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Schlagwort: Komm den Frieden wecken

Frieden im Dialog 2025: Heidrun Kisters über Friedenslogik, Vernetzung und das Motto „Komm den Frieden wecken“

Frieden im Dialog: Friedenslogik und gelebtes Engagement

Ein Gespräch mit Heidrun Kisters und Lars Blume über Friedensarbeit, Vernetzung und die Kraft kleiner Schritte für eine friedensfähige Welt.

Perspektiven für eine friedensfähige Welt

In unserer Serie „Frieden im Dialog“ möchten wir die Menschen und Ideen hinter der ökumenischen FriedensDekade sichtbar machen. In regelmäßigen Gesprächen kommen Personen aus dem Gesprächsforum, Redaktionskreis oder anderen Netzwerken zu Wort, teilen ihre Perspektiven und geben Einblicke in die Arbeit, die die FriedensDekade so lebendig macht. Ob persönliche Geschichten, Visionen oder die Auseinandersetzung mit dem Wandel in der Friedensarbeit, dieser Dialog lädt ein, gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie Frieden gestaltet werden kann.

Heute im Gespräch: Heidrun Kisters, Friedensbotschafterin der FriedensDekade 2025, und Lars Blume, der die Öffentlichkeitsarbeit der ökumenischen FriedensDekade gestaltet. Heidrun engagiert sich seit den 1980er Jahren für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, inspiriert durch die Proteste gegen die Stationierung von Atomraketen im Hunsrück. Gemeinsam sprechen sie über die Kraft der Friedenslogik, die Bedeutung von Vernetzung und wie das Motto „Komm den Frieden wecken“ 2025 Menschen inspirieren kann.

Die Rolle der Friedensbotschafterin

Lars: Heidrun, du bist Friedensbotschafterin der FriedensDekade 2025. Was bedeutet das für dich persönlich?

Heidrun: Ich sehe mich in einer Reihe vieler Mitstreiter*innen, die seit vielen Jahren in der Friedensarbeit aktiv sind. Durch Öffentlichkeit und Präsenz können wir uns gegenseitig stärken und Mut machen.

Lars: Das klingt nach einer großen Verantwortung, aber auch nach einer Chance, andere zu inspirieren.

Heidrun: Genau, es ist eine Möglichkeit, Menschen zu zeigen, dass Friedensarbeit im Alltag beginnt. Lars, wie erlebst du diese Rolle der FriedensDekade, Menschen zusammenzubringen und sichtbar zu machen, was möglich ist?

Lars: Für mich ist die FriedensDekade eine Plattform, die Vielfalt und Kreativität in der Friedensarbeit sichtbar macht. Durch unsere Materialien, die regionalen Veranstaltungen in den Gemeinden und Gemeinschaften, unsere Präsenz auf den Kirchentag oder die peace-and-pray-App schaffen wir Räume, in denen Menschen ihre Ideen einbringen können. Es geht darum, Hoffnung und Handlungsmöglichkeiten zu verbinden.

Heidrun: Das klingt spannend! Wie schafft ihr es, diese Vielfalt an Menschen und Ideen unter ein Motto wie „Komm den Frieden wecken“ zu bringen?

Lars: Das Motto ist so kraftvoll, weil es offen ist. Es lädt ein, Frieden aktiv zu gestalten, sei es durch Gebete, Aktionen oder Dialoge. Wir versuchen, mit Materialien und Formaten wie Workshops und den verschiedenen Materialien Menschen zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden.

Das Motto „Komm den Frieden wecken“

Lars: Apropos Motto: Was weckt der Satz „Komm den Frieden wecken“ in dir?

Heidrun: In einer Gesellschaft, die sich zunehmend militarisiert, wird es immer schwieriger, die Friedenslichter zu erkennen. Dort, wo sie erloschen sind, müssen wir sie wieder anzünden.

Lars: Dieses Bild des „Anzündens“ ist stark. Für mich ist es ein Aufruf, Hoffnung und Handeln zu verbinden.

Heidrun: Absolut. Ich sehe es als Einladung, wachsam zu bleiben. Lars, wie plant ihr in der FriedensDekade, dieses „Anzünden“ konkret zu fördern, besonders in einer Zeit, in der viele Menschen von Krisen überwältigt sind?

Lars: Wir setzen auf konkrete, zugängliche Formate: Friedensgebete, Schreibwerkstätten. Als FriedensDekade schaffen wir einen deutschlandweiten Rahmen, der vor Ort und durch viele eigenständige Initiativen und Aktionen in der Zeit der FriedensDekade und darüber hinaus gefüllt wird. Unsere Materialien sind so gestaltet, dass Gemeinden, Schulen oder Einzelpersonen sie leicht nutzen können. Es geht darum, Menschen zu zeigen, dass sie mit kleinen Schritten etwas bewirken können.

Heidrun: Das ist wichtig, diese Niedrigschwelligkeit. Es ermutigt Menschen, anzufangen.

Friedenslogik versus Sicherheitslogik

Lars: Du sprichst oft von einer Friedenslogik als Gegenmodell zur Sicherheitslogik. Was heißt das konkret für dein Denken und Handeln?

Heidrun: Für mich heißt das konkret, dass ich im Konflikt nicht auf Stärke und Durchsetzung baue, sondern versuche, die Interessen meines Gegenübers im Blick zu haben und eine einvernehmliche Lösung zu suchen.

Lars: Das ist eine klare Abgrenzung zur oft dominierenden Sicherheitslogik, die auf Abschreckung setzt.

Heidrun: Genau. Friedenslogik bedeutet, Vertrauen zu schaffen statt Misstrauen. Lars, wie versucht die FriedensDekade, diese Friedenslogik in ihren Projekten sichtbar zu machen?

Lars: Wir setzen auf Dialog und Begegnung. Unsere Materialien fördern gewaltfreie Ansätze, etwa durch Workshops zu Konflikttransformation oder Gebete, die Verbundenheit schaffen. Aktuell prüfen wir, wie wir mit einem kleinen Bildungsangebot die Strukturen vor Ort noch mehr unterstützen können.

Die Diskussion um „Kriegstüchtigkeit“

Lars: Die aktuelle gesellschaftliche Diskussion dreht sich oft um „Kriegstüchtigkeit“. Wie bewertest du das, und welche Alternativen möchtest du sichtbar machen?

Heidrun: Diese Terminologie macht mir Angst. Wir dürfen uns nie daran gewöhnen. Stattdessen sollten wir alles daran setzen, durch Diplomatie Krisen und Kriege zu beenden. Auch in unseren Köpfen darf sich das Freund-/Feind-Denken nicht festsetzen. Gesellschaftliche Prozesse der Versöhnungsarbeit und Völkerverständigung müssen gestärkt werden, anstatt in diesen Bereichen immer mehr finanzielle Mittel einzusparen.

Lars: Diese Angst teile ich. Die FriedensDekade versucht, solche Alternativen sichtbar zu machen.

Heidrun: Das ist so wichtig. Lars, wie geht ihr in eurer Öffentlichkeitsarbeit mit dieser militaristischen Sprache um? Wie schafft ihr es, eine positive Botschaft dagegenzusetzen?

Lars: Wir versuchen, die Narrative zu ändern, indem wir Geschichten von gewaltfreier Arbeit teilen; sei es auf friedensdekade.de, bei Veranstaltungen oder über soziale Medien. Das Motto „Komm den Frieden wecken“ ist unser Gegenentwurf: Es ruft zur aktiven Gestaltung von Frieden auf, statt sich in Angst oder Abschreckung zu verlieren.

Heidrun: Das ist ein starker Ansatz. Es geht darum, Hoffnung sichtbar zu machen.

Die Kraft der Vernetzung

Lars: Deine Arbeit ist tief vernetzt in lokale Gruppen wie ATTAC, Omas gegen Rechts oder das Frauenforum. Warum ist Vernetzung so wichtig für den Frieden?

Heidrun: Friedensarbeit ist sehr komplex. Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung sind untrennbar miteinander verbunden. Ein solidarisches Miteinander ist Voraussetzung für eine resiliente demokratische Gesellschaft. Wenn sich hier Hass und Hetze festsetzen, hat auch der Frieden nach außen keine Chance.

Lars: Diese Verbindung von Themen ist zentral für die FriedensDekade.

Heidrun: Genau. Lars, wie nutzt ihr in der FriedensDekade Netzwerke, um diese Themen zusammenzubringen? Arbeitet ihr auch mit  anderen Bewegungen?

Lars: Ja, wir suchen aktiv die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Bewegungen und sind in der Friedensbewegung, auch aufgrund unser 45 jährigen Tradition tief verwurzelt. Beim Kirchentag 2025 in Hannover zum Beispiel habe ich mit internationale Partner über die Verbindung von Frieden und Klimagerechtigkeit diskutiert. Netzwerke wie „Church and Peace“ helfen uns, diese Themen international zu verankern.

Heidrun: Das klingt nach einem guten Ansatz. Vernetzung schafft Synergien, die uns alle stärker machen.

Erfahrungen aus den 1980er Jahren

Lars: Dein Engagement begann in den 1980er Jahren mit den Protesten gegen die Atomraketen im Hunsrück. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit prägen dich bis heute?

Heidrun: Friedensarbeit braucht einen langen Atem, gute Vernetzung und immer wieder Austausch mit Mitstreiter*innen. Die Situation in den 80er Jahren war hier im Hunsrück sehr besonders. In dieser ländlichen Gegend bleibt politisches und gesellschaftliches Engagement nicht anonym. Das ist eine große Chance auch heute noch.

Lars: Diese Nähe und Persönlichkeit der Arbeit ist inspirierend.

Heidrun: Ja, sie gibt Kraft. Lars, wie schafft ihr es in der FriedensDekade, diese persönliche Ebene zu bewahren, obwohl ihr vor allem dezentral agiert aber zentral aufgestellt seid?

Lars: Wir setzen auf lokale Aktionen, die von Gemeinden oder Einzelpersonen gestaltet werden. Unsere Materialien sind so flexibel, dass sie an lokale Kontexte angepasst werden können. Gleichzeitig nutzen wir Plattformen wie den Kirchentag oder unsere Website, um diese lokalen Geschichten im DACH-Raum zu teilen.

Heidrun: Das ist eine gute Balance. Es zeigt, dass globales Engagement immer bei den Menschen vor Ort beginnt.

Hoffnung und Kraft trotz Rückschläge

Lars: Woher nimmst du die Hoffnung und Kraft, dich trotz Rückschlägen weiter zu engagieren?

Heidrun: Es gibt immer wieder Phasen der Resignation in dieser bedrohlichen weltpolitischen Situation. Und dann entdecke ich immer wieder, dass ich nicht alleine da stehe. Der Kontakt und Austausch mit „Gleichgesinnten“ gibt mir dann Kraft und neuen Mut.

Lars: Dieser Austausch ist so wertvoll.

Heidrun: Ja, er ist lebensnotwendig. Lars, wie schafft ihr es in der FriedensDekade, Menschen in solchen Momenten der Resignation zu erreichen und zu ermutigen?

Lars: Wir versuchen, Begegnungsräume zu schaffen, sei es durch Veranstaltungen, gemeinsam Schweigen aber auch durch digitale Formate wie dieses hier. Diese Räume geben Menschen die Möglichkeit, sich auszutauschen und zu merken, dass sie Teil einer größeren Bewegung sind.

Heidrun: Das klingt ermutigend. Solche Räume sind essenziell, um nicht aufzugeben.

Wünsche an junge Menschen

Lars: Was wünschst du dir von jungen Menschen oder kommenden Generationen mit Blick auf Frieden und Gerechtigkeit?

Heidrun: Ich würde mir zunächst mal für junge Menschen wünschen, dass wir ihnen eine lebenswerte Welt hinterlassen und ihre Zukunft nicht durch Kriege und Klimakatastrophe bedroht wird. Von den jungen Menschen wünsche ich mir, dass sie sich nicht blenden lassen von der „Heil versprechenden“ Konsumwelt und achtsam mit den Sozialen Medien umgehen. Auch hier ist die Gesellschaft gefordert, mehr in die Bildung zu investieren, um soziale Werte zu vermitteln.

Lars: Das ist ein starker Aufruf. Wir versuchen, junge Menschen durch Workshops oder unsere Onlinepräsenz einzubinden.

Heidrun: Das ist ein guter Anfang. Lars, wie erreicht ihr junge Menschen konkret, und wie stellt ihr sicher, dass sie sich in der FriedensDekade gehört fühlen?

Lars: Wir setzen auf Formate, die niedrigschwellig sind, wie Kunstprojekte, Diskussionen in Schulen oder unsere Social-Media-Kanäle. Mit dem Versuch in 2025 Bildungsformate zu etablieren, die wir zunächst in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt testen, hoffen wir auch vor Ort direkt mit Menschen ins Gespräch zu kommen und so eine unterstützende Stimme zu der Arbeit vor Ort leisten zu können. Wichtig ist, ihnen zu zeigen, dass jede Stimme zählt.

Heidrun: Das ist entscheidend. Junge Menschen brauchen das Gefühl, dass sie etwas bewegen können.

Ein Sinnbild für Hoffnung

Lars: Gibt es ein Zitat, ein Bild oder eine Erfahrung, das für dich zum Sinnbild für Hoffnung oder friedliche Veränderung geworden ist?

Heidrun: Folgendes Zitat ist für mich in den letzten Jahren sehr wichtig geworden: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“ Václav Havel (1936-2011).

Lars: Das ist ein unglaublich kraftvolles Zitat.

Heidrun: Ja, es gibt mir Orientierung. Lars, gibt es ein Zitat oder eine Erfahrung, die dich in deiner Arbeit für die FriedensDekade antreibt?

Lars: Für mich ist es die Erfahrung, wie Menschen bei den Veranstaltungen in den 10 Tagen der FriedensDekade zusammenkommen und spüren, dass sie Teil von etwas Größerem sind. Ein Satz, der mich begleitet, ist von Dietrich Bonhoeffer: „Der Friede muss gewagt werden.“ Er erinnert mich daran, dass Friedensarbeit Mut braucht.

Heidrun: Das passt perfekt zu unserem Anliegen. Es geht darum, diesen Mut immer wieder aufzubringen.

Den Einzelnen ermutigen

Lars: Zum Abschluss: Was würdest du Menschen sagen, die das Gefühl haben: „Ich allein kann doch eh nichts bewirken“?

Heidrun: Mit dieser Aussage werde ich tatsächlich oft konfrontiert. Dazu fällt mir dann das obige Zitat ein. Letztendlich muss sich jede und jeder dann den eigenen Weg suchen und dies mit den eigenen Ansprüchen und dem Gewissen vereinbaren.

Lars: Das ist ein starker Gedanke.

Heidrun: Ja, es geht um den eigenen Weg. Lars, wie ermutigt ihr in der FriedensDekade Menschen, diesen ersten Schritt zu machen, auch wenn sie sich klein fühlen?

Lars: Wir zeigen, dass jeder Schritt zählt,  sei es ein Gebet, eine kleine Aktion oder ein Gespräch. Unsere Materialien bieten konkrete Anleitungen, und unsere Plattformen wie friedensdekade.de oder Instagram zeigen Geschichten von Menschen, die mit kleinen Taten Großes bewirken. Es geht darum, zu zeigen: Du bist nicht allein.

Heidrun: Das ist genau die Botschaft, die wir brauchen. Lass uns gemeinsam dafür sorgen, dass „Komm den Frieden wecken“ 2025 eine Bewegung wird!

Zum Weiterlesen und Mitgestalten

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Wehrpflicht oder Friedenspflicht?

Ein Kommentar von Lars Blume zur aktuellen Debatte

Die Diskussion ist zurück: Braucht Deutschland eine neue Wehrpflicht? In einem vielbeachteten Streitgespräch „Wir müssen über die Wehrpflicht reden – jetzt!“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 13. Juli 2025 treffen zwei Positionen aufeinander. Arthur Kießling, 22 Jahre alt, plädiert für einen verpflichtenden gesellschaftlichen Dienst mit militärischer Option. Johannes Zerger, 64 Jahre alt, ehemaliger Zivildienstleistender, warnt eindringlich vor den gesellschaftlichen und menschlichen Konsequenzen. Ihre Argumente gehen über sicherheitspolitische Fragen hinaus. Sie fordern uns heraus, Frieden neu zu denken.

Das Gespräch beginnt mit einer klaren Haltung: Zerger, geprägt durch persönliche und familiäre Erlebnisse vergangener Kriege, lehnt verpflichtenden Wehrdienst ab. Für ihn steht das Selbstbestimmungsrecht im Zentrum. Krieg bleibt menschliches Leid. Kießling hingegen schaut auf die Zukunft Europas: für ihn sind Wehrpflicht oder neue Dienstmodelle Mittel zur Abschreckung und Durchhaltefähigkeit.

Beide Stimmen spiegeln die Debatte wider, die durch dem Bundesverteidigungsminister Pristorius in der Regierung Scholz mit einem „freiwilligen Wehrdienst“ begann, sich unter der Regierung Merz jedoch zunehmend verschärft. Merz hat mehrfach betont, dass allein Freiwilligkeit nicht genügt und dass „we’ll do whatever it takes“ – sogar auf Kredit – investiert wird, um Deutschlands Wehrfähigkeit auszubauen. Ausgaben für Verteidigung und bestimmte sicherheitspolitische Ausgaben ab einer bestimmten Höhe sollen künftig nicht mehr auf die Schuldenregel des Grundgesetzes angerechnet werden. (Bundestag.de 18.03.2025) Zusätzlich soll ein Modell gesetzlich verankert werden, das Pflichtdienste ermöglicht.
(Tagesschau vom 23.06.2025

„Angesichts der Bedrohungen unserer Freiheit und des Friedens
auf unserem Kontinent muss jetzt auch  für unsere Verteidigung gelten: Whatever it takes.“ – Friedrich Merz (ZDFheute 05.03.2025)

Genau dieser Wechsel im Narrativ ist entscheidend: eine Regierung, die bereit ist, Milliarden in Waffen und Personal zu investieren, deren Duktus in Richtung Rüstung statt Frieden geht, fordert uns heraus, genau hinzusehen und zu fragen: Was schützt uns wirklich?

Hinhören statt Hochrüsten

„Wir müssen über Wehrpflicht reden. Jetzt.“ So lautet Kießlings Appell. Angesichts zunehmender Spannungen mit Russland, einer unterbesetzten Bundeswehr und dem Gefühl, dass seine Generation mit zu viel Verantwortung allein gelassen wird, hält er einen verpflichtenden Dienst für notwendig. Zerger hält dagegen: Krieg ist niemals abstrakt. Er bedeutet Blut, Schweiß, Schmerz und Tod. Sein Vater, zweimal verwundet im Zweiten Weltkrieg, überlebte nur knapp. Die Erfahrung prägte seine Familie. Daraus erwuchs ein tiefes Nein zu jeder Form von Dienst, der Menschen gegen ihren Willen in Uniform zwingt.

Gerade in dieser Auseinandersetzung wird deutlich, wie dringend wir wieder Räume brauchen, in denen unterschiedliche Meinungen respektvoll nebeneinander stehen dürfen. Eine konstruktive Streitkultur ist Teil unserer demokratischen Verantwortung. Sie schützt uns davor, militärische Lösungen als alternativlos darzustellen. Statt Hochrüstung brauchen wir eine Kultur des Zuhörens, des Zweifelns, des Suchens. Denn: Frieden beginnt mit dem Gespräch. Und endet dort, wo Menschen zum Mittel militärischer Macht werden.

Was uns dieser Dialog lehrt

Dieses Streitgespräch offenbart eine seltene Qualität: Es ist keine Show, kein Aufrechnen von Parolen sondern ein ehrlicher Versuch, einander zu verstehen. Genau das ist Friedenskultur: Zuhören, Argumente prüfen, Positionen hinterfragen. Demokratie lebt von der Auseinandersetzung, vom Prüfen der Argumente und vom Mut, die eigene Haltung zu hinterfragen.

Auch in der Bibel begegnet uns die Spannung zwischen Freiheit und Sicherheit. Freiheit ist ein Geschenk. Sie ist jedoch kein Freibrief für Gewalt. Biblischer Frieden meint mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er bedeutet Gerechtigkeit, Verantwortung und Respekt vor jedem einzelnen Leben. „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin“, heißt es im Psalm 139. Und Paulus schreibt im Galaterbrief: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Und er beginnt dort, wo wir uns daran erinnern: Der Mensch steht im Zentrum. Jeder Soldat ist Sohn oder Tochter, Vater oder Mutter. Mensch. Und jedes Leben ist kostbar. In der jüdisch-christlichen Tradition steht klar: „Du sollst nicht töten.“ (2. Mose 20,13). Gewalt darf niemals zur selbstverständlichen Option werden.

Frieden gestalten mit Herz und Haltung

Johannes Zerger fordert, über Alternativen zu sprechen. Ziviler Friedensdienst, Bildungsarbeit, Freiwilligendienste – all das sind Räume, in denen Frieden wachsen kann. Nicht durch Pflicht, sondern durch Überzeugung. Nicht durch Waffen, sondern durch Begegnung.

Auch Arthur Kießling bringt eine wichtige Perspektive ein. Viele junge Menschen fühlen sich überfordert von globalen Krisen und gesellschaftlicher Verantwortung. Auch das sind Stimmen, die gehört werden dürfen.

Doch das Gefühl der Ohnmacht darf uns nicht zu kurzfristigen Reaktionen treiben. Ein verpflichtender Dienst, wie auch immer er ausgestaltet wird, darf nicht zum trojanischen Pferd einer mentalen Kriegstüchtigkeit werden. Sprache schafft Wirklichkeit und Begriffe wie „wehrtüchtig“ oder „Verteidigungsfähigkeit“ zeigen, wie tief die Denklogik von Bedrohung und Gewalt längst wieder salonfähig ist.

Wir dürfen nicht vergessen: Krieg ist kein Mittel gegen Angst. Er schafft neue Wunden. Dialog dagegen heilt. Und Zuhören öffnet Räume.

„Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5,9)

Frieden braucht viele Stimmen. Viele Wege. Und das Vertrauen, dass Sicherheit mehr ist als Abschreckung – sie beginnt mit Beziehung, mit Herz und Haltung.

Gemeinsam für eine Kultur des Friedens

Stellen Sie sich vor: Jeder Mensch, der diesen Text liest, führt ein Gespräch. Mit Freund*innen, in der Gemeinde, im Schulunterricht. Über Krieg und Frieden, über Wehrpflicht und Würde. Über das, was wir wollen – und was wir niemals wieder zulassen dürfen.

Begleiten Sie mit uns die FriedensDekade unter dem Motto „Komm den Frieden wecken“ vom 9. bis 19. November 2025 – in Schulen, Kirchengemeinden, Initiativen und im Alltag. Nutzen Sie unsere Materialien im Shop oder als Download, gestalten Sie Andachten, teilen Sie Lieder und Geschichten.

Ein besonders bewegender Impuls: das Lied „Nein meine Söhne geb ich nicht “ von Reinhard Mey & Friends. Es ist mehr als ein musikalisches Statement, es ist eine Erinnerung an das, was zählt: das Leben. Die Menschlichkeit. Und die ungebrochene Hoffnung auf eine gewaltfreie Zukunft.

Gemeinsam machen wir Frieden hörbar. Mit Stimme, Haltung und Glauben.

Angst-Einschlaflied – Ein Impuls von Berthold Keunecke

Ein Impulstext zum Jahresmotto der Ökumenischen FriedensDekade in 2025

„Bevor der Frieden kommt, darf die Angst zur Ruhe finden“

Bevor wir den Frieden wecken, müssen wir vielleicht erst die Angst zur Ruhe bringen.
In seinem Impuls zur FriedensDekade 2025 beschreibt [Name des Autors] eindrücklich, wie lähmend Angst wirkt – und wie Vertrauen, Empathie und der Glaube an die Kraft der Liebe neue Räume öffnen.
Ein Text, der uns erinnert: Frieden beginnt, wo wir den Mut finden, anders hinzusehen.

Angst-Einschlaflied

„Komm den Frieden wecken!“ sagen wir in der diesjährigen Friedensdekade. Aber vielleicht müssen wir zunächst unserer Angst ein Lied zum Schlafengehen singen: „La-le-lu, liebe Angst, geh nun zur Ruh‘ …“?

„Mutig – stark – beherzt“ – war das Motto des Kirchentages in Hannover.  Aber die wenigsten meiner Gespräche dort waren von dem Mut und der Aufbruchstimmung geprägt, den das Motto beabsichtigte. Auch bei vielen von uns Christinnen und Christen ist die Angst stärker als das Vertrauen. So viele Leute sind erfüllt von Angst und meinen, nur überlegene Waffen könnten noch Sicherheit bieten. Ich spüre: Die Angst ist ein Gefühl, welches das Denken einschränkt. Je höher ein Konflikt eskaliert, desto weniger ist Nachdenklichkeit möglich. Feindbilder prägen die Konfliktdynamik schon vor der Gewalteskalationsstufe – wenn diese Stufe aber erreicht ist, wird jede Kritik an der Gewalt der eigenen Gruppe als Unterstützung des Gegners gewertet.

Ich glaube, dass uns Jesus von Nazareth mit der Feindesliebe eine wichtige Möglichkeit der Deeskalation ans Herz gelegt hat. Feindesliebe heißt ja nicht, Unrecht zu akzeptieren, sondern sie bedeutet, sich in den Gegner hineinzudenken. Auf der anderen Seite Menschen zu erkennen, die Interessen verfolgen. Das wäre eine Grundlage für Kommunikation. Das gerät aber aus dem Blick, wenn die Waffen alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn Angst unseren Blickwinkel verengt.

Über die Komplexität und Geschichte des Konfliktes in der Ukraine herrscht bei uns erschreckende Ignoranz, so mein Eindruck vom Kirchentag. Gründe dafür sind u.a. Feindbilder und die Angst vor „den Russen“, die seit über 100 Jahren in unserem Land Raum gewonnen haben. Jesus macht uns dagegen Mut, in ihnen Menschen zu erkennen. Das fällt leider schwer, wenn die Angst unsere Seelen besetzt. Die Rüstungslobbyisten reden deshalb viel von Bedrohung, und wenig von Kommunikationsmöglichkeiten.

Ich bin dankbar für so viele Erfahrungen mit der Kraft der Gewaltfreiheit, und dass mein Glaube stärker geworden ist als alle Angst. Ich glaube nicht mehr an die Macht der Waffen, sondern an die Kraft der Liebe. Ich glaube, dass gute Beziehungen eher den Frieden sichern als militärische Stärke. Ein entwaffnendes Lächeln kann einen Streit in der Familie beenden, und Versöhnungsbereitschaft kann eine Konfliktdynamik wenden. Willy Brandts Entspannungspolitik hat den Fall der Mauer 1989 ermöglicht. Ich werde mich also immer gegen die Angst wenden, die mit Begriffen wie „Zeitenwende“ und „nötiger Kriegstüchtigkeit“ geschürt wird – ich sage mutig: „Nie wieder Krieg!“ und vertraue auf den, der sagt: „Selig sind, die Frieden stiften“. Ich singe meiner Angst immer wieder ein Einschlaflied und versuche, unter uns den Frieden zu wecken.


Den Frieden wecken – das beginnt im Kleinen: in unseren Gesprächen, in unserer Haltung, in unserer Sprache.


Lass dich inspirieren und werde Teil der FriedensDekade: Folge uns auf Instagram für Impulse, Zitate und Aktionen rund um das Motto „Komm den Frieden wecken“. Materialien, Postkarten und Denkanstöße findest du im  Online-Shop. Lasst uns gemeinsam den Frieden wecken!

Mitmachen bei der FriedensDekade 2025 – „Komm den Frieden wecken“

Warum Ihre Aktion zählt – gemeinsam Zeichen setzen

Seit 45 Jahren bringt die Ökumenische FriedensDekade Menschen zusammen, die sich für Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit und Versöhnung einsetzen. Entstanden aus zwei friedensbewegten Strömungen in Ost und West – dem konziliaren Prozess der Kirchen in der DDR und der westdeutschen Initiative „Frieden schaffen ohne Waffen“ – wirkt sie heute als gemeinsamer Raum für Gebet, Aktion und politisches Nachdenken. Diese friedensbewegte Tradition ist ein lebendiges Erbe, das bis heute trägt. Und sie zeigt: Frieden beginnt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen – in Kirchen, Schulen, Verwaltungen, Vereinen oder ganz persönlich.

Dezentrale Friedensarbeit – Ihr Beitrag macht den Unterschied

Die Ökumenische FriedensDekade lädt im November 2025 erneut dazu ein, gemeinsam kraftvolle Zeichen für Frieden, Gerechtigkeit und Verständigung zu setzen. Das Jahresmotto „Komm den Frieden wecken“ ist ein Weckruf inmitten globaler Krisen und ein starkes Hoffnungszeichen: Wir sind viele – in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus–, die sich nicht der aktuellen Kriegsrhetorik beugen, sondern dem Frieden eine Stimme geben.

Ob in Kirchengemeinden, Schulen, Chören, Vereinen, Initiativen, Kommunen, Verwaltungen oder als Einzelpersonen – jede Aktion zählt. Jede Friedensgeste wirkt. Denn gemeinsam senden wir ein klares Signal an Politik und Gesellschaft: Wir wollen keine weitere Militarisierung, sondern den Aufbruch zu einer friedensfähigen Zukunft.

Ab Ende Juni veröffentlichen wir alle zwei Wochen spezifische Mitmach-Tipps:

23. Juni: Chöre und Musikgruppen

01. Juli: Kirchengemeinden

11. Juli: Schulen & Klassen

9. August: Vereine & Initiativen

23. August: Kommunen & öffentliche Verwaltungen

6. September: Einzelpersonen – kleine Zeichen mit großer Wirkung

Warum mitmachen? In einer Zeit, in der weltweit und auch in Europa Konflikte zunehmen, Politiker in Dauerstreit verfallen und viele Menschen sich ohnmächtig fühlen, ist die FriedensDekade ein Raum des Aufatmens. Sie gibt Mut, verbindet, stärkt das Miteinander und zeigt: Friedensarbeit beginnt im Kleinen – mit einem Gedanken, einem Gespräch, einem geschriebenen Wort, einer Geste vor Ort.

Viele kleine Friedenszeichen ergeben gemeinsam ein starkes Bild: Ein Licht im Fenster, ein Lied auf dem Marktplatz, eine Schulaktion, ein Friedensgebet in der Kirche, ein Banner am Gemeindehaus – diese Taten machen Hoffnung. Sie sind stärkende Wegmarken in einem schwierigen Jahr, wirken verbindend über gesellschaftliche Grenzen hinweg und zeigen: Wir bleiben dran.

Die FriedensDekade ist dezentral organisiert. Das bedeutet: Alle können ihre eigenen Ideen, Veranstaltungen oder Gebetsformate eigenständig umsetzen – ob klein oder groß, einmalig oder mehrtägig. Der Einstieg ist niedrigschwellig. Wer mitmacht, trägt dazu bei, Friedenszeichen vor Ort sichtbar zu machen.

Umfangreiches Material – einfach zugänglich

Ein umfangreiches Materialpaket unterstützt Sie:

Materialheft mit Andachten, Gottesdienstvorschlägen, Hintergrundtexten

Plakate mit Freifläche für eigene Hinweise

Postkarten, Aufkleber, Banner zum Motto

Impulse & Online-Texte für wöchentliche Nutzung

Liederblätter und Ideen für Friedenssingen oder Gebete

Alle Materialien stehen im Shop bereit: www.friedensdekade.de/shop

Materialien für Ihre Öffentlichkeitsarbeit finden Sie unter www.friedensdekade.de/download einen Textvorschlag für Ihren Gemeindebrief oder lokale Zeitung können sie hier herunterladen und auf Ihre Bedürfnisse und Formate anpassen.

Konkrete Inspiration – Aktionen aus den Vorjahren

Friedenslauf an der Goetheschule Einbeck (2024): Schülerinnen und Schüler liefen zugunsten des Vereins „Brot für die Welt“. Der Lauf wurde begleitet von Quiz und Verkauf selbstgebackener Kuchen, während die ganze Schulgemeinschaft mitwirkte.

Jugendgottesdienst in Hannover (2023): Eine Schule organisierte zusammen mit einem Chor einen Gottesdienst im Rahmen der Dekade für Jugendliche und Erwachsene

Chor- und Diskussionsabend in Halle (2023): Konzert, Andacht und Gespräch zur gewaltfreien Kommunikation luden zum Austausch ein

App „Peace&Pray“ (2024): Material für Gruppen und Gemeinden, unter anderem Audioimpulse und Friedenslieder via App

Ob große Schulaktion oder leises Gebet – jede Form bereichert das Gesamtbild.

Ihre Beteiligung – so einfach geht’s

  1. Idee finden – Was passt zu Ihrer Gruppe?

  2. Material nutzen – Alles steht online bereit oder gibt es im Shop.

  3. Aktion melden – Mail an kontakt@friedensdekade.de für unseren Aktionskalender (optional).

  4. Ihr Zeichen teilen – #friedensdekade2025 auf Social Media.

Die FriedensDekade 2025 bietet Raum für vielfältige, dezentrale Friedensaktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – von Schule über Gemeinde bis Verwaltung. Jede einzelne Aktion macht sichtbar, dass es Menschen gibt, die sich nicht mit Kriegsrhetorik abfinden. Viele kleine Zeichen werden zu einem starken Ruf nach Frieden – für Sie, für Gemeinden, für unsere Gesellschaft.

Jetzt mitmachen und Frieden wecken:
Material entdecken → www.friedensdekade.de/shop

In der Begegnung den Frieden wecken – Ein Impuls von Norina Welteke

Ein Impulstext zum Jahresmotto der Ökumenischen FriedensDekade in 2025

Komm den Frieden wecken.

Was bedeutet das in einem Land, das vom Konflikt gezeichnet ist?
Für Norina Welteke bedeutet es: zuhören, vergeben, lieben – auch wenn es schwer ist.
In ihrem Erfahrungsbericht von einer christlichen Studentenkonferenz in Israel zeigt sie eindrücklich, wie junge Menschen trotz aller Spannungen Räume für Versöhnung und Begegnung schaffen.

Ihre Arbeit vor Ort, ihre Forschung zu jungen arabischen Christ*innen und die Begegnungen auf der Konferenz machen deutlich:
Frieden beginnt im Kleinen – in Beziehungen, im Zuhören, im Aushalten von Ambivalenz.
Und im Vertrauen auf eine Liebe, die tiefer geht als politische Lager oder kulturelle Unterschiede.

In der Begegnung den Frieden wecken

Das Zelt ist gut gefüllt, die Bühne professionell ausgestattet. Gut 150 Studenten mit arabischem, jüdischem und internationalem Hintergrund stehen in den Plastikstuhlreihen und singen gemeinsam arabische, hebräische und englische Anbetungslieder. Ich bin bewegt von den tiefgründigen Liedtexten und angenehm überrascht von den schönen Melodien und neuen Rhythmen. Auch auf der Bühne sind alle drei Gruppen vertreten. Es wurde eine vollwertige Band zusammengestellt, am ersten Abend sogar mit Geige. Und so finde ich mich in die christliche Studentenkonferenz im Herzen Israels ein. In meinen Augen sieht genauso ein Teil dessen aus, wie Frieden geweckt werden kann: Inmitten eines seit Generationen andauernden, blutigen Konfliktes kommen junge Menschen zusammen, um das Verbindende zu suchen, und das ist der Glaube an den einen Gott, der Seinen eigenen Sohn gab, um uns Menschen Versöhnung zu stiften.

Jedes Jahr wird eine solche übergreifende Konferenz von FCSI (Fellowship of Christian Students in Israel), dem lokalen Ableger von IFES (International Fellowship of Evangelical Students), veranstaltet. Oder besser gesagt, FCSI bietet Rahmen und Unterstützung, organisiert und durchgeführt wird das Ganze überwiegend von den Studenten des Landes selbst. Ein ähnliches Event war gerade am Laufen, als der grausame Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 stattfand. Trotz des Krieges, der nachvollziehbar alle Gemüter erhitzt, wurde mir erzählt, dass auch im Jahr 2024 die Konferenz durchgeführt wurde. Und dieses Jahr bin ich das erste Mal selbst mit dabei gewesen.

Das Thema der diesjährigen Konferenz: Love Unveiled. Inmitten der anhaltend präsenten Spannungen und Spaltungen im Land haben wir uns tiefgehend damit auseinander gesetzt, was es praktisch bedeutet, dass wir einerseits von Gott bedingungslos geliebt sind, daraus andererseits die Verantwortung resultiert, unseren Nächsten zu lieben. Wie kann das in einem solchen Land aussehen? Wie kann die Nachricht des Evangeliums unsere Mitmenschen hier in Israel erreichen? Hauptsprecher der Konferenz war Michael Ots, Autor und Referent aus dem Vereinigten Königreich, der seit vielen Jahren zu Gesprächen rund um den christlichen Glauben insbesondere in den Universitäten einlädt.

Ein Gedanke, der bei mir hängengeblieben ist, dreht sich um Ärger und Vergebung. Denn Ärger kann eine Konsequenz von Liebe sein. Wenn mir etwas oder jemand wichtig ist und dieses Objekt wird beschädigt oder die Person wird verletzt, dann macht mich das sauer. Aufgrund meiner liebevollen Einstellung zu diesem Menschen oder der Sache empfinde ich Ärger im Falle negativer Einwirkung. Vergebung bedeutet nicht, dass der Schaden übersehen wird, um den Schädigenden anzunehmen, wie er ist. Stattdessen muss sich mit der Situation auseinandergesetzt werden. Der Akt des Vergebens drückt aus: Es ist nicht in Ordnung, was du gemacht hast, doch ich werde dich nicht dafür bezahlen lassen. Vergebung ist schmerzhaft und kostet.

Die Botschaft dieser Konferenz war eindeutig: Wir wecken den Frieden durch unsere Liebe zueinander. Und es wurde klar gemacht, dass es sich dabei nicht um eine Liebe handelt, die uns gut fühlen lässt und mich als das Objekt der mir zustehenden Liebe in den Mittelpunkt stellt. Liebe im Kontext des Krieges in und um Israel bedeutet, etwas zu finden, das uns stärker verbindet als all die Dinge, die uns trennen. Das ist Christi Liebe zu uns und unsere Liebe für Ihn als unseren Herrn. Das ist die Liebe des Retters, die in Seinem Tod und Seiner Auferstehung den Menschen mit dem Vater versöhnt hat, damit wir Zugang zur Versöhnung untereinander erhalten. Eine kostbare und teure Versöhnung. Diese Botschaft ist nicht neu, sie stammt aus genau dieser Region, in der ich momentan lebe und die so stark umkämpft ist. Doch sie fordert jeden Tag neu heraus.

Ich hatte mich im Vorhinein besonders darauf gefreut, meine neuen arabischen Freunde auf der Konferenz zu treffen, die ich zuvor für meine akademische Arbeit interviewt hatte. In meiner Forschung setze ich mich damit auseinander, welche Herausforderungen und Erfahrungen junge arabische Christen in Israel im Schatten des aktuellen Krieges erleben. Drei herausstechende Erkenntnisse möchte ich an dieser Stelle teilen.

Die Frage der Zugehörigkeit war für alle meine Interview-Partner ein zentrales und schwieriges Thema. Als winzige Minderheit in einem Konfliktland stellt sich die Suche nach Identität und Platz in der Welt ganz anders dar, als für Menschen wie mich, die ich behütet in Deutschland aufgewachsen bin. Zweitens nehmen alle diese Personen, die ich im Interview persönlich kennenlernen konnte, den Auftrag der Liebe und der Vergebung sehr ernst, was sie täglich vor Herausforderungen stellt. Sie wollen sich nicht zu extremen Positionen hinreißen lassen, wollen ihre Emotionen nicht dominieren lassen. Und das ist ein schwerer Auftrag für sie, der sie manchmal zur Verzweiflung bringt. Eine Freundin nahm mich auf der Konferenz beiseite und vertraute mir an, dass die Gemeinschaft an diesem Wochenende so fröhlich und freundlich aussieht, es für sie aber echt schwer sei, tatsächlich fröhlich zu sein. Das scheinbar unbeschwerte Beisammensein auf der Konferenz hatte bestimmt nicht nur für sie einen bitteren Beigeschmack.

Am letzten Tag der Konferenz brachte der Sprecher George Abdo, langjähriger Jugendleiter in der Local Baptist Church in Nazareth, die Botschaft des Wochenendes radikal auf den Punkt. Er zeigte ein Bild von einem gefallenen israelischen Soldaten, der Familie und Freunde hinterlässt. Dann blendete er das Bild eines jungen Mädchens aus Gaza ein, das nun kein Zuhause mehr hat. Er konfrontierte uns mit dem Verständnis, dass wir als Christen uns nicht aussuchen können, wen wir lieben und wen nicht. Unser Auftrag ist es, dass wir das Leid der unterschiedlichen Menschen unabhängig von Politik wahrnehmen.

Und das bringt mich zu meinem dritten Punkt bezüglich meiner Arbeit mit arabischen Christen: Einige von ihnen haben mir mitgeteilt, dass sie sich von den Christen in anderen Ländern nicht gesehen fühlen. Sie haben den Eindruck, dass die meisten Menschen, die sich für den Israelisch-Palästinensischen Konflikt interessieren, gar nicht von ihrer Existenz wissen. Sie fühlen sich unverstanden und häufig übergangen.

Eine schwerwiegende Lehre für mich aus meinen anderthalb Jahren in Israel zu Kriegszeiten ist, dass wir wieder neu lernen müssen, einander zuzuhören und uns gegenseitig als wertvolle Menschen wahrzunehmen. In meinem letzten Interview hat mir meine arabische Gesprächspartnerin gesagt, dass es sie gar nicht interessiert, woher ihre Freunde kommen, solange sie einen guten Charakter haben. Sie hat Freunde in der israelischen Armee und Freunde, die direkte Verbindungen zur Bevölkerung in Gaza haben. Aus Weisheit spricht sie nicht mit allen immer über Politik und aktuelle Entwicklungen. Doch der Krieg soll in ihren Augen nicht der Grund sein, dass ihre Freundschaften daran zugrunde gehen.

Den Frieden wecken bedeutet für mich Beziehungen bauen. Es bedeutet, dass ich meine Mitmenschen unterstützen möchte, ein sicheres Fundament in ihrem Leben zu finden, sodass sie in der Lage sind, andere Erfahrungen und Standpunkte wahrzunehmen, ohne sich davon persönlich angegriffen zu fühlen. Komm den Frieden wecken! Komm und nimm deine Möglichkeiten wahr, dich für Versöhnung einzusetzen. Wenn du Stabilität in deinem Leben gefunden hast, so hilf deinen Mitmenschen dies auch zu tun.

Zur Autorin

Norina Welteke ist 25 Jahre alt und lebt seit September 2023 in Jerusalem. Dort studiert sie nicht nur leidenschaftlich an der Hebräischen Universität Konfliktforschung, ihr gesamter Alltag in Israel ist ein einziges Studienfeld gefüllt mit außergewöhnlichen Abenteuern und besonderen Beziehungen, die ihr Verständnis von Krieg und Frieden immer wieder herausfordern. Sie arbeitet als Referentin im politischen Büro der Evangelischen Allianz in Deutschland, in dessen Rahmen sie ab September 2025 gemeinsam mit ihrer Kollegin Amelie Rick zum zweiten Mal eine online-Schreibwerkstatt zum Thema Frieden anbieten wird.


Wenn du diesen Weg mitgehen willst – im Gebet, im Schreiben, im Austausch – dann bist du herzlich eingeladen zur Online-Schreibwerkstatt „Frieden – Schreiben gegen die Ohnmacht und für das Miteinander“,
die Norina Welteke gemeinsam mit Amelie Rick im Herbst/Winter 2025 anbietet. Alle Infos findest du unter diesem Beitrag oder per Mail an norina.welteke@ead.de

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