt verdienen unser Mitgefühl, egal auf welcher Seite sie sind.

Dies sollte nicht nur in eigenen Erklärungen deutlich benannt werden, sondern auch in Aufrufen von Aktionsbündnissen, zum Beispiel zum Ostermarsch. Da dies mancherorts leider nicht der Fall ist, ist es nicht verwunderlich, wenn Organisationen wie die AGDF oder ihre Mitglieder nicht zu den Unterstützenden gehören – so wichtig auch eine Mobilisierung gegen Krieg und Militarisierung ist.

Glaubwürdigkeit beginnt im Inneren

Aber auch der Umgang von Friedensinitiativen mit Menschen, die aus welchem Grund auch immer Diskriminierung und Benachteiligung ausgesetzt sind, ist ein Lackmustest für ihre Glaubwürdigkeit. Wird dies in öffentlichen Erklärungen und bei Bündnissen berücksichtigt? Gibt es Regeln und eine Kultur der internen Zusammenarbeit, die Diskriminierung vermeidet und Benachteiligte stärkt? Wie partizipativ ist die Friedensinitiative aufgestellt?

Aus meiner Sicht sind viele Organisationen im deutschen Friedensnetzwerk bereits gut aufgestellt und/oder in wichtigen Veränderungsprozessen. Insgesamt ist in der Friedensszene aber noch viel Luft nach oben. Dies trägt dazu bei, dass es um ihre Attraktivität und Relevanz nicht gut bestellt ist.

Ostern als Ermutigung

Ansporn in Sachen Glaubwürdigkeit könnten auch die Osterzeit sein: Jesus war nicht ohne menschliche Fehler, aber in einem sehr hohen Maße glaubwürdig – bis in seinen Tod hinein. Er ist in sehr herausfordernden politischen Verhältnissen dem Weg der Gewaltfreiheit und des Widerstands gegen Ungerechtigkeit treu geblieben. Und seine Ermordung ist nicht das Ende der biblischen Erzählung, sondern seine Auferstehung. Gott ist auf der Seite derjenigen, die ihm nachfolgen – wenn dies nicht eine Ermutigung ist!


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

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