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Schlagwort: Perspektivwechsel

Friedenspolitische Einordnung | Teil 4: Perspektivwechsel

Die Möglichkeit des Friedens: Ein notwendiger Perspektivwechsel

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

Historische Grundlagen des Zusammenlebens

Die große Zahl an Kriegen und despotisch bzw. autoritär regierten Staaten, die immense Konzentration an Besitz, (patriarchale) Herrschaftssysteme und Machtstrukturen – es gibt vieles, was derzeit daran zweifeln lässt, dass es in Bälde eine friedlichere und gerechtere Welt geben könnte.

In solchen Momenten hilft ein Perspektivwechsel: Die Menschheit hat über viele Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt. Die These, dass wir uns die Köpfe einschlagen, wenn man uns auf einer einsamen Insel aussetzt, wurde von Archäologen und Anthropologen widerlegt. Erst mit Sesshaftigkeit, Besitztum, enger Besiedlung und schließlich etablierten Herrschaftsstrukturen begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen.

Die Konstruktion der Gewalt

Die Begeisterung, für Herrschende in den Krieg zu ziehen, blieb historisch gesehen jedoch gering. Frauen waren immer schon kritischer gegenüber Kriegen, und Männer müssen in der Regel erheblich verbogen werden, damit sie als Kämpfer taugen. Nicht umsonst braucht es tiefgreifende Kriegspropaganda.

Die gute Nachricht ist also: Die Menschheit ist durchaus willens und in der Lage, friedlich zusammenzuwohnen. Zudem gab es in den letzten beiden Jahrhunderten beachtliche zivilisatorische Fortschritte.

Wege aus der Resignation

Dies beantwortet aber noch nicht die Frage, wie wir die aktuellen Entwicklungen drehen können, damit kriegerische Gewalt und Ungerechtigkeit wieder abnehmen und die Menschheit sich gemeinsam um die Herausforderungen kümmert, vor denen wir stehen.

Um angesichts dieser Mammutaufgabe nicht zu verzweifeln, hilft die Osterbotschaft: Jesus hat den Tod am Kreuz überwunden, er ist auferstanden! Die Botschaft der Gewaltfreiheit hat letztlich die Oberhand behalten. Wenn wir weiter aktiv bleiben, Prozesse vorantreiben und andere überzeugen mitzumachen, werden wir schon den richtigen Weg finden – mit Gottes Hilfe.

Literaturhinweise zum Thema:

  • Irene Dänzer-Vanotti: Ist Krieg verlernbar? Anmerkungen für Friedenssuchende. In: Religion – Die Dokumentation, Bayern 2 (Podcast vom 5. April 2026).

  • Ralph Gerstenberg: Rutger Bregman – Warum der Mensch im Grunde gut ist. In: Andruck – Das Magazin für Politische Literatur, Deutschlandfunk (Audio-Archiv vom 8. Juni 2020).


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

In der Begegnung den Frieden wecken – Ein Impuls von Norina Welteke

Ein Impulstext zum Jahresmotto der Ökumenischen FriedensDekade in 2025

Komm den Frieden wecken.

Was bedeutet das in einem Land, das vom Konflikt gezeichnet ist?
Für Norina Welteke bedeutet es: zuhören, vergeben, lieben – auch wenn es schwer ist.
In ihrem Erfahrungsbericht von einer christlichen Studentenkonferenz in Israel zeigt sie eindrücklich, wie junge Menschen trotz aller Spannungen Räume für Versöhnung und Begegnung schaffen.

Ihre Arbeit vor Ort, ihre Forschung zu jungen arabischen Christ*innen und die Begegnungen auf der Konferenz machen deutlich:
Frieden beginnt im Kleinen – in Beziehungen, im Zuhören, im Aushalten von Ambivalenz.
Und im Vertrauen auf eine Liebe, die tiefer geht als politische Lager oder kulturelle Unterschiede.

In der Begegnung den Frieden wecken

Das Zelt ist gut gefüllt, die Bühne professionell ausgestattet. Gut 150 Studenten mit arabischem, jüdischem und internationalem Hintergrund stehen in den Plastikstuhlreihen und singen gemeinsam arabische, hebräische und englische Anbetungslieder. Ich bin bewegt von den tiefgründigen Liedtexten und angenehm überrascht von den schönen Melodien und neuen Rhythmen. Auch auf der Bühne sind alle drei Gruppen vertreten. Es wurde eine vollwertige Band zusammengestellt, am ersten Abend sogar mit Geige. Und so finde ich mich in die christliche Studentenkonferenz im Herzen Israels ein. In meinen Augen sieht genauso ein Teil dessen aus, wie Frieden geweckt werden kann: Inmitten eines seit Generationen andauernden, blutigen Konfliktes kommen junge Menschen zusammen, um das Verbindende zu suchen, und das ist der Glaube an den einen Gott, der Seinen eigenen Sohn gab, um uns Menschen Versöhnung zu stiften.

Jedes Jahr wird eine solche übergreifende Konferenz von FCSI (Fellowship of Christian Students in Israel), dem lokalen Ableger von IFES (International Fellowship of Evangelical Students), veranstaltet. Oder besser gesagt, FCSI bietet Rahmen und Unterstützung, organisiert und durchgeführt wird das Ganze überwiegend von den Studenten des Landes selbst. Ein ähnliches Event war gerade am Laufen, als der grausame Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 stattfand. Trotz des Krieges, der nachvollziehbar alle Gemüter erhitzt, wurde mir erzählt, dass auch im Jahr 2024 die Konferenz durchgeführt wurde. Und dieses Jahr bin ich das erste Mal selbst mit dabei gewesen.

Das Thema der diesjährigen Konferenz: Love Unveiled. Inmitten der anhaltend präsenten Spannungen und Spaltungen im Land haben wir uns tiefgehend damit auseinander gesetzt, was es praktisch bedeutet, dass wir einerseits von Gott bedingungslos geliebt sind, daraus andererseits die Verantwortung resultiert, unseren Nächsten zu lieben. Wie kann das in einem solchen Land aussehen? Wie kann die Nachricht des Evangeliums unsere Mitmenschen hier in Israel erreichen? Hauptsprecher der Konferenz war Michael Ots, Autor und Referent aus dem Vereinigten Königreich, der seit vielen Jahren zu Gesprächen rund um den christlichen Glauben insbesondere in den Universitäten einlädt.

Ein Gedanke, der bei mir hängengeblieben ist, dreht sich um Ärger und Vergebung. Denn Ärger kann eine Konsequenz von Liebe sein. Wenn mir etwas oder jemand wichtig ist und dieses Objekt wird beschädigt oder die Person wird verletzt, dann macht mich das sauer. Aufgrund meiner liebevollen Einstellung zu diesem Menschen oder der Sache empfinde ich Ärger im Falle negativer Einwirkung. Vergebung bedeutet nicht, dass der Schaden übersehen wird, um den Schädigenden anzunehmen, wie er ist. Stattdessen muss sich mit der Situation auseinandergesetzt werden. Der Akt des Vergebens drückt aus: Es ist nicht in Ordnung, was du gemacht hast, doch ich werde dich nicht dafür bezahlen lassen. Vergebung ist schmerzhaft und kostet.

Die Botschaft dieser Konferenz war eindeutig: Wir wecken den Frieden durch unsere Liebe zueinander. Und es wurde klar gemacht, dass es sich dabei nicht um eine Liebe handelt, die uns gut fühlen lässt und mich als das Objekt der mir zustehenden Liebe in den Mittelpunkt stellt. Liebe im Kontext des Krieges in und um Israel bedeutet, etwas zu finden, das uns stärker verbindet als all die Dinge, die uns trennen. Das ist Christi Liebe zu uns und unsere Liebe für Ihn als unseren Herrn. Das ist die Liebe des Retters, die in Seinem Tod und Seiner Auferstehung den Menschen mit dem Vater versöhnt hat, damit wir Zugang zur Versöhnung untereinander erhalten. Eine kostbare und teure Versöhnung. Diese Botschaft ist nicht neu, sie stammt aus genau dieser Region, in der ich momentan lebe und die so stark umkämpft ist. Doch sie fordert jeden Tag neu heraus.

Ich hatte mich im Vorhinein besonders darauf gefreut, meine neuen arabischen Freunde auf der Konferenz zu treffen, die ich zuvor für meine akademische Arbeit interviewt hatte. In meiner Forschung setze ich mich damit auseinander, welche Herausforderungen und Erfahrungen junge arabische Christen in Israel im Schatten des aktuellen Krieges erleben. Drei herausstechende Erkenntnisse möchte ich an dieser Stelle teilen.

Die Frage der Zugehörigkeit war für alle meine Interview-Partner ein zentrales und schwieriges Thema. Als winzige Minderheit in einem Konfliktland stellt sich die Suche nach Identität und Platz in der Welt ganz anders dar, als für Menschen wie mich, die ich behütet in Deutschland aufgewachsen bin. Zweitens nehmen alle diese Personen, die ich im Interview persönlich kennenlernen konnte, den Auftrag der Liebe und der Vergebung sehr ernst, was sie täglich vor Herausforderungen stellt. Sie wollen sich nicht zu extremen Positionen hinreißen lassen, wollen ihre Emotionen nicht dominieren lassen. Und das ist ein schwerer Auftrag für sie, der sie manchmal zur Verzweiflung bringt. Eine Freundin nahm mich auf der Konferenz beiseite und vertraute mir an, dass die Gemeinschaft an diesem Wochenende so fröhlich und freundlich aussieht, es für sie aber echt schwer sei, tatsächlich fröhlich zu sein. Das scheinbar unbeschwerte Beisammensein auf der Konferenz hatte bestimmt nicht nur für sie einen bitteren Beigeschmack.

Am letzten Tag der Konferenz brachte der Sprecher George Abdo, langjähriger Jugendleiter in der Local Baptist Church in Nazareth, die Botschaft des Wochenendes radikal auf den Punkt. Er zeigte ein Bild von einem gefallenen israelischen Soldaten, der Familie und Freunde hinterlässt. Dann blendete er das Bild eines jungen Mädchens aus Gaza ein, das nun kein Zuhause mehr hat. Er konfrontierte uns mit dem Verständnis, dass wir als Christen uns nicht aussuchen können, wen wir lieben und wen nicht. Unser Auftrag ist es, dass wir das Leid der unterschiedlichen Menschen unabhängig von Politik wahrnehmen.

Und das bringt mich zu meinem dritten Punkt bezüglich meiner Arbeit mit arabischen Christen: Einige von ihnen haben mir mitgeteilt, dass sie sich von den Christen in anderen Ländern nicht gesehen fühlen. Sie haben den Eindruck, dass die meisten Menschen, die sich für den Israelisch-Palästinensischen Konflikt interessieren, gar nicht von ihrer Existenz wissen. Sie fühlen sich unverstanden und häufig übergangen.

Eine schwerwiegende Lehre für mich aus meinen anderthalb Jahren in Israel zu Kriegszeiten ist, dass wir wieder neu lernen müssen, einander zuzuhören und uns gegenseitig als wertvolle Menschen wahrzunehmen. In meinem letzten Interview hat mir meine arabische Gesprächspartnerin gesagt, dass es sie gar nicht interessiert, woher ihre Freunde kommen, solange sie einen guten Charakter haben. Sie hat Freunde in der israelischen Armee und Freunde, die direkte Verbindungen zur Bevölkerung in Gaza haben. Aus Weisheit spricht sie nicht mit allen immer über Politik und aktuelle Entwicklungen. Doch der Krieg soll in ihren Augen nicht der Grund sein, dass ihre Freundschaften daran zugrunde gehen.

Den Frieden wecken bedeutet für mich Beziehungen bauen. Es bedeutet, dass ich meine Mitmenschen unterstützen möchte, ein sicheres Fundament in ihrem Leben zu finden, sodass sie in der Lage sind, andere Erfahrungen und Standpunkte wahrzunehmen, ohne sich davon persönlich angegriffen zu fühlen. Komm den Frieden wecken! Komm und nimm deine Möglichkeiten wahr, dich für Versöhnung einzusetzen. Wenn du Stabilität in deinem Leben gefunden hast, so hilf deinen Mitmenschen dies auch zu tun.

Zur Autorin

Norina Welteke ist 25 Jahre alt und lebt seit September 2023 in Jerusalem. Dort studiert sie nicht nur leidenschaftlich an der Hebräischen Universität Konfliktforschung, ihr gesamter Alltag in Israel ist ein einziges Studienfeld gefüllt mit außergewöhnlichen Abenteuern und besonderen Beziehungen, die ihr Verständnis von Krieg und Frieden immer wieder herausfordern. Sie arbeitet als Referentin im politischen Büro der Evangelischen Allianz in Deutschland, in dessen Rahmen sie ab September 2025 gemeinsam mit ihrer Kollegin Amelie Rick zum zweiten Mal eine online-Schreibwerkstatt zum Thema Frieden anbieten wird.


Wenn du diesen Weg mitgehen willst – im Gebet, im Schreiben, im Austausch – dann bist du herzlich eingeladen zur Online-Schreibwerkstatt „Frieden – Schreiben gegen die Ohnmacht und für das Miteinander“,
die Norina Welteke gemeinsam mit Amelie Rick im Herbst/Winter 2025 anbietet. Alle Infos findest du unter diesem Beitrag oder per Mail an norina.welteke@ead.de

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