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Schlagwort: Frieden

Wolkig mit Aussicht auf Musik“: Die Kantate-Predigt von Friedensbotin Dr. Friederike F. Spengler

Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler hört in ihrer Predigt zum Sonntag Kantate auf das, was Musik mit Frieden zu tun hat und warum Gottes Gegenwart sich manchmal nur erahnen lässt.

Was hat ein fertiggestellter Tempel mit Friedenssehnsucht zu tun? Und warum klingt das Widderhorn, das einst zum Dienst an der Waffe rief, bei Salomo plötzlich als Musikinstrument? Unsere Friedensbotin, Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler, predigt am Sonntag Kantate in der Johanniskirche Gera über 2. Chronik 5 – und entfaltet dabei ein überraschendes Bild: Gotteslob als Zeichen des Friedens, Klang als Ort der Gegenwart Gottes, und eine Wolke, die mal weiß und flauschig, mal schwer und dunkel ist.

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Die Predigt im Wortlaut

Wolkig mit Aussicht auf Musik

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Wolkig

Gott ist mit den Menschen unterwegs. Solange die Bibel denken kann, ist das so. Immer wieder hat es Versuche gegeben, ihn dingfest zu machen: Gott mit Etiketten zu versehen, auf denen draufsteht, wie er ist, wo sie wohnt.

Dabei hatte das Volk Israel Gott ganz anders kennengelernt. Als Gott mit ihnen. Mitziehend. Als einen, der immer dabei war. Den man vorausgehen sah – etwa tagsüber in einer Wolke und nachts in einem Feuerschein. So kannten sie Gott. Und so trugen sie auch ihr Heiligtum mit sich herum. Ein bisschen wie ein mobiles Mobiliar:  In einem großen Kasten trug das Volk die Tafeln, auf die Mose die Zehn Gebote von Gott geschrieben hatte, mit sich. Das war ihr Heiligtum. „Lade“ nannten sie den Kasten. In der gesamten Zeit ihrer jahrzehntelangen Wanderung haben sie die Lade mit sich genommen und waren sich damit Gottes sicher

Und weil das Volk inzwischen sesshaft wurde, braucht auch – so stellten sich die Leute das vor – natürlich auch Gott ein Haus! Im biblischen Buch der Könige wird uns erzählt, wie König David die Lade nach Jerusalem brachte. König Salomo bringt nun das Werk seines Vorgängers zuende, die Lade zu Ruhe.

Der Tempel ist fertiggebaut, ein Prachtbau sondergleichen! Jetzt kann die Lade einziehen und Gott hat einen festen Wohnsitz. Das Volk hofft damit auf ruhige, friedliche Zeiten. Dafür hat im Auftrag Gottes ein König zu sorgen. Das galt und gilt bis heute: Gott will, dass die Herrscher dieser Welt in seinem Namen für Frieden sorgen. Für Beruhigung des Lebens durch Gerechtigkeit Schalom also. Deshalb König Salomo. In seinem Namen steckt das Wort „Shalom“ schon drin. Sei Name ist Programm für: Friede, Ruhe, Heil, Gutes. Ganz schöne hohe Erwartungen an einen König.

Die Erfahrung der Menschen damals wie heute: Könige, Herrscher allgemein, haben ihre ganz eigenen Vorstellungen und scheren sich wenig darum, was Gott Gutes für seine Erde will. Hier geht es vor allem um Machterhalt und Sicherheit: und dazu braucht es Schutz, natürlich durch Armeen. Ohne Abschreckung keine Ruhe vor den Feinden, sagen sie und finanzieren Waffen über alles hinausgehend, was sich ein Land leisten kann. Ohne Vorbereitung auf einen Krieg keinen Frieden, sagen sie und beginnen schon mal mit der Musterung der jungen Menschen ab 18.

Schaut man sich die Zeiten an, hat es in beinah jeder Generation Kriege gegeben. Ich denke, so rechnete auch das Gottesvolk damit, dass ihr Salomo verfahren würde. Damals rief man mithilfe eines Widderhorns an die Waffen. Salomo aber ließ nicht zu den Waffen rufen, sondern zum Gottesdienst! Aus dem Horn des Krieges wird ein Musikinstrument, aus Kampfübungen wird gemeinsames Musizieren. Nicht Kampf, Gewalt und zur Schau gestellte Macht soll das Zeichen von Gottes Volk sein – sondern gemeinsames Gotteslob.

Im Predigttext heißt es: Es war, als wären alle wie eine einzige Stimme – als würden die vielen Trompeter und Sänger denselben, guten, friedfertigen Ton zur Ehre Gottes treffen. Wie „ein Herz und eine Seele“. Alle hatten dieselbe Ausrichtung: Gott zu loben. Und in diesem Moment passiert dann – und seitdem immer wieder – etwas ganz Besonderes: Die Menschen spüren Gottes Gegenwart. Ganz dicht bei ihnen. Neben dir und dir und mir Gott. In unserer Mitte und ganz am Rand. Ganz nah. Die Bibel beschreibt das mit der Wolke, die den Tempel erfüllt.

Gott in einer Wolke daher und füllt den ganzen Raum aus. Alles voll Gott.

Wolkig erscheint Gott.

Als Kind habe ich vieler solcher Bilder gemalt: kuschlig-schöne, weiße Flauschwolken. Ich konnte mich herrlich hineinträumen in Wolkenlandschaften. Alles schön, friedlich und gut. Wer schon mal geflogen ist, der hat es vielleicht erlebt: Wolken über einem und dann stößt die Nase des Fliegers durch die Wolkendecke. Man schwebt dann über den Wolken dahin, blendendes Sonnenlicht von allen Seiten und unter einem ein Teppich wie aus weißer Watte.

Gott als Wolke heißt aber auch: nicht greifbar, gleichzeitig da und sich verflüchtigend, unverfügbar, nicht zu fassen. Wolkig.

Jetzt erinnert ihr euch vielleicht: mitnichten sind Wolken nur weiß und leuchtend. Oder rosarot, weil die Sonne gerade majestätisch im Meer versinkt. Wolken können auch grau und schwer, zerrissen und dunkel, tiefhängend und bedrohlich sein. Stehen also auch für das, was wir von Gott nicht erkennen. Oder nicht mit seiner Liebe zusammenbringen. Schwere Zeiten etwa. Menschen, die alles verlassen und fliehen müssen, Leute, die ihre Liebsten loslassen müssen, Enttäuschungen, Krankheit, Trennung, Schmerz… Da ist nichts mit Schäfchenwolken oder solchen wie aus rosa Zuckerwatte. Da liegen die Wolken schwer auf mir und ich komme nicht hindurch.

Ich kenne solche Zeiten und ihr sicher auch. Und nicht immer fällt mir dabei immer gleich ein, dass Gott doch „im Dunkel wohnen will“. Und, dass er das Dunkel erhellen kann. Aber so hat er es versprochen und ich will mich darauf verlassen!

Ja, Gott ist nicht berechenbar. Nicht einhegbar, nicht domestizierbar. Weder zwischen Aktendeckel noch in schöne Kirchen. Gott ist unverfügbar. Gott lässt sich auch nicht für unsere Ziele einspannen (Gott sei Dank!). Aber finden lässt er sich, wenn du ihn suchst. Finden lässt er sich an allen Orten, auch in dieser Kirche hier. Und manchmal lässt er sich spüren. Wenn das passiert, ist das ein Geschenk. Im Lied, welches wir nach der Predigt singen, wird das so beschrieben: „Du durchdringest alles, lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“ (EG 165,6)

…mit Aussicht auf Musik

Ich spüre Gott besonders in der Musik. Du auch? Etwa, wenn die Orgel einsetzt oder ein Chor so richtig gut singt. Oder wenn die Handglocken perfekt aufeinander abgestimmt sind. Wenn der Posaunenchor den Rhythmus vorgibt und ich kaum stillsitzen kann und alles in mir vibriert, ein Gospelchor oder eine Band die ganze Kirche zum Kochen bringt. Dann fällt alles ab von mir, was mich bedrückt und beschäftigt und ich spüre: Gott will mein Bestes! Sein Shalom hüllt mich ein.

Zur Zeit von König Salomo war das mit der Musik im Tempel ganz anders als heute. Da gab es noch keinen Gemeindegesang, bei dem alle mitsingen. Musik war die Aufgabe von Profis – den Leviten und Priestern. Die hier aufgezählten Profis für Trompeten (die damals eher Fanfaren glichen, denn es gab noch keine Instrumente mit Ventilen und Klappen) und Gesang waren bei aller Vielstimmigkeit einstimmig unterwegs. Auch wieder ein Friedensbild: Dass alle ihre Bedürfnisse zur Sprache bringen können, dass alle die Freiheit ihres Selbst-Seins leben können und dennoch im Ziel, als Gemeinschaft EINS sind. Das muss einen sagenhaften Klang ergeben haben. Bibelwissenschaftler kommen bei Nachzählen von hier Musikbeteiligten auf 288 Leute. Was für eine Klangwolke! Da ist sie ja wieder die Wolke. Gott in der Wolke, also auch in der Klangwolke. Dort, wo um des Gemeinsamen Willen der eine, gute Ton getroffen wird, ist Gott gegenwärtig!

Der Predigttext erzählt, dass Salomo Musik im Gottesdienst sehr wichtig war. Er wusste: Gesungenes Gotteslob kann etwas verändern: Es richtet unseren Blick nach oben. Und gibt dadurch eine neue Perspektive. Also: „Lobe den Herrn, meine Seele“!

Das Wort für „Seele“ (im Hebräischen näfesch) bedeutet eigentlich „Kehle“ – also das, womit wir atmen. Das heißt: Loben kann schon beim Atmen anfangen.

Beim Einatmen: Ich empfange Leben von Gott.

Beim Ausatmen: Ich gebe ihm meinen Dank zurück.

So wird dein Atem zum Gotteslob. Gotteslob muss ja nicht laut sein. Manchmal passiert es ganz leise – einfach dadurch, dass du atmest und dabei dankbar bist.

Und gleichzeitig kann Gott loben wunderbar kräftig und unüberhörbar klingen. Denn seit inzwischen Jahrhunderten singen wir alle. Besonders die Reformatoren hatten es sich auf die Fahnen geschrieben, die ganze Gemeinde durch Lieder an Gotteslob, Klage, dem Ausdruck von Freude und Dank, der Suche in Zeiten der Not u.s.w. zu beteiligen. Kirchenlieder wurden geschrieben und tragen seitdem auch zur Demokratisierung kirchlichen Lebens bei: alle können, keiner muss singen. Und in Zeiten, in denen dir die Stimme versagt, kannst du dich auf die der anderen verlassen, die für dich mitsingen. Singende Gemeinde trägt einander auf der Wolke des Klangs.

Auf Kirchentagen, Bläser – und Chortreffen ist das Gotteslob laut und unüberhörbar. Und das ist gut so. Das braucht unsere Gesellschaft. So wie unsere Glocken in den mehr als 3000 Kirchtürmen unserer Landeskirche. Glocken sind ja Instrumente und haben ganz eindeutige Aufträge: Die Menschen ans Gotteslob zu erinnern etwa, zum Gottesdienst zu versammeln, zum Frieden aufzurufen. Unsere alten und neuen Lieder, die wir an Sonn- und Feiertagen als Gemeinde singen, haben orientierenden Charakter. Und: Menschen, die miteinander singen und musizieren, gehen nicht aufeinander los, schießen nicht aufeinander. Auch das ist eine Erfahrung, die wir bewusst machen, eine Wahrheit, die wir weitersagen sollen.

Liebe Gemeinde, singen und musizieren wir also gemeinsam das Lob Gottes: zur Ehre des Höchsten und uns zum Shalom. Denn „Gott ist gegenwärtig“! Amen

 

Predigtlied: EG 165,1.4-6.8

 


Für Ihre Gemeindearbeit: Die offizielle Lesefassung

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Über die Friedensbotin: Dr. Friederike F. Spengler ist seit 2022 Regionalbischöfin im Bischofssprengel Erfurt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie bringt ihre eigene Geschichte aus der Friedensbewegung in die Arbeit der Ökumenischen FriedensDekade 2026 ein.

Frieden im Dialog: Olaf Warburg über bunte Tauben vor Gefängnissgittern. Das Motiv, das der FriedensDekade 2026

Frieden im Dialog – mit Olaf Warburg

„Couragierte Widerständigkeit“ und die Kunst des Brückenbauens

In unserer Serie „Frieden im Dialog“ stellen wir die Menschen und Ideen hinter der ökumenischen FriedensDekade vor, die seit Jahrzehnten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung eintritt. In regelmäßigen Gesprächen teilen Akteure aus dem Gesprächsforum, dem Redaktionskreis und weiteren Netzwerken ihre Erfahrungen, Visionen und Impulse. Dieses Mal treffen sich Lars Blume und Olaf Warburg, Grafiker und Gewinner des Motivwettbewerbs für die FriedensDekade 2026.

Das Gewinnermotiv ziert bereits alle Materialien und Produkte und lädt ab sofort deutschlandweit auf Plakaten zur FriedensDekade und zu vielfältigen Aktivitäten ein. Hier geht es direkt zu den Motiven.

Ein Gespräch über die Kraft der Symbole, den Mut zum gewaltfreien Widerstand und die Frage, wie Kunst in Zeiten der Aufrüstung neue Freiräume schaffen kann.


Lars: Herzlich willkommen bei „Frieden im Dialog“. Heute blicken wir bereits auf den November 2026. Vor mir liegt dein Motiv für die FriedensDekade 2026 unter dem Motto couragiert widerständig, das dann an tausenden Kirchenwänden und Plakatwänden hängen wird: Zwei bunte Tauben, die ein Gitterfenster überwinden. Gestaltet hat es Olaf Warburg. Olaf, schön dass du dabei bist.

Olaf: Danke für die Einladung!

Lars: Ich fange gerne persönlich an. Was macht dich als Mensch aus, wenn du nicht gerade am Zeichentisch sitzt?

Olaf: Es sind die kleinen Momente, Begegnungen und Situationen, die mir Hoffnung und Mut geben. Momente der Empathie, der Toleranz, des Verständnisses. Viel Kraft schöpfe ich aus meiner Familie.

Lars: Das kann ich gut nachempfinden. Gerade als Vater merkt man ja oft, dass Familie nicht nur eine Kraftquelle ist, sondern das stärkste Friedensargument überhaupt, weil dort Söhne, Töchter und Väter sind, die niemand im Krieg verlieren will. Du hast dich entschieden, dieses Herzblut in ein Motiv für die FriedensDekade zu stecken. Was hat dich dazu bewogen?

Olaf: Wenn ich die Nachrichten schaue, frage ich mich oft: Wie konnte es wieder so weit kommen? Warum ist es inzwischen offenbar „unethisch“, Gewalt abzulehnen? Dagegen anzureden, erfordert in heutigen Zeiten mehr Mut denn je. Als Grafiker ist das eine naheliegende Form, sich damit auseinanderzusetzen.

Lars: Das Wort „unethisch“ in diesem Kontext ist ein deutlicher Befund, aber ich verstehe genau, was du meinst: Die pazifistische Stimme wirkt heute oft fast rechtfertigungspflichtig. Was bedeutet Frieden vor diesem Hintergrund für dich ganz persönlich?

Olaf: Zuhören. Verstehen wollen. Kompromissfähigkeit. Miteinander.

Lars: Vier Begriffe, die eigentlich schon den Kern des neuen Mottos treffen. „Couragiert widerständig“ klingt für 2026 ja erstmal sehr offensiv. Wie hast du auf dieses Motto reagiert?

Olaf: Ich empfinde Widerstand eher nicht als „Dagegen sein“, sondern als „Öffnung zur anderen Seite“. Es bringt gar nichts, Andersdenkende aufgrund ihrer Ansichten zu verurteilen oder gar zu ignorieren. Lasst uns weiter miteinander im Gespräch bleiben. Das allein erfordert Mut genug. Meist stellt sich heraus, dass (fast) niemand Gewalt befürwortet.

Lars: Das ist ein wunderbarer Akzent: Widerstand nicht als Mauer, sondern als Öffnung. Das ist genau das Brückenbauen, das wir im Dialog brauchen. In unserer letzten Folge Frieden im Dialog mit Miriam Kähne und ihrem Projekt justice.peace.imagination ging es viel darum, dass Kunst ausdrücken kann, was Worte oft nicht erreichen. Wie ist bei dir aus diesem Gedanken das Bild entstanden?

Olaf: Zurzeit ist Street Art eine sehr beachtete Kunstform, vor allem aufgrund der Popularität ihres bekanntesten Vertreters Banksy – für dessen Arbeit ich persönlich schon seit langer Zeit sehr empfänglich bin. Obwohl mein Motiv nicht im urbanen Umfeld, sondern auf Papier und am Computer entstand, soll es genauso zum Denken anregen. Insgesamt habe ich drei gänzlich unterschiedliche Entwürfe eingereicht. Zwei davon möchte ich hier nicht näher erläutern. 🙂

Lars: (lacht) Die bleiben dann wohl dein künstlerisches Geheimnis. Aber bleiben wir beim Gewinner-Motiv. Warum ist ein Fenster mit Gittern für dich das passende Bild für das Jahr 2026?

Olaf: Natürlich ist ein Gefängnis zunächst kein Symbol für Frieden. Wenn man aber weiß, wie viele Menschen allein aufgrund ihres Einsatzes für ein gewaltfreies Leben eingesperrt sind, gibt das schon zu denken. Das Gitterfenster macht aber nur einen kleinen Teil am Rand des Motivs aus. Im Zentrum stehen zwei Tauben, die sich über diese Unfreiheit erheben.

Lars: Ein Mitglied der Jury hat in deiner Grafik ein „Durchbrechen“ der Gitterstäbe gesehen. Fliegen die Tauben für dich eher hindurch oder zerstören sie das Hindernis aktiv?

Olaf: Da die Gitterstäbe leider noch intakt sind, stehen sie wohl eher für ein gedankliches, geistiges Durchbrechen, das hoffentlich jeder und jedem erhalten bleibt, der oder die für ihre Courage unter Druck gerät. „Die Gedanken sind frei.“ Auf dass sie sich erheben und möglichst viele Menschen erreichen.

Lars: Ein starkes Bild für die innere Freiheit. Du hast dich dabei gegen die klassische weiße Taube entschieden. Ein Wunsch aus der Community war auch, mehr über die Farbwahl der Tauben zu erfahren. Warum diese bunte Variante?

Olaf: Tatsächlich gab es einen Vorentwurf mit einfarbig schwarzen Tauben. Ich fand aber, dass sie so nicht genügend Gegenkontrast zum tristen Umfeld hatten. Ich wollte ihnen Kraft und Mut mitgeben, was mit satten Farben eindeutig besser funktioniert. Das Blau und Rot habe ich dann dem Auftritt der Ökumenischen FriedensDekade – insbesondere dem Signet „Schwerter zu Pflugscharen“ entnommen.

Lars: Du hast das Logo also direkt in die Illustration integriert.

Olaf: Die Farben werden von den Tauben zitiert. Wenn man so möchte, übernehmen die Gitterstäbe die Rolle eines Schwertes, welches es neu zu schmieden gilt.

Lars: „Neu schmieden“ das passt auch gut zu deiner Heimat Dortmund, einer Stadt mit industrieller Geschichte. Spielt diese Herkunft eine Rolle dabei, wie du Zusammenhalt und Widerstand wahrnimmst?

Olaf: Leider nehme ich auch in meiner Heimat den wachsenden Zuspruch zu mehr militärischer Präsenz wahr. Gleichzeitig gibt es auch nicht wenige Stimmen, die sich nach einer Führungspersönlichkeit und längst überwunden geglaubte Vorstellungen von vornehmlich patriarchalischer und rassistischer Vorherrschaft sehnen. Offenbar geraten Konsens- und Kompromissfähigkeit immer mehr ins Hintertreffen. Umfragen zeigen, dass der „starke Mann“ wieder gefragt ist – mit all seinen Klischees, Vorurteilen und Machtansprüchen. So entstehen neue Gefängnisse – nicht nur gedanklich.

Lars: Das ist eine Beobachtung, die viele von uns teilen: In der Überforderung durch Krisen suchen Menschen einfache Antworten und starke Figuren. Dein Motiv setzt dem etwas entgegen. Was sollen die Menschen im November 2026 fühlen, wenn sie im Alltag an deinem Plakat vorbeigehen?

Olaf: Ich hoffe, dass sie trotz des tristessen Hintergrunds – einer grauen Betonmauer mit einem dunklen Gitterfenster, und das auch noch in einer nicht minder farblosen Jahreszeit – dennoch spüren, dass es um Mut, Kraft, Aufbegehren und Beharrlichkeit geht. Es darf und muss erlaubt sein, gegen Kriegstüchtigkeit und für Menschenrechte einzustehen! Und das in einer Zeit, in der Aufrüstung ein gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint.

Lars: Ein Plakat als Erlaubnis, bei der eigenen gewaltfreien Haltung zu bleiben – das ist ein schöner Gedanke. Zum Abschluss: Welchen Impuls gibst du uns mit auf den Weg?

Olaf: Bleib bei dir. Bleib bei deinen Werten. Auch wenn du das Gefühl hast, dass alle um dich herum anders denken: Steh zu deiner Haltung! Lass dich nicht gedanklich einsperren. Befreie dich von vermeintlich Allgemeingültigem. Braucht unsere Welt wirklich noch mehr Waffen?

Lars: Eine Frage, die wir mit in die FriedensDekade 2026 nehmen. Olaf, vielen Dank für dieses Gespräch und für deine Arbeit. Wer mehr über das Motiv und die Produkte erfahren möchte, findet alle Infos auf friedensdekade.de. Bis zur nächsten Folge, bleiben Sie im Dialog.


Ein kleiner Hinweis für alle, die das neue Design in ihre Friedensarbeit tragen wollen: Das Motiv von Olaf ist bereits auf Postkarten, Postern und den ersten Aktionsmaterialien in unserem Shop erhältlich. Ab dem 11.05. gibt es dort auch das Leporello und in Kürze unsere beliebten Friedens-Streichhölzer.

 

Schauen Sie vorbei und bleiben Sie couragiert widerständig!

Frieden im Dialog: Miriam Kähne über Vorstellungskraft als Friedenskraft und die Reise von 300 Sketchbooks durch Mitteldeutschland Kunst, Imagination und der Mut zur Veränderung

In unserer Serie „Frieden im Dialog“ stellen wir die Menschen und Ideen hinter der ökumenischen FriedensDekade vor, die seit Jahrzehnten für Frieden, Gerechtigkeit und die

Bewahrung der Schöpfung eintritt. In regelmäßigen Gesprächen teilen Akteure aus dem Gesprächsforum, dem Redaktionskreis und weiteren Netzwerken ihre Erfahrungen, Visionen und Impulse. Dieses Mal treffen sich Lars Blume und Miriam Kähne, Bildungsreferentin für Frieden und Gerechtigkeit und Initiatorin des weltweiten Kunstprojekts justice.peace.imagination. Ein Gespräch über die Kraft der Vorstellungskraft, handgemachte Sketchbooks aus aller Welt und die Frage, ob Kreativität ein Akt des Widerstands gegen Resignation sein kann – geprägt von Neugier, Tiefe und dem Glauben daran, dass das Morgen noch gestaltbar ist.

Lars: Herzlich willkommen bei „Frieden im Dialog“, einer Serie der Ökumenischen FriedensDekade. Heute spreche ich mit Miriam Kähne. Miriam ist Bildungsreferentin für Frieden und Gerechtigkeit und hat ein weltweites Kunstprojekt ins Leben gerufen: justice.peace.imagination, mit handgemachten Sketchbooks aus aller Welt. Miriam, schön, dass du da bist.

Miriam: Ich freue mich sehr!

Lars: Bevor wir ins Projekt einsteigen, wer bist du, wenn du gerade mal nicht als Bildungsreferentin Projekte jonglierst? Was lässt dich persönlich hoffnungsvoll bleiben?

Miriam: Ich bin Bildungsreferentin für die Themen Frieden und Gerechtigkeit und arbeite auf dem Gebiet der beiden Ev. Landeskirchen von Mitteldeutschland & Sachsen. Was mich – privat wie beruflich – immer wieder hoffnungsvoll stimmt ist, dass alle Systeme, die von Menschen gemacht sind, auch von Menschen anders gemacht werden können. Ab jetzt. Und erst recht ab morgen. Wir müssen uns nur darauf verständigen, welches Morgen wir gestalten möchten.

Lars: „Ab jetzt. Und erst recht ab morgen.“ Das ist ein Satz, den ich mir merke. Und er führt direkt zum Kern deines Projekts. Der Titel sagt ja schon viel: justice, Gerechtigkeit. peace, Frieden. Und dann: imagination, Vorstellungskraft. Warum braucht es ausgerechnet die, um Frieden und Gerechtigkeit greifbar zu machen?

Miriam: bell hooks – die Schreibweise mit kleinen Buchstaben war ihr selbst wichtig, um sich von ihrer Großmutter zu unterscheiden – sagte: „What we cannot imagine cannot come into being“. Wir brauchen also Bilder und Ideen davon, wie die Welt anders als jetzt aussehen könnte, wo es hingehen soll und wie wir so Frieden und Gerechtigkeit gemeinsam umzusetzen können. Ich beobachte, dass unsere Diskurse über Frieden und Gerechtigkeit oft nur kognitiv und in Begriffen geführt werden und selten mal jemand fragt „was meinst du denn damit“? Aber jede:r von uns verbindet mit den Begriffen doch Gefühle, Bilder, Ohnmachtserfahrungen, Wünsche und vieles mehr! Gerechtigkeit und Frieden (und noch stärker Ungerechtigkeit und Un-Frieden) berühren uns! Lasst uns doch mal schauen, wo wir hinkommen, wenn wir das miteinander teilen und sehen, was dann alles möglich wird!

Lars: Mein eigenes Bild dazu ist ein sehr konkretes. Wenn wir Krieg auf die eigene Familie herunterbrechen, wer von uns möchte wirklich seinen Sohn, seine Tochter, seine Schwester, seinen Vater unter lebensgefährlichen Umständen wissen? Wenn wir das ehrlich beantwortet haben, wissen wir eigentlich schon, wo wir stehen. Und genau deshalb brauchen wir dieses Bild, bevor wir den Weg gehen können.

Miriam: Das ist ein sehr direktes und ehrliches Bild. Und ich frage mich: Glaubst du, dass dieses Bild die Menschen wirklich erreicht, auch diejenigen, die Krieg vielleicht eher als abstrakte Notwendigkeit betrachten?

Lars: Das ist eine wichtige Frage. Ich glaube, es braucht genau diese Konkretion. Abstraktion schützt uns vor dem Fühlen. Wenn wir aber ein Gesicht, einen Namen, eine Familie dazudenken, dann wird es schwer, wegzuschauen. Kommen wir zur Form, in der du das alles umsetzt. In einer Zeit, in der fast alles digital läuft, schickst du analoge Notizbücher um die Welt. Was macht den Reiz dieser kleinen Bücher aus?

Miriam: Ehrlich gesagt war ich mir gar nicht ganz bewusst, dass Sketchbook-Art „so ein Ding“ ist in der Künstler:innen-Community weltweit. Ich hatte von einem Projekt gehört (The Sketchbook Project), das ich bei einer USA-Reise in Brooklyn besuchen wollte. Die schickten seit Jahren tausende leere Sketchbooks in die Welt. Leider war das Haus kurz vor meinem Besuch abgebrannt und ich konnte das „Original“ nicht kennenlernen. Aber ich fand die Idee klasse! Und ich glaube, sie eignet sich aus mehreren Gründen perfekt für „Justice.Peace.Imagination“: 1. Es entsteht ein Raum, in dem Menschen ernsthaft nach ihren Erfahrungen und Ideen gefragt werden. Und ich habe von sehr vielen die Rückmeldung erhalten, dass sie dadurch eine große Selbstwirksamkeit anstatt Ohnmacht erfahren haben. 2. Die Seiten sind weiß. Jede:r füllt sie mit dem ganz Eigenen. Mit den eigenen Ideen, eigenen Erfahrungen, eigener künstlerischer Handschrift, ohne Vorgabe, mit dem, was ganz tief aus dem Innersten kommt. 3. Menschen, die sich künstlerisch ausdrücken, sind geübt darin, ihre Vorstellungskraft ernst zu nehmen und können andere dadurch inspirieren.

Lars: Diese weißen Seiten sind fast schon ein Symbol. Das kenne ich auch aus dem gemeinsamen Singen. Ich bin musikalisch unterwegs und wenn Menschen zusammen singen, passiert etwas, das ich mit Worten kaum beschreiben kann: Die Stimmen werden eins. Du wächst mit den anderen zusammen. Das ist kein Konzept, das ist eine Erfahrung. Und ich glaube, diese Sketchbooks funktionieren genauso. Parallel zu dieser sehr physischen Welt gibt es das Projekt auch online. Wie ergänzen sich diese beiden Welten für dich?

Miriam: Das wird sich zeigen. 😉 Vor allem wollte ich den internationalen Künstler:innen die Möglichkeit geben, selbst die Ausstellung zu entdecken, sich in einer internationalen Plattform zu zeigen und wie alle anderen Künstler:innen auch, die das möchten, während der Ausstellung über ihre Kunst und ihren Prozess zu sprechen. Inzwischen ist über Insta außerdem eine community unter den Künstler:innen entstanden, sodass wir monatliche globale Kunsttreffs („90 art minutes“) entwickeln, in dem eine Person eine Gestaltungs-Art beibringt. Alle gestalten bei sich vor Ort und vorher wird kommuniziert, welche Materialien benötigt werden. Alle Infos dazu wird es auf dem Insta-Kanal geben. Es gibt eine Vielzahl von kurzfristigen Nutzmöglichkeiten des online-Raums, auch Gruppen können ihn nutzen, um die Sketchbooks zu entdecken und ich denke, dass sich da zwischen März und November noch einiges Kreatives entwickeln wird! Aber wie siehst du das eigentlich? Du bist ja für die Online-Redaktion bei der FriedensDekade zuständig. Wie erlebt man diesen Spagat von innen?

Lars: Das ist eine sehr lebendige Spannung. Ich bin für die Online-Redaktion bei der FriedensDekade zuständig und trotzdem bin ich ein großer Fan analoger Produkte. Wir haben das ja schon zusammen erlebt: Mit der digitalen Vorausstellung zu justice.peace.imagination im Rahmen der FriedensDekade 2025 haben wir gemeinsam erste Erfahrungen gesammelt, wie sich so ein Format online anfühlt und was es leisten kann. Und dieses Jahr machen wir den nächsten Schritt mit erstmals digitalen Versionen des Friedenskompasses 2026. Es ist nicht immer einfach, aber ich glaube: Es braucht beides. Der Mittelweg ist es. Digital öffnet Türen und analog schafft Tiefe.

Lars: Du hattest ja zwei Fragen zusammen beantwortet, die ich trotzdem beide kurz einleiten möchte. Zum einen: Warum war es dir wichtig, dass Menschen nicht nur schauen, sondern selbst aktiv werden? Und zum anderen: Kann ein Sketchbook manchmal mehr vermitteln als ein klassischer pädagogischer Vortrag über Frieden?

Miriam: Je nachdem, was das Ziel ist, muss der Weg dorthin natürlich passen. Und ich empfinde schon, dass es Kontexte gibt, wo zu Frieden und Gerechtigkeit nicht noch mehr Worte gesprochen werden müssen, sondern alles gesagt ist. Und vor allem bestimmte Leute bereits genug Raum in diesem Diskurs eingenommen haben und wir anderen Menschen mehr Gehör schenken sollten. Das war auch eine Frage, die mich geleitet hat während der Einladung von Künstler:innen: Welche Stimmen sind denn interessant zu fragen und werden im momentanen Diskurs nicht laut genug gehört? Ich bin eine große Freundin von ganzheitlicher Bildung und wünsche mir außerdem, dass die Bildungsarbeit Menschen zum Aktivwerden motiviert, zum eigenen Mitgestalten unserer Welt. Und dazu eignet sich die Kunst auf jeden Fall! Denn ein Bild spricht andere Dimensionen des Menschseins an als ein Vortrag.

Diese Dynamik möchten wir auch mit den begleitenden Bildungsangeboten aufgreifen. Alle zu völlig unterschiedlichen Themen rund um Justice.Peace.Imagination, aber alle gleich darin, dass sie keine PowerPoint-Präsentation verwenden dürfen. Es sind aktivierende Formate geplant, die Menschen ins Gespräch, ins Kreativwerden und/oder ins Imaginieren bringen.

Lars: Kein PowerPoint, das gefällt mir sehr! Gerade beim Thema Krieg und Frieden nutzen wir so viele Worte. Manchmal zu viele. Kunst ist ein anderer Kanal, kein besserer, aber ein notwendiger. Ich freue mich, sagen zu können, dass ich selbst bei einigen Bildungsveranstaltungen im Rahmen der Ausstellungsreise dabei sein werde. Ohne Folien, dafür mit echtem Dialog. Genau das, wofür dieses Format steht. Ich freue mich sehr darauf, mit Menschen vor Ort zu diesen Themen ins Gespräch zu kommen. Das Motto der FriedensDekade 2026 lautet „couragiert widerständig“. Inwiefern ist das Wiederentdecken der eigenen Fantasie für dich ein Akt des Widerstands?

Miriam: Erstmal merke ich schon, dass es Mut erfordert, sich heute hinzustellen und dafür zu einzustehen, dass die Vorstellungskraft eine wirkliche Kraft ist, die der Katalysator für echte Veränderung sein kann. Wir leben in einer Zeit, in der die vielen Krisen eng miteinander verzahnt sind, hohe Komplexität aufweisen und ehrlicherweise von uns verlangen, dass wir uns radikal alles anders vorstellen. Dass wir Wege finden, die bisher nicht gegangen wurden, weil die Herausforderungen noch nie derartig waren. Unser kollektives Vorstellungsvermögen ist in dieser Zeit massiv gefragt und wir bräuchten viel mehr Mutige, die in den Widerstand gegen „weiter so“ gehen.

Lars: Für mich bedeutet „couragiert widerständig“ auch Widerstand gegen die Spaltung unserer Gesellschaft. Im Brückenbauen, im Verbinden hinter dem, was uns verbindet. Wir sind alle Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Ideen. Aber die meisten von uns wollen doch eine Welt, in der es unseren Familien gut geht. Das ist mehr, als uns manchmal bewusst ist. Und das ist ein Anfang. Du hast jetzt so viele dieser Bücher in den Händen gehabt. Gibt es eine Geschichte, eine Seite, die dich besonders berührt hat?

Miriam: Ja, sehr viele. Es war nicht selten, dass ich beim Anschauen eines Hefts weinen musste über die Tiefe und die Ehrlichkeit der Bilder, die mir begegnet sind. Mich berühren die Worte der dementen Frau, deren Wortschnipsel echte Weisheit sind und von einer künstlerischen Wegbegleiterin zusammengefügt wurden. Das Heft eines Strafgefangenen, der in seinem ganz eigenen Stil und seinen Worten Frieden beschreibt. Das Sketchbook eines Mannes, der das letzte Gespräch mit seinem Vater kurz vor seinem Tod dokumentiert hat und mit Kerzenwachs und Haaren gestaltet hat. Es sind einzelne Hefte von Menschen mit Erkrankungen dabei, die es geschafft haben, die Ungerechtigkeitserfahrungen in Gerechtigkeits-Bilder zu verwandeln und eine Welt zu zeichnen, in der wir alle gerne leben.

Einige Hefte von Frauen zeigen ganz konkrete Situationen und thematisieren politische Veränderungen, die umsetzbar wären. Und wenn ich anfange zu berichten, fallen mir so viele weitere ein, die alle erwähnt werden sollten. Am besten ist es, sie sich selbst mit viel Zeit anzuschauen! Die vielen so unterschiedlichen Darstellungen von unserer Welt wie sie möglich ist und schon in den Köpfen existiert fesselt mich immer von Neuem.

Lars: Ich merke, wie ich beim Zuhören ganz still werde. Kerzenwachs und Haare. Das letzte Gespräch mit dem Vater. Das ist kein Kunstprojekt mehr, das ist Menschsein in seiner reinsten Form. Ich freue mich sehr darauf, diese Bücher selbst in die Hand zu nehmen. Ich hatte dich auch gefragt: Wenn du selbst eine Seite gestalten müsstest, die Frieden zeigt, welche Farben, welche Motive würden wir dort finden?

Miriam: Das finde ich eine wirklich coole Frage über die ich auch viel nachgedacht habe, aber ich glaube, die will ich nicht beantworten.

Lars: Das respektiere ich vollständig. Und ich finde, das ist selbst schon eine Aussage. Manche Bilder gehören uns allein. Weil wir aber im Dialog sind, wage ich es für mich: Mein Friedensbild wäre kein großes Motiv. Es wäre ein Abendessen. Ein Tisch. Menschen, die ich liebe. Lachen. Sicherheit. Kein Warten auf schlechte Nachrichten. Vielleicht ist das der einfachste und ehrlichste Frieden, den ich kenne. Jetzt steht die Vernissage in Magdeburg bevor, am 26. März geht es los. Was ist das für ein Gefühl?

Miriam: Mich bewegt es sehr, dass sich so viele Menschen aus der ganzen Welt von der Projektidee anstecken ließen! Und ich freue mich, das am 26.3. zu feiern. Und wenn ich nun in der Planung höre, dass Menschen aus ganz Deutschland den Weg nach Magdeburg machen und genauso wie wir auf den Beginn der Ausstellung hinfiebern, fühlt es sich an als ob da eine Gemeinschaft von Menschen entstanden ist, die wie ich hoffen, dass „da noch was geht“ in unserer Gesellschaft und weltweit.

Dass die Ohnmachtsgefühle, die wir durch die multiplen Krisen erleben, nicht das letzte Wort sind und dass Kreativität ein Ventil sein kann, dass uns anstößt, auch andere Wege auszuprobieren. Darauf bin ich sehr neugierig. Und auch darauf, wie Menschen, die die vielen Sketchbooks noch nicht in der Hand hatten, darauf reagieren, wie sie mit den Bildern in Interaktion gehen, welche Reaktionen sie darauf zeigen, welche Hefte eher herausgezogen werden, usw.

Ich freue mich darauf, dass die Sketchbooks nun dahin kommen, wofür sie gestaltet wurden.

Lars: Und genau dafür steht die FriedensDekade. Diese Gemeinschaft, die du beschreibst, die gibt es. Wir sind nicht allein damit. Im November endet die Tour in der Dresdner Frauenkirche, genau zur FriedensDekade. Was bedeutet dir dieser Ort als Abschluss?

Miriam: Ich freue mich sehr auf den Projekt-Abschluss während der Friedensdekade in Dresden. Und wie für alle anderen Ausstellungsorte sind wir auch hier schon in der Planung, um dem ganz speziellen Ort gerecht zu werden und den Ausstellungsrahmen an den Ort anzupassen, damit die Sketchbooks den Menschen begegnen können.

Ich habe familiär eine enge Beziehung zu Dresden und bin jedes Mal persönlich berührt, in der wieder aufgebauten Frauenkirche sein zu können. Für mich persönlich ist sie ein Symbol des Friedens. Und ich finde, dass unsere Ausstellung dort ganz hervorragend hin passt, sehe das aber auch im Kontext der vielen andere Orte (kleine Kirchengemeinden auf dem Land, die etwas Kreatives gegen die Rechten in ihrem Ort machen wollen, Jugendkirchen in Kooperation mit Kunstschulen, Ortsvereine, Think Tank-Orte uvm.), die den Weg der Ausstellung zeichnen und alle ihre ganz besonderen Elemente dort hinein bringen.

Lars: Letzte Frage, Miriam. Wenn die letzte Besucherin die Ausstellung in Dresden verlässt, was sollte sie im Idealfall im Kopf oder im Herzen mit nach Hause nehmen?

Miriam: Ich wünsche mir, dass Menschen, die die Ausstellung (und auch die Veranstaltungen, die damit zusammen gehören) besucht haben, motiviert sind, unsere Welt zu einem friedlicheren und gerechteren Ort zu gestalten. Dass sie Bilder gefunden haben von einer Welt, in der sie und wir alle gerne leben möchten. Dass sie begreifen (und zwar nicht nur kognitiv, sondern das auch fühlen und erlebt haben), dass die jetzigen multiplen Krisen nicht das letzte Wort sind, sondern wir zahlreiche Optionen haben, wie es morgen weitergehen kann.

Toll wäre es, wenn sie ihre Idee mit anderen teilen konnten und sich bei sich vor Ort in einer Gemeinschaft von anderen Motivierten wiederfinden.

Lars: Miriam, vielen Dank. Für dieses Gespräch, für das Projekt und für deinen Mut, die Vorstellungskraft ernst zu nehmen. Wer die Ausstellung besuchen oder an den Bildungsveranstaltungen teilnehmen möchte, findet alle Infos in den Shownotes. Die Ausstellung startet am 26. März in Magdeburg und wandert bis November durch Mitteldeutschland bis zur Frauenkirche in Dresden. Bis zur nächsten Folge, bleibt im Dialog.

 

Termine der Ausstellung (Auswahl)

  1. März, Magdeburg-Buckau (Volksbad, Karl-Schmidt-Str. 56): Vernissage justice.peace.imagination. Ab 14 Uhr Sketchbooks ansehen, 16:30 Uhr Eröffnung mit persönlichen Geschichten und Musik von Michael Nickel. Anmeldung erbeten. → friedensdekade.de

2.–8. April, Naumburg (Peter und Paul Kirche, Salzstr. 26): Ausstellung justice.peace.imagination.

21.–26. April, Erfurt (Landeskirchenamt, Michaelisstr. 39): Ausstellung justice.peace.imagination.

27.–30. April, Erfurt (Offene Arbeit, Allerheiligenstraße 9): Ausstellung justice.peace.imagination.

8.–18. November, Dresden (Frauenkirche): Ausstellung justice.peace.imagination – zur FriedensDekade 2026. Ein besonderer Ort für ein besonderes Projekt.

Für alle Termine und Orte schauen Sie gerne auf der Projektseite zu justice.peaece.imagination vorbei.

Ausstellungsorte und Daten Ausstellung: justice.peace.imagination

Ein göttlicher Exodus: Papst-Botschaft als Kompass für „couragiert widerständig“

Die Weihnachtsansprache 2025 von Papst Leo XIV. ist mehr als ein Gruß, sie ist eine theologische Grundlegung für den Frieden in stürmischen Zeiten.

In seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie hat Papst Leo XIV. Worte gewählt, die wie eine Blaupause für die kommende Arbeit der Ökumenischen FriedensDekade wirken. Wer die Rede liest, erkennt schnell: Frieden ist für diesen Papst kein passiver Zustand, sondern ein aktiver, oft unbequemer Weg. Es ist ein Weg, der Mut erfordert, oder, wie wir es für 2026 formulieren: ein Weg, der couragiert widerständig gegangen werden muss.

Der Widerstand gegen die „Logik des Egoismus“

Ein zentraler Pfeiler der päpstlichen Rede ist der Aufruf zur Umkehr von einer Gesellschaft, die auf Individualismus baut. Der Papst wird hier sehr deutlich:

„Die Liebe des Vaters […] befähigt uns im Heiligen Geist, Zeichen einer neuen Menschheit zu sein, die nicht mehr auf der Logik des Egoismus und Individualismus beruht, sondern auf gegenseitiger Liebe und Solidarität.“

Hier liegt der erste Anknüpfungspunkt für unser Motto: Widerstand leistet heute bereits derjenige, der sich der herrschenden Logik von „Ich zuerst“ entzieht. Es braucht Courage, in einer Welt, die zunehmend von Aggressivität und Wut (auch in der digitalen Welt) geprägt ist, konsequent auf Solidarität zu setzen. Der Papst fordert uns auf, diese Logik zu durchbrechen – ein zutiefst widerständiger Akt im Sinne des Evangeliums.

Mut zur Niedrigkeit: Das Vorbild Dietrich Bonhoeffer

Besonders bemerkenswert ist, dass Papst Leo XIV. den evangelischen Märtyrer Dietrich Bonhoeffer zitiert, um das Geheimnis von Weihnachten zu erklären:

„Gott schämt sich der Niedrigkeit des Menschen nicht, er geht mitten hinein […]. Gott […] liebt das Verlorene, das Unbeachtete, Unansehnliche, das Ausgestoßene, das Schwache und Zerbrochene.“

Dieser Bezug ist für die ökumenische Friedensarbeit von unschätzbarem Wert. Er zeigt: Gott selbst ist der erste, der „couragiert“ handelt. Er verlässt die Sicherheit des Himmels (der Papst nennt dies den „göttlichen Exodus“) und begibt sich dorthin, wo es wehtut – in die menschliche Not.

Couragiert widerständig zu sein bedeutet für uns im Jahr 2026 genau das: Nicht wegzusehen, wenn Menschen ausgegrenzt werden, sondern „mitten hinein“ zu gehen, auch wenn es den eigenen Komfort oder die eigene Sicherheit kostet.

Keine „kleinen Gärtner“: Der weite Horizont des Friedens

Ein weiterer Aspekt der Rede ist die Warnung vor einer kirchlichen und gesellschaftlichen Selbstbezogenheit. Der Papst erinnert uns daran, dass wir eine universale Aufgabe haben:

„Wir sind keine kleinen Gärtner, die sich um ihren eigenen Garten kümmern, sondern wir sind Jünger und Zeugen des Reiches Gottes, die berufen sind, in Christus Sauerteig einer universalen Geschwisterlichkeit […] zu sein.“

Dieser „Sauerteig“ verändert den ganzen Teig. Friedensarbeit darf nicht im geschützten Raum der eigenen Gemeinde stehen bleiben. Couragierter Widerstand ist laut Papst Leo XIV. ein prophetisches Zeichen. Es geht darum, Sauerteig für eine Geschwisterlichkeit zu sein, die keine Grenzen von Religionen, Kulturen oder Sprachen kennt.

Fazit: Weihnachten als Startschuss für 2026

Die Ansprache macht deutlich: Mission und Gemeinschaft sind untrennbar mit dem Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden verbunden. Papst Leo XIV. ruft uns dazu auf, Baumeister einer Kirche zu sein, die auf die „großen kirchlichen, pastoralen und sozialen Herausforderungen der heutigen Zeit ausgerichtet ist“.

Für die Ökumenische FriedensDekade 2026 bedeutet das: Wir nehmen den Rückenwind aus dem Vatikan mit. Wir lassen uns ermutigen, Sauerteig zu sein. Wir bleiben dran – couragiert in der Liebe und widerständig gegen alles, was das menschliche Miteinander vergiftet.

Machen Sie mit!

Die Worte des Papstes zeigen: Jede Hand wird gebraucht. Gestalten Sie die Friedensgebete und Texte für das Jahr 2026 mit. In unserer Schreibwerkstatt (30.01.–01.02.2026) bringen wir das Motto „couragiert widerständig“ aufs Papier und in die Welt.

Den Frieden wecken: Warum „Frieden“ ein Prozess für Gerechtigkeit ist

Die FriedensDekade 2025 ruft mit ihrem Motto „Komm den Frieden wecken“ dazu auf, sich aktiv und kritisch mit dem Begriff und der Praxis des Friedens auseinanderzusetzen. Der folgende Impuls liefert eine wichtige Grundlage für diese Auseinandersetzung, indem er den Friedensbegriff erweitert und neu beleuchtet.

Dieser Impuls bezieht sich auf den Artikel „Frieden“, ein umkämpfter Begriff von Pro Peace „Ein Impuls aus der praktischen Friedensarbeit“ von Lea Heuser und Christoph Bongard (Pro Peace)

Im Angesicht weltweiter Konflikte und tief gespaltener Debatten stellt sich die Frage: Was bedeutet „Frieden“ heute eigentlich noch?

Man könnte meinen, er sei der kleinste gemeinsame Nenner. Doch beim Blick in Nachrichten und Talkshows reibt man sich verwundert die Augen: Der Begriff polarisiert, wird plötzlich instrumentalisiert und scheint alles andere als eine geteilte Utopie zu sein. Die politische Debatte neigt dazu, Frieden entweder als etwas zu sehen, das nur mit Waffen verteidigt werden kann, oder als etwas, das die pazifistische Ablehnung jeder Gewalt voraussetzt.

Die FriedensDekade 2025 ruft uns mit ihrem Motto „Komm den Frieden wecken“ dazu auf, dieses scheinbar Eingeschlafene neu zu beleben. Doch wie weckt man etwas auf, dessen Definition selbst umkämpft ist?

Frieden als Prozess: Mehr als die Abwesenheit von Gewalt

Für uns ist diese Reduktion zu kurz gedacht. Frieden ist viel mehr als die Abwesenheit von Gewalt. Die Organisation Pro Peace, vertreten durch Lea Heuser und Christoph Bongard, arbeitet für einen sogenannten Positiven Frieden, ein Konzept, das auf den Friedensforscher Johan Galtung zurückgeht. Dieser umfassende Ansatz schließt neben der Abwesenheit direkter, physischer Gewalt auch die Abwesenheit struktureller und kultureller Gewalt ein. Es geht um:

  • Gerechtigkeit

  • Die Verwirklichung der Menschenrechte

  • Demokratische Teilhabe

  • Die Überwindung diskriminierender und rassistischer Strukturen

Ein einfacher Waffenstillstand ist aus dieser Perspektive nicht das Ende, sondern kann bestenfalls der Beginn eines Friedensprozesses sein, der die tieferliegenden Ursachen von Konflikten adressiert.

„Komm den Frieden wecken“: Ein Aufruf zur aktiven Gestaltung

Genau hier wird das Motto „Komm den Frieden wecken“ für die FriedensDekade 2025 greifbar und relevant. Den Frieden zu wecken, bedeutet, ihn nicht als passiven Zustand hinzunehmen, sondern diesen umfassenden Prozess aktiv anzustoßen und zu begleiten. Es heißt, sich nicht mit der bloßen Waffenruhe zufriedenzugeben, sondern die Gerechtigkeitsfragen anzugehen, die immer wieder zu Konflikten führen.

Für die praktische Friedensarbeit gilt der zentrale Leitsatz, den wir uns zu eigen machen sollten:

„Frieden ist kein Zustand, Frieden ist ein Prozess abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit.“

Lassen Sie uns gemeinsam für dieses umfassende Verständnis streiten und den Friedensbegriff aus der Schusslinie holen, wie Heuser und Bongard appellieren.

Machen Sie mit: Unterstützung und Ausblick

Die FriedensDekade lädt Sie ein, diesen Prozess der zunehmenden Gerechtigkeit zu begleiten.

  • Materialien: Um das Motto „Komm den Frieden wecken“ in die Tat umzusetzen, finden Sie alle Materialien zur FriedensDekade. HIER GEHTS ZUM SHOP

  • Spenden: Ihre Spende ermöglicht uns die Fortführung dieser wichtigen Arbeit und die Begleitung von Projekten für einen positiven Frieden. Frieden spenden – Jetzt unterstützen!

Seien Sie außerdem dabei, wenn wir ab Anfang Dezember das neue Motto für 2026 bekannt geben, das diesen Weg entschlossen weiterführen wird.

Zum Original-Impuls: Den vollständigen Artikel von Lea Heuser und Christoph Bongard von Pro Peace können Sie HIER LESEN.

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