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Schlagwort: Demokratie

Mission: Miteinander – Wie wir trotz unterschiedlicher Meinungen beieinander bleiben

Ein Impuls von Norina Welteke aus unserem Gesprächsforum zum Jahresthema „couragiert widerständig“

Gesellschaft lebt vom Streit – aber nicht von der Spaltung. Gerade in Zeiten lauter Debatten stellt sich die Frage: Wie können wir Haltung zeigen, ohne den anderen aus dem Blick zu verlieren? Und was braucht es, damit aus Gegeneinander wieder Miteinander wird?

Norina Welteke setzt sich in ihrem Impuls mit diesen Fragen auseinander. Mit einem Blick auf den Philipperbrief erinnert sie daran, dass christlicher Glaube nicht zur Spaltung, sondern zum Frieden, zur Demut und zum achtsamen Miteinander aufruft und dazu ermutigt, couragiert widerständig zu sein.

 

Mission:Miteinander

Eine bekannte Szene: Ein Protestmarsch ist unterwegs durch die Straßen der Stadt. Man hört ihn von Weitem durch Sprechchöre, Trommelschläge und das Kreischen der Trillerpfeifen. Dann tauchen die ersten Banner auf, teilweise mit radikalen Sprüchen und Forderungen, es werden Fahnen in die Luft gestreckt und die Menschen schmücken sich mit entsprechenden Stickern. Begleitet wird der Menschenstrom von Polizeimotorrädern und -autos, zum Schutz der Protestierenden und zum schnellen Eingreifen bei Ausschreitungen. Auf dem zentralen Platz hat sich bereits die Gegendemo postiert. Auch hier: Lärm, Plakate, aufgeheizte Stimmung. Manche Demoteilnehmer gehen jetzt zum gegenseitigen Beschimpfen über und werfen sich abscheuliche Behauptungen an den Kopf. Die beiden Lager werden von den Sicherheitskräften auf Abstand gehalten.

Und nun stellen Sie sich vor, es gäbe eine dritte Gruppe an Demonstrierenden. Doch sie stehen am Rand oder trauen sich sogar zwischen die Streitenden. Sie pfeifen nicht, sie skandieren keine Parolen. Sie halten Banner empor, auf denen steht: Lasst uns reden! Oder: Gemeinsam sind wir stark. Oder: Mission Miteinander! Es sind Menschen aus der ruhigen Mehrheit, aus der Mitte der Gesellschaft, die sich nun zu Wort melden, weil es ihnen um das Wohl der gesamten Gesellschaft geht. Sie verstehen das Anliegen der einen Seite und haben Empathie für die Position der anderen Seite. Sie sind davon überzeugt, dass die unterschiedlichen Argumente gehört werden müssen, dass nur Kompromisse die Gemeinschaft weiterbringen und dass ein Streit in der Sache keinen Bruch in der Beziehung nach sich ziehen muss. Sie wollen die Debatte, doch ihr Herz blutet angesichts der Spaltung und des gegenseitigen Hasses.

Ein Blick in die Bibel bestätigt: Einheit und ein friedvoller Umgang untereinander liegen Gott sehr am Herzen. Beispielhaft sei hier die Passage aus Philipper 2, 2-5 angeführt:

„Nun, dann macht meine Freude vollkommen und haltet entschlossen zusammen! Lasst nicht zu, dass euch etwas gegeneinander aufbringt, sondern begegnet allen mit der gleichen Liebe und richtet euch ganz auf das gemeinsame Ziel aus. Rechthaberei und Überheblichkeit dürfen keinen Platz bei euch haben. Vielmehr sollt ihr demütig genug sein, von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst. Jeder soll auch auf das Wohl der anderen bedacht sein, nicht nur auf das eigene Wohl. Das ist die Haltung, die euren Umgang miteinander bestimmen soll; es ist die Haltung, die Jesus Christus uns vorgelebt hat.“

Die Bibel ist kein Buch, das eine inhaltliche Debatte ausschließt. Im Gegenteil, sie bietet Hinweise, Argumente und Perspektiven zu unzähligen gesellschaftlich relevanten und hochaktuellen Themen. Doch durch sie wird der Charakter Gottes deutlich, dem wir als Gläubige nacheifern sollen. Jesus hat diesen Charakter vorgelebt, als er für mehr als 30 Jahre in menschlicher Form auf dieser Welt lebte, um uns zu zeigen, auf  welche Art wir das Böse überwinden können: durch das Gute.

Dabei möchte ich deutlich machen, dass die öffentliche Kundgebung von Meinung und Anliegen ein Schatz der Demokratie ist, den es zu schützen gilt. Doch auf welche Weise wollen wir miteinander streiten? Ist es richtig zu fordern, dass ein jeder sich klar zu positionieren hat? Wollen wir diese Polarisierung? Oder sind wir dazu gelangt, die eigene Meinung höher zu priorisieren als die Beziehung zu Menschen?

Lasst uns couragiert widerständig sein! Lasst uns neu vor Augen führen, dass der Gott, der als Einziger alle Faktoren, Argumente, Wahrheiten und Unwahrheiten über alle Zeitalter hinweg überblickt, selbst Demut vorgelebt hat und uns aufruft, dem Frieden nachzujagen, nach Gerechtigkeit zu hungern, seinen Nächsten höher zu achten als sich selbst und nie zu vergessen, dass die absolute Wahrheit niemals bei Menschen sondern alleine bei Gott zu finden ist. Lasst uns dem Hass, der Spaltung, dem Trend des Sich-Aufregens widerstehen. Lasst uns couragiert eingestehen, dass Andere wertvolle Punkte in die Debatte einbringen. Lasst uns mutig die wichtigen und teilweise schmerzhaften Debatten führen und dabei dem Verhalten der Feindschaft widerstehen. Das ist unsere Mission: Miteinander!

 

Zur Autorin

Norina Welteke (27) ist Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade e.V. Sie hat in Berlin, Frankreich und Israel gelebt und zieht nach Halle (Saale), um sich für eine versöhnte Deutsche Einheit einzusetzen.

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FAQ: Norina Welteke (Mission: Miteinander)

Wer ist Norina Welteke und welche Rolle hat sie bei der FriedensDekade?

Norina Welteke ist Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade e.V. Sie engagiert sich für Versöhnung, Demokratieförderung und einen respektvollen Dialog in polarisierten Debatten.

Was versteht Norina Welteke unter der „Mission: Miteinander“?

In ihrem Impuls beschreibt Norina Welteke mit „Mission: Miteinander“ die Haltung, in gesellschaftlichen Konflikten Brücken zu bauen, anstatt Fronten zu verhärten. Ziel ist es, sachliche Debatten zu führen, ohne den gegenseitigen Respekt und die menschliche Beziehung zueinander zu verlieren.

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Martin Luther Kings Botschaft aktueller denn je – Versöhnung braucht Gerechtigkeit

Eine Antwort des Erfurter Friedenstheologie Michael Haspel

Zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit

Nach dem Ende der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA und den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – aber auch mit Blick auf Gedenktage wie den 20. Juli – stellt sich die Frage: Welche Bedeutung haben die Ideale von Freiheit und Gleichheit heute, und für wen gelten sie wirklich?

In der aktuellen Ausgabe der Ökumenischen Rundschau (ÖR 2/2026) beantwortet der Erfurter Friedenstheologe Michael Haspel diese Fragen mit der Botschaft von Martin Luther King. Er erinnert daran, dass demokratische Gesellschaften nicht allein von ihren Gründungsdokumenten leben, sondern diese immer wieder neu mit Leben füllen müssen – ein wichtiger Impuls für unsere Friedensarbeit unter dem Jahresmotto „couragiert widerständig“.

Zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit

250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der USA antwortet der Erfurter Friedenstheologie Michael Haspel mit Martin Luther King auf die Frage: Welche Bedeutung haben die Ideale von Freiheit und Gleichheit heute – und für wen gelten sie wirklich? Offizielle Feiern wie die Aktion „Freedom 250“ verharmlosen oft die Widersprüche dieser Geschichte, indem sie vor allem die weiße Siedlerperspektive in den Mittelpunkt stellen.

In einem Beitrag der aktuellen Ausgabe der Ökumenischen Rundschau (ÖR 2/2026) analysiert Michael Haspel in seinem Beitrag „Am Anfang steht das Wundern“ Martin Luther Kings Denken und stellt zum einen dar, dass obwohl King den Begriff „Versöhnung“ selten direkt verwendet, ist sie der zentrale Kern seines politischen und theologischen Wirkens.

Der Erfurter Friedenstheologe Haspel zeigt, dass Kings Vision der „Beloved Community“ – einer versöhnten Gemeinschaft – weit über die Überwindung der Rassentrennung hinausweist. Gewaltfreiheit bedeutet für den Friedensnobelpreisträger Martin Luther King nicht Schwäche oder bloßer Verzicht auf Gewalt. Sie ist vielmehr eine aktive Kraft, die Gerechtigkeit schaffen und den Gegner nicht vernichten, sondern verändern soll. Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen trotz aller Unterschiede in gegenseitiger Anerkennung zusammenleben.

Zugleich macht Haspel deutlich, dass Martin Luther King seine Position im Laufe der 1960er Jahre weiterentwickelte. Angesichts anhaltenden Rassismus, wachsender sozialer Ungleichheit und politischer Enttäuschungen rückte für ihn die Forderung nach struktureller Gerechtigkeit immer stäker in den Vordergrund. Liebe ohne Macht bleibe sentimental, Macht ohne Liebe zerstörerisch – beide müssten zusammenwirken, um gesellschaftliche Veränderung zu ermöglichen.

Damit formuliert der Systematische Theologe Michael Haspel eine Einsicht, die über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung hinausreicht: Versöhnung kann nicht an die Stelle von Gerechtigkeit treten. Sie setzt Gerechtigkeit voraus. Wo Diskriminierung, wirtschaftliche Ungleichheit oder politische Ausgrenzung fortbestehen, bleibt Versöhnung unvollendet.

Diese Erkenntnis erhält im Jubiläumsjahr besondere Bedeutung. 250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung erinnern die Vereinigten Staaten an die universellen Ideale von Freiheit und Gleichheit, während gleichzeitig kontrovers darüber diskutiert wird, wie diese Werte heute eingelöst werden können. Die offiziellen und zivilgesellschaftlichen Jubiläumsinitiativen verstehen das Gedenken ausdrücklich auch als Einladung, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der amerikanischen Demokratie nachzujagen.

Michael Haspel lädt mit seinem Beitrag dazu ein, Martin Luther King nicht nur als Symbol der Bürgerrechtsbewegung zu lesen, sondern als Denker, dessen Fragen bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Wie gelingt gesellschaftlicher Zusammenhalt? Welche Rolle spielen Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit und politische Verantwortung? Und wie kann Versöhnung dort entstehen, wo Vertrauen verloren gegangen ist?

Im Jahr des 250. amerikanischen Jubiläums erinnert Michael Haspel mit Kings Vermächtnis daran, dass demokratische Gesellschaften nicht allein von ihren Gründungsdokumenten leben. Sie müssen nicht nur in Amerika die darin formulierten Versprechen immer wieder neu mit Leben füllen – durch Gerechtigkeit, gegenseitige Anerkennung und die Bereitschaft zum friedlichen Zusammenleben.

Artikel-Download & Hintergrund

Der vollständige Beitrag von Michael Haspel, „Versöhnte Gemeinschaft. Martin Luther Kings Theologie und Praxis der Versöhnung“, steht unter www.oekumenische-rundschau.de zum kostenlosen Download bereit.

Über die Ökumenische Rundschau:

Die Ökumenische Rundschau (ÖR) ist die führende deutschsprachige Zeitschrift zu Themen der Ökumene und erscheint vierteljährlich in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig (EVA Leipzig). Im Jahr 2026 erscheint sie seit 1952 im 75. Jahrgang und wird presserechtlich von Pastor Jens D. Haverland verantwortet. Sie wird in Verbindung mit dem Deutschen Ökumenischen Studienausschuss (DÖSTA) der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) herausgegeben.

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FAQ: Prof. Dr. Michael Haspel (Martin Luther King & Ökumenische Rundschau)

Was besagt die Theologie der Versöhnung nach Martin Luther King?

Martin Luther King betonte, dass echte Versöhnung nicht ohne strukturelle Gerechtigkeit existieren kann. Gewaltfreiheit ist dabei keine Passivität, sondern eine aktive Kraft, die Diskriminierung abbaut und Feindschaft in eine versöhnte Gemeinschaft („Beloved Community“) verwandelt.

Warum ist Martin Luther Kings Botschaft im Jahr 2026 besonders aktuell?

Anlässlich des 250. Jahrestags der US-Unabhängigkeitserklärung erinnert Kings Erbe daran, dass demokratische Versprechen von Freiheit und Gleichheit nicht von allein bestehen, sondern durch stetigen Einsatz für Gerechtigkeit und soziale Teilhabe eingelöst werden müssen.

Wo finde ich vertiefende Arbeitshilfen und Downloads für die Gemeindearbeit?

Neben Veröffentlichungen wie der Ökumenischen Rundschau bietet die FriedensDekade im Online-Shop und im Mitgliederbereich umfangreiche Arbeitshilfen, Gebetsentwürfe und Informationsmaterialien für Gemeinden und Friedensgruppen an.

 

Mut vor der Rosenstraße – Als Liebe stärker war als Terror

Mut vor der Rosenstraße – Als Liebe stärker war als Terror

Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert | Folge 2

Aus der Serie „Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert“ zur Ökumenischen FriedensDekade zum Jahresmotto 2026 „couragiert widerständig“.
Das vollständige Porträt steht als PDF zum Download bereit.

Im Februar 1943 herrschte in Berlin der totale Krieg. Die Maschinerie des NS-Regimes lief auf Hochtouren, Deportationszüge rollten Tag für Tag in Richtung Osten. Widerstand schien aussichtslos, jede Kritam lebensgefährlich. Doch in der Rosenstraße, einer unscheinbaren Straße im Herzen Berlins, geschah etwas Außergewöhnliches: Etwa 2.000 Frauen versammelten sich vor einem Verwaltungsgebäude, in dem ihre jüdischen Ehemänner festgehalten wurden. Sie kamen wieder und wieder, trotz Drohungen, trotz vorgehaltener Gewehre, trotz der Angst vor Verhaftung und Tod.

Die Fabrik-Aktion: Wenn Menschen zu Nummern werden

Am 27. Februar 1943 begann die sogenannte „Fabrik-Aktion“ – die letzte große Verhaftungswelle von Jüdinnen und Juden in Berlin. Die Gestapo verhaftete über 10.000 Menschen an ihren Arbeitsplätzen, in ihren Wohnungen, auf offener Straße. Etwa 2.000 der Verhafteten waren Männer in sogenannten „Mischehen“ mit nichtjüdischen Frauen. Diese Männer wurden in der Rosenstraße 2-4 interniert, einem ehemaligen Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde.

Die Frauen dieser Männer wussten, was Deportation bedeutete. Sie kannten die Gerüchte aus dem Osten, das Unfassbare, das man sich nicht zu Ende denken wagte. Und so taten sie das Unmögliche: Sie gingen hin. Stellten sich auf die Straße. Und blieben.

Der Friedenskompass der Friedensdekade

Der Protest: Als Präsenz zur Macht wurde

Was genau Charlotte Israel, Elsa Holzer und Grete Moser bewegte, vor das Gebäude zu gehen, wissen wir nicht. War es Verzweiflung? Hoffnung? Die schiere Unmöglichkeit, zu Hause zu bleiben? Sie kamen und sie waren nicht allein.

Aus einzelnen Frauen wurde eine Menge. Aus einem Tag wurde eine Woche. Die Frauen riefen nach ihren Männern: „Gebt uns unsere Männer wieder!“ Immer wieder dieser Ruf durch die eiskalten Februartage.

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20) – diese Verheißung Jesu bekam in der Rosenstraße eine politische Dimension. Die Versammlung der Wenigen wurde zur Macht durch Präsenz, durch das sture Beharren auf dem Menschlichen in einer Zeit, die das Menschliche systematisch auslöschte.

Die Drohung: Mut trotz Todesangst

Die SS rückte an. Maschinengewehre wurden in Stellung gebracht. „Räumen Sie die Straße, oder wir schießen!“

Die Frauen wichen zurück. Einige gingen nach Hause. Aber sie kamen wieder. Am nächsten Tag. Und am übernächsten. Ihre Angst war real, ihre Verwundbarkeit offensichtlich. Aber stärker als die Angst war die Liebe zu ihren Männern, die Treue zueinander, ein letzter Rest Glauben daran, dass Menschlichkeit nicht ganz ausgelöscht werden kann.

In biblischer Sprache: Sie zogen aus wie David gegen Goliath – unbewaffnet gegen eine militarisierte Todesmaschinerie. Aber ihre Waffe war die Gewaltfreiheit selbst, jene paradoxe Macht, die in ihrer Schwäche stark ist (2 Kor 12,10).

Der Erfolg: Wenn das Undenkbare geschieht

Am 6. März 1943, nach einer Woche Protest, geschah das Undenkbare: Die Männer wurden freigelassen. Nicht alle sofort, aber sie kamen frei. Die meisten von ihnen überlebten das Kriegsende.

War es der Protest allein? Historiker streiten darüber. Manche argumentieren, das Regime habe bereits zuvor gezögert. Andere verweisen auf die Angst der Machthaber vor Unruhen in der bombardierten Hauptstadt.

Doch diese Debatte verkennt das Wesentliche: Die Frauen wussten nicht, ob ihr Protest erfolgreich sein würde. Sie kamen trotzdem. Sie handelten im Vertrauen, dass ihr Tun richtig war, ohne Garantie, ohne Sicherheit. Das ist das Wesen prophetischen Handelns: aufstehen, weil es geboten ist, nicht weil der Sieg sicher ist.

Parallelen zu heute: Zivilcourage in Zeiten der Gewalt

2026 leben wir in einer Welt, in der wieder Panzer rollen, in der Autokraten ihre Macht zementieren, in der Waffenexporte steigen und Diplomatie als Schwäche gilt. Die Rosenstraße erzählt eine andere Geschichte von Sicherheit, von der Macht der Zivilgesellschaft, der Kraft gewaltfreien Widerstands, der Bedeutung öffentlicher Präsenz.

Sie erinnert uns: Autoritäre Systeme sind verwundbarer, als sie erscheinen, gerade wenn Menschen ihre Angst überwinden und zusammenstehen.

Couragiert widerständig: Was wir lernen können

Das Jahresmotto der ökumenischen FriedensDekade 2026 „couragiert widerständig“ ist keine romantische Phrase. Die Frauen der Rosenstraße zeigen uns, was diese Haltung bedeutet:

Couragiert: nicht furchtlos, sondern trotz der Furcht handelnd. Mut ist die Entscheidung, das Richtige zu tun, obwohl man Angst hat.

Widerständig: nicht aus Opposition um ihrer selbst willen, sondern aus Treue zur Menschenwürde. Widerstand beginnt dort, wo Unrecht System wird.

Öffentlich: nicht im stillen Kämmerlein, sondern sichtbar, vernehmbar. Öffentlichkeit ist Schutz und Zeugnis zugleich.

Beharrlich: nicht ein Tag Empörung, sondern das geduldige Aushalten, das Wiederkommen, das Nicht-Aufgeben.

Gewaltfrei: weil der Weg die Botschaft ist und das Mittel das Ziel prägt.

Spendenaufruf FriedensDekade 2026

Eine letzter Gedanke

Die Geschichte der Rosenstraße ist keine Erfolgsgarantie. Sie ist kein Beweis dafür, dass Zivilcourage immer siegt. Tausende andere protestierten nicht und ihre Angehörigen wurden ermordet. Millionen gingen in den Tod, weil zu wenige aufstanden, zu viele schwiegen.

Aber die Rosenstraße ist ein Zeichen. Ein Friedenszeugnis. Eine Erinnerung daran, dass Menschen nicht machtlos sind, auch nicht unter Diktaturen. Dass das vermeintlich Unmögliche möglich werden kann. Dass Liebe stärker sein kann als Terror.

Die Frauen der Rosenstraße haben nicht die Welt gerettet. Aber sie haben ihre Männer gerettet. Sie haben gezeigt, dass es Widerstand gab, auch im dunkelsten Deutschland. Sie haben ein Licht angezündet, das bis heute leuchtet.

Das ist das Wesen von Friedenszeugen: Sie verändern vielleicht nicht alles. Aber sie verändern etwas. Sie brechen das Schweigen. Sie durchbrechen die Logik der Gewalt. Sie werden selbst zur Botschaft, ein lebendiges Zeichen dafür, dass eine andere Welt möglich ist.

In der Rosenstraße steht heute eine Gedenkstätte. Ein Ort, der fragt: Was würdest du tun? Wofür würdest du aufstehen? Wen würdest du nicht aufgeben?

Couragiert widerständig das ist keine historische Kategorie. Das ist eine Lebenshaltung. Für heute. Für morgen. Für uns alle.

Das ist mein Land

Gedanken zur Wehrpflicht-Debatte: Wie wir Zukunft gemeinsam gestalten, statt junge Menschen zu instrumentalisieren

Von Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg


Im März 2026 gehen Schülerinnen und Schüler erneut auf die Straße, gegen die Wehrpflicht, für ihre Zukunft. Nach dem ersten Schulstreik im Dezember 2025 hat der Bundestag die Wehrpflicht trotzdem beschlossen. Junge Menschen sollen für ihr Land einstehen, während ihre eigenen Bedürfnisse überhört werden. Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg, fragt: Was für ein Land ist das eigentlich, für das wir junge Menschen einspannen wollen?


Post von der Bundeswehr

Oh, Post im Briefkasten! Ein Fragebogen von der Bundeswehr und der Aufruf zur Musterung. Nein, die Post ist nicht für mich, aber Tausende junger Menschen werden in diesem Jahr solche Post bekommen. Dagegen hatten Schüler und Schülerinnen im Dezember laut protestiert. Der Bundestag hat die Wehrpflicht trotzdem beschlossen. Die Abgeordneten selbst betrifft es nicht, aber für sie ist klar: Deutschland muss sich verteidigen.

Junge Menschen bleiben auf der Strecke

Beschlossen wurde auch die Preisanhebung des Deutschlandtickets. Gleichzeitig leben über zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Armut. Das bedeutet Benachteiligung ihrer Entwicklung, ihrer Bildungschancen und ihrer Freizeit.

Das Verbrenner-Aus wird wieder in Frage gestellt. Aber wer badet die Klimafolgen später aus!? Die Kinder und Jugendlichen von heute!

Also junge Menschen sollen für ihr Land einstehen und werden selbst so wenig beachtet mit ihren Bedürfnissen.

Die Bushaltestelle: Eine Geschichte vom Dazugehören

Ich denke an eine Bushaltestelle in meinem Dorf. Immer wieder wurde sie von Jugendlichen demoliert und verdreckt. Bis die Jugendlichen die Haltestelle selbst farbig mit Graffiti gestalteten durften. Jetzt war es ihre Haltestelle. Und sie passten gut auf, dass da kein Mist passiert.

Ein Land, das allen gehört

Unser Land kann wie diese Bushaltestelle sein. Ein Ort, wo ich mich gern aufhalte, geschützt werde, wo ich andere treffe. Ein Ort, für den ich eintrete.

Unter dem Dach ist Platz für Alte und Junge. Für Menschen in aller Vielfalt, mit ihren Sprachen, Religionen und Kulturen. Ein Ort, den wir miteinander gestalten und erhalten. Das macht richtig Arbeit. Aber so ist das mit der Zukunft. Wir müssen engagiert für sie eintreten. Gemeinsam und nicht gegeneinander. Ehe der Bus für uns alle abgefahren ist.

Beitrag für MDR-Sachsen-Anhalt: Angedacht


Couragiert widerständig – auch junge Stimmen

Der zweite Schulstreik gegen die Wehrpflicht zeigt: Junge Menschen nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand. Sie stellen unbequeme Fragen und fordern Mitsprache bei Entscheidungen, die ihr Leben grundlegend verändern werden. Das ist gelebte Demokratie – und ein Beispiel für das, was unser Motto „couragiert widerständig“ bedeutet.

Die Ökumenische FriedensDekade begleitet diese Debatte mit einem klaren Standpunkt: Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen ist ein Menschenrecht – in Friedens- wie in Kriegszeiten. Junge Menschen, die für sich einen anderen Weg sehen als den Militärdienst, verdienen Respekt, rechtlichen Schutz und zivile Alternativen.

Ob im Schulstreik, im Gemeindegespräch oder in der persönlichen Gewissensentscheidung: Wer sich für Frieden einsetzt, braucht Mut. Und Unterstützung.

Mehr Informationen zur Kriegsdienstverweigerung und Gewissensfreiheit finden Sie auf unserer Website.

couragiert widerständig engagieren

Leitimpuls von Jan Gildemeister

Warum es 2026 Mut braucht und was wir füreinander tun können

Die Welt, in der wir leben, macht es einem nicht leicht, ruhig zu bleiben. Aufrüstung, Demokratieabbau, Klimakrise, wachsende Ungleichheit, es sind keine abstrakten Bedrohungen, sondern spürbare Realitäten, die viele Menschen lähmen. Und doch: Aufgeben ist keine Option. Jan Gildemeister, Vorstand der ökumenischen FriedensDekade, legt in seinem Leitimpuls zum Jahresmotto 2026 dar, warum es gerade jetzt Mut braucht  und was „couragiert widerständig“ konkret bedeutet.

Viele Entwicklungen in der Welt und auch in Deutschland lösen Ängste, Frust und Hoffnungslosigkeit aus

Mächtige Staaten und „Staatenlenker“ ignorieren internationale Regeln wie Völkerrecht und Menschenrechte sowie internationale Institutionen. Aufrüstung und der Einsatz von Waffengewalt nehmen zu. Angriffe auf Infrastruktur werden häufiger. Über soziale Medien werden Fake News verbreitet, die Macht der sog. Tech-Giganten wächst. Populistische und rechtsradikale Kräfte gewinnen an Einfluss und unterhöhlen demokratische Institutionen. Zivilgesellschaftliche Akteure, die sich für Menschenrechte, Recht und Gerechtigkeit einsetzen, verlieren immer mehr Freiräume und werden in vielen Staaten unterdrückt. Und schließlich scheint die Klimakrise noch schneller voranzuschreiten als befürchtet.

Dies ist das offizielle Motiv der ökumenischen FriedensDekade vom 08. bis 18. November 2026 zum Motto couragiert widerständig
Das offizielle Motiv der ökumenischen FriedensDekade vom 08. bis 18. November 2026 zum Motto couragiert widerständig von Olaf Warburg

Wir sitzen alle im gleichen Boot

Die Opfer dieser Entwicklungen und die zivilgesellschaftlichen Kräfte, die ihnen entgegensteuern, sind dabei in einem Boot. So erkundigen sich US-amerikanische Christ*innen bei uns, wie es in der NS-Zeit war, und in Europa können wir mit Blick auf Wahlerfolge rechtsextremer Parteien von Widerstand und Schutzkonzepten in anderen Staaten lernen.

Es braucht schon einigen Mut, sich nicht ins Private zurückzuziehen, passiv zu werden, sondern trotz möglicher Anfeindungen und schwieriger Bedingungen zu dem zu stehen, was für einen wichtig ist, und entsprechend aktiv zu werden. In Deutschland erleben wir, dass nicht nur Geflüchtete oder rassistisch Diskriminierte um ihre Sicherheit fürchten müssen, sondern auch diejenigen, die sich für deren Anliegen einsetzen oder politisch gegen Rechtsradikale engagieren.

Je mehr Menschen couragiert handeln, desto sicherer wird es für alle

Und je weniger Menschen sich couragiert vor Ort für Demokratie und Menschenrechte einsetzen, umso größer sind die Risiken für sie und ihre Nächsten. Anders formuliert: je mehr gegen Rechtsradikale auf die Straße gehen oder sich im öffentlichen Nahverkehr, beim Einkauf, am Arbeitsplatz oder in sozialen Medien für Diskriminierte einsetzen, umso weniger Einfluss haben sog. Verfassungsfeinde und Populist*innen.

Damit dieses Engagement von Erfolg gekrönt wird, braucht es auch die Unterstützung einflussreicher gesellschaftlicher Institutionen wie Kirchen, Gewerkschaften, aber auch von Sport-, Schützen-, Karnevals- und Heimatvereinen. Wenn Sportvereine die Vielfalt ihrer Aktiven begrüßen, wenn beim Karneval für eine bunte Gesellschaft geworben wird oder sich die Kirchen für die Belange von Asylsuchenden einsetzen, ermutigt dies. Beispiele dafür gibt es viele, zugleich wird dies politisch ausgebremst, da immer noch nicht geklärt ist, welche öffentlichen Äußerungen von Vereinen im Rahmen des Gemeinnützigkeitsrechts legitim und wo Grenzen sind. Auch das pauschale Misstrauen nicht nur der AfD, sondern auch von Teilen der Unionsparteien gegen zivilgesellschaftliche Initiativen führt zu großer Unsicherheit bei den Betroffenen.

Widerständig sein bedeutet mehr als Demokratie verteidigen

Das Motto der Ökumenischen Friedensdekade 2026 fordert nicht nur zum couragierten Handeln auf, sondern zugleich widerständig zu sein. Aber geht es aktuell nicht darum, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen gegen diejenigen, die zum Widerstand gegen „das System“ aufrufen? Natürlich ist dies sehr wichtig, zugleich reicht es mit Blick auf die größere Perspektive von Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Mitschöpfung nicht aus. Gegen die Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen gilt es ebenso widerständig zu sein, wie gegen die ungebremste Aufrüstung und das Festhalten an der höchst problematischen nuklearen Abschreckung. Viel zu kurzfristig gedachte politische Entscheidungen, die notwendige Maßnahmen gegen die Klimakrise, Artenschutz und allgemein Umweltzerstörung zugunsten von Wirtschaftsinteressen ausbremsen, dürfen nicht hingenommen werden. Da gilt es im Rahmen demokratischer Spielregeln entschieden zu protestieren, durchaus auch mit gewaltfreiem Widerstand, ohne damit ungewollt Wasser auf die Mühlen Rechtsradikaler zu gießen.

Was couragiert widerständig in der Praxis bedeutet

Haupt- und noch erheblich mehr Ehrenamtliche sind bei Mitgliedsorganisationen der AGDF couragiert widerständig aktiv: Sie koordinieren Bündnisse gegen Rechts vor Ort oder gegen die Stationierung neuer Mittelstreckenwaffen. Als Friedensfachkraft begleiten sie gefährdete Menschenrechtsverteidiger*innen oder unterstützen Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit in Krisenregionen. Junge Freiwillige leisten ihren Dienst in Projekten, die sich auch unter schwierigen Rahmenbedingungen für sozial Schwache einsetzen. AGDF-Mitglieder qualifizieren zudem für die professionelle Bearbeitung von Konflikten und bilden Campaigner*innen aus. Sie beraten junge Menschen, die vor der Frage stehen, ob sie den Kriegsdienst verweigern sollen.

Gemeinsam für eine bessere Welt

Wir brauchen viele Menschen, die sich gemeinsam für eine bessere Welt engagieren, trotz Anfeindungen und Repressionen. Die das Ziel einer Kriegstüchtigkeit oder Feindbilder in Frage stellen und dagegen wehren, dass unhinterfragt aufgerüstet und eine Militarisierung vorangetrieben wird bei gleichzeitiger Kürzung der Mittel für Instrumente der zivilen Konfliktbearbeitung, Soziales und Entwicklungszusammenarbeit oder für die Bekämpfung der Klimakrise. Genau dazu will die ökumenische FriedensDekade ermutigen: als ein Ort, an dem Gemeinden, Gruppen und Einzelne Jahr für Jahr neu innehalten, sich vernetzen und gestärkt werden für den langen Atem, den diese Arbeit braucht.


Der legendäre Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ gibt es weiterhin im Webshop der Dekade

Bleiben Sie couragiert widerständig

Friedensarbeit braucht einen langen Atem. Und Menschen, die sie tragen.

Wenn Sie die Arbeit der ökumenischen FriedensDekade unterstützen möchten, gibt es zwei Wege: Mit dem Kauf unserer Materialien helfen Sie, die Dekade lebendig zu halten. Wer darüber hinaus spenden möchte, ermöglicht uns, auch dort präsent zu sein, wo es besonders nötig ist.

Vor allem aber: Bleiben Sie selbst couragiert widerständig. Bleiben Sie treu Ihren Werten, Ihrer Menschlichkeit, der Liebe zu Ihren Nächsten. In einer Zeit, in der vieles wankt, ist das keine Kleinigkeit. Es ist ein Akt des Glaubens.

Mit Gottes Hilfe.


Spendenaufruf FriedensDekade 2026


Der Friedenskompass 2026: Liturgische Orientierung für couragiert widerständige Gemeinden

Wer jetzt schon mit seiner Gemeinde oder Gruppe in das Motto „couragiert widerständig“ eintauchen möchte, muss nicht bis November warten. Der Friedenskompass 2026 ist bereits heute im Onlineshop der ökumenischen FriedensDekade erhältlich.

Er greift das Jahresmotto auf und gibt ihm eine liturgische Richtung: mit historischen Impulsen, die zeigen, was couragierter Widerstand in der Geschichte des Glaubens bedeutet hat, und mit Gebeten und Texten, die helfen, diesen Geist in den eigenen Gemeindekontext zu übertragen. Der Friedenskompass ist kein fertiges Programm, sondern eine Orientierungshilfe für alle, die Friedensgebete, Andachten oder Gemeindeabende gestalten wollen.


Der Friedenskompass der Friedensdekade
Durch das Jahr mit Friedensgebeten, liturgischen Texten, Impulsen und ersten Einordnungen.

Das vollständige redaktionelle Gesamtpaket erscheint dann Mitte 2026: Die Materialmappe mit ausgearbeiteten liturgischen Bausteinen, theologischen Vertiefungen und praktischen Gestaltungsideen sowie das Gebetsleporello als kompaktes Format für die Hand in der Gemeinde. Beides ist darauf ausgelegt, die zehn Tage der Dekade im November inhaltlich zu tragen und gleichzeitig über die Dekade hinaus nutzbar zu bleiben.

Jetzt den Friedenskompass 2026 im Onlineshop bestellen

Jetzt das Gesamtpaket im Abo bestellen und die FriedensDekade langfristig unterstützen.

 

Über diesen Artikel

Dieser Leitimpuls zum Jahresmotto „couragiert widerständig“ wurde verfasst von Jan Gildemeister, Vorstand der ökumenischen FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Dienste für den Frieden (AGDF). Er erschien im Kontext der Vorbereitung auf die ökumenische FriedensDekade 2026, die vom 8. bis 18. November 2026 stattfindet.

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