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Schlagwort: couragiert widerständig

Krieg ist keine Konstante

Zivile Konfliktbearbeitung: Das unterschätzte Fundament des Friedens

Wer die ersten beiden Teile dieser Serie gelesen hat, kennt das Dilemma: Sicherheit mit oder gegen andere? Ein Versprechen von 1945, das zunehmend erodiert. Bleibt die Frage: Was ist die Alternative?

Es gibt sie, doch sie wird systematisch kleingehalten.

Zivile Konfliktbearbeitung, also die Umwandlung gewaltsamer Konflikte in verhandelbare Prozesse durch Mediation, Diplomatie und den Aufbau von Dialogstrukturen, ist keine romantische Idee, sondern erprobte Praxis. Martina Fischer, Politikwissenschaftlerin und langjährige Mitarbeiterin der Berghof Stiftung, zeigt das im Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten mit erfrischender Nüchternheit.

Was zivile Arbeit konkret leistet

Die Beispiele sind zahlreich, in der Öffentlichkeit aber oft wenig bekannt. Die Gemeinschaft Sant’Egidio begleitete etwa in Mosambik, Guatemala und dem Südsudan Friedensprozesse, die ohne sie wohl nie zustande gekommen wären. Der Zivile Friedensdienst entsendet heute rund 380 Fachkräfte in 45 Länder. Sie bauen Dialogstrukturen auf, vernetzen Friedensinitiativen und begleiten Betroffene vor Ort. Nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Geduld und dem sprichwörtlich langen Atem der Friedensarbeit.

Wer wissen möchte, wie diese Arbeit konkret aussieht und wie man sie stärken kann, findet im Band eine fundierte Einordnung. (Wir haben noch einige Exemplare in unserem Onlineshop).

Chronisch unterfinanziert und unterschätzt

Und dennoch bleibt diese Arbeit chronisch unterfinanziert. Martina Fischer benennt das Problem klar: Während die globalen Militärausgaben 2024 einen neuen Rekordwert erreichten, wurden die Budgets für zivile Konfliktbearbeitung, Entwicklung und humanitäre Hilfe drastisch gekürzt. Dabei kommt eine aktuelle Studie des Global Public Policy Institute zu dem Schluss, dass Prävention unterm Strich deutlich weniger menschliche und ökonomische Kosten verursacht als das nachträgliche Intervenieren in hocheskalierte Krisen.

Dass dennoch nicht hier investiert wird, ist keine Frage fehlender Beweise. Es ist eine politische Entscheidung. Dieselbe, die wir in den Artikeln 1 und 2 beschrieben haben: Stärke vor Recht, Konfrontation vor Kooperation.

Was die Menschheit kann und was sie vergisst

Jan Gildemeister, Geschäftsführer der AGDF und Mitherausgeber des Bandes, erinnert in seiner aktuellen friedenspolitischen Einordnung daran, dass die Menschheit über Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt hat. Kriegerische Auseinandersetzungen sind keine anthropologische Konstante, sondern eine historische Fehlentwicklung. Die Fähigkeit zur Kooperation und zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung ist also nicht verloren. Sie wird derzeit nur schlicht nicht gefördert.

Genau hier setzt unsere Buch-Serie und der Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ an, den die AGDF vorgelegt hat.

Ein langer Atem, der sich lohnt

Couragiert widerständig zu sein bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu schließen. Es bedeutet, die Möglichkeiten zu sehen, die in ihr stecken. Zivile Konfliktbearbeitung wirkt dort, wo sie konsequent gefördert und finanziert wird. Sie verändert, wie Konflikte ausgetragen werden und wie Frieden entsteht. Das ist keine naive Antwort auf harte geopolitische Fragen, sondern die tägliche Erfahrung derer, die diese Arbeit vor Ort leisten.

Mit diesem Teil schließen wir unsere Buch-Serie ab. Alle Artikel sind auf unserer Website nachzulesen, und das Buch ist weiterhin in unserem Shop erhältlich.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav.

 

Frieden im Dialog: Ruben Kurschat über das couragierte Aufeinanderzugehen. Der Widerstand gegen das Schubladendenken.

Frieden im Dialog – mit Ruben Kurschat

Couragierte Widerständigkeit heißt aufeinander zugehen FRIEDENSGESPRÄCHE. WERTSCHÄTZEND + KONTROVERS

In unserer Serie „Frieden im Dialog“ stellen wir die Menschen und Ideen hinter der ökumenischen FriedensDekade vor, die seit Jahrzehnten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung eintritt. In regelmäßigen Gesprächen teilen Akteure aus dem Gesprächsforum, dem Redaktionskreis und weiteren Netzwerken ihre Erfahrungen, Visionen und Impulse. Dieses Mal treffen sich Lars Blume und Ruben Kurschat, Koordinator des Projektes „Friedensgespräche. Wertschätzend + Kontrovers“ der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden.

 


Lars: Herzlich willkommen bei „Frieden im Dialog“, einer Serie der Ökumenischen FriedensDekade. In dieser Reihe möchten wir die Menschen und Ideen sichtbar machen, die Frieden gestalten. Es geht mir nicht um ein klassisches Interview, sondern um einen echten Dialog auf Augenhöhe. Heute bin ich mit Ruben Kurschat im Gespräch, Koordinator des Projektes „Friedensgespräche. Wertschätzend + Kontrovers“ der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden. Ruben, schön, dass du da bist. Ich starte direkt persönlich: Wenn du gerade mal nicht als Koordinator aktiv bist, wo tankst du Kraft und was lässt dich hoffnungsvoll bleiben?

Ruben: Zunächst mal: If in doubt, go out! Mir hilft es, in den Wald zu gehen, um aufzutanken. Und dann erlebe ich die sozialen Netze als essenziell. Also die echten – Freunde, Familie, Kolleginnen und Kollegen.

Lars: Wald und Natur, das kenne ich gut. Für mich sind das auch echte Kraftorte. Du hast außerdem in Bosnien-Herzegowina gelebt, einem Land, das weiß, was es bedeutet, wenn gesellschaftlicher Zusammenhalt zerbricht. Was hat dich das über Frieden gelehrt, was kein Seminar dir hätte beibringen können?

Ruben: Es sind oft die lauten Stimmen, die rufen „Wir können nicht miteinander!“ Das ist machtvoll, folgt der Kriegslogik und führt schlimmstenfalls zu „ethnischen Säuberungen“ und Genozid. Und ich habe erlebt, dass es immer auch Menschen gibt, die sich davon nicht beirren lassen. Die wieder und wieder das Gegenteil beweisen, indem sie Räume öffnen und das Miteinander leben. Die der Friedenslogik folgen und sagen „Wir können nur miteinander.“ Dieses Handeln ist Kraftquell für alle, die auf der Suche sind, wie Gewalt beendet werden kann. Solche Kraftquellen aufzuspüren und zu stärken, bringt uns dem Frieden näher.

Lars: „Wir können nur miteinander.“ Das ist ein Satz, der tief sitzt – erst recht, wenn man bedenkt, wie viel Mut es erfordert, ihn angesichts von Krieg und existenzieller Gewalt laut auszusprechen. Das zeigt ja: Gemeinschaft und echter Dialog entstehen nicht im geschützten Wohlfühlraum, sondern oft genau dort, wo es extrem ungemütlich und schmerzhaft ist. Das bringt mich direkt zu eurem Format. „Friedensgespräche“ klingt zunächst fast harmlos. Was steckt wirklich dahinter, und warum ist es gerade jetzt alles andere als selbstverständlich?

Ruben: Wenn wir harmlos verstehen können als den Versuch, Schaden abzuwenden, sind wir schon mal auf einem guten Weg. In unseren sozialen Alltagsstrukturen – in der Nachbarschaft, in der Kirchengemeinde, im Chor – stellen wir vielerorts die essentiellen Fragen von Krieg und Frieden gar nicht mehr, weil wir befürchten, das Gespräch entgleitet uns und wir entzweien uns darüber. Auf die Dauer wird es unserer Gesellschaft nicht gut tun, im Vermeidungszustand zu verharren. Friedensgespräche laden dazu ein, das Beschweigen zu überwinden.

Lars: Viele schweigen lieber, als Positionen zu beziehen, aus Angst, sofort etikettiert zu werden, als „Putinversteher“ oder „Bellizist“. Wie schafft ihr in einem Friedensgespräch diesen geschützten Raum, ohne die Kontroversität zu verlieren?

Ruben: Die Strategie, Menschen in Schubladen zu stecken, um uns die Welt zu erklären, ist gerade sehr en vogue. Es scheint leichter, anderen ein Etikett aufzukleben, als sich mit ihnen zu befassen. Ich finde das sehr verständlich in einer Zeit, in der wir spüren, dass wir in unserem Sein bedroht sind. Die Menschen hören, dass es ihre individuelle Verantwortung ist, sich vor sozialer Not zu bewahren. Mittel für Soziales, Kultur, Entwicklungszusammenarbeit usw. werden massiv gekürzt, während zugleich die Ausgaben für Waffenproduktion explodieren und kollektiv zu schultern sind. Das führt zu Wut und Ohnmachtsgefühlen: Ich fühle mich in meiner Integrität angegriffen, verteidige mich und reagiere meinerseits mit Angriff. Etikettierungen sind die einfachste Form von Angriff. Denn meistens sind wir nicht einverstanden mit dem Etikett, das uns jemand aufklebt. Dann ärgern wir uns und reißen es ab und versuchen uns ins richtige Licht zu rücken oder kleben schnell noch der anderen Seite ein Label auf. Nun ist es naheliegend, dass die das auch nicht mag. Der Schlagabtausch ist im vollen Gange und der Gegenstand der Auseinandersetzung spielt keine Rolle mehr. Und dann merken wir die Kosten der Schubladen – wir geraten in einen Strudel von Angriff und Selbstverteidigung. Und jetzt kommt das Überraschende: Viel leichter ist es, wenn wir uns die ganze Energie sparen, die in Angriff und Verteidigung gehen. Und stattdessen erleben, was „die anderen“ und wir eigentlich zu sagen haben.

Lars: Als Online-Redakteur erlebe ich das durchaus. Ich versuche, nicht jede Meinung zu kommentieren oder Menschen zu überzeugen. Manchmal ist meine Rolle eher die eines Blitzableiters: die Verzweiflung hinter einer Aussage erkennen und einfach sein lassen. Das kostet weniger Energie als ich dachte. Euer Ansatz setzt auf Wahrnehmen vor Bewerten. Was passiert in einem Raum, wenn Menschen das wirklich aushalten?

Ruben: Ein Teilnehmer einer Aktivistengruppe sagte in einer Abschlussrunde eines Friedensgesprächs: Ich wünschte, wir würden jedes künftige Treffen damit beginnen, dass einer von uns zehn Minuten aus seinem Leben erzählt. Wenn wir einander und uns selbst wieder als Menschen erleben, die Ängste und Hoffnungen haben und mit diesen Gefühlen auf der Suche sind nach Antworten auf die drängenden Fragen, dann knistert die Luft. Denn wenn Schubladen nicht mehr taugen, fangen wir an, neue Möbelstücke zu entwerfen, die uns andere Ordnungssysteme ermöglichen. Das fordert Mut und zugleich wirkt es unglaublich befreiend!

Lars: Plötzlich steht der Mensch im Vordergrund und nicht mehr die Position. Wenn jemand wirklich von sich erzählt, und der Raum lang genug dafür ist, entstehen keine Phrasen mehr sondern echte Begegnung. Der Mensch wird erfahrbar, jenseits der Polarisierung. Du machst neben deiner Prozessbegleitung auch Audiokunst. Was hat Klang mit Frieden zu tun?

Ruben: In der Klangkunst beschäftigt mich ja vor allem der Audiowalk, also die Verbindung von Hören und Unterwegssein. Und ein Element der Friedensgespräche ist der Moment danach, der Heimweg. Wenn die Teilnehmenden für sich das Erlebte noch mal nachklingen lassen. Was habe ich gehört und wo spüre ich jetzt noch eine Resonanz in mir? Und dann geht das Friedensgespräch nämlich weiter. Noch bevor die Menschen zu Hause ankommen, sind sie eingeladen, einen Nachhall an die Menschen zu senden, die sich noch mit dem Gedanken tragen, ob sie auch ein Friedensgespräch initiieren wollen. Dieser Nachhall kann eine Ermutigung sein, eine methodische Anregung, ein persönliches Erlebnis. Übermittelt wird der Nachhall als Nachricht auf einem Anrufbeantworter. Und diese Sprachnachrichten helfen dabei, die Friedensgespräche weiter zu entwickeln.

Lars: Der Nachhall auf dem Heimweg. Ich kenne diese Qualität aus Singkreisen: die Stille zwischen den Liedern, in der der Moment einfach nachklingen darf, bevor das nächste beginnt. Aus dieser Stille entsteht oft etwas Neues. Ein Gedanke, manchmal ein ganzes Lied. Das Friedensgespräch geht also weiter, auch wenn der Abend vorbei ist. Ihr stellt eine Handreichung bereit, damit Gruppen selbst ein Friedensgespräch initiieren können. Wer kann das anstoßen?

Ruben: Zunächst braucht es jemanden, die oder der sagt: Ich möchte eine Situation verändern. Diese Person sucht sich am besten noch weitere, denen es ähnlich geht. Damit ist der Anfang gemacht. Und die Handreichung der Friedensgespräche, von der du sprachst, ist wie ein Geländer. Das führt mich in der Vorbereitung durch die entscheidenden Fragen: Wer lädt ein? Was ist unser Thema und wie machen wir daraus einen Titel für das Friedensgespräch? Moderieren wir das selbst oder suchen wir uns da Unterstützung? Wie viel Zeit sollten wir einplanen? Ein Geländer greife ich mir dann, wenn ich festen Halt brauche und lasse es los, wenn ich selbst sicheren Grund habe.

Lars: Das Motto der FriedensDekade 2026 lautet „couragiert widerstständig“. Was bedeutet das für euch konkret, wo braucht es diesen Mut?

Ruben: Sich nicht abzufinden mit dem Bestehenden, erfordert Mut. Den anderen nicht mehr überzeugen zu wollen, erfordert Mut. Und sich selbst zu hinterfragen noch mehr. Das ist übrigens etwas, was ich auch von dir erlebe, Lars. Du bist Online-Redakteur für ein breites Publikum und trägst gleichzeitig eine klare Friedenshaltung. Wie hältst du diese Offenheit aufrecht?

Lars: Ich glaube, gemeinsame Positionen entstehen genau dann, wenn wir aufhören, uns hinter der eigenen Haltung zu verschanzen. Nicht weil wir uns anpassen, sondern weil wir wirklich zuhören. Das ist für mich der Unterschied zwischen Diskutieren und Gespräch. „Couragiert widerstständig“ klingt nach Reibung. Aber Friedensgespräche setzen ja gerade auf Begegnung. Ist das kein Widerspruch?

Ruben: Wenn ich dir sage, was du alles falsch siehst, verstehst, tust, und du zählst mir auf, wo ich daneben liege, führt das zu einer Reibung, die wir rasch vermeiden werden. Wir gehen aus der Begegnung. Was bleibt, sind Annahmen über den Gegenüber, Anschuldigungen, Zuschreibungen. Wenn ich mich jedoch an dem reibe, was ich von dir über dich höre, dann ist Veränderung möglich. Ich kann etwas neu verstehen, ich kann mich von einer Überzeugung verabschieden oder ich kann in ihr gestärkt werden.

Lars: Reibung als Kraftquelle, nicht als Abbruch. Kirchengemeinden, Bürgerinitiativen, Nachbarschaften, an wen richtet sich das Format und was habt ihr bisher beobachtet?

Ruben: Die Friedensgespräche sind ein ganz junges Format, wir bekommen gerade sehr vielfältige Rückmeldungen, wo das angedockt und ausprobiert werden soll. Als ein Element auf dem Gemeindefest, als einmalige Gesprächsabend – offen eingeladen, oder als neue methodische Anregung für eine sich regelmäßig treffende Gruppe. Friedensgespräch als Begegnung zwischen zwei Menschen oder für eine Großveranstaltung mit mehreren hundert Teilnehmenden. Ich bin gespannt, wohin uns das trägt und was die Community sich noch einfallen lässt.

Lars: Die FriedensDekade ist seit Jahrzehnten ein fester Ort im kirchlichen Jahr. Was kann das Format dort bewegen, was eine Andacht oder ein Vortrag nicht kann?

Ruben: Friedensgespräche sorgen dafür, dass alle Menschen, die zu einem Thema zusammenkommen, selbst etwas beitragen können. Sie reden von sich und ihren Ideen und Erlebnissen, sie zögern und schweigen, sie sprechen etwas aus, was sie vielleicht noch nie mit anderen geteilt haben. Friedensgespräche sind das kollektive aktive Suchen nach Veränderung. Ohne Besserwisser.

Lars: Ohne Besserwisser. Das sitzt. Die AGDF steht für „Freiden schaffen ohne Waffen“, eine klare Haltung. Wie verhält sich das zum Anspruch, wirklich alle Milieus einzuladen?

Ruben: In Friedensgesprächen kommen Menschen zu Wort, nicht Vertreterinnen und Vertreter von Gruppen oder Ideologien. Niemand muss Angst haben, in diesem Begegnungsformat die eigene Haltung um die Ohren gehauen zu bekommen. Denn wir reden von uns. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Welt friedlicher und gerechter machen, ist größer, wenn wir das gemeinsam versuchen, als wenn wir sagen, du musst nur tun, was ich für richtig definiere.

Lars: Ruben, eine letzte Frage: Wenn die Teilnehmenden eines Friedensgesprächs den Raum verlassen und nach Hause gehen, was sollten sie im Idealfall im Kopf oder im Herzen mitnehmen?

Ruben: Ich lasse da eine Teilnehmerin eines Friedensgesprächs zu Wort kommen. Sie sagte im Nachhinein: Mir hat die Kleingruppenarbeit gut getan! Ich bin mit jemandem ins Gespräch gekommen, mit der ich sonst wahrscheinlich nie so gesprochen hätte. Ich habe mich vorher gefragt: soll ich da hingehen? Jetzt sage ich DANKE!

Lars: Ruben, vielen Dank. Für dieses Gespräch, für das Format und für die Hoffnungskraft, die darin steckt. Wer selbst ein Friedensgespräch initiieren möchte, findet die Handreichung und alle weiteren Informationen unter friedensgespraeche.org. Der digitale Kick-off findet am 27. Mai 2026 von 17 bis 19 Uhr statt, die Anmeldung läuft über das hier verlinkte Formular. Der erste regionale DialogStarter-Tag für Menschen, die die Methode kennenlernen und selbst anwenden möchten, findet am 24. Juni in Berlin statt. Hier gibt es die Details. Bis zur nächsten Folge, bleibt im Dialog.

 

Gehen Sie in Begegnung und wagen Sie sich couragiert widerständig gemeinsam an die großen Themen!

Peacewalk erreicht Deutschland: Wenn der längste Friedenspfad der Welt durch Berlin führt

Von Finisterre nach Jerusalem: Eine internationale Friedensbewegung auf dem Weg – und Sie können mitgehen

Anfang Mai 2026 wird es in Berlin besonders sein: Der Peacewalk, eine internationale Friedenspilgerschaft von den entlegensten Enden Europas nach Al-Quds/Jerusalem, erreicht die deutsche Hauptstadt. Was am 31. Januar 2026 in Finisterre, Spanien, begann, ist längst mehr als eine Wanderung – es ist eine wachsende Bewegung für Frieden, Dialog und Versöhnung.

Was ist der Peacewalk?

Der Peacewalk folgt dem Jerusalem Way, dem längsten Friedenspfad der Welt. Menschen aus verschiedenen Ländern pilgern gemeinsam – manche für eine Stunde, andere für einen Tag, eine Woche oder die gesamte Strecke bis nach Jerusalem. Die Initiative reagiert auf die Hilflosigkeit angesichts der Lage in Palästina und Israel und der Spaltung, die dieser Konflikt weltweit verursacht.

Das Besondere: Diese Pilgerschaft ist kein stiller Rückzug, sondern aktives Lernen. Unterwegs treffen die Teilnehmenden auf Friedensstiftende, Expertinnen und Aktivistinnen. Es geht darum, von palästinensischen und israelischen Versöhnungsinitiativen zu lernen und ihre Arbeit zu unterstützen. „So wie der Krieg die Welt spalten kann, können Friedensstiftende die Welt vereinen“, heißt es im Aufruf der Organisator*innen.

Ein Jahr Friedensschule auf dem Weg

Der Peacewalk ist zugleich Friedensfest, Friedensschule und Spendenaktion:

Friedensfest: Musik, Events und Begegnungen unterwegs schaffen Räume der Gemeinschaft.

Friedensschule: Teilnehmende treffen friedensstiftende Persönlichkeiten und lernen von Führungskräften der Versöhnung.

Spendenaktion: Unterwegs werden Mittel für palästinensisch-israelische Friedensbemühungen gesammelt.

Inspiriert von mutigen Vorbildern

Die Initiative steht in der Tradition großer Friedensmärsche: vom Civil March for Aleppo über die französischen Schweigeproteste bis zu Martin Luther Kings Bürgerrechtsmärschen. Inspiriert wurde sie von Menschen wie Maoz Inon und Aziz Abu Sarah, Hamze Awawde und Magen Inon, von Women of the Sun und Women Wage Peace – Menschen, die trotz persönlicher Verluste nicht aufhören, Brücken zu bauen.

Mitmachen in Berlin und darüber hinaus

Wenn der Peacewalk Anfang Mai durch Berlin zieht, sind alle eingeladen mitzugehen – für eine Stunde, einen Nachmittag oder länger. Das Tempo ist bewusst so gewählt, dass alle mitkommen können: 15 bis 25 Kilometer pro Tag. Jede*r Teilnehmende ist selbst für den eigenen Weg verantwortlich, wird aber von Länderteams und anderen Pilgernden unterstützt.

Frieden ist eine Fähigkeit, die man lernen kann

Der Peacewalk lädt ein:

  • In Frieden zu investieren – durch Versöhnung und Diplomatie
  • Lokale Stimmen anzuerkennen – Friedensbemühungen der Basis zu unterstützen
  • Frieden zu praktizieren – als erlernbare Fähigkeit

Die Route durch Deutschland wird auf der Website des Peacewalk veröffentlicht. Dort finden Sie auch alle Informationen, wie Sie sich beteiligen können – ob als Mitgehende, Gastgebende oder Unterstützende.

Mehr Informationen und aktuelle Route:
www.peacewalk.info


Über den Peacewalk:
Der Peacewalk wird organisiert von der Stichting PopUpWerk (Leitung: Rikko Voorberg), dem JERUSALEMWAY-Team (Leitung: Johannes Aschauer) und dem Glocalspirit-Team. Die Pilgerschaft startete am 31. Januar 2026 in Finisterre, Spanien, und führt über verschiedene Routen durch Europa nach Jerusalem.


15. Februar 2003: Die Welt sagt Nein– Über Mut, Gewissen und die Grenzen des Gehörtwerdens

Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert | Folge 3

Aus der Serie „Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert“ zur Ökumenischen FriedensDekade zum Jahresmotto 2026 „couragiert widerständig“.
Das vollständige Porträt steht als PDF zum Download bereit.


15. Februar 2003: Die Welt sagt Nein

Über Mut, Gewissen und die Grenzen des Gehörtwerdens

Es ist Samstag, der 15. Februar 2003. In Berlin ist es kalt. Die Veranstalter hatten mit 80.000 gerechnet, vielleicht 150.000. Es kommen 500.000.¹ Ein Querschnitt, den es so selten gibt: Junge und Alte, Linke und Konservative, Schulklassen und Gewerkschaftsgruppen, Müllwerker und Hochschullehrer, Deutsche und in Deutschland lebende US-Amerikaner. Vom Podium spricht der Theologe Friedrich Schorlemmer: „Wir stehen hier in der großen Ökumene des Friedens.“²

An diesem Tag gehen weltweit zwischen sechs und zehn Millionen Menschen auf die Straße, in über 600 Städten, auf allen Kontinenten. Es ist der 15. Februar 2003. Die größte koordinierte Friedensdemonstration, die die Welt je gesehen hat.³

Fünf Wochen später beginnt der Angriff auf den Irak.

Die Weigerung zu schweigen

Keine zentrale Organisation, keine Führung. Was es gab: eine wachsende Überzeugung, dass dieser Krieg falsch war, und die Bereitschaft, das sichtbar zu machen. Menschen, die noch nie demonstriert hatten. Menschen, die wussten, dass sie wahrscheinlich nichts ausrichten würden, und die trotzdem kamen.

Das ist das Wesen von Zivilcourage: nicht die Gewissheit des Erfolgs, sondern die Weigerung zu schweigen.

Viele trugen eine Erinnerung mit sich, die größer war als der Tag selbst. Der 8. Mai 1945, das Kriegsende, die Befreiung, war für eine Generation noch keine Schulbucherinnerung. Es war die Geschichte ihrer Eltern, ihrer Großeltern. Das „Nie wieder“ hatte gerade in Deutschland eine andere Wucht. Weil die Erinnerung noch körperlich war.

Der Spiegel der Politik

Es gab Regierungen, die Nein sagten. Bundeskanzler Schröder hatte im August 2002 eine klare Linie gezogen. Am Vorabend des Angriffs bekräftigte er in einer Fernsehansprache: „Meine Antwort in diesem Fall war und ist: Nein.“⁴ Frankreichs Präsident Chirac drohte im UN-Sicherheitsrat mit einem Veto. War es Überzeugung? Politisches Kalkül? Wahrscheinlich beides. Diese Frage bleibt offen, und sie ist ehrlicher als jede Glorifizierung.

Auf der anderen Seite standen Geheimdienstberichte, die dem UN-Sicherheitsrat als gesicherte Beweise präsentiert wurden: Massenvernichtungswaffen im Irak. US-Außenminister Colin Powell trug sie vor, mit Satellitenbildern und Abhörprotokollen. Großbritanniens Premier Blair, wie Schröder Sozialdemokrat, stellte sein Land hinter diese Begründung, obwohl eine Million Menschen in London demonstriert hatten.

Was später festgestellt wurde: Die Belege waren falsch.⁵ Powell nannte seine Rede vor den Vereinten Nationen Jahre später den Schandfleck seiner Karriere. Konsequenzen für die Entscheidung selbst? Keine. Zwischen 275.000 und 306.000 Zivilisten starben bis 2019 infolge der Gewalt.⁶

Die Frage, was internationale Rechtsordnung wert ist, wenn Mächtige sie übergehen, stellte sich damals. Sie stellt sich 2026 dringlicher denn je.

Was Gewissen bedeutet, wenn die Stunde kommt

Die Bibel kennt diese Erschöpfung: Menschen, die reden und nicht gehört werden. Jeremia rief zur Umkehr, jahrzehntelang. Jerusalem fiel trotzdem. Aber er sagte es trotzdem. Weil Zeugnis nicht davon abhängt, ob es Erfolg hat. Weil der gerechte Friede eingefordert werden muss. Auch wenn die Mächtigen nicht hören. Gerade dann.

Was uns das heute sagt

Am 8. Mai 2026 gehen Schülerinnen und Schüler bundesweit auf die Straße. Bewusst an diesem Datum: dem Jahrestag des Kriegsendes 1945. Sie sagen Nein zur Wehrpflicht, Nein zu einer Politik, die Milliarden in Aufrüstung lenkt, während Bildung und Zukunft ihrer Generation zur Verhandlungsmasse werden.⁷ Andere Themen als 2003. Eine andere Generation. Dieselbe Geste.

Und ringsum: Kriege in der Ukraine, in Gaza, im Nahen Osten. Seit Ende Februar 2026 werden Militärschläge geflogen, begründet mit einem Atomprogramm, kurz nachdem die zuständige internationale Behörde erklärte, es gebe auf Basis der vorliegenden Informationen keinen Beweis dafür.⁸ Die Parallelen ziehen sich von selbst.

Was Europa antwortet? Vorsichtige Statements. Diplomatische Formeln. Haltung zu zeigen kostet mehr als 2003. Das stimmt. Aber Unübersichtlichkeit war noch nie ein Grund, zu schweigen.

Eine letzte Wahrheit

Der 15. Februar 2003 hat den Krieg nicht verhindert. Und doch haben die Millionen, die damals aufstanden, etwas hinterlassen: einen Maßstab, eine Erinnerung daran, dass es möglich ist, Nein zu sagen, laut, öffentlich, gewaltfrei. Dass es Menschen gab, die nicht geschwiegen haben. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Zeugnis. Das ist Vermächtnis.

Gerade heute, in einer Welt, in der so viele gleichzeitig Haltung brauchen, brauchen wir diese Erinnerung. Nicht als Erfolgsgeschichte. Als Zeugnis.

Couragiert widerständig, wie die Millionen auf den Straßen vom 15. Februar 2003. Für eine Welt, in der kein Krieg mit falschen Belegen beginnt, und kein Friede mit Schweigen endet.

Quellenangaben

¹ Wissenschaft & Frieden / Universität Antwerpen: Sozialwissenschaftliche Befragung der Berliner Friedensdemonstration vom 15. Februar 2003. wissenschaft-und-frieden.de/artikel/die-friedensdemonstranten/

² Friedensratschlag: Dokumentation der bundesweiten Demonstration gegen den Irakkrieg, 15. Februar 2003. ag-friedensforschung.de/bewegung/15-02-2003/Welcome.html

³ German History in Documents and Images: Demonstration gegen den Irakkrieg (15. Februar 2003). germanhistorydocs.org/de/ein-neues-deutschland-1990-2023/demonstration-gegen-den-irakkrieg-15-februar-2003

⁴ Schröder, Gerhard: Fernsehansprache vom 18. März 2003. Zit. nach: germanhistory-intersections.org

⁵ evangelisch.de: Colin Powells „Schandfleck“-Rede vor 20 Jahren. Januar 2023. evangelisch.de/inhalte/211125/23-01-2023/falschinformationen-zum-irak-colin-powells-schandfleck-rede-vor-20-jahren

⁶ Watson Institute, Brown University: Costs of War Project. watson.brown.edu

⁷ Berliner Zeitung / Netzwerk Friedenskooperative: Schulstreiks gegen Wehrpflicht am 8. Mai 2026. berliner-zeitung.de/article/demonstration-gegen-die-wehrpflicht-tausende-schueler-streiken-am-8-mai-10034940 sowie friedenskooperative.de/aktion/schulstreiks-gegen-die-wehrpflicht-am-8-5

⁸ Bundeszentrale für politische Bildung: Chronik Irans Atomprogramm. Stand April 2026. bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/576705/chronik-irans-atomprogramm/

Geben wir stillschweigend auf, was aus den Trümmern von 1945 entstand?

 81 Jahre Kriegsende: Ein Versprechen und seine Erosion

Am 8. Mai 1945 endete in Europa der verheerendste Krieg der Geschichte. Was die Überlebenden daraus machten, war bemerkenswert. Sie setzten nicht auf Stärke. Sie setzten auf Recht. Die UN-Charta, das Völkerrecht, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, all das entstand in diesem Moment. Nicht aus Idealismus. Aus bitterer Erfahrung.

Die Lehre war einfach und radikal zugleich: Recht vor Macht. Kooperation vor Konfrontation. 81 Jahre später steht dieses Versprechen unter Druck.

Erinnern heißt auch: nachfragen

Der Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) nimmt diesen Druck ernst. Er weicht den schwierigen Fragen nicht aus. Was bedeutet Sicherheit heute wirklich? Wer trägt Verantwortung für den Frieden? Und was hat die Generation, die 1945 „Nie wieder“ sagte, uns hinterlassen?

Wer diese Fragen nicht nur im Stillen stellen, sondern durchdenken möchte, findet im Band einen verlässlichen Denkpartner. Das Buch finden Sie aktuell in unserem Webshop.

Eine Ordnung unter Druck

Diese Ordnung ist heute nicht mehr selbstverständlich. Auf der geopolitischen Bühne erleben wir, wie Regierungen und Akteure weltweit die Verhandlungsgrundlage verschieben. Völkerrechtliche Verpflichtungen gelten zunehmend als Hindernis. Konfrontation ersetzt Kooperation. Und wer auf das gemeinsame Regelwerk pocht, wirkt schnell weltfremd.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Umkehrung dessen, was 1945 mühsam errichtet wurde.

Rainer Keil benennt das im Buch „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ ohne Beschönigung. Das Völkerrecht sei eine kostbare Errungenschaft – aber keine stabile. Es funktioniere nur, solange Staaten es gemeinsam tragen. Wo das aufhört, setzt sich die Stärke des Stärkeren durch. Nicht die Stärke des Rechts.

Und was bedeutet das konkret?

Jan Gildemeister zeigt in seinem Beitrag, wie sich diese geopolitische Verschiebung ganz konkret auf Menschen auswirkt. Das geplante Wehrdienstmodernisierungsgesetz senkt die Schwelle für eine Wehrpflicht auch in Friedenszeiten deutlich. Zivile Alternativen kommen in der öffentlichen Debatte kaum vor. Junge Menschen werden nicht gefragt, wie sie Verantwortung übernehmen wollen. Sie haben das Gefühl vor Entscheidungen gestellt zu werden. Auch ein Grund warum heute zum dritten Mal Schülerinnen und Schüler zur Demonstration gegen die Wehrpflicht und für einen gerechten Umgang der Politik mit ihrer Generation auf die Straße gehen.

Das außeracht lassen von zivilen Alternativen ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz einer Sicherheitspolitik, die Stärke vor Recht stellt. Die militärische Antworten bevorzugt, bevor zivile Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Was der 8. Mai nicht vergessen lässt

Am 8. Mai 1945 endete etwas Grausames. Nicht langsam, nicht allmählich – sondern mit einer Plötzlichkeit, die Millionen Menschen atemlos zurückließ. Befreiung und Erschöpfung zugleich. Das Ende eines Albtraums, der Europa in Schutt gelegt hatte.

Was diese Generation daraus machte, hatte eine Klarheit, die nur aus gelebter Erfahrung kommt. Sie wussten, wovon sie redeten. Sie hatten gesehen, wohin Macht ohne Recht führt. Wohin Konfrontation ohne Kooperation führt. Und sie bauten – mühsam, unvollkommen, aber entschlossen – eine Ordnung, die genau das verhindern sollte. Institutionen, Verträge, das Völkerrecht. Nicht als Idealismus. Als Konsequenz.

Diese Ordnung steht heute zur Disposition. Nicht durch einen einzigen dramatischen Bruch, sondern durch viele kleine Verschiebungen. Durch Verträge, die nicht mehr eingehalten werden. Durch Institutionen, die ausgehöhlt werden. Durch eine Debatte, in der zivile Lösungen als naiv gelten und militärische Stärke als einzig realistische Antwort.

Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist die Erinnerung. Die Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht und warum es damals so klar war.

Das Motto der FriedensDekade 2026 couragiert widerständig meint genau das. Nicht Widerstand als Ablehnung. Sondern Haltung. Die tägliche Entscheidung, Recht vor Macht zu stellen. Kooperation vor Konfrontation. Auch wenn das unbequem ist. Gerade dann.

Im nächsten Friedensbrief greifen wir den dritten Bereich aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf: die Kraft der Zivilgesellschaft und was zivile Konfliktbearbeitung weltweit konkret leisten kann.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist jetzt in unserem Shop erhältlich.

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