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Autor: Thomas Oelerich

Sich ein Herz fassen – Umkehr zum Frieden

Von Pfarrerin Kathleen Niepmann
(
EKD-Referentin Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland)
(pdf-Datei zum Download)

Es ist ein eindrückliches Bild von der tiefen Sehnsucht der Menschen nach Frieden, das der Prophet Micha im Alten Testament zeichnet: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Micha, 4, 2 – 4). Es ist eine der schönsten Prophezeiungen für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen und des Glaubens. Und es ist Sinnbild der jährlichen Ökumenischen FriedensDekade, die inzwischen zum 40. Mal vorbereitet wird, in diesem Jahr steht sie unter dem Motto Umkehr zum Frieden.
75 Jahre lang haben wir in unserem Land, gottlob, keinen Krieg erleben müssen. 75 Jahre alt ist auch die UN-Charta der Vereinten Nationen. Die Weltorganisation war ins Leben gerufen worden, um den brüchigen Weltfrieden und ein Leben in Demokratie besser zu sichern. Immer wieder ist mühsam darum gerungen und gestritten worden. Es ging und geht um freundschaftliche Beziehungen zwischen den Staaten und um internationale Zusammenarbeit, um Völkerrecht und Menschenrechte, um friedliche Konfliktbearbeitung und um Entwicklung, Wirtschaft und Kultur. Und längst schon ist deutlich, dass Frieden und internationale Zusammenarbeit, die Rechte künftiger Generationen und der Erhalt der natürlichen Ressourcen untrennbar miteinander verbunden sind[1].
Mehr als 30 Jahre sind nach dem Ende des Kalten Krieges vergangen. Doch wir erleben: Frieden und Demokratie, Recht und der Respekt vor dem Anderen oder Fremden sind überaus brüchig. Abschottung und Abgrenzung, autoritäres und antidemokratisches Denken erstarken. Verantwortungslose Machtpolitik und die rücksichtlose Durchsetzung eigener Interessen drohen sich durchzusetzen. Hinzukommt mit der Corona-Pandemie eine beispiellose Krise mit einem weltweiten Gesundheitsnotstand, wie es ihn bisher nicht gegeben hat. Weltweite Gegenmaßnahmen mit weitreichenden Folgen für das wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Leben sind gefordert. Das Ziel Leben zu retten, hat dabei Vorrang.[2]

Um Versöhnung und Frieden ringen
Vor diesem Hintergrund bereiten wir im Jahr 2020 die FriedensDekade vor, die in diesem Jahr vom 8. bis 18. November stattfindet und die wie jedes Jahr am Buß- und Bettag ihren Abschluss hat.
Die in den Niederlanden entstandene Idee zur Friedenswoche wurde im Jahr 1980 im damaligen West- und Ostdeutschland gleichzeitig aufgenommen. Seitdem finden sich immer wieder Menschen zur FriedensDekade, wie sie inzwischen heißt, zusammen. Alljährlich laden sie zu mehr als 4000 Veranstaltungen, Gottesdiensten und Friedensgebeten im gesamten Bundesgebiet ein. Es ist gut zu wissen, dass Menschen nicht müde werden und immer wieder offen und öffentlich für Frieden und Versöhnung eintreten.
Zwei Bibelstellen begleiten die diesjährige FriedensDekade mit ihrem Motto Umkehr zum Frieden. Aus dem Ezechielbuch im Alten Testament stammen die Sätze: „Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.“ (Ezechiel 18,31f).
Das Buch Ezechiel ist unter dem Eindruck der Kriegskatastrophe, der Zerstörung Jerusalems und der Massendeportation nach Babylon im Jahr 597 vor Christus entstanden. Eindrücklich ruft Gott, so heißt es, die Menschen zur Umkehr auf. Die Sätze verschweigen Schuld nicht. Im Gegenteil, „Übertretungen“ werden genannt. Zugleich zeigen die Sätze eine Perspektive auf: „Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. […] Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.“ Ein Appell zur Umkehr zum Leben, ein Aufruf zur Umkehr zum Frieden: „Fasst euch ein Herz.“
Von der zweiten für die FriedensDekade 2020 gewählten Bibelstelle im Neuen Testament (Römer 12, 9 – 21) seien hier nur die Schlussworte (V. 21) genannt. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Auch hier ein Aufruf, ein Appell. Die Autoren beider Bibelstellen scheinen zu wissen, wovon sie reden und schreiben: Versöhnung und Frieden sind nicht selbstverständlich, sie sind nicht billig zu haben. In allen Konflikten dieser Welt müssen Menschen immer wieder um Versöhnung und Frieden ringen, sich ein Herz fassen, um das Böse mit dem Guten zu überwinden. In der großen Weltpolitik wie im eigenen Alltag und Umfeld. Daran erinnern die Sätze des Ezechielbuches und aus dem Römerbrief.

Nach Neuem Ausschau halten
„Umkehr zum Frieden“: Vor dem Hintergrund der gewählten Bibelstellen verstehe ich das Motto der diesjährigen FriedensDekade im Sinn von Neuausrichtung, und nicht als Umkehr im Sinn von Rückkehr. Umkehr im Sinn von Neuausrichtung heißt sich umsehen, Ausschau nach Neuem halten, neue Wege suchen und damit auf etwas zugehen, was im Grunde schon da ist: Frieden. Ja, Gott stellt uns Christinnen und Christen in die Verantwortung. Er mutet uns zu, für Frieden und Versöhnung einzutreten und Vertrauen zu wagen. In einer Welt, die oft erschreckend ist. Immer wieder müssen wir uns ein Herz fassen, wie Ezechiel schreibt, damit wir das Böse mit dem Guten überwinden, wie es im Römerbrief steht. Dabei dürfen wir uns davon getragen wissen, dass wir das nicht allein schaffen müssen, sondern dass Gott mit uns ist.

 „Die Krankheit des Krieges beenden“
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hat im März zu einem globalen Waffenstillstand aufgerufen: „Wir müssen die Krankheit des Krieges beenden und die Krankheit bekämpfen, die unsere Welt verwüstet. Es beginnt damit, dass wir die Kämpfe überall stoppen. Und zwar sofort.“[3]  Und später schrieb er: „Der Weg aus der Coronavirus-Krise muss zu einer besseren Welt führen“[4].
Als Kirchen bekennen wir uns ausdrücklich zur Demokratie des Grundgesetzes und zu einem Europa, das auf Demokratie und Recht gründet[5]. Wir wissen, dass wir selbst diesem Anspruch bis heute an vielen Stellen nicht gerecht werden. Wir wissen, dass es immer wieder Korrekturen und Neujustierungen geben muss[6]. Christinnen und Christen sind aufgefordert, sich ein Herz zu fassen, Vertrauen zu wagen, für den Frieden einzutreten und das Böse mit dem Guten zu überwinden.

Auf dem Weg der Sehnsucht nach einer besseren, gottgefälligen Welt
Dietrich Bonhoeffer formulierte: „Die Wirklichkeit Gottes erschließt sich nicht anders als indem sie mich ganz in die Weltwirklichkeit hineinstellt, die Weltwirklichkeit aber finde ich immer schon getragen, angenommen, versöhnt in der Wirklichkeit Gottes vor. Das ist das Geheimnis der Offenbarung Gottes in dem Menschen Jesus Christus“[7]

Gott stellt uns Menschen in die Verantwortung der Welt. Er lässt uns zugleich wissen: Er geht mit uns. Die Bibelstellen für die diesjährige FriedensDekade sind für mich Wegweiser, die uns die Richtung zeigen, und Geländer, an dem wir uns festhalten können. Der Weg ist holprig und mühsam. Aber es ist der Weg der Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben und nach einer besseren, gottgefälligen Welt, auf dem wir gehen dürfen. Mit der alttestamentlichen Prophezeiung des Micha im Herzen, dass Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln werden und kein Volk wider das andere das Schwert erhebt.

[1] Vgl. Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels, Denkschrift des Rates der EKD, 2009
[2] COVID-19 und die Menschenrechte. Die Krise trifft uns alle, United Nations, April 2020
[3] https://unric.org/de/guterres-aufruf-zu-einem-globalen-waffenstillstand/
[4] Der Weg aus der Coronavirus-Krise muss zu einer besseren Welt führen, Meinungsartikel von António Guterres, veröffentlicht am 2. April 2020 auf theguardian.com
[5] Vgl. Vertrauen in die Demokratie stärken. Ein gemeinsames Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.
[6] Vgl. ebenda.
[7] Dietrich Bonhoeffer, Ethik

NEU: Friedensliederbuch

Neues Liederbuch mit 100 Liedern für den Frieden

Anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Ökumenischen FriedensDekade haben wir ein einzigartiges „Friedens-Liederbuch“ herausgegeben, das in Kürze fertiggestellt sein wird. 100 Friedenslieder für Kirchengemeinden, Aktionsgruppen und Friedensinitiativen finden sich in dieser wunderbaren Liedersammlung. Noten und Akkordsymbole erleichtern das Singen und Musizieren aller Lieder. Ein „must have“ für Gesangsbegeisterte und Friedensbewegte!

Das Liederbuch (ca. 140 Seiten) im Din A5-Format, gebunden mit festem Einband, kann bereits jetzt über unsere Homepage zum Preis von 9,80 € bestellt werden.

 

“Wenn möglich, bitte wenden!”

Von  Dr. Dorothee Godel (Mai 2020)
(als pdf-Datei)

„Wenn möglich, bitte wenden“. Da habe ich die richtige Abzweigung verpasst und werde kurz darauf von meinem Navigationsgerät freundlich aber wiederholt dazu aufgefordert umzudrehen. Bequemer wäre es, einfach weiter zu fahren und darauf zu setzen, dass irgendwann die nächste Möglichkeit zum Abbiegen kommt. Wenn das allerdings nicht der Fall ist, riskiere ich einen größeren Umweg. Ob ich tatsächlich umdrehe, ist Abwägungssache. Irgendwo zwischen Bequemlichkeit und Festhalten an der einmal eingeschlagenen Richtung, zwischen vorhandenen Möglichkeiten zum Wenden und der Befürchtung, mich ordentlich zu verfahren, entsteht gegebenenfalls die Motivation, umzudrehen.

Coronabedingt sind wir gerade in vielerlei Hinsichten zu Kehrtwenden gezwungen. Das bedeutet viele und teils schwer belastende Einschränkungen. Das zeigt aber auch, dass Änderungen unseres Lebensstils möglich sind. Zum Beispiel in ökologischer Hinsicht, wo sich die zur Zeit vorhandenen Einschränkungen durchaus positiv auswirken. Ob diese und andere, durch den Zwang der Situation bedingten positiven Veränderungen allerdings nachhaltig bleiben werden, ist fraglich.

In der Bibel, im Neuen Testament, gehört „Umkehr“ zu den Erfahrungen, die einen Menschen und sein ganzes Leben betreffen und verändern. Exemplarisch erzählt wird das von Zachäus, einem kleinen aber sehr wohlhabenden Zöllner. Als Jesus nach Jericho kommt, steigt Zachäus, um Jesus über die zusammengelaufene Menschenmenge hinweg sehen zu können, auf einen Maulbeerfeigenbaum. Und dort oben im Maulbeerfeigenbaum wird er von Jesus gesehen. Jesus fordert ihn auf, herunterzusteigen und lädt sich sozusagen bei Zachäus ein. Für den Zöllner ist das eine große Ehre, eine unverdiente Würdigung. Während die anderen wegen seiner Machenschaften mit Fingern auf ihn zeigen, sucht Jesus die Begegnung und das Gespräch. Und diese Erfahrung verändert den kleinen aber sehr wohlhabenden Zöllner Zachäus. „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Da erfährt ein Mensch so etwas wie Seelenfrieden, Versöhnung mit sich und seiner Umwelt. Geschenkt in der Gottesbegegnung.

Die Umkehr des Zachäus ist durch die Erfahrung des Anerkanntwerdens, des Angenommenseins motiviert. Offensichtlich ist das eine Erfahrung, die einen Menschen berühren und veranlassen kann, eingefahrene Wege hinter sich zu lassen. Wenn wir von der Umkehr zum Frieden sprechen, die wir in unserer Welt der gewaltsamen Konflikte zwischen Völkern, des innergesellschaftlichen Unfriedens und des zerstörerischen Umgangs mit Gottes Schöpfung so dringend nötig haben, können wir vielleicht an dieser Erfahrung anknüpfen. Denn wir wie alle Menschen leben im Grund aus der Erfahrung geschenkten Anerkanntwerdens und Angenommenseins und wissen darum, dass es sich lohnt, mit sich und der eigenen Umwelt versöhnt zu leben. Angesichts dessen wäre die Aufgabe doch einfach, solche Erfahrungen des Versöhntseins ins Blickfeld zu rücken, uns selbst und anderen zu Herzen gehen zu lassen und dafür zu sorgen, dass wir uns auf solche Erfahrungen des Angenommenseins und Versöhntseins ausrichten.

Frau Dr. Dorothee Godel ist Oberkirchenrätin, Referentin für Fragen der öffentlichen Verantwortung der Kirche in Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

“Wenn möglich, bitte wenden!”

Von  Dr. Dorothee Godel (Mai 2020)
(als pdf-Datei)

„Wenn möglich, bitte wenden“. Da habe ich die richtige Abzweigung verpasst und werde kurz darauf von meinem Navigationsgerät freundlich aber wiederholt dazu aufgefordert umzudrehen. Bequemer wäre es, einfach weiter zu fahren und darauf zu setzen, dass irgendwann die nächste Möglichkeit zum Abbiegen kommt. Wenn das allerdings nicht der Fall ist, riskiere ich einen größeren Umweg. Ob ich tatsächlich umdrehe, ist Abwägungssache. Irgendwo zwischen Bequemlichkeit und Festhalten an der einmal eingeschlagenen Richtung, zwischen vorhandenen Möglichkeiten zum Wenden und der Befürchtung, mich ordentlich zu verfahren, entsteht gegebenenfalls die Motivation, umzudrehen.

Coronabedingt sind wir gerade in vielerlei Hinsichten zu Kehrtwenden gezwungen. Das bedeutet viele und teils schwer belastende Einschränkungen. Das zeigt aber auch, dass Änderungen unseres Lebensstils möglich sind. Zum Beispiel in ökologischer Hinsicht, wo sich die zur Zeit vorhandenen Einschränkungen durchaus positiv auswirken. Ob diese und andere, durch den Zwang der Situation bedingten positiven Veränderungen allerdings nachhaltig bleiben werden, ist fraglich.

In der Bibel, im Neuen Testament, gehört „Umkehr“ zu den Erfahrungen, die einen Menschen und sein ganzes Leben betreffen und verändern. Exemplarisch erzählt wird das von Zachäus, einem kleinen aber sehr wohlhabenden Zöllner. Als Jesus nach Jericho kommt, steigt Zachäus, um Jesus über die zusammengelaufene Menschenmenge hinweg sehen zu können, auf einen Maulbeerfeigenbaum. Und dort oben im Maulbeerfeigenbaum wird er von Jesus gesehen. Jesus fordert ihn auf, herunterzusteigen und lädt sich sozusagen bei Zachäus ein. Für den Zöllner ist das eine große Ehre, eine unverdiente Würdigung. Während die anderen wegen seiner Machenschaften mit Fingern auf ihn zeigen, sucht Jesus die Begegnung und das Gespräch. Und diese Erfahrung verändert den kleinen aber sehr wohlhabenden Zöllner Zachäus. „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Da erfährt ein Mensch so etwas wie Seelenfrieden, Versöhnung mit sich und seiner Umwelt. Geschenkt in der Gottesbegegnung.

Die Umkehr des Zachäus ist durch die Erfahrung des Anerkanntwerdens, des Angenommenseins motiviert. Offensichtlich ist das eine Erfahrung, die einen Menschen berühren und veranlassen kann, eingefahrene Wege hinter sich zu lassen. Wenn wir von der Umkehr zum Frieden sprechen, die wir in unserer Welt der gewaltsamen Konflikte zwischen Völkern, des innergesellschaftlichen Unfriedens und des zerstörerischen Umgangs mit Gottes Schöpfung so dringend nötig haben, können wir vielleicht an dieser Erfahrung anknüpfen. Denn wir wie alle Menschen leben im Grund aus der Erfahrung geschenkten Anerkanntwerdens und Angenommenseins und wissen darum, dass es sich lohnt, mit sich und der eigenen Umwelt versöhnt zu leben. Angesichts dessen wäre die Aufgabe doch einfach, solche Erfahrungen des Versöhntseins ins Blickfeld zu rücken, uns selbst und anderen zu Herzen gehen zu lassen und dafür zu sorgen, dass wir uns auf solche Erfahrungen des Angenommenseins und Versöhntseins ausrichten.

Frau Dr. Dorothee Godel ist Oberkirchenrätin, Referentin für Fragen der öffentlichen Verantwortung der Kirche in Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

Tatorte des Friedens

Von Friedemann Müller (April 2020)

Umkehr zum Frieden – das ist das zentrale Thema der Ökumenischen Friedensdekade überhaupt. Darum geht es den Akteuren der Friedensdekade nun schon 40 Jahre lang. Aktuell ist dieses Anliegen nach wie vor. Und es trifft uns in vielen Dimensionen unseres Lebens: Ganz persönlich umkehren, als Gesellschaft umkehren und als Weltgemeinschaft umkehren hin zum Frieden. Das setzt voraus, dass wir der Friedenshoffnung trauen. Frieden ist möglich. Gemeint ist damit nicht nur die Abwesenheit von physischer und psychischer Gewalt. Frieden ist Schalom, ein lebendiger Prozess des respektvollen Ausgleichs von Interessen, Versöhnung und Handeln im Horizont der Gerechtigkeit. So ist Frieden gleichermaßen persönlich und politisch.

Geboten scheint diese Umkehr zum Frieden allemal. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts spüren wir mehr denn je, die Notwendigkeit gemeinsam zu handeln, das Gegeneinander aufzugeben und Bedingungen zu schaffen, die auch den Kindern dieser Welt eine gute Zukunft versprechen. Frieden ist nachhaltig. Die großen Themen unserer Zeit wie die Verteilungsgerechtigkeit, Migrations-bewegungen, den Klimawandel und auch die Corona-Krise werden wir nur gemeinsam bewältigen. Das wird immer mehr Menschen klar.

Dann gibt es aber die anderen, die auf Rezepte alter Zeiten setzen, die Rüstungsausgaben erhöhen wie nie zuvor, die auf das Recht des Stärkeren setzen, die eine Ich-zuerst-Strategie zur ethischen Leitlinie erklären, die Grenzen dicht machen oder im Handstreich fremdes Land okkupieren, die Gesellschaften polarisieren und Hass säen, kurz, die den Kairos, die Zeichen der Zeit, nicht verstehen. Die Logik aber bleibt, was jemand sät, dass wird man ernten. Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten. Es gibt keinen anderen Weg. Also Umkehren, Abwenden von allem, was uns hindert am Weg der Gerechtigkeit, am Weg eines fairen Miteinanders, am Weg zu einem lebenswerten Morgen. Dann merken wir, dass es nicht nur die anderen sind, die Umkehr nötig hätten. Es ist auch eine Frage der persönlichen Gestaltung von Beziehungen, des persönlichen Umgangs mit den Ressourcen dieser Welt, des persönlichen Widerstands gegen die zerstörerischen Mächte unserer Zeit.

Umkehr das ist im christlichen Glauben mit dem alten Wort „Buße“ ausgedrückt. Traditionell gehören zur Buße die Einsicht in falsches Handeln, das leidenschaftliche Wollen eines anderen Verhaltens (Reue) und zuletzt die Verhaltensänderung, also das Einüben in ein tatsächlich anderes Verhaltens. Wenn wir so Umkehr zum Frieden verstehen, werden wir uns fragen, was wir als Gesellschaft und einzelne auf dem Weg zum Frieden neu verstehen müssen? Was muss sich dringend ändern? Worin liegt Zukunft? Antworten auf diese Fragen wären ein Anfang.  Buße als „umkehren in die offenen Arme Gottes“ (Martin Luther) zeigt das Ziel dieser Neuausrichtung an, die Verwandlung des Lebens hin zu einem neuen Lebenswandel. Deshalb kann Umkehr zum Frieden nicht stehen bleiben bei Appellen und Situationsanalysen. Sie muss Visionen entwickeln, ein leidenschaftliches Wollen und Tat werden. Die Friedensdekade ist ein guter Ort damit weiter zumachen und Tatorte des Friedens zu schaffen.

Friedemann Müller, geb. 1962, Dipl.-Religionspädagoge, viele Jahre als Jugendreferent tätig, heute Theologischer Studienleiter im Evangelischen Bildungszentrum Hermannsburg

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