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Schlagwort: Anthropologie

Krieg ist keine Konstante

Zivile Konfliktbearbeitung: Das unterschätzte Fundament des Friedens

Wer die ersten beiden Teile dieser Serie gelesen hat, kennt das Dilemma: Sicherheit mit oder gegen andere? Ein Versprechen von 1945, das zunehmend erodiert. Bleibt die Frage: Was ist die Alternative?

Es gibt sie, doch sie wird systematisch kleingehalten.

Zivile Konfliktbearbeitung, also die Umwandlung gewaltsamer Konflikte in verhandelbare Prozesse durch Mediation, Diplomatie und den Aufbau von Dialogstrukturen, ist keine romantische Idee, sondern erprobte Praxis. Martina Fischer, Politikwissenschaftlerin und langjährige Mitarbeiterin der Berghof Stiftung, zeigt das im Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten mit erfrischender Nüchternheit.

Was zivile Arbeit konkret leistet

Die Beispiele sind zahlreich, in der Öffentlichkeit aber oft wenig bekannt. Die Gemeinschaft Sant’Egidio begleitete etwa in Mosambik, Guatemala und dem Südsudan Friedensprozesse, die ohne sie wohl nie zustande gekommen wären. Der Zivile Friedensdienst entsendet heute rund 380 Fachkräfte in 45 Länder. Sie bauen Dialogstrukturen auf, vernetzen Friedensinitiativen und begleiten Betroffene vor Ort. Nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Geduld und dem sprichwörtlich langen Atem der Friedensarbeit.

Wer wissen möchte, wie diese Arbeit konkret aussieht und wie man sie stärken kann, findet im Band eine fundierte Einordnung. (Wir haben noch einige Exemplare in unserem Onlineshop).

Chronisch unterfinanziert und unterschätzt

Und dennoch bleibt diese Arbeit chronisch unterfinanziert. Martina Fischer benennt das Problem klar: Während die globalen Militärausgaben 2024 einen neuen Rekordwert erreichten, wurden die Budgets für zivile Konfliktbearbeitung, Entwicklung und humanitäre Hilfe drastisch gekürzt. Dabei kommt eine aktuelle Studie des Global Public Policy Institute zu dem Schluss, dass Prävention unterm Strich deutlich weniger menschliche und ökonomische Kosten verursacht als das nachträgliche Intervenieren in hocheskalierte Krisen.

Dass dennoch nicht hier investiert wird, ist keine Frage fehlender Beweise. Es ist eine politische Entscheidung. Dieselbe, die wir in den Artikeln 1 und 2 beschrieben haben: Stärke vor Recht, Konfrontation vor Kooperation.

Was die Menschheit kann und was sie vergisst

Jan Gildemeister, Geschäftsführer der AGDF und Mitherausgeber des Bandes, erinnert in seiner aktuellen friedenspolitischen Einordnung daran, dass die Menschheit über Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt hat. Kriegerische Auseinandersetzungen sind keine anthropologische Konstante, sondern eine historische Fehlentwicklung. Die Fähigkeit zur Kooperation und zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung ist also nicht verloren. Sie wird derzeit nur schlicht nicht gefördert.

Genau hier setzt unsere Buch-Serie und der Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ an, den die AGDF vorgelegt hat.

Ein langer Atem, der sich lohnt

Couragiert widerständig zu sein bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu schließen. Es bedeutet, die Möglichkeiten zu sehen, die in ihr stecken. Zivile Konfliktbearbeitung wirkt dort, wo sie konsequent gefördert und finanziert wird. Sie verändert, wie Konflikte ausgetragen werden und wie Frieden entsteht. Das ist keine naive Antwort auf harte geopolitische Fragen, sondern die tägliche Erfahrung derer, die diese Arbeit vor Ort leisten.

Mit diesem Teil schließen wir unsere Buch-Serie ab. Alle Artikel sind auf unserer Website nachzulesen, und das Buch ist weiterhin in unserem Shop erhältlich.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav.

 

Friedenspolitische Einordnung | Teil 4: Perspektivwechsel

Die Möglichkeit des Friedens: Ein notwendiger Perspektivwechsel

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

Historische Grundlagen des Zusammenlebens

Die große Zahl an Kriegen und despotisch bzw. autoritär regierten Staaten, die immense Konzentration an Besitz, (patriarchale) Herrschaftssysteme und Machtstrukturen – es gibt vieles, was derzeit daran zweifeln lässt, dass es in Bälde eine friedlichere und gerechtere Welt geben könnte.

In solchen Momenten hilft ein Perspektivwechsel: Die Menschheit hat über viele Jahrtausende friedlich und weitgehend gleichberechtigt gelebt. Die These, dass wir uns die Köpfe einschlagen, wenn man uns auf einer einsamen Insel aussetzt, wurde von Archäologen und Anthropologen widerlegt. Erst mit Sesshaftigkeit, Besitztum, enger Besiedlung und schließlich etablierten Herrschaftsstrukturen begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen.

Die Konstruktion der Gewalt

Die Begeisterung, für Herrschende in den Krieg zu ziehen, blieb historisch gesehen jedoch gering. Frauen waren immer schon kritischer gegenüber Kriegen, und Männer müssen in der Regel erheblich verbogen werden, damit sie als Kämpfer taugen. Nicht umsonst braucht es tiefgreifende Kriegspropaganda.

Die gute Nachricht ist also: Die Menschheit ist durchaus willens und in der Lage, friedlich zusammenzuwohnen. Zudem gab es in den letzten beiden Jahrhunderten beachtliche zivilisatorische Fortschritte.

Wege aus der Resignation

Dies beantwortet aber noch nicht die Frage, wie wir die aktuellen Entwicklungen drehen können, damit kriegerische Gewalt und Ungerechtigkeit wieder abnehmen und die Menschheit sich gemeinsam um die Herausforderungen kümmert, vor denen wir stehen.

Um angesichts dieser Mammutaufgabe nicht zu verzweifeln, hilft die Osterbotschaft: Jesus hat den Tod am Kreuz überwunden, er ist auferstanden! Die Botschaft der Gewaltfreiheit hat letztlich die Oberhand behalten. Wenn wir weiter aktiv bleiben, Prozesse vorantreiben und andere überzeugen mitzumachen, werden wir schon den richtigen Weg finden – mit Gottes Hilfe.

Literaturhinweise zum Thema:

  • Irene Dänzer-Vanotti: Ist Krieg verlernbar? Anmerkungen für Friedenssuchende. In: Religion – Die Dokumentation, Bayern 2 (Podcast vom 5. April 2026).

  • Ralph Gerstenberg: Rutger Bregman – Warum der Mensch im Grunde gut ist. In: Andruck – Das Magazin für Politische Literatur, Deutschlandfunk (Audio-Archiv vom 8. Juni 2020).


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

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