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21. Januar 2023

Gedanken zum Jahresmotto „sicher nicht – oder?“ (von Jan Gildemeister, Bonn)

Wir leben im Kontext vieler Krisen: Hungerkrisen, Ernährungskrise, Energiekrise, Klimakrise, Kriege und Gewalt. Je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen, umso deutlicher wird die Komplexität, wenn es um die Lösung dieser Krisen geht. Bei vielen von uns löst das Unsicherheit aus. Was ist das „richtige Handeln“ zur Krisenbewältigung? So sicher nicht – oder? Vermeintliche Sicherheiten oder Gewissheiten scheinen ihre Gültigkeit zu verlieren.

Krieg darf angesichts des mit jedem Krieg verursachten Elends nach Gottes Willen nicht sein. Aber sind Waffenlieferungen an die Ukraine nicht dennoch notwendig? Zur Bekämpfung von Armut weltweit braucht es eine soziale Umverteilung, eine gerechte Verteilung für alle – oder? Müssen die Reichen endlich in die Pflicht genommen werden? Und gehören wir nicht selber zu den „Reichen“? Um die Klimakrise zu bekämpfen, muss der CO²-Ausstoß massiv reduziert werden, wie es im Pariser Abkommen vereinbart wurde. Aber warum wird Lützerath weggebaggert oder warum wird nicht endlich ein Tempolimit auf Autobahnen beschlossen? Mit einer Ideologie des permanenten Wirtschaftswachstums werden Klima- und Umweltkrise sicher nicht in den Griff zu bekommen sein – oder?

Wie konkret auf Krisen reagiert werden soll und wie der notwendige Wandel am besten erreicht wird, an dieser Frage scheiden sich die Geister:

Sollen andere Staaten der Ukraine bei der militärischen Verteidigung unterstützen, um eine Besetzung durch die russische Armee und eine Unterdrückung der Bevölkerung zu verhindern? Waffenlieferungen an die Ukraine verlängern den Krieg nur und machen alles nur schlimmer – oder?

Wie erreichen wir am schnellsten die Energiewende? Durch radikale Einsparvorgaben und Verzicht – oder brauchen wir nicht eine breite Akzeptanz von Maßnahmen und die Zustimmung der demokratischen Institutionen, damit die Demokratie nicht gefährdet wird?

Der persönliche Austausch über Grenzen hinweg auch mit Menschen in weit entfernten Staaten genießt zu Recht hohe Priorität, er fördert Frieden und Verständigung – oder sollte auch für längere Auslandsaufenthalte auf weite Reisen mit Flugzeug oder Schiff verzichtet werden?

Ähnliches gilt für Fragen, die wir uns als Konsument*innen stellen: Wie kaufen wir am besten nachhaltig und fair ein? Lässt sich durch ein solches Verhalten die Welt verändern? Sicher nicht – oder?

Einerseits ist es gut, ja notwendig, dass wir uns durch Krisen verunsichern lassen. Denn so kommen wir ins Nachdenken, ob wir so weitermachen können wie bisher oder Veränderungen notwendig sind. Manches richtig-falsch-Denken kann so überwunden werden. Aber haben wir Zeit nachzudenken, sind nicht angesichts der zahlreichen Krisen sofort radikale Veränderungen gefordert, die vor allen Dingen eines erreichen sollen: an den Wurzeln von Kriegen, Ungerechtigkeiten und Klimazerstörung anzusetzen?

Radikale Aktivist*innen, ob sie gewaltfreie Aktionen bei Standorten der Rüstungsindustrie bzw. von Atomwaffen durchführen oder auf dringend notwendige Maßnahmen angesichts der Klimakrise aufmerksam machen, wollen uns und die Politik wachrütteln: Lasst euch verunsichern! Setzt nicht auf trügerische Sicherheit durch Waffen! Schaut nicht weg und verhaltet euch nicht ignorant, wenn es um die Zukunft der gesamten Schöpfung und der nachfolgenden Generationen geht. Kleine Änderungen am System reichen da nicht mehr aus. Sicher nicht – oder?

Andererseits löst Verunsicherung auch Hilflosigkeit und Ängste aus. Die Reaktion darauf sind häufig Passivität oder Lethargie („da kann man*frau sowieso nichts mehr machen“). Oder Unmut anderen gegenüber, die real oder vermeintlich (mit-) schuld sind („die da oben, die anderen“); dieser Unmut richtet sich gegen Minderheiten, die sich am wenigsten wehren können (Flüchtlinge, Fremde, sozial Ausgegrenzte). Manche verfallen sogar in eine Art Endzeitstimmung oder es wird nach einfachen Antworten oder Erklärungen gesucht, die einen selbst vom Handlungsdruck befreien („Es gibt keine menschengemachte Klimakrise.“ oder „Die Ausländer*innen sind schuld.“). Verunsicherungen und Ängste bringen die Gefahr mit sich, vereinfachte Antworten auf Krisen zu suchen oder sie zu übernehmen. Aber einfache Antworten helfen ganz sicher nicht – oder?

Mit dem Motto „sicher nicht – oder?“ will die Ökumenische FriedensDekade dazu anregen, vermeintliche Gewissheiten in Frage zu stellen. Wenn wir den Krisen gerecht werden und zu sinnvollem, die Zukunft sicherndem Handeln kommen wollen, dann müssen „Rezepte von gestern“ auf den Prüfstand gestellt werden. Aus der Friedens- und Konfliktforschung wissen wir, dass vor jedem Eingriff in einen Konflikt oder eine Krise zunächst eine genaue Analyse stehen muss. Alle getroffenen Maßnahmen sind kontinuierlich zu überprüfen und müssen ggf. angepasst werden. Notwendig dafür ist eine Offenheit und Ehrlichkeit in der Grundannahme, dass es in den meisten Fällen nicht „den“ richtigen Weg gibt, sondern der Weg selber als Prozess gestaltet werden muss.

Leider ignoriert die Politik häufig diese Erkenntnis: Die Sanktionen gegen Russland werden beispielsweise weder kontinuierlich nach ihren Wirkungen überprüft, noch gibt es Kriterien, unter welchen Voraussetzungen sie auslaufen sollen. Das „100 Milliarden-Paket“ für die Bundeswehr wurde beschlossen, ohne dass vorher analysiert und diskutiert wurde, wofür Deutschland Militär braucht, welche Aufgaben Bundestag und Bundesregierung der Bundeswehr übertragen wollen und welche Ausstattung diese hierfür braucht. Die laufenden Aufrüstungsprojekte, wie der Kauf der F-35 Kampfflugzeuge, waren jedenfalls längst vor der „Zeitenwende“ geplant, die Nationale Sicherheitsstrategie wird ohne öffentliche Diskussion von der Bundesregierung erarbeitet. Die Politik meint gerade in Krisensituationen ihre Handlungsfähigkeit beweisen zu müssen. Darunter leidet häufig eine offene, transparente Debatte sowie eine breite Partizipation u.a. von Wissenschaft und Zivilgesellschaft bei der Suche nach möglichen Lösungsansätzen.

Entscheidungen der Politik, die viele Menschen nicht überzeugen oder nicht mitnehmen, sind Wasser auf den Mühlen von Rechtspopulist*innen. Sie nutzen die oben beschriebenen Muster der Reaktionen auf verunsichernde Krisen geschickt aus: einfache Lösungsstrategien, Ignoranz eines Handlungsbedarfs, falsche Schuldzuweisungen.

Nötig wären eine bessere Krisenkommunikation und Krisenresilienz sowie eine verbesserte Fähigkeit im Umgang mit Unsicherheit. Die Klimakrise und das Artensterben müssen auf allen Ebenen bekämpft werden. Zugleich müssen sich öffentliche Institutionen, Gesellschaft und Individuen darauf einstellen, dass Naturkatastrophen häufiger auftreten werden. Weltweit sind mehr Menschen zur Flucht oder Migration gezwungen, zusätzliche Konflikte entstehen oder eskalieren. Wir müssen lernen, uns von Gewohntem zu verabschieden, im Ungewohnten, in der Veränderung auch das Positive zu sehen. Notwendig bleiben nach Katastrophen, großen Flüchtlingsbewegungen oder bei steigendem Konfliktpotential frühzeitige Information sowie schnelles gezieltes staatliches und zivilgesellschaftliches Handeln. Solidarität ist gefordert, auch über „unseren Tellerrand“ hinweg. Aufklärung tut not, Hintergrundinformationen sind zu kommunizieren und entsprechende Bildungsangebote zu machen. Hierbei spielen (öffentliche) Medien und Schulen eine zentrale Rolle. Vereinfachte Antworten jedenfalls eignen sich für eine jegliche Form der Krisenbewältigung ganz sicher nicht – oder?.

Dass wir uns auf Gottes Handeln in Zuversicht verlassen dürfen, darauf hat bereits der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer vor fast 100 Jahren in seiner Rede auf der Fanö-Konferenz (gehalten am 28.8.1934) hingewiesen. Seine Ausführungen zum Frieden in der Welt können uns Mut machen, über unseren eigenen Schatten zu springen, unsere Unsicherheiten zu überwinden und einen wirklichen Neuanfang zu wagen, der ein gutes Leben für alle eröffnet. Bonhoeffer sagte damals:

„Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? d. h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt sich selber schützen wollen. Friede heißt sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt. Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge?“

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