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Schlagwort: FriedensDekade 2026

Geben wir stillschweigend auf, was aus den Trümmern von 1945 entstand?

 81 Jahre Kriegsende: Ein Versprechen und seine Erosion

Am 8. Mai 1945 endete in Europa der verheerendste Krieg der Geschichte. Was die Überlebenden daraus machten, war bemerkenswert. Sie setzten nicht auf Stärke. Sie setzten auf Recht. Die UN-Charta, das Völkerrecht, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, all das entstand in diesem Moment. Nicht aus Idealismus. Aus bitterer Erfahrung.

Die Lehre war einfach und radikal zugleich: Recht vor Macht. Kooperation vor Konfrontation. 81 Jahre später steht dieses Versprechen unter Druck.

Erinnern heißt auch: nachfragen

Der Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) nimmt diesen Druck ernst. Er weicht den schwierigen Fragen nicht aus. Was bedeutet Sicherheit heute wirklich? Wer trägt Verantwortung für den Frieden? Und was hat die Generation, die 1945 „Nie wieder“ sagte, uns hinterlassen?

Wer diese Fragen nicht nur im Stillen stellen, sondern durchdenken möchte, findet im Band einen verlässlichen Denkpartner. Das Buch finden Sie aktuell in unserem Webshop.

Eine Ordnung unter Druck

Diese Ordnung ist heute nicht mehr selbstverständlich. Auf der geopolitischen Bühne erleben wir, wie Regierungen und Akteure weltweit die Verhandlungsgrundlage verschieben. Völkerrechtliche Verpflichtungen gelten zunehmend als Hindernis. Konfrontation ersetzt Kooperation. Und wer auf das gemeinsame Regelwerk pocht, wirkt schnell weltfremd.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Umkehrung dessen, was 1945 mühsam errichtet wurde.

Rainer Keil benennt das im Buch „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ ohne Beschönigung. Das Völkerrecht sei eine kostbare Errungenschaft – aber keine stabile. Es funktioniere nur, solange Staaten es gemeinsam tragen. Wo das aufhört, setzt sich die Stärke des Stärkeren durch. Nicht die Stärke des Rechts.

Und was bedeutet das konkret?

Jan Gildemeister zeigt in seinem Beitrag, wie sich diese geopolitische Verschiebung ganz konkret auf Menschen auswirkt. Das geplante Wehrdienstmodernisierungsgesetz senkt die Schwelle für eine Wehrpflicht auch in Friedenszeiten deutlich. Zivile Alternativen kommen in der öffentlichen Debatte kaum vor. Junge Menschen werden nicht gefragt, wie sie Verantwortung übernehmen wollen. Sie haben das Gefühl vor Entscheidungen gestellt zu werden. Auch ein Grund warum heute zum dritten Mal Schülerinnen und Schüler zur Demonstration gegen die Wehrpflicht und für einen gerechten Umgang der Politik mit ihrer Generation auf die Straße gehen.

Das außeracht lassen von zivilen Alternativen ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz einer Sicherheitspolitik, die Stärke vor Recht stellt. Die militärische Antworten bevorzugt, bevor zivile Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Was der 8. Mai nicht vergessen lässt

Am 8. Mai 1945 endete etwas Grausames. Nicht langsam, nicht allmählich – sondern mit einer Plötzlichkeit, die Millionen Menschen atemlos zurückließ. Befreiung und Erschöpfung zugleich. Das Ende eines Albtraums, der Europa in Schutt gelegt hatte.

Was diese Generation daraus machte, hatte eine Klarheit, die nur aus gelebter Erfahrung kommt. Sie wussten, wovon sie redeten. Sie hatten gesehen, wohin Macht ohne Recht führt. Wohin Konfrontation ohne Kooperation führt. Und sie bauten – mühsam, unvollkommen, aber entschlossen – eine Ordnung, die genau das verhindern sollte. Institutionen, Verträge, das Völkerrecht. Nicht als Idealismus. Als Konsequenz.

Diese Ordnung steht heute zur Disposition. Nicht durch einen einzigen dramatischen Bruch, sondern durch viele kleine Verschiebungen. Durch Verträge, die nicht mehr eingehalten werden. Durch Institutionen, die ausgehöhlt werden. Durch eine Debatte, in der zivile Lösungen als naiv gelten und militärische Stärke als einzig realistische Antwort.

Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist die Erinnerung. Die Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht und warum es damals so klar war.

Das Motto der FriedensDekade 2026 couragiert widerständig meint genau das. Nicht Widerstand als Ablehnung. Sondern Haltung. Die tägliche Entscheidung, Recht vor Macht zu stellen. Kooperation vor Konfrontation. Auch wenn das unbequem ist. Gerade dann.

Im nächsten Friedensbrief greifen wir den dritten Bereich aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf: die Kraft der Zivilgesellschaft und was zivile Konfliktbearbeitung weltweit konkret leisten kann.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist jetzt in unserem Shop erhältlich.

Wolkig mit Aussicht auf Musik“: Die Kantate-Predigt von Friedensbotin Dr. Friederike F. Spengler

Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler hört in ihrer Predigt zum Sonntag Kantate auf das, was Musik mit Frieden zu tun hat und warum Gottes Gegenwart sich manchmal nur erahnen lässt.

Was hat ein fertiggestellter Tempel mit Friedenssehnsucht zu tun? Und warum klingt das Widderhorn, das einst zum Dienst an der Waffe rief, bei Salomo plötzlich als Musikinstrument? Unsere Friedensbotin, Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler, predigt am Sonntag Kantate in der Johanniskirche Gera über 2. Chronik 5 – und entfaltet dabei ein überraschendes Bild: Gotteslob als Zeichen des Friedens, Klang als Ort der Gegenwart Gottes, und eine Wolke, die mal weiß und flauschig, mal schwer und dunkel ist.

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Die Predigt im Wortlaut

Wolkig mit Aussicht auf Musik

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Wolkig

Gott ist mit den Menschen unterwegs. Solange die Bibel denken kann, ist das so. Immer wieder hat es Versuche gegeben, ihn dingfest zu machen: Gott mit Etiketten zu versehen, auf denen draufsteht, wie er ist, wo sie wohnt.

Dabei hatte das Volk Israel Gott ganz anders kennengelernt. Als Gott mit ihnen. Mitziehend. Als einen, der immer dabei war. Den man vorausgehen sah – etwa tagsüber in einer Wolke und nachts in einem Feuerschein. So kannten sie Gott. Und so trugen sie auch ihr Heiligtum mit sich herum. Ein bisschen wie ein mobiles Mobiliar:  In einem großen Kasten trug das Volk die Tafeln, auf die Mose die Zehn Gebote von Gott geschrieben hatte, mit sich. Das war ihr Heiligtum. „Lade“ nannten sie den Kasten. In der gesamten Zeit ihrer jahrzehntelangen Wanderung haben sie die Lade mit sich genommen und waren sich damit Gottes sicher

Und weil das Volk inzwischen sesshaft wurde, braucht auch – so stellten sich die Leute das vor – natürlich auch Gott ein Haus! Im biblischen Buch der Könige wird uns erzählt, wie König David die Lade nach Jerusalem brachte. König Salomo bringt nun das Werk seines Vorgängers zuende, die Lade zu Ruhe.

Der Tempel ist fertiggebaut, ein Prachtbau sondergleichen! Jetzt kann die Lade einziehen und Gott hat einen festen Wohnsitz. Das Volk hofft damit auf ruhige, friedliche Zeiten. Dafür hat im Auftrag Gottes ein König zu sorgen. Das galt und gilt bis heute: Gott will, dass die Herrscher dieser Welt in seinem Namen für Frieden sorgen. Für Beruhigung des Lebens durch Gerechtigkeit Schalom also. Deshalb König Salomo. In seinem Namen steckt das Wort „Shalom“ schon drin. Sei Name ist Programm für: Friede, Ruhe, Heil, Gutes. Ganz schöne hohe Erwartungen an einen König.

Die Erfahrung der Menschen damals wie heute: Könige, Herrscher allgemein, haben ihre ganz eigenen Vorstellungen und scheren sich wenig darum, was Gott Gutes für seine Erde will. Hier geht es vor allem um Machterhalt und Sicherheit: und dazu braucht es Schutz, natürlich durch Armeen. Ohne Abschreckung keine Ruhe vor den Feinden, sagen sie und finanzieren Waffen über alles hinausgehend, was sich ein Land leisten kann. Ohne Vorbereitung auf einen Krieg keinen Frieden, sagen sie und beginnen schon mal mit der Musterung der jungen Menschen ab 18.

Schaut man sich die Zeiten an, hat es in beinah jeder Generation Kriege gegeben. Ich denke, so rechnete auch das Gottesvolk damit, dass ihr Salomo verfahren würde. Damals rief man mithilfe eines Widderhorns an die Waffen. Salomo aber ließ nicht zu den Waffen rufen, sondern zum Gottesdienst! Aus dem Horn des Krieges wird ein Musikinstrument, aus Kampfübungen wird gemeinsames Musizieren. Nicht Kampf, Gewalt und zur Schau gestellte Macht soll das Zeichen von Gottes Volk sein – sondern gemeinsames Gotteslob.

Im Predigttext heißt es: Es war, als wären alle wie eine einzige Stimme – als würden die vielen Trompeter und Sänger denselben, guten, friedfertigen Ton zur Ehre Gottes treffen. Wie „ein Herz und eine Seele“. Alle hatten dieselbe Ausrichtung: Gott zu loben. Und in diesem Moment passiert dann – und seitdem immer wieder – etwas ganz Besonderes: Die Menschen spüren Gottes Gegenwart. Ganz dicht bei ihnen. Neben dir und dir und mir Gott. In unserer Mitte und ganz am Rand. Ganz nah. Die Bibel beschreibt das mit der Wolke, die den Tempel erfüllt.

Gott in einer Wolke daher und füllt den ganzen Raum aus. Alles voll Gott.

Wolkig erscheint Gott.

Als Kind habe ich vieler solcher Bilder gemalt: kuschlig-schöne, weiße Flauschwolken. Ich konnte mich herrlich hineinträumen in Wolkenlandschaften. Alles schön, friedlich und gut. Wer schon mal geflogen ist, der hat es vielleicht erlebt: Wolken über einem und dann stößt die Nase des Fliegers durch die Wolkendecke. Man schwebt dann über den Wolken dahin, blendendes Sonnenlicht von allen Seiten und unter einem ein Teppich wie aus weißer Watte.

Gott als Wolke heißt aber auch: nicht greifbar, gleichzeitig da und sich verflüchtigend, unverfügbar, nicht zu fassen. Wolkig.

Jetzt erinnert ihr euch vielleicht: mitnichten sind Wolken nur weiß und leuchtend. Oder rosarot, weil die Sonne gerade majestätisch im Meer versinkt. Wolken können auch grau und schwer, zerrissen und dunkel, tiefhängend und bedrohlich sein. Stehen also auch für das, was wir von Gott nicht erkennen. Oder nicht mit seiner Liebe zusammenbringen. Schwere Zeiten etwa. Menschen, die alles verlassen und fliehen müssen, Leute, die ihre Liebsten loslassen müssen, Enttäuschungen, Krankheit, Trennung, Schmerz… Da ist nichts mit Schäfchenwolken oder solchen wie aus rosa Zuckerwatte. Da liegen die Wolken schwer auf mir und ich komme nicht hindurch.

Ich kenne solche Zeiten und ihr sicher auch. Und nicht immer fällt mir dabei immer gleich ein, dass Gott doch „im Dunkel wohnen will“. Und, dass er das Dunkel erhellen kann. Aber so hat er es versprochen und ich will mich darauf verlassen!

Ja, Gott ist nicht berechenbar. Nicht einhegbar, nicht domestizierbar. Weder zwischen Aktendeckel noch in schöne Kirchen. Gott ist unverfügbar. Gott lässt sich auch nicht für unsere Ziele einspannen (Gott sei Dank!). Aber finden lässt er sich, wenn du ihn suchst. Finden lässt er sich an allen Orten, auch in dieser Kirche hier. Und manchmal lässt er sich spüren. Wenn das passiert, ist das ein Geschenk. Im Lied, welches wir nach der Predigt singen, wird das so beschrieben: „Du durchdringest alles, lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“ (EG 165,6)

…mit Aussicht auf Musik

Ich spüre Gott besonders in der Musik. Du auch? Etwa, wenn die Orgel einsetzt oder ein Chor so richtig gut singt. Oder wenn die Handglocken perfekt aufeinander abgestimmt sind. Wenn der Posaunenchor den Rhythmus vorgibt und ich kaum stillsitzen kann und alles in mir vibriert, ein Gospelchor oder eine Band die ganze Kirche zum Kochen bringt. Dann fällt alles ab von mir, was mich bedrückt und beschäftigt und ich spüre: Gott will mein Bestes! Sein Shalom hüllt mich ein.

Zur Zeit von König Salomo war das mit der Musik im Tempel ganz anders als heute. Da gab es noch keinen Gemeindegesang, bei dem alle mitsingen. Musik war die Aufgabe von Profis – den Leviten und Priestern. Die hier aufgezählten Profis für Trompeten (die damals eher Fanfaren glichen, denn es gab noch keine Instrumente mit Ventilen und Klappen) und Gesang waren bei aller Vielstimmigkeit einstimmig unterwegs. Auch wieder ein Friedensbild: Dass alle ihre Bedürfnisse zur Sprache bringen können, dass alle die Freiheit ihres Selbst-Seins leben können und dennoch im Ziel, als Gemeinschaft EINS sind. Das muss einen sagenhaften Klang ergeben haben. Bibelwissenschaftler kommen bei Nachzählen von hier Musikbeteiligten auf 288 Leute. Was für eine Klangwolke! Da ist sie ja wieder die Wolke. Gott in der Wolke, also auch in der Klangwolke. Dort, wo um des Gemeinsamen Willen der eine, gute Ton getroffen wird, ist Gott gegenwärtig!

Der Predigttext erzählt, dass Salomo Musik im Gottesdienst sehr wichtig war. Er wusste: Gesungenes Gotteslob kann etwas verändern: Es richtet unseren Blick nach oben. Und gibt dadurch eine neue Perspektive. Also: „Lobe den Herrn, meine Seele“!

Das Wort für „Seele“ (im Hebräischen näfesch) bedeutet eigentlich „Kehle“ – also das, womit wir atmen. Das heißt: Loben kann schon beim Atmen anfangen.

Beim Einatmen: Ich empfange Leben von Gott.

Beim Ausatmen: Ich gebe ihm meinen Dank zurück.

So wird dein Atem zum Gotteslob. Gotteslob muss ja nicht laut sein. Manchmal passiert es ganz leise – einfach dadurch, dass du atmest und dabei dankbar bist.

Und gleichzeitig kann Gott loben wunderbar kräftig und unüberhörbar klingen. Denn seit inzwischen Jahrhunderten singen wir alle. Besonders die Reformatoren hatten es sich auf die Fahnen geschrieben, die ganze Gemeinde durch Lieder an Gotteslob, Klage, dem Ausdruck von Freude und Dank, der Suche in Zeiten der Not u.s.w. zu beteiligen. Kirchenlieder wurden geschrieben und tragen seitdem auch zur Demokratisierung kirchlichen Lebens bei: alle können, keiner muss singen. Und in Zeiten, in denen dir die Stimme versagt, kannst du dich auf die der anderen verlassen, die für dich mitsingen. Singende Gemeinde trägt einander auf der Wolke des Klangs.

Auf Kirchentagen, Bläser – und Chortreffen ist das Gotteslob laut und unüberhörbar. Und das ist gut so. Das braucht unsere Gesellschaft. So wie unsere Glocken in den mehr als 3000 Kirchtürmen unserer Landeskirche. Glocken sind ja Instrumente und haben ganz eindeutige Aufträge: Die Menschen ans Gotteslob zu erinnern etwa, zum Gottesdienst zu versammeln, zum Frieden aufzurufen. Unsere alten und neuen Lieder, die wir an Sonn- und Feiertagen als Gemeinde singen, haben orientierenden Charakter. Und: Menschen, die miteinander singen und musizieren, gehen nicht aufeinander los, schießen nicht aufeinander. Auch das ist eine Erfahrung, die wir bewusst machen, eine Wahrheit, die wir weitersagen sollen.

Liebe Gemeinde, singen und musizieren wir also gemeinsam das Lob Gottes: zur Ehre des Höchsten und uns zum Shalom. Denn „Gott ist gegenwärtig“! Amen

 

Predigtlied: EG 165,1.4-6.8

 


Für Ihre Gemeindearbeit: Die offizielle Lesefassung

Möchten Sie die Botschaft von Dr. Friederike F. Spengler im Gottesdienst verlesen, im Hauskreis diskutieren oder im Gemeindebrief veröffentlichen? Wir haben für Sie eine hochwertig gestaltete PDF-Version als Werkzeug für die Praxis vorbereitet.

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Über die Friedensbotin: Dr. Friederike F. Spengler ist seit 2022 Regionalbischöfin im Bischofssprengel Erfurt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie bringt ihre eigene Geschichte aus der Friedensbewegung in die Arbeit der Ökumenischen FriedensDekade 2026 ein.

Sicherheit mit oder Sicherheit gegen? Eine Frage, die alles verändert

Wer in einer Kirchengemeinde oder Friedensgruppe aktiv ist, kennt das Gefühl. Die Fragen werden größer, die Antworten dünner. Aufrüstung, Wehrpflichtdebatte, Krieg in Europa. Und mittendrin Menschen, die sich fragen, was Friedensarbeit heute noch bedeuten kann und wie sie vor Ort konkret aussehen soll.

Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) hat mit dem Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ genau diesen Raum geschaffen. Herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting versammelt es dreizehn Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Kirche und Zivilgesellschaft. Ihr gemeinsames Anliegen: die drängenden Fragen unserer Zeit friedensethisch durchdenken. Für Gemeinden, Friedensgruppen und alle, die Haltung zeigen wollen.

Widerstand als Öffnung – nicht als Mauer

Olaf Warburg, dessen Motiv in diesem Jahr die FriedensDekade prägt, hat es in der aktuellen Folge unseres Gesprächsformates „Frieden im Dialog“ mit Lars Blume klar benannt. Widerstand bedeutet für ihn nicht „Dagegen sein“, sondern „Öffnung zur anderen Seite“. Genau diese Öffnung sucht auch das Buch. Es fragt nicht, ob Frieden möglich ist. Es fragt, wie er gedacht werden muss, damit er es bleibt.

Wer seinem Friedens-Engagement mehr Substanz geben möchte, findet in „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“einen verlässlichen Denkpartner. Derzeit im Sonderangebot in unserem Shop.

Zwei Logiken, eine Entscheidung

Wolfram Stierle arbeitet in seinem Beitrag eine Unterscheidung heraus, die in der aktuellen Debatte kaum jemand so deutlich benennt. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Vorstellungen von Sicherheit. Die eine entsteht durch Kooperation, gemeinsame Strukturen und das mühsame Ringen um Vertrauen. Die andere durch Abschreckung, Aufrüstung und das Prinzip der Stärke. Stierle zeigt: Wer Sicherheit nur als Abwehr denkt, landet unweigerlich in einer Logik, die Wandel verhindert statt ermöglicht.

Beide Logiken sind heute wirksam. Aber nicht gleichgewichtig.

Was die Zahlen sagen

UN-Generalsekretär António Guterres hat es unlängst öffentlich ausgesprochen: Höhere Militärausgaben allein schaffen keinen Frieden. Die Zahlen geben ihm recht. Die globalen Militärausgaben erreichten 2024 einen Rekordwert. Die Ausgaben für Entwicklung und humanitäre Hilfe sanken im gleichen Zeitraum deutlich. Die Investitionen in Abschreckung und Aufrüstung übersteigen die in Kooperation und zivile Lösungen inzwischen um den Faktor zwölf.

Couragiert widerständig – mehr als ein Motto

Das ist der Rahmen, in dem die FriedensDekade 2026 unter dem Motto couragiert widerständig steht. Und es ist der Rahmen, in dem Olafs Bild von den bunten Tauben vor dem Gitterfenster seine eigentliche Tiefe bekommt. Wer heute für gewaltfreie Lösungen eintritt, steht nicht am Rand der Debatte. Er oder sie stellt eine der zentralen politischen Fragen unserer Zeit.

Ein Buch, das weiterdenkt

Was das konkret bedeuten kann, entfaltet das Buch auf seinen weiteren Seiten. Welche Erfahrungen zivile Konfliktbearbeitung weltweit gesammelt hat. Wo sie wirkt. Wo sie an Grenzen stößt. Es liefert keine einfachen Antworten. Aber es gibt der Frage, die Olaf am Ende des Gesprächs stellt, das Fundament, das sie verdient: Braucht unsere Welt wirklich noch mehr Waffen?

In den nächsten zwei Ausgaben des Friedensbriefs greifen wir zwei weitere Bereiche aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf. Im Mai erinnern wir an den 8. Mai und fragen, was „Nie wieder Krieg“ heute bedeutet, wenn junge Menschen wieder über Wehrpflicht diskutieren. Danach blicken wir auf die Kraft der Zivilgesellschaft gestern und heute.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist derzeit zum Sonderpreis in unserem Webshop erhältlich.

„Das Ende ist mein“: Die Osterpredigt von Friedensbotin Dr. Friederike F. Spengler

Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler blickt in ihrer Osterpredigt für die FriedensDekade 2026 auf die „Tische der Macht“ und kontrastiert sie mit Gottes Einladung zum Frieden.

Was macht eine „Erfolgsgeschichte“ wirklich aus? In einer Zeit, in der Aufrüstung und Abschreckung wieder als alternativlos gelten, setzt unsere Friedensbotin, Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler, einen bewussten Gegenakzent. Sie verbindet ihre eigene Geschichte in der Friedensbewegung mit einer radikalen biblischen Vision: dem Festmahl auf dem Berge Zion. In unserem neuen Mitgliederbereich erhalten Sie die Osterpredigt auch  als PDF zum Download

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Die Osterpredigt im Wortlaut

Liebe österliche Gemeinde,

„Die erfolgreichste Geschichte der Welt: Sie waren kaum mehr als 20 Jünger, als ihr Anführer starb. Es wurden Milliarden Christen. Kaum zu glauben, wie aus einer kopflosen Sekte eine Hochreligion werden konnte.“ So titelte eine bekannte deutsche Wochenzeitung. Ich gestehe: Mit „erfolgreich“ tue ich mich schwer, wenn es um den Glauben geht, den wir einander bekennen und bekräftigen mit dem Ruf „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!“

„Erfolgreich“ ist nicht die Kategorie, nach der Gott die Welt rettet, ja es bereits getan hat. Natürlich haben die Journalisten mit der Bestandsaufnahme ansonsten recht. Denn das, was als kleine innerjüdische Bewegung mit Jesus von Nazareth, wahrer Mensch und wahrer Gott, begann, hat in den 2000 Jahren unzählige Menschen erreicht. Milliarden sind gelinde gesagt, leicht untertrieben. Und das – und das ist für mich das größte Osterwunder – mit und trotz aller Bedrohung, Angst und Furcht durch die Geschichte. Mit und trotz aller Abgründe und Schuld der Kirche. Mit und trotz aller Unzulänglichkeiten beim Bodenpersonal Gottes, uns heute eingeschlossen. Ich ahne, was da der Heilige Geist so zu tun hat…

„Die erfolgreichste Geschichte der Welt“ handelt von Gottes Reich. Das war Jesu Botschaft. Alle seine Gleichnisse, seine empathischen Zuwendungen, seine heilenden Berührungen dienten der Beschreibung dieses Gottesreiches. Er hat bei den Leuten die Sehnsucht geweckt, dazuzugehören. Er hat unter den Trostlosen Hoffnungsbilder geformt, unter den Ängstlichen Ermutigung gestiftet, unter den Einsamen und Ausgegrenzten Anerkennung ausgegossen. Alles Erfahrungen, die den Worten vom Reich Gottes Nahrung gaben.

Ein Bild für das Unvorstellbare

Denn, machen wir uns nichts vor: Es ist schwer, sich das Gottes Reich konkret vorzustellen. Das wusste schon Jesaja, der Prophet. Die Leute brauchen etwas Greifbares, etwas zum Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen, um auch nur ansatzweise eine Ahnung davon zu bekommen. Deshalb beschreibt Jesaja ganz bildhaft, was er für unser aller Zukunft sieht:

Jesaja 25,6-9
6 Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.
7 Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind.
8 Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der Herr hat’s gesagt.
9 Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

 

Jesaja werden von Gott Vorstellungen von etwas Unvorstellbarem geschenkt. Nicht nur für sich, sondern zum Ausrichten an die, die es gerade nötig haben. Das ist der Beruf eines Propheten, nicht mehr und nicht weniger: Mund Gottes für Israel zu sein. Gottes Volk hatte das wohl damals genauso nötig wie heute. Um etwa 320 vor Christi Geburt muss es gewesen sein, als Jesaja Gottes Wort weitergab. Wenn ich lese, was diese Zeit damals ausmachte, bekomme ich Gänsehaut: das ganze heutige Europa und Asien wurde gebeutelt von jahrzehntelangen Kriegen, ein Kommen und Gehen unter den Herrschern, man ließ die Muskeln spielen und gefiel sich in Drohgebärden, hatte dagegen alle Verbindung zum Volk verloren.

Die Tische der Macht

Mir fallen heutige Herrscherhäuser ein: Ich sehe etwa einen Mann an einem über 6 m langen Tisch, der vorhergehende war noch länger. Der Staatschef auf der einen Seite, die ihn aufsuchenden Männer und Frauen, ganz gleich ob aus dem Land, für welches er Verantwortung trägt oder nicht, auf der anderen. Oder der mit dem überdimensionalen Schreibtisch aus hochpoliertem Edelholz: Der dahinter sitzt, thront in Sicherheit, lässt sich von tiefbewegten Menschen umbeten und segnen; wer davorsteht, muss sich fügen. Deutlicher lässt sich die Distanz zwischen selbstbewusster und ausgeübter Macht kaum darstellen.

Und Gott sprach zu Jesaja. Und Jesaja spricht Gottes Zielbild für die Welt heute zu uns. Das klingt etwa so: „Am Ende der Zeit werden alle herrschaftlichen Sekretäre, alle Konferenztische, alle militärischen Kartentische, alle einschüchternden, erhöhten Tische aus Gerichtssälen und jene aus den Kommandozentralen herausgeräumt und aneinandergereiht auf dem Berg Gottes. Und über ihre aufpolierten Oberflächen, die die Wucht niedersausender Fäuste kennen (denn einer muss ja mal richtig auf den Tisch hauen!) und die Einkerbungen der Richterhammer und die winzigen Löcher, die durch Nadeln auf Schlachtplänen entstanden sind, werden mit feinem weißem Leinen bedeckt.

Und dann tafelt Gott auf: das Beste vom Besten ist ihm gerade gut genug, ER lässt es sich etwas kosten. ER dient am Tisch der Völker und ermöglicht damit den Frieden unter ihnen. Für einen Frieden, der es wert ist, Friede genannt zu werden, ist Gott nichts zu teuer!“

Gottes Jahrhundertwein und die Festtafel der Völker

Jesaja schwärmt von dem, was aufgetafelt wird. Und dabei läuft ihm sicher das Wasser im Mund zusammen, so sehr sehnt er sich mit allem Volk nach gutem, sättigendem Essen und Trinken. Gott serviert wunderbare Speisen und Getränke. Der hebräische Urtext ist hier sehr genau. Die Worte beschreiben, dass das, was sonst für das Opfer am Tempel an gutem Fleisch beiseitegelegt wurde, auf Gottes Friedenstisch für die Völker kommt. Dazu ein Jahrhundertwein! Das Hebräische schwelgt, ihn zu beschreiben und ist sich der vielen „Ah!s“ und „Oh!s“ der kostenden Münder sicher.

Das Bild, welches Jesaja vor das innere Auge seiner Zuhörenden malt, führt unmittelbar in staunende Freude über diese Festtafel. Und nun sitzen sie alle an einem Tisch: die Putins und Trumps, die Xi Jinpings, Macrons, Netanjahus, Mullahs und Merzens ebenso, wie alle anderen Staatsoberhäupter der Erde: Alle sind geladen, alle sind gekommen. Und nein, kein „Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen“, denn es ist für alle gesorgt. Gott selbst bindet sich die Schürze um und trägt auf, die Gläser blinken und die Tische biegen sich unter der Last der Köstlichkeiten.

Und wer sitzt hier so alles? Nicht nur die Staatsoberhäupter, alle haben Platz an Gottes langer Friedenstafel, alle, alle, alle. Keiner wird abgewiesen, alle heißt Gott willkommen. Mit seinem Friedensmahl wird er ihre verkrampften Minen aufhellen und ihre versteinerten Herzen weich werden lassen wie Butter in der Sonne. Bereits nach der Vorspeise legen die Waffentragenden ihr Kriegsgerät ab. Deren Geschichte ist zu Ende, ein für alle Mal. Sie taugen ab heute nur noch zum Ackergerät. Und spätestens nach dem Hauptgang ist man selbst mit dem größten Gegner auf „Du und Du“. Dann wird angestoßen auf Schwestern- und Brüderschaft und diese wird halten bis ans Ende aller Tage.

Die Wahrheit wird sichtbar

Was für ein Bild! Jesaja kann gar nicht so verzückt sprechen, wie ihm gerade zumute ist. Sein Gesicht leuchtet, wird er doch Zeuge davon, wie die Decke der Bosheit und Dummheit, der Gier und Macht von den Augen aller weggezogen wird. Was hervorkommt, ist kaum zu fassen: Wahrheit steht auf einmal allen vor Augen und die Lügen haben ausgedient. Es gibt nichts Verdecktes mehr, keine Machenschaften, keine unlauteren Absichten, keine Klüngeleien, keine Korruption. Alles beendet.

Und wenn der Hauptgang verzehrt ist, serviert Gott das Dessert und mit diesem wird auch der letzte Gang des Lebens vertilgt: der Tod. „Verschlungen in den Sieg“, Gott hat den Fresser des Lebens selbst verschlungen, schaut Jesaja. Aus ist es mit dem Tod, er wird nie wieder Nahrung erhalten, wird vom Erdboden vertilgt, ist Geschichte. Keiner wird ihn mehr vermissen.

Während nun die so Verköstigten noch gar nicht recht fassen können, wie ihnen geschieht, zu Tränen gerührt, tief im Herzen berührt sind, steht Gott erneut neben ihnen. Und mit der Geste größter Aufmerksamkeit tupft er mit seinem blütenweißen Taschentuch Tränen von ihren Gesichtern. „Alles wird gut“, flüstert er. „Alles wird gut, denn das Ende ist mein“, spricht er.

Das österliche „ABER“

Ihr Lieben, den Drohgebärden des Todes und der Hölle begegnen wir täglich beim Blick auf die Welt. Noch! Und die Argumente, sich durch riesige Waffenarsenale schützen zu müssen, werden immer selbstbewusster vorgetragen. So als hätten wir nichts gelernt aus den Jahrzehnten des kalten Krieges, so als wüssten wir nichts von der Logik der Abschreckung, die einzig zum Wettrüsten führt und den Teufelskreislauf der Vernichtung anheizt. Da werden Ressourcen verschleudert, die für großen Herausforderungen der Zukunft so wichtig wären. Ach, es ist ein Jammer und manch einer von uns schwindet mitunter die Hoffnung.

ABER: Gottes Frieden bricht in unsere Welt ein. Es wird Ostern! Mit der Kraft der Ohnmacht setzt sich Gottes Aber durch, bricht mit einem Wort hinein in alles, was ängstigt und kleinlaut macht. Jesaja ist Gottes Mund für uns. Er lässt uns nicht im Unklaren über Gottes Pläne. Auch Jesus bezog sich auf ihn. Etwa beim Abendmahl mit den Seinen: „Ich werde von jetzt an nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.“

Daran erinnern wir uns als Gemeinde Gottes und feiern ihn und seine Auferstehung. Heute ist er unter uns. Heute spricht er uns unsere Auferstehung zu. Wisst also um die himmlische Festtafel, gebaut aus den Tischen der Macht: Den Völkern zum Frieden, Euch zum Heil. Es ist um Gottes Willen bereits alles vorbereitet. Gebt die Einladung weiter: Furchtlos und mit vertrauensvollen Herzen, denn, so spricht der Herr: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“

Amen.

Und der Friede Gottes, höher als alle Vernunft, bewahre und erhalte eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem HERRN.


Für Ihre Gemeindearbeit: Die offizielle Lesefassung

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Mut vor der Rosenstraße – Als Liebe stärker war als Terror

Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert | Folge 2

Ein Blogartikel der ökumenischen FriedensDekade zum Jahresmotto 2026 „couragiert widerständig“

Im Februar 1943 herrschte in Berlin der totale Krieg. Die Maschinerie des NS-Regimes lief auf Hochtouren, Deportationszüge rollten Tag für Tag in Richtung Osten. Widerstand schien aussichtslos, jede Kritam lebensgefährlich. Doch in der Rosenstraße, einer unscheinbaren Straße im Herzen Berlins, geschah etwas Außergewöhnliches: Etwa 2.000 Frauen versammelten sich vor einem Verwaltungsgebäude, in dem ihre jüdischen Ehemänner festgehalten wurden. Sie kamen wieder und wieder, trotz Drohungen, trotz vorgehaltener Gewehre, trotz der Angst vor Verhaftung und Tod.

Die Fabrik-Aktion: Wenn Menschen zu Nummern werden

Am 27. Februar 1943 begann die sogenannte „Fabrik-Aktion“ – die letzte große Verhaftungswelle von Jüdinnen und Juden in Berlin. Die Gestapo verhaftete über 10.000 Menschen an ihren Arbeitsplätzen, in ihren Wohnungen, auf offener Straße. Etwa 2.000 der Verhafteten waren Männer in sogenannten „Mischehen“ mit nichtjüdischen Frauen. Diese Männer wurden in der Rosenstraße 2-4 interniert, einem ehemaligen Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde.

Die Frauen dieser Männer wussten, was Deportation bedeutete. Sie kannten die Gerüchte aus dem Osten, das Unfassbare, das man sich nicht zu Ende denken wagte. Und so taten sie das Unmögliche: Sie gingen hin. Stellten sich auf die Straße. Und blieben.

Der Friedenskompass der Friedensdekade

Der Protest: Als Präsenz zur Macht wurde

Was genau Charlotte Israel, Elsa Holzer und Grete Moser bewegte, vor das Gebäude zu gehen, wissen wir nicht. War es Verzweiflung? Hoffnung? Die schiere Unmöglichkeit, zu Hause zu bleiben? Sie kamen und sie waren nicht allein.

Aus einzelnen Frauen wurde eine Menge. Aus einem Tag wurde eine Woche. Die Frauen riefen nach ihren Männern: „Gebt uns unsere Männer wieder!“ Immer wieder dieser Ruf durch die eiskalten Februartage.

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20) – diese Verheißung Jesu bekam in der Rosenstraße eine politische Dimension. Die Versammlung der Wenigen wurde zur Macht durch Präsenz, durch das sture Beharren auf dem Menschlichen in einer Zeit, die das Menschliche systematisch auslöschte.

Die Drohung: Mut trotz Todesangst

Die SS rückte an. Maschinengewehre wurden in Stellung gebracht. „Räumen Sie die Straße, oder wir schießen!“

Die Frauen wichen zurück. Einige gingen nach Hause. Aber sie kamen wieder. Am nächsten Tag. Und am übernächsten. Ihre Angst war real, ihre Verwundbarkeit offensichtlich. Aber stärker als die Angst war die Liebe zu ihren Männern, die Treue zueinander, ein letzter Rest Glauben daran, dass Menschlichkeit nicht ganz ausgelöscht werden kann.

In biblischer Sprache: Sie zogen aus wie David gegen Goliath – unbewaffnet gegen eine militarisierte Todesmaschinerie. Aber ihre Waffe war die Gewaltfreiheit selbst, jene paradoxe Macht, die in ihrer Schwäche stark ist (2 Kor 12,10).

Der Erfolg: Wenn das Undenkbare geschieht

Am 6. März 1943, nach einer Woche Protest, geschah das Undenkbare: Die Männer wurden freigelassen. Nicht alle sofort, aber sie kamen frei. Die meisten von ihnen überlebten das Kriegsende.

War es der Protest allein? Historiker streiten darüber. Manche argumentieren, das Regime habe bereits zuvor gezögert. Andere verweisen auf die Angst der Machthaber vor Unruhen in der bombardierten Hauptstadt.

Doch diese Debatte verkennt das Wesentliche: Die Frauen wussten nicht, ob ihr Protest erfolgreich sein würde. Sie kamen trotzdem. Sie handelten im Vertrauen, dass ihr Tun richtig war, ohne Garantie, ohne Sicherheit. Das ist das Wesen prophetischen Handelns: aufstehen, weil es geboten ist, nicht weil der Sieg sicher ist.

Parallelen zu heute: Zivilcourage in Zeiten der Gewalt

2026 leben wir in einer Welt, in der wieder Panzer rollen, in der Autokraten ihre Macht zementieren, in der Waffenexporte steigen und Diplomatie als Schwäche gilt. Die Rosenstraße erzählt eine andere Geschichte von Sicherheit, von der Macht der Zivilgesellschaft, der Kraft gewaltfreien Widerstands, der Bedeutung öffentlicher Präsenz.

Sie erinnert uns: Autoritäre Systeme sind verwundbarer, als sie erscheinen, gerade wenn Menschen ihre Angst überwinden und zusammenstehen.

Couragiert widerständig: Was wir lernen können

Das Jahresmotto der ökumenischen FriedensDekade 2026 „couragiert widerständig“ ist keine romantische Phrase. Die Frauen der Rosenstraße zeigen uns, was diese Haltung bedeutet:

Couragiert: nicht furchtlos, sondern trotz der Furcht handelnd. Mut ist die Entscheidung, das Richtige zu tun, obwohl man Angst hat.

Widerständig: nicht aus Opposition um ihrer selbst willen, sondern aus Treue zur Menschenwürde. Widerstand beginnt dort, wo Unrecht System wird.

Öffentlich: nicht im stillen Kämmerlein, sondern sichtbar, vernehmbar. Öffentlichkeit ist Schutz und Zeugnis zugleich.

Beharrlich: nicht ein Tag Empörung, sondern das geduldige Aushalten, das Wiederkommen, das Nicht-Aufgeben.

Gewaltfrei: weil der Weg die Botschaft ist und das Mittel das Ziel prägt.

Spendenaufruf FriedensDekade 2026

Eine letzter Gedanke

Die Geschichte der Rosenstraße ist keine Erfolgsgarantie. Sie ist kein Beweis dafür, dass Zivilcourage immer siegt. Tausende andere protestierten nicht und ihre Angehörigen wurden ermordet. Millionen gingen in den Tod, weil zu wenige aufstanden, zu viele schwiegen.

Aber die Rosenstraße ist ein Zeichen. Ein Friedenszeugnis. Eine Erinnerung daran, dass Menschen nicht machtlos sind, auch nicht unter Diktaturen. Dass das vermeintlich Unmögliche möglich werden kann. Dass Liebe stärker sein kann als Terror.

Die Frauen der Rosenstraße haben nicht die Welt gerettet. Aber sie haben ihre Männer gerettet. Sie haben gezeigt, dass es Widerstand gab, auch im dunkelsten Deutschland. Sie haben ein Licht angezündet, das bis heute leuchtet.

Das ist das Wesen von Friedenszeugen: Sie verändern vielleicht nicht alles. Aber sie verändern etwas. Sie brechen das Schweigen. Sie durchbrechen die Logik der Gewalt. Sie werden selbst zur Botschaft, ein lebendiges Zeichen dafür, dass eine andere Welt möglich ist.

In der Rosenstraße steht heute eine Gedenkstätte. Ein Ort, der fragt: Was würdest du tun? Wofür würdest du aufstehen? Wen würdest du nicht aufgeben?

Couragiert widerständig das ist keine historische Kategorie. Das ist eine Lebenshaltung. Für heute. Für morgen. Für uns alle.

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