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Schlagwort: couragiert widerständig

DOROTHEE SÖLLE – MYSTIK UND WIDERSTAND

Biographie einer Friedenspionierin
Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Militarismus.“

so formulierte es Dorothee Sölle (1929–2003) zugespitzt. Sie war eine Theologin, die nie glaubte, dass Glaube und Politik voneinander getrennt werden können.

In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Dorothee Sölle steht für eine Theologie der Einmischung, die Mystik und gesellschaftlichen Widerstand unlösbar miteinander verknüpft.

2026 diskutieren Europa und Deutschland erneut intensiv über Aufrüstung und Sicherheit. Sölles radikale Fragen fordern uns heraus: Was bedeutet Frieden, wenn gleichzeitig aufgerüstet wird? Und was bedeutet Glaube, wenn er keine Konsequenzen für unser Handeln hat?

Theologie der Einmischung und Politisches Nachtgebet

Dorothee Sölle (1929–2003) war eine Theologin, für die Glaube und Politik untrennbar zusammengehörten. Nach ihrer Promotion beschäftigte sie sich intensiv damit, wie nach Auschwitz noch von Gott gesprochen werden kann – ein reiner Innenglaube reichte ihr nicht. 1968 begründete sie in Köln das „Politische Nachtgebet“ mit, in dem sich biblische Texte und Analysen zu Vietnamkrieg, Armut und sozialer Ungerechtigkeit verbanden.

Stimme der Friedensbewegung

Sölle wurde zu einer prägenden Stimme der Friedensbewegung. Am 10. Oktober 1981 sprach sie bei der großen Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten gegen die NATO-Nachrüstung (unter dem Titel ihrer Rede: „Wenn ein Fluss umkippt“). Wegen ihrer klaren Haltung blieb ihr eine Professur in Deutschland lange verwehrt; sie lehrte stattdessen von 1975 bis 1987 in New York.

Mystik und Widerstand

Bis zu ihrem Tod 2003 verband Sölle politische Radikalität mit tiefer Frömmigkeit. Mystik bedeutete für sie nie die Flucht aus der Welt, sondern die Erkenntnis, was Menschen einander schuldig sind: „Aufrüstung tötet auch ohne Krieg“ war ihr Mahnruf gegen ein System, das Sicherheit auf Kosten von Menschenleben und sozialer Gerechtigkeit baut.

 


Couragiert widerständig, wie Dorothee Sölle.
Für einen Glauben, der sich einmischt, und für den Mut, Frieden nicht als Selbstverständlichkeit hinzunehmen.


 

Fragen zur Reflexion

Dorothee Sölle verband ihren Glauben mit politischem Handeln. Wo erleben Sie heute eine Situation, in der Schweigen nicht ausreicht?

Sölle stellte die Frage, wie viel Sicherheit durch Aufrüstung tatsächlich entsteht. Welche Fragen sollten wir stellen, wenn heute über Sicherheit und Frieden gesprochen wird?

Für Dorothee Sölle gehörten Mystik und Widerstand zusammen. Was könnte es für Sie bedeuten, Spiritualität und gesellschaftliches Engagement miteinander zu verbinden?

Gebet

Gott des Friedens, gib uns den Mut, unsere Stimme zu erheben, wenn Menschen leiden.
Lass uns nicht vergessen, dass Frieden immer auch mit unserem eigenen Handeln beginnt.
Stärke uns, dem Leben zu dienen.
Amen.

 

Zum Weiterlesen und Quellen:

  • Dorothee Sölle: „Stellvertretung“ (1965)
  • Dorothee Sölle: „Aufrüstung tötet auch ohne Krieg“ (1982)
  • Renate Wind: „Dorothee Sölle. Rebellin und Mystikerin“ (2008)

Häufig gestellte Fragen

Wer war Dorothee Sölle?
Dorothee Sölle war eine deutsche evangelische Theologin und Mystikerin, die mit ihrer „Theologie der Einmischung“ Christentum und politischen Widerstand eng miteinander verband.

Warum stand sie für „couragierten Widerstand“?
Sie engagierte sich zeitlebens unerschrocken gegen den Vietnamkrieg, Atomwaffen und die Logik des Kalten Krieges, da Aufrüstung für sie bereits eine Form von Gewalt darstellte.

Was bewirkte das Politische Nachtgebet?
Das 1968 von ihr mitbegründete Format in Köln verknüpfte erstmals Bibeltexte mit knallharten gesellschaftskritischen Analysen zu Armut und Krieg, um Gläubige zum Handeln zu mobilisieren.

Wo kann ich die Langversionen und Porträts erhalten?
Das vollständige biografische Porträt sowie vertiefende Materialien finden Sie im neuen Mitgliederbereich sowie im Rahmen der ökumenischen FriedensDekade.

MALALA YOUSAFZAI – BILDUNG ALS STÄRKSTE WAFFE GEGEN GEWALT

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“

sagte Malala Yousafzai (Pakistan/Großbritannien, geboren 1997). Und doch schienen Kugeln diese Stimme für immer zum Schweigen bringen zu wollen, als ein Taliban-Kämpfer 2012 auf ihren Schulbus schoss. Diese Verbindung aus tödlicher Bedrohung und unerschütterlicher Bildungshoffnung machte sie zur jüngsten Friedensnobelpreisträgerin der Geschichte.

In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Malala steht für eine Generation, die sich gegen die Zerstörung von Zukunftschancen und religiösen Fanatismus aufbegehrt.

2026 erleben wir erneut eine Welt, in der Bildungschancen durch Kriege und Krisen weltweit bedroht sind. Während Schulen zerstört werden und Millionen Kinder keinen Zugang zu Unterricht haben, lautet die gesellschaftliche Antwort oft nur auf Aufrüstung und militärische Sicherheit. Malala würde heute dieselben Fragen stellen: Was ist eine Sicherheit wert, die Kindern die Zukunft nimmt?

 

Wenn das Recht auf Bildung zur Lebensgefahr wird

Malala wuchs im pakistanischen Swat-Tal auf, wo ihr Vater eine Mädchenschule leitete. Als ab 2007 die Taliban an Einfluss gewannen und Mädchen den Schulbesuch verboten, begann die elffähre Malala unter einem Pseudonym für die BBC zu bloggen. Sie schrieb über die Angst, aber vor allem über den unstillbaren Hunger nach Wissen.

Aus persönlichem Widerstand wurde eine globale Mission: Der Kampf für das Recht aller Kinder auf Bildung. Die wachsende Bekanntheit machte sie zur Zielscheibe – am 9. Oktober 2012 verübten die Taliban das Attentat auf sie. Doch sie überlebte und antwortete auf Gewalt nicht mit Rache, sondern mit Büchern und Stiften.

Der Malala Fund und weltweite Solidarität

Nach ihrer Genesung in Großbritannien hielt sie 2013 eine historische Rede vor den Vereinten Nationen. Zusammen mit ihrem Vater gründete sie den Malala Fund, der sich weltweit für zwölf Jahre kostenlose, sichere und hochwertige Bildung für Mädchen einsetzt. Malala verbindet ihren muslimischen Glauben mit dem universellen Einsatz für Menschenrechte und Frieden.

Innere Quellen des Widerstands

Malala zeigt, dass Mut keine Frage des Alters ist, sondern eine Haltung des Gewissens. Sie reist in Flüchtlingslager, in Krisenregionen und zu Mädchen, die unter Unterdrückung leiden. Sie gibt denen eine Stimme, die sonst überhört werden.

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Was Malala uns heute sagt

  • Bildung ist Friedensarbeit: Wer Kindern Wissen verweigert, nimmt ihnen die Zukunft und bereitet den Nährboden für Gewalt.
  • Die Stimme erheben: Malala zeigt, dass auch scheinbar machtlose junge Menschen totalitäre Systeme herausfordern können.
  • Gewaltfrei antworten: Ihre Stärke liegt im Geist, im Buch und im Stift – nicht in Waffen.

Couragiert widerständig, wie Malala Yousafzai.

Für eine Welt, in der jedes Kind lernen kann und Bildung stärker ist als die Angst vor Gewalt.


Fragen zur Reflexion:

Malala hat ihre Stimme erhoben, obwohl dies lebensgefährlich war. Wo könnten Sie heute Ihre Stimme für einen anderen Menschen einsetzen?

Für Malala ist Bildung eine zentrale Voraussetzung für Freiheit und Frieden. Welche Möglichkeiten eröffnet Bildung, die wir im Alltag oft als selbstverständlich ansehen?

Malala spricht aus ihrem Glauben heraus und verbindet ihn mit universellen Werten. Wo können gemeinsame Überzeugungen Menschen über Grenzen hinweg verbinden?

 

Gebet

Gott des Friedens,
schenke allen Kindern die Möglichkeit zu lernen und ihren eigenen Weg zu gehen.
Gib uns den Mut, dort unsere Stimme zu erheben, wo Bildung und Freiheit bedroht werden.
Lass uns Frieden mit Wissen, Zusammenhalt und Menschlichkeit bauen.
Amen.

Zum Weiterlesen

  • Malala Yousafzai: „Ich bin Malala“ (2013)
  • Malala Yousafzai: „Wir sind Vertriebene“ (2019)
  • Malala Fund: www.malala.org

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer ist Malala Yousafzai?

Malala Yousafzai (geboren 1997) ist eine pakistanische Aktivistin für das Recht auf Bildung und die jüngste Trägerin des Friedensnobelpreises der Geschichte.

Warum steht Malala für „couragierten Widerstand“?

Weil sie sich trotz massiver Morddrohungen und eines überlebten Attentats durch die Taliban niemals zum Schweigen hat bringen lassen und konsequent für die Rechte von Mädchen kämpft.

Wo finde ich weitere Biografien der Reihe?

Alle Porträts unserer biographischen Reihe zu den Pionierinnen mutiger Widerständigkeit sind direkt auf unserer Übersichtsseite für Sie zusammengestellt.

DOROTHY DAY – DEN ANDEREN NICHT AUFGEBEN

Biographie einer Friedenspionierin
Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„Die größte Aufgabe ihrer Zeit sei es, eine Revolution des Herzens anzustoßen, sagte Dorothy Day:
‚a revolution which has to start with each one of us‘ – eine Revolution, die bei jedem und jeder Einzelnen beginnen muss.“²

Dorothy Day (USA, 1897–1980) war keine Theologin. Sie hatte kein fertiges Programm in der Schublade. Sie war Journalistin, Mutter und eine Frau, die noch mit sechzig Jahren im Gefängnis saß, weil sie sich einer städtischen Übung verweigerte.¹

In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Dorothy Day steht für eine Generation und Haltung, die zeigt, dass radikaler Pazifismus und tätige Nächstenliebe untrennbar zusammengehören.

New York, die Jahre der Suche

Dorothy Day wird 1897 in Brooklyn geboren. Ihre Familie ist nicht besonders kirchlich. Als junge Frau zieht es sie nach New York und in die linken Zeitungsredaktionen. Sie schreibt für sozialistische Blätter, bewegt sich in Kreisen von Schriftstellerinnen, Anarchisten und Gewerkschafterinnen und lebt ein Leben als Bohemienne.¹

1917 steht sie zum ersten Mal vor dem Weißen Haus. Gemeinsam mit den Suffragetten demonstriert sie für das Frauenwahlrecht. Sie wird verhaftet – offiziell wegen „Behinderung des Verkehrs“ – und tritt im Occoquan Workhouse in einen Hungerstreik.⁶ Es ist ihre erste Verhaftung. Es wird nicht die letzte sein.

Politisch ist Dorothy Day zu diesem Zeitpunkt längst wach. Spirituell sucht sie noch. 1926 wird ihre Tochter Tamar geboren. Die Geburt verändert etwas in ihr. Zum ersten Mal empfindet sie eine Dankbarkeit, für die ihr die Sprache der politischen Linken keine Worte bietet. Sie beginnt zu beten. Allein. 1927 lässt sie sich katholisch taufen. Für manche ihrer früheren Weggefährtinnen und Weggefährten ist das ein Bruch. Für Day selbst ist es keiner. Sie versteht ihren Glauben nicht als Abkehr von ihrem Engagement, sondern als dessen Fundament.¹

Ein Mann klopft an ihre Tür

Im Dezember 1932 klopft ein französischer Wanderphilosoph namens Peter Maurin an ihre Tür. Maurin ist kein klassischer Lehrer. Er lebt einfach, fährt in Zügen mit und schreibt seine Gedanken in kurzen Versen auf – den „Easy Essays“.⁴ Er erzählt Dorothy Day von einer Vorstellung, die zunächst einfach klingt: Glaube müsse sich zeigen. In einer geteilten Mahlzeit. In einem geteilten Dach. In geteilter Arbeit.

Day hört zu. Aus Gesprächen wird ein Plan. Am 1. Mai 1933 verkaufen Dorothy Day und Peter Maurin auf dem Union Square in New York die erste Ausgabe einer Zeitung: The Catholic Worker. Der Preis: ein Cent.⁵ Aus der Zeitung wird eine Bewegung. Es entstehen Häuser der Gastfreundschaft, in denen Menschen ohne Obdach nicht als „Fälle“, sondern als Gäste an einem gemeinsamen Tisch sitzen. Dazu kommen landwirtschaftliche Gemeinschaften. Maurins Idee einer einfachen und geteilten Lebensform wird praktisch erprobt.⁵ Der Aufbruch ist schnell. Das Bleiben wird die eigentliche Aufgabe. Dorothy Day leitet die Zeitung fast fünfzig Jahre lang. Und sie bleibt dabei näher an der Suppenküche als am Schreibtisch.¹

 

Eine Parkbank und die Sirenen

Dorothy Days Friedensarbeit bleibt nicht bei Worten. Zwischen 1955 und 1960 verweigert sie sich gemeinsam mit anderen Menschen konsequent den städtischen Zivilschutzübungen für den Atomkrieg, der sogenannten „Operation Alert“. Wenn in New York die Sirenen heulen, sollen die Menschen in Schutzräume gehen. Dorothy Day setzt sich stattdessen auf eine Parkbank und wartet, wohl wissend, dass sie verhaftet werden wird.³

Ihr Argument ist einfach: Eine Übung macht einen Atomkrieg nicht überlebbar. Sie trägt aber dazu bei, Menschen daran zu gewöhnen, dass ein solcher Krieg überhaupt vorstellbar und hinnehmbar ist. Für die Übung im Jahr 1957 verbringt Dorothy Day rund einen Monat im Gefängnis. Sie ist zu diesem Zeitpunkt fast sechzig Jahre alt.³

Es bleibt nicht bei diesem Protest. Über Jahrzehnte stellt sie sich gegen Krieg, atomare Aufrüstung und später gegen den Vietnamkrieg. Dabei stößt sie auch in der eigenen Kirche auf Widerstand. Sie verliert Leserinnen und Leser. Spenden bleiben aus. Ihr Ansehen leidet. Sie macht weiter.

1973, mit 75 Jahren, steht sie noch einmal in einer Streikpostenkette. Diesmal in Kalifornien, an der Seite der United Farm Workers von Cesar Chavez. Es geht um die Rechte von Erntearbeiterinnen und Erntearbeitern, viele von ihnen Migrantinnen und Migranten ohne Absicherung. Dorothy Day wird erneut verhaftet und verbringt knapp zwei Wochen im Gefängnis. Es ist ihre letzte Verhaftung.²

Gastfreundschaft als Widerstand

Für Dorothy Day gehören Friedensarbeit und die Arbeit mit armen Menschen zusammen. Wer Gewalt zwischen Staaten ablehnt, kann die Gewalt gegen Menschen am Rand der Gesellschaft nicht einfach übersehen.

Ihre Häuser der Gastfreundschaft sind deshalb keine Nebensache. Sie sind ein Teil ihrer Friedensarbeit. Vielleicht sogar ihr Kern. Dorothy Day zitiert gern eine Zeile aus Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“: Liebe in der Tat sei „a harsh and dreadful thing“ – eine harte und schreckliche Sache. Denn in Gedanken ist Liebe leicht. Schwieriger wird sie, wenn ein konkreter Mensch vor der Tür steht. Ein Mensch ohne Wohnung, der Hilfe braucht, dessen Geschichte man nicht kennt oder der schwierig ist. Dann kostet Gastfreundschaft Zeit, Geld, Geduld und manchmal ein Stück Sicherheit.

Für Dorothy Day liegt genau darin ihre politische Bedeutung: Der Mensch vor der Tür bleibt ein Mensch. Auch wenn er fremd ist. Auch wenn seine Geschichte kompliziert ist. Auch wenn es einfacher wäre, ihn draußen zu lassen.

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Nennt mich keine Heilige

Dorothy Day stirbt am 29. November 1980 in New York, in einem der Häuser, die sie selbst mitgegründet hatte. Bis heute bestehen weltweit mehr als 150 Catholic-Worker-Gemeinschaften, die in ihrer Tradition arbeiten.

Seit dem Jahr 2000 läuft in der katholischen Kirche ein Verfahren, das sie eines Tages zur Heiligen erklären könnte. Dorothy Day selbst hätte dieser Gedanke vermutlich nicht gefallen: „Don’t call me a saint. I don’t want to be dismissed that easily.“ Nennt mich keine Heilige. Ich möchte nicht so leicht abgetan werden. In diesem Satz steckt mehr als Bescheidenheit. Wer einen Menschen zur Heiligen macht, kann ihn auch auf Abstand halten. Man bewundert ihn, stellt ihn auf ein Podest und bleibt selbst dort stehen, wo man ist. Dorothy Day wollte das nicht. Ihre Radikalität sollte nicht unerreichbar sein. Sie sollte nachahmbar bleiben.

Was Dorothy Day uns heute sagt?

Hat sie die Kriege beendet, gegen die sie protestierte? Nein. Atomwaffen gibt es weiterhin, Menschen arbeiten unter prekären Bedingungen, Menschen werden ausgegrenzt.

Aber ihr Leben macht etwas sichtbar: Frieden beginnt nicht erst dort, wo Regierungen Verträge unterschreiben. Er beginnt auch dort, wo Menschen sich entscheiden, den anderen nicht aufzugeben. Bei Dorothy Day kann das eine Parkbank sein, eine Zeitung für einen Cent, eine Mahlzeit, eine offene Tür, eine Streikpostenkette oder ein Gefängnis. Es sind kleine Dinge, verglichen mit den großen politischen Fragen ihrer Zeit. Und doch wurden daraus über Jahrzehnte Häuser, Gemeinschaften und eine Bewegung. Dorothy Day begann nicht mit einem fertigen Plan. Sie begann mit dem, was vor ihr lag.


Couragiert widerständig, wie Dorothy Day.
Für eine Welt, in der Nächstenliebe eine politische Kraft bleibt und niemand allein gelassen wird.


Fragen zur Reflexion

Widerspruch wagen: Dorothy Day ließ sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder verhaften, weil sie ihre Überzeugungen nicht für sich behielt. Wofür würden Sie heute öffentlich einstehen, auch wenn es unbequem wird?

Keine Podeste: Sie wehrte sich dagegen, als Heilige verehrt zu werden, weil sie fürchtete, man könnte sich dadurch aus der Verantwortung nehmen. Wo neigen wir dazu, Vorbilder auf ein Podest zu heben, statt ihrem Beispiel zu folgen?

Gastfreundschaft leben: Für Dorothy Day gehörten Gastfreundschaft und Pazifismus zusammen. Wo könnte diese Verbindung in Ihrem Alltag sichtbar werden?

Gebet

Gott des Friedens, gib uns den Mut, für andere einzustehen, auch wenn es unbequem wird.
Öffne unsere Türen und unsere Herzen für Menschen, die unsere Hilfe brauchen.
Lass uns Frieden nicht nur wünschen, sondern leben.
Amen.

Quellen und zum Weiterlesen

  • Dorothy Day: „The Long Loneliness“ (1952)
  • Dorothy Day: „Loaves and Fishes“ (1963)
  • Robert Ellsberg (Hg.): „The Duty of Delight: The Diaries of Dorothy Day“ (2008)
  • John Loughery und Blythe Randolph: „Dorothy Day: Dissenting Voice of the American Century“ (2020)
  • Catholic Worker Movement: www.catholicworker.org

Häufig gestellte Fragen

Wer war Dorothy Day?

Dorothy Day (1897–1980) war eine US-amerikanische Journalistin, Aktivistin, Mutter und Mitbegründerin der Catholic Worker Movement, die radikalen Pazifismus mit tätiger Nächstenliebe verband.

Warum war Dorothy Day „couragiert widerständig“?

Weil sie sich zeitlebens konsequent über alle parteipolitischen Grenzen hinweg für die Ärmsten der Armen einsetzte, atomare Zivilschutzübungen durch zivilen Ungehorsam boykottierte und Kriege sowie atomare Aufrüstung scharf kritisierte.

Was bewirkte das Catholic Worker Movement?

Es schuf durch die gleichnamige Ein-Cent-Zeitung und zahlreiche Häuser der Gastfreundschaft eine weltweite Bewegung, die praktische Hilfe im Alltag mit kompromissloser System- und Rüstungskritik verknüpft.

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Bärbel Bohley – DIE KUNST DER UNGEHORSAMKEIT

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der Ökumenischen FriedensDekade: „couragiert widerständig“

„Alle diese Untersuchungen, die gründliche Erforschung der Stasi-Strukturen, der Methoden, mit denen sie gearbeitet haben und immer noch arbeiten, all das wird in die falschen Hände geraten. Man wird diese Strukturen genauestens untersuchen, um sie dann zu übernehmen.“

— Bärbel Bohley, 1991

Bärbel Bohley (Berlin, 1945–2010) war Malerin. Sie lebte in Ost-Berlin, arbeitete in ihrem Atelier und bewegte sich in der unabhängigen Kunstszene. Doch sie wollte nicht nur malen. Die Frage nach Krieg und Frieden ließ sie nicht los. In der DDR wuchs die Militarisierung, und es wurde immer schwieriger, öffentlich zu widersprechen. Bohley tat es trotzdem.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1104-006 / Thomas Lehmann / CC-BY-SA 3.0

Frauen für den Frieden

1982 gründet Bärbel Bohley gemeinsam mit anderen Frauen die Gruppe „Frauen für den Frieden“. Der Anlass ist ein neues Wehrdienstgesetz, das Frauen im Verteidigungsfall zum Militärdienst verpflichten soll. Am 12. Oktober 1982 übergeben 150 Frauen eine Eingabe an Erich Honecker. Sie fordern eine öffentliche Diskussion und stellen sich gegen die Militarisierung.

Die Evangelische Kirche bietet dafür Räume. Hier treffen sich Friedensgruppen, hier finden Friedensgebete statt. Unabhängige politische Gruppen sind in der DDR nicht erlaubt; wer sich außerhalb staatlich kontrollierter Organisationen organisiert, muss mit Überwachung rechnen. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) erfasst die Gruppe im Operativen Vorgang „Wespen“.

Ende 1983 schlägt die Staatssicherheit zu. Bärbel Bohley wird gemeinsam mit Ulrike Poppe vom 12. Dezember 1983 bis zum 24. Januar 1984 in Untersuchungshaft gehalten. Vorwurf: „Verdacht auf landesverräterische Nachrichtenübermittlung“. Nach internationalen Protesten werden sie freigelassen. Die Folgen bleiben: Ausreiseverbot, Ausstellungsboykott, Ausschluss aus dem Verband Bildender Künstler.

Über die Haftanstalt Hohenschönhausen schrieb sie später:

„Das Personal, ja selbst das Mobiliar war absurd. Alles war bieder, primitiv und simpel, dabei wollten sie doch das ‚Schild und Schwert der Partei‘ sein.“

Frieden braucht Freiheit

Die Frauen für den Frieden sprechen nicht nur über Waffen. Sie sprechen über Wehrunterricht, über Militarisierung, über die Möglichkeit, Nein zu sagen, und über Menschenrechte. Damit verändert sich auch ihr Friedensbegriff: Frieden bedeutet nicht nur, dass keine Waffen eingesetzt werden. Frieden braucht Freiheit. Frieden braucht Menschen, die ihre Meinung sagen können.

1985 gehört Bärbel Bohley zu den Mitbegründerinnen der „Initiative Frieden und Menschenrechte“, die bewusst außerhalb der Kirche agiert. 1988 wird sie erneut verhaftet und genötigt, die DDR zu verlassen. Sie geht nach England, behält ihren DDR-Pass und kehrt im August 1988 zurück. Sie hätte bleiben können. Sie kehrt trotzdem zurück, weil sie will, dass sich dort etwas verändert, wo sie lebt.

1989 und danach

Im September 1989 entsteht in Grünheide der Gründungsaufruf des Neuen Forums: „Aufbruch 89“. Am 4. November spricht Bärbel Bohley vor mehr als einer halben Million Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz. Am 9. November fällt die Mauer.

Bärbel Bohley möchte eine demokratische DDR. Bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 erhält das Bündnis 90 2,9 Prozent der Stimmen. Bohleys Vorstellungen setzen sich nicht durch. Aber die Menschen können nun selbst entscheiden. Genau dafür hatte sie gearbeitet.

1990 beteiligt sie sich an der Besetzung der Berliner Stasi-Zentrale und setzt sich für die Zugänglichkeit der Unterlagen ein. Ein Satz von ihr wird später berühmt:

„Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“

Die genaue Überlieferung ist komplizierter; Bohley sprach über die Spannung zwischen dem Wunsch nach Gerechtigkeit und den Grenzen des Rechtsstaats. Aber die Frage dahinter bleibt: Was bedeutet Gerechtigkeit nach einer Diktatur?

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Was Bärbel Bohley uns heute sagt

Die Evangelische Kirche in der DDR war nicht nur Ort des Glaubens. Sie war ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen konnten. Sie hielt Räume offen, wo Unterdrückung sie schließen wollte. Bärbel Bohley hat diese Räume genutzt, sie größer gemacht und andere Menschen ermutigt, ihre Stimme zu finden.

Frieden braucht Menschen, die widersprechen können. Frieden braucht Freiheit. Und Frieden braucht den Mut, beides gemeinsam zu verteidigen – couragiert widerständig, wie Bärbel Bohley. Für eine Welt, in der Menschen nicht schweigen müssen, um sicher zu sein.

couragiert widerständig, wie Bärbel Bohley. Für eine Welt, in der Menschen nicht schweigen müssen, um sicher zu sein.

 

Fragen zur Reflexion

  1. Widerspruch wagen: Bärbel Bohley begann mit anderen Frauen, sich gegen Militarisierung und für Frieden einzusetzen. Wo erleben Sie heute Situationen, in denen Widerspruch notwendig wäre?

  2. Schutzräume öffnen: Die Evangelische Kirche bot Friedensgruppen in der DDR Räume für Austausch und gemeinsames Handeln. Welche Räume brauchen Menschen heute, um gemeinsam für Frieden einzutreten?

  3. Unbequem bleiben: Bohley blieb auch nach 1989 unbequem und hielt an Fragen fest, die keine mehrheitsfähige Antwort fanden. Was bedeutet es für Sie, couragiert widerständig zu sein, wenn die eigene Haltung nicht mehrheitsfähig ist?

 

Gebet

Gott des Friedens,

gib uns Mut, wenn Schweigen einfacher wäre,

und stärke uns, wenn Widerstand schwerfällt.

Lass uns Menschen finden, mit denen wir gemeinsam für Frieden eintreten können,

und Räume, in denen das möglich wird.

Amen.

 

 

Quellen und zum Weiterlesen

Häufig gestellte Fragen

Wer ist Bärbel Bohley?

Bärbel Bohley (1945–2010) war eine ostdeutsche Bürgerrechtlerin, Malerin und Mitbegründerin der Gruppe „Frauen für den Frieden“ sowie des „Neuen Forums“. Sie setzte sich in der DDR unerschrocken gegen die staatliche Militarisierung ein und gilt als eine der prägenden Stimmen der Friedens- und Demokratiebewegung von 1989.

Warum war Bärbel Bohley „couragiert widerständig“?

Weil sie sich weigerte, sich den Repressionen des SED-Regimes anzupassen. Trotz Verhaftungen, Berufsverboten und der Ausbürgerung auf Zeit blieb sie unbequem, stellte staatliche Strukturen infrage und kämpfte unermüdlich für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie.

Was ist die Initiative „Frauen für den Frieden“?

„Frauen für den Frieden“ war eine unabhängige ostdeutsche Friedensbewegung, die sich 1982 aus Protest gegen ein neues Wehrdienstgesetz gründete, das auch Frauen zum Militärdienst verpflichten sollte.

Wo kann ich das Buch und die Langversionen erhalten?

Die vollständige Geschichte dieses Mutes und alle Porträts der Ausstellung finden Sie im gedruckten Buch „Frauen des Friedens“. Die vertiefenden Langversionen der Episoden stehen exklusiv im Mitgliederbereich der Ökumenischen FriedensDekade als PDF zum Download bereit. Sowohl das Buch als auch die Materialien zur Ausstellung können direkt über den Shop der FriedensDekade erworben werden.

 

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