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Schlagwort: FriedensDekade 2026

Rosa Parks – Die Frau, die sitzen blieb

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„People always say that I didn’t give up my seat because I was tired, but that isn’t true. No, the only tired I was, was tired of giving in.“ (Die Menschen sagen immer, ich habe meinen Sitzplatz nicht aufgegeben, weil ich müde war. Aber das stimmt nicht. Das Einzige, wessen ich müde war, war das Nachgeben.)

Rosa Parks (USA, 1913-2005) sprach aus bitterer Erfahrung. Montgomery, Alabama, 1. Dezember 1955. Nach einem langen Arbeitstag setzt sie sich in den Stadtbus. Als ein weißer Fahrgast keinen Platz findet, fordert der Fahrer sie auf aufzustehen. Rosa Parks bleibt sitzen. Sie wird verhaftet.

Was darauf folgt, verändert die Geschichte der Vereinigten Staaten. Aber Rosa Parks war weder erschöpft noch handelte sie spontan. Sie war eine geschulte Aktivistin, die genau wusste, was sie tat. Und sie war bereit, den Preis dafür zu zahlen.

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In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Im Mai zeigte uns Leymah Gbowee, dass Frieden von unten wächst. Im Juni zeigte uns Rigoberta Menchú Tum, dass Würde unteilbar ist. Rosa Parks verbindet beides: Sie zeigt, dass ziviler Ungehorsam keine Schwäche ist, sondern Ausdruck einer tiefen inneren Haltung.

Eine Frau, die schon lange widerstand

Rosa Louise McCauley wurde 1913 in Tuskegee, Alabama, geboren. Die sogenannten Jim-Crow-Gesetze regelten, wo Schwarze sitzen, essen, trinken und zur Schule gehen durften. Widerspruch konnte das Leben kosten.

Rosa Parks kannte diese Realität von Kindheit an. Sie heiratete Raymond Parks, Mitglied der NAACP, organisierte Wählerregistrierungen, dokumentierte Fälle rassistischer Gewalt. 1955 besuchte sie das Highlander Folk School in Tennessee, eine Bildungsstätte für gewaltfreien Widerstand. Was am 1. Dezember 1955 geschah, war kein Zufall. Es war der Moment, in dem eine Frau mit jahrzehntelanger Erfahrung sagte: Jetzt. Hier. Nicht mehr.

 

 

 

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Der Abend, der eine Bewegung auslöste

Rosa Parks wurde verhaftet, angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Noch in derselben Nacht druckte Jo Ann Robinson über 35.000 Flugblätter: Boykottiert die Busse. Fahrt am Montag nicht.

Am 5. Dezember 1955 blieben die Busse fast leer. Der Boykott, der einen Tag dauern sollte, dauerte 381 Tage. Die Gemeinschaft organisierte Fahrgemeinschaften, lief zu Fuß, trug die Einbußen gemeinsam. Am 13. November 1956 erklärte der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in Bussen für verfassungswidrig. Der Preis war hoch: Rosa Parks verlor ihre Arbeit, ihr Mann seine. Sie mussten Montgomery verlassen.

Ziviler Ungehorsam als Glaubenspraxis

Rosa Parks war tief in ihrer Kirchengemeinde verwurzelt. Die Schwarze Kirche in den Südstaaten war nicht nur Ort der Andacht, sondern Rückgrat der Bürgerrechtsbewegung. Für Rosa Parks war Widerstand gegen Ungerechtigkeit kein politisches Kalkül, sondern ein Gebot des Gewissens. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Jeder Mensch trägt unantastbare Würde. Ein Gesetz, das diese Würde verletzt, hat keine moralische Grundlage.

Das Jahresmotto der ökumenischen FriedensDekade 2026 erinnert an die hebräischen Hebammen Schifra und Pua (Exodus 1), die sich dem Tötungsbefehl des Pharaos widersetzten. Rosa Parks steht in genau dieser Tradition: Wenn das Gesetz die Würde von Menschen verletzt, ist Ungehorsam keine Rebellion, sondern Treue zu einer höheren Ordnung.

 

Fragen zur Reflexion:

Rosa Parks handelte nicht spontan, sondern aus jahrzehntelangem Engagement heraus. Welche innere Vorbereitung braucht es, um in einem entscheidenden Moment Haltung zu zeigen?

Der Busboykott funktionierte, weil eine ganze Gemeinschaft mitzog. Wo in Ihrer Umgebung gibt es Ansätze gemeinsamer Widerständigkeit, die Unterstützung brauchen?

Rosa Parks verstand Gleichwürdigkeit als biblisches Gebot. Welche Strukturen in Ihrer Umgebung verletzen die Würde von Menschen, ohne dass es als Unrecht wahrgenommen wird?

 

 

Gebet: Gott der Würde, danke für Menschen wie Rosa Parks, die nicht nachgaben. Gib uns Mut, für die Würde des Nächsten einzustehen, auch wenn es uns etwas kostet. Amen.

 


Couragiert widerständig, wie Rigoberta Menchú Tum.
Für eine Welt, in der die Würde aller Völker geachtet und die Schöpfung bewahrt wird.


Quellen und zum Weiterlesen:

Rigoberta Menchú / Elisabeth Burgos: „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ (1983)
Rigoberta Menchú: „Die Enkel der Maya. Das Überleben der indigenen Kulturen Guatemalas“ (1998)
Fundación Rigoberta Menchú Tum: www.menchutum.org

 

 

Krieg ist keine Konstante

Zivile Konfliktbearbeitung: Das unterschätzte Fundament des Friedens

Wer die ersten beiden Teile dieser Serie gelesen hat, kennt das Dilemma: Sicherheit mit oder gegen andere? Ein Versprechen von 1945, das zunehmend erodiert. Bleibt die Frage: Was ist die Alternative?

Es gibt sie, doch sie wird systematisch kleingehalten.

Zivile Konfliktbearbeitung, also die Umwandlung gewaltsamer Konflikte in verhandelbare Prozesse durch Mediation, Diplomatie und den Aufbau von Dialogstrukturen, ist keine romantische Idee, sondern erprobte Praxis. Martina Fischer, Politikwissenschaftlerin und langjährige Mitarbeiterin der Berghof Stiftung, zeigt das im Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten mit erfrischender Nüchternheit.

Was zivile Arbeit konkret leistet

Die Beispiele sind zahlreich, in der Öffentlichkeit aber oft wenig bekannt. Die Gemeinschaft Sant’Egidio begleitete etwa in Mosambik, Guatemala und dem Südsudan Friedensprozesse, die ohne sie wohl nie zustande gekommen wären. Der Zivile Friedensdienst entsendet heute rund 380 Fachkräfte in 45 Länder. Sie bauen Dialogstrukturen auf, vernetzen Friedensinitiativen und begleiten Betroffene vor Ort. Nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Geduld und dem sprichwörtlich langen Atem der Friedensarbeit.

Wer wissen möchte, wie diese Arbeit konkret aussieht und wie man sie stärken kann, findet im Band eine fundierte Einordnung. (Wir haben noch einige Exemplare in unserem Onlineshop).

Chronisch unterfinanziert und unterschätzt

Und dennoch bleibt diese Arbeit chronisch unterfinanziert. Martina Fischer benennt das Problem klar: Während die globalen Militärausgaben 2024 einen neuen Rekordwert erreichten, wurden die Budgets für zivile Konfliktbearbeitung, Entwicklung und humanitäre Hilfe drastisch gekürzt. Dabei kommt eine aktuelle Studie des Global Public Policy Institute zu dem Schluss, dass Prävention unterm Strich deutlich weniger menschliche und ökonomische Kosten verursacht als das nachträgliche Intervenieren in hocheskalierte Krisen.

Dass dennoch nicht hier investiert wird, ist keine Frage fehlender Beweise. Es ist eine politische Entscheidung. Dieselbe, die wir in den Artikeln 1 und 2 beschrieben haben: Stärke vor Recht, Konfrontation vor Kooperation.

Was die Menschheit kann und was sie vergisst

Jan Gildemeister, Geschäftsführer der AGDF und Mitherausgeber des Bandes, erinnert in seiner aktuellen friedenspolitischen Einordnung daran, dass die Menschheit über Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt hat. Kriegerische Auseinandersetzungen sind keine anthropologische Konstante, sondern eine historische Fehlentwicklung. Die Fähigkeit zur Kooperation und zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung ist also nicht verloren. Sie wird derzeit nur schlicht nicht gefördert.

Genau hier setzt unsere Buch-Serie und der Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ an, den die AGDF vorgelegt hat.

Ein langer Atem, der sich lohnt

Couragiert widerständig zu sein bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu schließen. Es bedeutet, die Möglichkeiten zu sehen, die in ihr stecken. Zivile Konfliktbearbeitung wirkt dort, wo sie konsequent gefördert und finanziert wird. Sie verändert, wie Konflikte ausgetragen werden und wie Frieden entsteht. Das ist keine naive Antwort auf harte geopolitische Fragen, sondern die tägliche Erfahrung derer, die diese Arbeit vor Ort leisten.

Mit diesem Teil schließen wir unsere Buch-Serie ab. Alle Artikel sind auf unserer Website nachzulesen, und das Buch ist weiterhin in unserem Shop erhältlich.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav.

 

Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten – Herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister & Klara Butting

Geben wir stillschweigend auf, was aus den Trümmern von 1945 entstand?

 81 Jahre Kriegsende: Ein Versprechen und seine Erosion

Am 8. Mai 1945 endete in Europa der verheerendste Krieg der Geschichte. Was die Überlebenden daraus machten, war bemerkenswert. Sie setzten nicht auf Stärke. Sie setzten auf Recht. Die UN-Charta, das Völkerrecht, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, all das entstand in diesem Moment. Nicht aus Idealismus. Aus bitterer Erfahrung.

Die Lehre war einfach und radikal zugleich: Recht vor Macht. Kooperation vor Konfrontation. 81 Jahre später steht dieses Versprechen unter Druck.

Erinnern heißt auch: nachfragen

Der Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) nimmt diesen Druck ernst. Er weicht den schwierigen Fragen nicht aus. Was bedeutet Sicherheit heute wirklich? Wer trägt Verantwortung für den Frieden? Und was hat die Generation, die 1945 „Nie wieder“ sagte, uns hinterlassen?

Wer diese Fragen nicht nur im Stillen stellen, sondern durchdenken möchte, findet im Band einen verlässlichen Denkpartner. Das Buch finden Sie aktuell in unserem Webshop.

Eine Ordnung unter Druck

Diese Ordnung ist heute nicht mehr selbstverständlich. Auf der geopolitischen Bühne erleben wir, wie Regierungen und Akteure weltweit die Verhandlungsgrundlage verschieben. Völkerrechtliche Verpflichtungen gelten zunehmend als Hindernis. Konfrontation ersetzt Kooperation. Und wer auf das gemeinsame Regelwerk pocht, wirkt schnell weltfremd.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Umkehrung dessen, was 1945 mühsam errichtet wurde.

Rainer Keil benennt das im Buch „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ ohne Beschönigung. Das Völkerrecht sei eine kostbare Errungenschaft – aber keine stabile. Es funktioniere nur, solange Staaten es gemeinsam tragen. Wo das aufhört, setzt sich die Stärke des Stärkeren durch. Nicht die Stärke des Rechts.

Und was bedeutet das konkret?

Jan Gildemeister zeigt in seinem Beitrag, wie sich diese geopolitische Verschiebung ganz konkret auf Menschen auswirkt. Das geplante Wehrdienstmodernisierungsgesetz senkt die Schwelle für eine Wehrpflicht auch in Friedenszeiten deutlich. Zivile Alternativen kommen in der öffentlichen Debatte kaum vor. Junge Menschen werden nicht gefragt, wie sie Verantwortung übernehmen wollen. Sie haben das Gefühl vor Entscheidungen gestellt zu werden. Auch ein Grund warum heute zum dritten Mal Schülerinnen und Schüler zur Demonstration gegen die Wehrpflicht und für einen gerechten Umgang der Politik mit ihrer Generation auf die Straße gehen.

Das außeracht lassen von zivilen Alternativen ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz einer Sicherheitspolitik, die Stärke vor Recht stellt. Die militärische Antworten bevorzugt, bevor zivile Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Was der 8. Mai nicht vergessen lässt

Am 8. Mai 1945 endete etwas Grausames. Nicht langsam, nicht allmählich – sondern mit einer Plötzlichkeit, die Millionen Menschen atemlos zurückließ. Befreiung und Erschöpfung zugleich. Das Ende eines Albtraums, der Europa in Schutt gelegt hatte.

Was diese Generation daraus machte, hatte eine Klarheit, die nur aus gelebter Erfahrung kommt. Sie wussten, wovon sie redeten. Sie hatten gesehen, wohin Macht ohne Recht führt. Wohin Konfrontation ohne Kooperation führt. Und sie bauten – mühsam, unvollkommen, aber entschlossen – eine Ordnung, die genau das verhindern sollte. Institutionen, Verträge, das Völkerrecht. Nicht als Idealismus. Als Konsequenz.

Diese Ordnung steht heute zur Disposition. Nicht durch einen einzigen dramatischen Bruch, sondern durch viele kleine Verschiebungen. Durch Verträge, die nicht mehr eingehalten werden. Durch Institutionen, die ausgehöhlt werden. Durch eine Debatte, in der zivile Lösungen als naiv gelten und militärische Stärke als einzig realistische Antwort.

Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist die Erinnerung. Die Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht und warum es damals so klar war.

Das Motto der FriedensDekade 2026 couragiert widerständig meint genau das. Nicht Widerstand als Ablehnung. Sondern Haltung. Die tägliche Entscheidung, Recht vor Macht zu stellen. Kooperation vor Konfrontation. Auch wenn das unbequem ist. Gerade dann.

Im nächsten Friedensbrief greifen wir den dritten Bereich aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf: die Kraft der Zivilgesellschaft und was zivile Konfliktbearbeitung weltweit konkret leisten kann.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist jetzt in unserem Shop erhältlich.

Wolkig mit Aussicht auf Musik Dr. F. Spengler

Wolkig mit Aussicht auf Musik“: Die Kantate-Predigt von Friedensbotin Dr. Friederike F. Spengler

Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler hört in ihrer Predigt zum Sonntag Kantate auf das, was Musik mit Frieden zu tun hat und warum Gottes Gegenwart sich manchmal nur erahnen lässt.

Was hat ein fertiggestellter Tempel mit Friedenssehnsucht zu tun? Und warum klingt das Widderhorn, das einst zum Dienst an der Waffe rief, bei Salomo plötzlich als Musikinstrument? Unsere Friedensbotin, Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler, predigt am Sonntag Kantate in der Johanniskirche Gera über 2. Chronik 5 – und entfaltet dabei ein überraschendes Bild: Gotteslob als Zeichen des Friedens, Klang als Ort der Gegenwart Gottes, und eine Wolke, die mal weiß und flauschig, mal schwer und dunkel ist.

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Die Predigt im Wortlaut

Wolkig mit Aussicht auf Musik

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Wolkig

Gott ist mit den Menschen unterwegs. Solange die Bibel denken kann, ist das so. Immer wieder hat es Versuche gegeben, ihn dingfest zu machen: Gott mit Etiketten zu versehen, auf denen draufsteht, wie er ist, wo sie wohnt.

Dabei hatte das Volk Israel Gott ganz anders kennengelernt. Als Gott mit ihnen. Mitziehend. Als einen, der immer dabei war. Den man vorausgehen sah – etwa tagsüber in einer Wolke und nachts in einem Feuerschein. So kannten sie Gott. Und so trugen sie auch ihr Heiligtum mit sich herum. Ein bisschen wie ein mobiles Mobiliar:  In einem großen Kasten trug das Volk die Tafeln, auf die Mose die Zehn Gebote von Gott geschrieben hatte, mit sich. Das war ihr Heiligtum. „Lade“ nannten sie den Kasten. In der gesamten Zeit ihrer jahrzehntelangen Wanderung haben sie die Lade mit sich genommen und waren sich damit Gottes sicher

Und weil das Volk inzwischen sesshaft wurde, braucht auch – so stellten sich die Leute das vor – natürlich auch Gott ein Haus! Im biblischen Buch der Könige wird uns erzählt, wie König David die Lade nach Jerusalem brachte. König Salomo bringt nun das Werk seines Vorgängers zuende, die Lade zu Ruhe.

Der Tempel ist fertiggebaut, ein Prachtbau sondergleichen! Jetzt kann die Lade einziehen und Gott hat einen festen Wohnsitz. Das Volk hofft damit auf ruhige, friedliche Zeiten. Dafür hat im Auftrag Gottes ein König zu sorgen. Das galt und gilt bis heute: Gott will, dass die Herrscher dieser Welt in seinem Namen für Frieden sorgen. Für Beruhigung des Lebens durch Gerechtigkeit Schalom also. Deshalb König Salomo. In seinem Namen steckt das Wort „Shalom“ schon drin. Sei Name ist Programm für: Friede, Ruhe, Heil, Gutes. Ganz schöne hohe Erwartungen an einen König.

Die Erfahrung der Menschen damals wie heute: Könige, Herrscher allgemein, haben ihre ganz eigenen Vorstellungen und scheren sich wenig darum, was Gott Gutes für seine Erde will. Hier geht es vor allem um Machterhalt und Sicherheit: und dazu braucht es Schutz, natürlich durch Armeen. Ohne Abschreckung keine Ruhe vor den Feinden, sagen sie und finanzieren Waffen über alles hinausgehend, was sich ein Land leisten kann. Ohne Vorbereitung auf einen Krieg keinen Frieden, sagen sie und beginnen schon mal mit der Musterung der jungen Menschen ab 18.

Schaut man sich die Zeiten an, hat es in beinah jeder Generation Kriege gegeben. Ich denke, so rechnete auch das Gottesvolk damit, dass ihr Salomo verfahren würde. Damals rief man mithilfe eines Widderhorns an die Waffen. Salomo aber ließ nicht zu den Waffen rufen, sondern zum Gottesdienst! Aus dem Horn des Krieges wird ein Musikinstrument, aus Kampfübungen wird gemeinsames Musizieren. Nicht Kampf, Gewalt und zur Schau gestellte Macht soll das Zeichen von Gottes Volk sein – sondern gemeinsames Gotteslob.

Im Predigttext heißt es: Es war, als wären alle wie eine einzige Stimme – als würden die vielen Trompeter und Sänger denselben, guten, friedfertigen Ton zur Ehre Gottes treffen. Wie „ein Herz und eine Seele“. Alle hatten dieselbe Ausrichtung: Gott zu loben. Und in diesem Moment passiert dann – und seitdem immer wieder – etwas ganz Besonderes: Die Menschen spüren Gottes Gegenwart. Ganz dicht bei ihnen. Neben dir und dir und mir Gott. In unserer Mitte und ganz am Rand. Ganz nah. Die Bibel beschreibt das mit der Wolke, die den Tempel erfüllt.

Gott in einer Wolke daher und füllt den ganzen Raum aus. Alles voll Gott.

Wolkig erscheint Gott.

Als Kind habe ich vieler solcher Bilder gemalt: kuschlig-schöne, weiße Flauschwolken. Ich konnte mich herrlich hineinträumen in Wolkenlandschaften. Alles schön, friedlich und gut. Wer schon mal geflogen ist, der hat es vielleicht erlebt: Wolken über einem und dann stößt die Nase des Fliegers durch die Wolkendecke. Man schwebt dann über den Wolken dahin, blendendes Sonnenlicht von allen Seiten und unter einem ein Teppich wie aus weißer Watte.

Gott als Wolke heißt aber auch: nicht greifbar, gleichzeitig da und sich verflüchtigend, unverfügbar, nicht zu fassen. Wolkig.

Jetzt erinnert ihr euch vielleicht: mitnichten sind Wolken nur weiß und leuchtend. Oder rosarot, weil die Sonne gerade majestätisch im Meer versinkt. Wolken können auch grau und schwer, zerrissen und dunkel, tiefhängend und bedrohlich sein. Stehen also auch für das, was wir von Gott nicht erkennen. Oder nicht mit seiner Liebe zusammenbringen. Schwere Zeiten etwa. Menschen, die alles verlassen und fliehen müssen, Leute, die ihre Liebsten loslassen müssen, Enttäuschungen, Krankheit, Trennung, Schmerz… Da ist nichts mit Schäfchenwolken oder solchen wie aus rosa Zuckerwatte. Da liegen die Wolken schwer auf mir und ich komme nicht hindurch.

Ich kenne solche Zeiten und ihr sicher auch. Und nicht immer fällt mir dabei immer gleich ein, dass Gott doch „im Dunkel wohnen will“. Und, dass er das Dunkel erhellen kann. Aber so hat er es versprochen und ich will mich darauf verlassen!

Ja, Gott ist nicht berechenbar. Nicht einhegbar, nicht domestizierbar. Weder zwischen Aktendeckel noch in schöne Kirchen. Gott ist unverfügbar. Gott lässt sich auch nicht für unsere Ziele einspannen (Gott sei Dank!). Aber finden lässt er sich, wenn du ihn suchst. Finden lässt er sich an allen Orten, auch in dieser Kirche hier. Und manchmal lässt er sich spüren. Wenn das passiert, ist das ein Geschenk. Im Lied, welches wir nach der Predigt singen, wird das so beschrieben: „Du durchdringest alles, lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“ (EG 165,6)

…mit Aussicht auf Musik

Ich spüre Gott besonders in der Musik. Du auch? Etwa, wenn die Orgel einsetzt oder ein Chor so richtig gut singt. Oder wenn die Handglocken perfekt aufeinander abgestimmt sind. Wenn der Posaunenchor den Rhythmus vorgibt und ich kaum stillsitzen kann und alles in mir vibriert, ein Gospelchor oder eine Band die ganze Kirche zum Kochen bringt. Dann fällt alles ab von mir, was mich bedrückt und beschäftigt und ich spüre: Gott will mein Bestes! Sein Shalom hüllt mich ein.

Zur Zeit von König Salomo war das mit der Musik im Tempel ganz anders als heute. Da gab es noch keinen Gemeindegesang, bei dem alle mitsingen. Musik war die Aufgabe von Profis – den Leviten und Priestern. Die hier aufgezählten Profis für Trompeten (die damals eher Fanfaren glichen, denn es gab noch keine Instrumente mit Ventilen und Klappen) und Gesang waren bei aller Vielstimmigkeit einstimmig unterwegs. Auch wieder ein Friedensbild: Dass alle ihre Bedürfnisse zur Sprache bringen können, dass alle die Freiheit ihres Selbst-Seins leben können und dennoch im Ziel, als Gemeinschaft EINS sind. Das muss einen sagenhaften Klang ergeben haben. Bibelwissenschaftler kommen bei Nachzählen von hier Musikbeteiligten auf 288 Leute. Was für eine Klangwolke! Da ist sie ja wieder die Wolke. Gott in der Wolke, also auch in der Klangwolke. Dort, wo um des Gemeinsamen Willen der eine, gute Ton getroffen wird, ist Gott gegenwärtig!

Der Predigttext erzählt, dass Salomo Musik im Gottesdienst sehr wichtig war. Er wusste: Gesungenes Gotteslob kann etwas verändern: Es richtet unseren Blick nach oben. Und gibt dadurch eine neue Perspektive. Also: „Lobe den Herrn, meine Seele“!

Das Wort für „Seele“ (im Hebräischen näfesch) bedeutet eigentlich „Kehle“ – also das, womit wir atmen. Das heißt: Loben kann schon beim Atmen anfangen.

Beim Einatmen: Ich empfange Leben von Gott.

Beim Ausatmen: Ich gebe ihm meinen Dank zurück.

So wird dein Atem zum Gotteslob. Gotteslob muss ja nicht laut sein. Manchmal passiert es ganz leise – einfach dadurch, dass du atmest und dabei dankbar bist.

Und gleichzeitig kann Gott loben wunderbar kräftig und unüberhörbar klingen. Denn seit inzwischen Jahrhunderten singen wir alle. Besonders die Reformatoren hatten es sich auf die Fahnen geschrieben, die ganze Gemeinde durch Lieder an Gotteslob, Klage, dem Ausdruck von Freude und Dank, der Suche in Zeiten der Not u.s.w. zu beteiligen. Kirchenlieder wurden geschrieben und tragen seitdem auch zur Demokratisierung kirchlichen Lebens bei: alle können, keiner muss singen. Und in Zeiten, in denen dir die Stimme versagt, kannst du dich auf die der anderen verlassen, die für dich mitsingen. Singende Gemeinde trägt einander auf der Wolke des Klangs.

Auf Kirchentagen, Bläser – und Chortreffen ist das Gotteslob laut und unüberhörbar. Und das ist gut so. Das braucht unsere Gesellschaft. So wie unsere Glocken in den mehr als 3000 Kirchtürmen unserer Landeskirche. Glocken sind ja Instrumente und haben ganz eindeutige Aufträge: Die Menschen ans Gotteslob zu erinnern etwa, zum Gottesdienst zu versammeln, zum Frieden aufzurufen. Unsere alten und neuen Lieder, die wir an Sonn- und Feiertagen als Gemeinde singen, haben orientierenden Charakter. Und: Menschen, die miteinander singen und musizieren, gehen nicht aufeinander los, schießen nicht aufeinander. Auch das ist eine Erfahrung, die wir bewusst machen, eine Wahrheit, die wir weitersagen sollen.

Liebe Gemeinde, singen und musizieren wir also gemeinsam das Lob Gottes: zur Ehre des Höchsten und uns zum Shalom. Denn „Gott ist gegenwärtig“! Amen

 

Predigtlied: EG 165,1.4-6.8

 


Für Ihre Gemeindearbeit: Die offizielle Lesefassung

Möchten Sie die Botschaft von Dr. Friederike F. Spengler im Gottesdienst verlesen, im Hauskreis diskutieren oder im Gemeindebrief veröffentlichen? Wir haben für Sie eine hochwertig gestaltete PDF-Version als Werkzeug für die Praxis vorbereitet.

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Über die Friedensbotin: Dr. Friederike F. Spengler ist seit 2022 Regionalbischöfin im Bischofssprengel Erfurt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie bringt ihre eigene Geschichte aus der Friedensbewegung in die Arbeit der Ökumenischen FriedensDekade 2026 ein.

Buchcover „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten", herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav.

Sicherheit mit oder Sicherheit gegen? Eine Frage, die alles verändert

Wer in einer Kirchengemeinde oder Friedensgruppe aktiv ist, kennt das Gefühl. Die Fragen werden größer, die Antworten dünner. Aufrüstung, Wehrpflichtdebatte, Krieg in Europa. Und mittendrin Menschen, die sich fragen, was Friedensarbeit heute noch bedeuten kann und wie sie vor Ort konkret aussehen soll.

Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) hat mit dem Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ genau diesen Raum geschaffen. Herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting versammelt es dreizehn Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Kirche und Zivilgesellschaft. Ihr gemeinsames Anliegen: die drängenden Fragen unserer Zeit friedensethisch durchdenken. Für Gemeinden, Friedensgruppen und alle, die Haltung zeigen wollen.

Widerstand als Öffnung – nicht als Mauer

Olaf Warburg, dessen Motiv in diesem Jahr die FriedensDekade prägt, hat es in der aktuellen Folge unseres Gesprächsformates „Frieden im Dialog“ mit Lars Blume klar benannt. Widerstand bedeutet für ihn nicht „Dagegen sein“, sondern „Öffnung zur anderen Seite“. Genau diese Öffnung sucht auch das Buch. Es fragt nicht, ob Frieden möglich ist. Es fragt, wie er gedacht werden muss, damit er es bleibt.

Wer seinem Friedens-Engagement mehr Substanz geben möchte, findet in „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“einen verlässlichen Denkpartner. Derzeit im Sonderangebot in unserem Shop.

Zwei Logiken, eine Entscheidung

Wolfram Stierle arbeitet in seinem Beitrag eine Unterscheidung heraus, die in der aktuellen Debatte kaum jemand so deutlich benennt. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Vorstellungen von Sicherheit. Die eine entsteht durch Kooperation, gemeinsame Strukturen und das mühsame Ringen um Vertrauen. Die andere durch Abschreckung, Aufrüstung und das Prinzip der Stärke. Stierle zeigt: Wer Sicherheit nur als Abwehr denkt, landet unweigerlich in einer Logik, die Wandel verhindert statt ermöglicht.

Beide Logiken sind heute wirksam. Aber nicht gleichgewichtig.

Was die Zahlen sagen

UN-Generalsekretär António Guterres hat es unlängst öffentlich ausgesprochen: Höhere Militärausgaben allein schaffen keinen Frieden. Die Zahlen geben ihm recht. Die globalen Militärausgaben erreichten 2024 einen Rekordwert. Die Ausgaben für Entwicklung und humanitäre Hilfe sanken im gleichen Zeitraum deutlich. Die Investitionen in Abschreckung und Aufrüstung übersteigen die in Kooperation und zivile Lösungen inzwischen um den Faktor zwölf.

Couragiert widerständig – mehr als ein Motto

Das ist der Rahmen, in dem die FriedensDekade 2026 unter dem Motto couragiert widerständig steht. Und es ist der Rahmen, in dem Olafs Bild von den bunten Tauben vor dem Gitterfenster seine eigentliche Tiefe bekommt. Wer heute für gewaltfreie Lösungen eintritt, steht nicht am Rand der Debatte. Er oder sie stellt eine der zentralen politischen Fragen unserer Zeit.

Ein Buch, das weiterdenkt

Was das konkret bedeuten kann, entfaltet das Buch auf seinen weiteren Seiten. Welche Erfahrungen zivile Konfliktbearbeitung weltweit gesammelt hat. Wo sie wirkt. Wo sie an Grenzen stößt. Es liefert keine einfachen Antworten. Aber es gibt der Frage, die Olaf am Ende des Gesprächs stellt, das Fundament, das sie verdient: Braucht unsere Welt wirklich noch mehr Waffen?

In den nächsten zwei Ausgaben des Friedensbriefs greifen wir zwei weitere Bereiche aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf. Im Mai erinnern wir an den 8. Mai und fragen, was „Nie wieder Krieg“ heute bedeutet, wenn junge Menschen wieder über Wehrpflicht diskutieren. Danach blicken wir auf die Kraft der Zivilgesellschaft gestern und heute.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist derzeit zum Sonderpreis in unserem Webshop erhältlich.

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