PORTRÄT • FRIEDENSBOTIN 2026 Dr. Friederike F. Spengler – Couragiert widerständig seit 1982
Von der Nikolaikirche ins Bischofsamt: Warum die Friedensbotin 2026 den Frieden nicht nur als Ideal kennt, sondern als gelebte Haltung.
Es war ein Novemberabend, der sich ihr eingraviert hat. 1982, Nikolaikirche Leipzig. Friederike Spengler ist 14 Jahre alt, als ihr Vater (damals Präses der Leipziger Synode) sie nicht in ihre Heimatgemeinde mitnimmt, sondern hierher: in eine Kirche, die die DDR-Staatsführung längst zum politischen Risiko erklärt hat. Die Kreissynode hat sich verabredet, den Eröffnungsgottesdienst der Friedensdekade als Teilnehmende zu unterstützen. Ihr Vater gehört zu den Sprechenden der Fürbitten.
Die Staatssicherheit ist bereits eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn da. Großflächig über das Kirchenschiff verteilt, gut sichtbar. Als die Gemeinde nach dem Friedensgebet durch das Eingangstor hinaus in den Novemberabend tritt, ist die gesamte Etage des gegenüberliegenden Hauses hell erleuchtet. Männer mit Ferngläsern stehen hier. Die mit hinauslaufenden Stasileute scannen die Gesichter. „Ich bilde mir heute ein, damals mit anderen gemeinsam hinauf gewunken zu haben“, sagt Spengler. „Vielleicht ist das mehr Wunsch als reale Erinnerung, aber es war das Gefühl des Abends.“
Als Schülerin „politisch unzuverlässig“
Friederike Spengler war ihrer Schule unbequem, auch weil sie in ihrem Jahrgang die Einzige war, die nicht zur Jugendweihe, sondern ausschließlich zur Konfirmation ging, sich nicht der Ideologie der DDR verpflichten wollte. Noch schwieriger wurde es für sie, als sie den militärisch aufgeladenen Unterricht kritisierte und deshalb das Aufsagen von Gedichten und Singen von Liedern mit Militär-verherrlichenden Inhalten ebenso verweigerte wie Sportübungen mit Attrappen von Gewehren und Handgranaten. Als sie sich in der 9. Klasse dem für Mädchen (parallel zum obligatorischen Wehrlager für Jungs) verpflichtendem Kurs für Erste Hilfe und Schutz vor atomaren Angriffen verweigerte und stattdessen bat, die Stunden in einer diakonischen Einrichtung arbeiten zu dürfen, drohte man mit nachhaltigen Konsequenzen. „Ich hatte Gott sei Dank Eltern, die hinter mir standen, und eine Kirchengemeinde, deren Gemeindeleben mir Kraft gab. Sonst hätte ich diesen Weg so nicht gehen können“, sagt sie. Über die Angebote kirchlicher Friedens- und Umweltarbeit kam sie mit Gleichgesinnten zusammen. Deshalb war es auch gar keine Frage, sondern nur folgerichtig, den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ an der Jacke zu tragen. Für dieses Symbol habe ich gestritten und gelitten“, sagt sie heute. Wer in der DDR weiß, was dieser Stoff auf dem Ärmel bedeutete, versteht den Preis. Von nun an gab man ihr unumwunden zu verstehen, dass weder Abitur noch Fachschulausbildungen für sie möglich wären. Man hielt Wort.
Zwischen Bekenntnis und Denkschrift
Heute, als Regionalbischöfin in Thüringen und Mitglied der EKD-Synode, ist Friederike Spengler längst eine der markanten Stimmen in der evangelischen Friedensdebatte. Als die EKD bei ihrer Synode in Dresden 2025 ihre neue Friedensdenkschrift vorlegte, die den Rahmen für kirchliche Stellungnahmen zu Krieg und militärischer Gewalt neu absteckt, meldete sie sich zu Wort: Es tue ihr weh, welch marginale Stellung dem Pazifismus in dem Papier eingeräumt werde, sagte sie im Kirchenparlament. Auch, dass die Passage, der Dienst ohne Waffe ist das „deutlichere Zeugnis des gegenwärtigen Friedensgebots unseres Herrn“ nicht mehr länger Teil evangelischer Friedensethik sei, hinterfragte sie. Und sie übte Kritik an der Denkschrift in puncto Stellung zu atomarer Bewaffnung.
Friederike Spengler hatte bereits bei der EKD-Synode 2019 beantragt, Artikel 16 der Confessio Augustana, jenes Bekenntnisstück aus dem Jahr 1530, das Christen die Teilnahme an Kriegen und staatlicher Gewalt erlaubt, kritisch in den Blick zu nehmen, im Wortsinn: „Re-Vision“, sie erneut anzusehen und zeitgemäß zu interpretieren. Eine Kirche, die sich als „Kirche des gerechten Friedens“ verstehe, müsse konsequent vom Frieden her denken – nicht vom Krieg als geregeltem Ausnahmefall. Das ist theologische Grundsatzdiskussion, aber sie hat politische Konsequenzen. Und Spengler ist willens, sie zu ziehen.
Seelsorge als Fundament
Bevor Spengler ab 1989 Theologie studierte, fand sie bei Diakonie und Kirche Ausbildungsmöglichkeiten und arbeitete als Kinderdiakonin und in der Psychiatriepflege. Das sind für sie keine biografischen Fußnoten: Sie haben ihr Menschenbild geprägt und wie sie Kirche denkt. Auch Kirchenleitung. Sie mischt sich in ethische Debatten ein und meldet sich für jene zu Wort, deren Stimme überhört wird. Ihr Amt nutzt sie bewusst als Ökumenikerin, die den konfessionsübergreifenden Dialog ebenso wie für den zwischen Christen und Juden in Thüringen sucht und lebt. Sie unterstützt als Gesicht der EKM bei „Weltoffenes Thüringen“ demokratiefördernde Projekte und Initiativen. In ihrem Ehrenamt ist sie als Vorstandsvorsitzende des Thüringer Hospiz- und Palliativverbandes tätig. Die FriedensDekade 2026 bekommt mit ihr eine Botschafterin, für die Frieden kein bloßes Ideal ist, sondern auch Handwerk.
Der Kreis schließt sich
Wenn Friederike Spengler nun im Jahr 2026 als Friedensbotin auftritt, ist das für sie keine neue Rolle. Es ist Fortsetzung. Die FriedensDekade gehöre „elemtar“ zu ihrer Prägung, sagt sie und diese Formulierung klingt nach innerer Haltung. Wer die Nikolaikirche 1982 erlebt hat, wer für seine Überzeugung Nachteile in Kauf nehmen musste, wer in der EKD-Synode so deutliche Worte sagt, der glaubt man das.
„Martin Luther soll gesagt haben: Wes das Herz voll, des geht der Mund über. So ist es wohl.“– Dr. Friederike F. Spengler, in ihrer Zusage, das Amt der Friedensbotin für die FriedensDekade 2026 zu übernehmen
Ihren 90-jährigen Vater, der sie damals in die Nikolaikirche mitnahm, wird die Nachricht besonders freuen. Er habe immer Wert auf die Bedeutung ihres Vornamens gelegt, sagt sie. Friederike heißt „Friedensfrau“. Als Friedensbotin 2026 wird dieser Name erneut zur Aufgabe.
Zur Person
Dr. Friederike F. Spengler, Jahrgang 1968, ist seit 2019 Regionalbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Mitglied der 13. Synode der EKD und der Kirchenleitung der VELKD. Sie studierte Theologie in Jena, Erfurt und Marburg und wurde in Heidelberg promoviert. Sie war Gemeinde- und Schulpfarrerin und bekleidete eine landeskirchliche Pfarrstelle. Zuvor arbeitete sie als Kinderdiakonin, Psychiatriepflegerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Jena. Spengler ist verheiratet und hat drei Kinder.
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