Zum Hauptinhalt springen

Schlagwort: zivile Konfliktbearbeitung

Geben wir stillschweigend auf, was aus den Trümmern von 1945 entstand?

 81 Jahre Kriegsende: Ein Versprechen und seine Erosion

Am 8. Mai 1945 endete in Europa der verheerendste Krieg der Geschichte. Was die Überlebenden daraus machten, war bemerkenswert. Sie setzten nicht auf Stärke. Sie setzten auf Recht. Die UN-Charta, das Völkerrecht, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, all das entstand in diesem Moment. Nicht aus Idealismus. Aus bitterer Erfahrung.

Die Lehre war einfach und radikal zugleich: Recht vor Macht. Kooperation vor Konfrontation. 81 Jahre später steht dieses Versprechen unter Druck.

Erinnern heißt auch: nachfragen

Der Sammelband Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) nimmt diesen Druck ernst. Er weicht den schwierigen Fragen nicht aus. Was bedeutet Sicherheit heute wirklich? Wer trägt Verantwortung für den Frieden? Und was hat die Generation, die 1945 „Nie wieder“ sagte, uns hinterlassen?

Wer diese Fragen nicht nur im Stillen stellen, sondern durchdenken möchte, findet im Band einen verlässlichen Denkpartner. Das Buch finden Sie aktuell in unserem Webshop.

Eine Ordnung unter Druck

Diese Ordnung ist heute nicht mehr selbstverständlich. Auf der geopolitischen Bühne erleben wir, wie Regierungen und Akteure weltweit die Verhandlungsgrundlage verschieben. Völkerrechtliche Verpflichtungen gelten zunehmend als Hindernis. Konfrontation ersetzt Kooperation. Und wer auf das gemeinsame Regelwerk pocht, wirkt schnell weltfremd.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Umkehrung dessen, was 1945 mühsam errichtet wurde.

Rainer Keil benennt das im Buch „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ ohne Beschönigung. Das Völkerrecht sei eine kostbare Errungenschaft – aber keine stabile. Es funktioniere nur, solange Staaten es gemeinsam tragen. Wo das aufhört, setzt sich die Stärke des Stärkeren durch. Nicht die Stärke des Rechts.

Und was bedeutet das konkret?

Jan Gildemeister zeigt in seinem Beitrag, wie sich diese geopolitische Verschiebung ganz konkret auf Menschen auswirkt. Das geplante Wehrdienstmodernisierungsgesetz senkt die Schwelle für eine Wehrpflicht auch in Friedenszeiten deutlich. Zivile Alternativen kommen in der öffentlichen Debatte kaum vor. Junge Menschen werden nicht gefragt, wie sie Verantwortung übernehmen wollen. Sie haben das Gefühl vor Entscheidungen gestellt zu werden. Auch ein Grund warum heute zum dritten Mal Schülerinnen und Schüler zur Demonstration gegen die Wehrpflicht und für einen gerechten Umgang der Politik mit ihrer Generation auf die Straße gehen.

Das außeracht lassen von zivilen Alternativen ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz einer Sicherheitspolitik, die Stärke vor Recht stellt. Die militärische Antworten bevorzugt, bevor zivile Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Was der 8. Mai nicht vergessen lässt

Am 8. Mai 1945 endete etwas Grausames. Nicht langsam, nicht allmählich – sondern mit einer Plötzlichkeit, die Millionen Menschen atemlos zurückließ. Befreiung und Erschöpfung zugleich. Das Ende eines Albtraums, der Europa in Schutt gelegt hatte.

Was diese Generation daraus machte, hatte eine Klarheit, die nur aus gelebter Erfahrung kommt. Sie wussten, wovon sie redeten. Sie hatten gesehen, wohin Macht ohne Recht führt. Wohin Konfrontation ohne Kooperation führt. Und sie bauten – mühsam, unvollkommen, aber entschlossen – eine Ordnung, die genau das verhindern sollte. Institutionen, Verträge, das Völkerrecht. Nicht als Idealismus. Als Konsequenz.

Diese Ordnung steht heute zur Disposition. Nicht durch einen einzigen dramatischen Bruch, sondern durch viele kleine Verschiebungen. Durch Verträge, die nicht mehr eingehalten werden. Durch Institutionen, die ausgehöhlt werden. Durch eine Debatte, in der zivile Lösungen als naiv gelten und militärische Stärke als einzig realistische Antwort.

Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist die Erinnerung. Die Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht und warum es damals so klar war.

Das Motto der FriedensDekade 2026 couragiert widerständig meint genau das. Nicht Widerstand als Ablehnung. Sondern Haltung. Die tägliche Entscheidung, Recht vor Macht zu stellen. Kooperation vor Konfrontation. Auch wenn das unbequem ist. Gerade dann.

Im nächsten Friedensbrief greifen wir den dritten Bereich aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf: die Kraft der Zivilgesellschaft und was zivile Konfliktbearbeitung weltweit konkret leisten kann.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist jetzt in unserem Shop erhältlich.

Sicherheit mit oder Sicherheit gegen? Eine Frage, die alles verändert

Wer in einer Kirchengemeinde oder Friedensgruppe aktiv ist, kennt das Gefühl. Die Fragen werden größer, die Antworten dünner. Aufrüstung, Wehrpflichtdebatte, Krieg in Europa. Und mittendrin Menschen, die sich fragen, was Friedensarbeit heute noch bedeuten kann und wie sie vor Ort konkret aussehen soll.

Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) hat mit dem Sammelband „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ genau diesen Raum geschaffen. Herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting versammelt es dreizehn Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Kirche und Zivilgesellschaft. Ihr gemeinsames Anliegen: die drängenden Fragen unserer Zeit friedensethisch durchdenken. Für Gemeinden, Friedensgruppen und alle, die Haltung zeigen wollen.

Widerstand als Öffnung – nicht als Mauer

Olaf Warburg, dessen Motiv in diesem Jahr die FriedensDekade prägt, hat es in der aktuellen Folge unseres Gesprächsformates „Frieden im Dialog“ mit Lars Blume klar benannt. Widerstand bedeutet für ihn nicht „Dagegen sein“, sondern „Öffnung zur anderen Seite“. Genau diese Öffnung sucht auch das Buch. Es fragt nicht, ob Frieden möglich ist. Es fragt, wie er gedacht werden muss, damit er es bleibt.

Wer seinem Friedens-Engagement mehr Substanz geben möchte, findet in „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“einen verlässlichen Denkpartner. Derzeit im Sonderangebot in unserem Shop.

Zwei Logiken, eine Entscheidung

Wolfram Stierle arbeitet in seinem Beitrag eine Unterscheidung heraus, die in der aktuellen Debatte kaum jemand so deutlich benennt. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Vorstellungen von Sicherheit. Die eine entsteht durch Kooperation, gemeinsame Strukturen und das mühsame Ringen um Vertrauen. Die andere durch Abschreckung, Aufrüstung und das Prinzip der Stärke. Stierle zeigt: Wer Sicherheit nur als Abwehr denkt, landet unweigerlich in einer Logik, die Wandel verhindert statt ermöglicht.

Beide Logiken sind heute wirksam. Aber nicht gleichgewichtig.

Was die Zahlen sagen

UN-Generalsekretär António Guterres hat es unlängst öffentlich ausgesprochen: Höhere Militärausgaben allein schaffen keinen Frieden. Die Zahlen geben ihm recht. Die globalen Militärausgaben erreichten 2024 einen Rekordwert. Die Ausgaben für Entwicklung und humanitäre Hilfe sanken im gleichen Zeitraum deutlich. Die Investitionen in Abschreckung und Aufrüstung übersteigen die in Kooperation und zivile Lösungen inzwischen um den Faktor zwölf.

Couragiert widerständig – mehr als ein Motto

Das ist der Rahmen, in dem die FriedensDekade 2026 unter dem Motto couragiert widerständig steht. Und es ist der Rahmen, in dem Olafs Bild von den bunten Tauben vor dem Gitterfenster seine eigentliche Tiefe bekommt. Wer heute für gewaltfreie Lösungen eintritt, steht nicht am Rand der Debatte. Er oder sie stellt eine der zentralen politischen Fragen unserer Zeit.

Ein Buch, das weiterdenkt

Was das konkret bedeuten kann, entfaltet das Buch auf seinen weiteren Seiten. Welche Erfahrungen zivile Konfliktbearbeitung weltweit gesammelt hat. Wo sie wirkt. Wo sie an Grenzen stößt. Es liefert keine einfachen Antworten. Aber es gibt der Frage, die Olaf am Ende des Gesprächs stellt, das Fundament, das sie verdient: Braucht unsere Welt wirklich noch mehr Waffen?

In den nächsten zwei Ausgaben des Friedensbriefs greifen wir zwei weitere Bereiche aus „Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“ auf. Im Mai erinnern wir an den 8. Mai und fragen, was „Nie wieder Krieg“ heute bedeutet, wenn junge Menschen wieder über Wehrpflicht diskutieren. Danach blicken wir auf die Kraft der Zivilgesellschaft gestern und heute.

„Frieden suchen in konfliktreichen Zeiten“, herausgegeben von Jochen Cornelius-Bundschuh, Jan Gildemeister und Klara Butting, erschienen im Verlag Erev-Rav, ist derzeit zum Sonderpreis in unserem Webshop erhältlich.

Europäische Friedensarbeit im Blick: Church & Peace Rundbrief 1/2026

Von Georgien bis Serbien, von Wehrpflicht-Debatten bis zur zivilen Verteidigung: Unser Mitglied Church & Peace berichtet aus einem bewegten Europa

Während in Deutschland über Wehrpflicht und Aufrüstung diskutiert wird, protestieren Menschen in Serbien seit über einem Jahr gewaltfrei gegen Korruption, stehen Georgier*innen für ihren EU-Beitritt ein und ringen Friedensaktive europaweit um Räume für zivilen Widerstand. Der aktuelle Rundbrief 1/2026 von Church & Peace, unserem Mitglied im Trägerkreis der Ökumenischen FriedensDekade, gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Vielfalt europäischer Friedensarbeit. Den vollständigen Rundbrief 1/2026 von Church & Peace können Sie auf der Website des Netzwerks lesen:

Gewaltfreier Widerstand in Serbien und Georgien

Marija Parnicki und Marijana Ajzenkol berichten von den anhaltenden Protesten in Serbien: „In Serbien ereignet sich seit einem Jahr der größte gewaltfreie Widerstand in Europa.“ Hunderte wurden verprügelt und verhaftet – doch der Widerstand bricht nicht. Auch in Georgien gehen seit Oktober 2024 Tausende auf die Straße, gegen manipulierte Wahlen und autoritären Kurswechsel. Mikheil Elizbarashvili schildert, wie Protestierende trotz Tränengas und Wasserwerfern nicht aufgeben.

„Stop ReArm Europe“ – Ein anderer Sicherheitsbegriff

Michel Monod aus der Schweiz plädiert für die wachsende Bewegung „Stop ReArm Europe“: „Wir brauchen keine weiteren Waffen … Was wir brauchen, ist ein völlig anderer Plan: echte, soziale, ökologische und gemeinsame Sicherheit für Europa und für die Welt.“ Er erinnert an erfolgreiche Beispiele zivilen Widerstands – von Gandhi über die Berliner Mauer bis zu den gewaltfreien Befreiungen in der DDR, Tschechien und Litauen.

Kroatien: „Welche Würde verteidigen wir?“

Ana Raffai berichtet aus Kroatien von einer Gesellschaft, in der nationalistische Gewalt zunimmt. Gleichzeitig gibt es hoffnungstragende Haltestellen: Die Konferenz „Gläubige für den Frieden“ in Omiš versammelte 60 Teilnehmende aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien. „Die Vorträge waren gut, aber das Beste waren die Gespräche in Kleingruppen, am Esstisch“, beschreibt eine Teilnehmerin. Dialog als Werkzeug der Mutigen.

Niederlande: Wenn links rechts wird

Geke van Vliet analysiert die politische Entwicklung in den Niederlanden: Nach den Parlamentswahlen 2025 ist die Linke kleiner denn je, während sich rechte Kräfte neu sortiert haben. Ihre Diagnose: „Von einer Wende kann hier keine Rede sein“ – eher eine kontinuierliche Verschiebung nach rechts.

Vielfalt und Vernetzung

Der Rundbrief stellt auch den neuen Vorstand vor, berichtet von der Europäischen Konferenz in Herrnhut unter dem Motto „Du lass dich nicht verhärten“ und gibt Einblicke in die Arbeit von Church & Peace in verschiedenen europäischen Ländern. Die scheidende Generalsekretärin Juliane Prüfert verabschiedet sich mit den Worten: „Ihr schafft eine Gegen-Gegenwart, eine Realität, die zeigt, wie Sicherheit durch Vertrauen und Mut entsteht.“

Friedensarbeit kennt keine Grenzen

Der Rundbrief macht deutlich: Friedensarbeit ist europäisch, vielfältig und konkret. Sie findet in Gesprächen am Küchentisch statt, in Workshops zur gewaltfreien Kommunikation, in mutigen Protesten auf den Straßen und in der geduldigen Begleitung von Kriegsdienstverweigerern.

Den vollständigen Rundbrief 1/2026 von Church & Peace können Sie auf der Website des Netzwerks lesen

 

Über Church & Peace:
Church & Peace ist ein europäisches ökumenisches Netzwerk von Friedenskirchen, friedenskirchlich orientierten Gemeinden, Kommunitäten und Friedensdiensten. Als Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade verbindet es friedensbewegte Menschen quer durch Europa.

Friedenspolitische Einordnung | Teil 2: Harte Zeiten für Friedensarbeit

Warum wir jetzt Sichtbarkeit, Zusammenhalt und Mut brauchen

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

 

Bei der letzten Vorstandssitzung der AGDF haben wir uns intensiv mit den aktuellen Entwicklungen in der Welt und in Deutschland befasst. Abgesehen von einigen Lichtblicken sind es harte Zeiten für zivilgesellschaftliches Engagement für Gerechtigkeit und Frieden weltweit und sie könnten noch härter werden. Was wir dort besprochen haben, betrifft nicht nur AGDF-Mitglieder, sondern die gesamte deutsche Friedenslandschaft, auch die Ökumenische FriedensDekade.

Wenn treue Partner wegbrechen

Die EKD-Friedensdenkschrift hinterlässt den Eindruck, als ob die Friedensarbeit kaum gesehen und nicht wertgeschätzt wird. Sind wir dabei, einen „treuen Partner“ und Unterstützer zu verlieren und angesichts notwendiger Einsparungen auch dessen finanzielle Förderung?

Das betrifft nicht nur einzelne Organisationen. Es betrifft alle, die in Deutschland für Frieden arbeiten: Gemeinden, die Friedensgebete feiern. Friedensdienste, die in Konfliktregionen vermitteln. Bildungsträger, die gewaltfreie Kommunikation lehren. Die gesamte Infrastruktur ziviler Konfliktbearbeitung steht unter Druck.

Die Arbeit geht weiter – in der Defensive

Trotz der immensen Herausforderungen gibt es unverändert eine kontinuierliche, langfristig angelegte, professionelle und insgesamt erfolgreiche Arbeit der AGDF-Mitglieder und anderer Friedensorganisationen. Sie ist allerdings in der Defensive, muss sich um den Erhalt von Finanzen oder neue Quellen kümmern, Resilienz und Schutz vor Angriffen verstärken, mit massiver Unsicherheit umgehen.

Was das konkret bedeutet? Friedensfachkräfte werden aus Projekten abgezogen. Bildungsprogramme müssen reduziert werden. Gemeinden bekommen weniger Material und Unterstützung. Die Expertise von Jahrzehnten droht verloren zu gehen – genau dann, wenn sie am meisten gebraucht wird.

Was jetzt zu tun ist

Insofern stehen wir vor mehreren Herausforderungen: Wie können wir die Friedensarbeit und ihren Wert stärker in die (kirchliche) Öffentlichkeit bringen und Entscheidungsträger*innen überzeugen, für sie weiterhin finanzielle Ressourcen zur Verfügung zu stellen? Wie können die Akteure der Friedensarbeit gestärkt und ermutigt werden, wie gemeinsam Perspektiven entwickeln?

Denn sie werden gebraucht, damit Konflikte konstruktiv bearbeitet, gewalttätige Auseinandersetzungen deeskaliert, Schwache empowert, Versöhnungsprozesse erfolgreich aufgesetzt werden und der Einfluss autoritärer Kräfte zurückgedrängt wird.

Es sind harte Zeiten für Friedensarbeit in Deutschland. Aber genau deshalb braucht es jetzt Menschen, die couragiert widerständig daran festhalten: Frieden ist möglich. Frieden braucht professionelle Arbeit. Und Frieden braucht Unterstützung.


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

„Mehr Mut zum Zivilen Frieden“

AGDF übt deutliche Kritik an neuer EKD-Friedensdenkschrift

Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) hat sich kritisch zur neuen Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geäußert. In ihrer Stellungnahme warnt der Friedensverband davor, dass die Denkschrift die Prioritäten in der evangelischen Friedensethik grundlegend verschiebe: Weg vom Primat der Gewaltfreiheit, hin zu einem stärkeren Fokus auf militärische Verteidigungsfähigkeit.

Verschiebung des Verständnisses vom gerechten Frieden

Die AGDF sieht darin eine Abkehr vom bisherigen Konzept des „gerechten Friedens“, das auf einer Doppelbewegung von Gewaltminderung und Gerechtigkeitsförderung beruhte. Stattdessen folge die neue Denkschrift, so der Verband, der „Logik der Zeitenwende“ und räume dem Schutz vor Gewalt durch militärische Stärke Vorrang ein. Damit trete der Gedanke zurück, dass echter Frieden immer auch durch die Zunahme von Gerechtigkeit wächst.

„Diese Fokussierung auf nationale Verteidigungsfähigkeit schwächt das internationale Recht und die globalen Institutionen, die allein Macht und Gewalt der Stärkeren begrenzen können“, heißt es in der AGDF-Stellungnahme. Schutz vor Gewalt dürfe kein Privileg der Mächtigen werden.

Kritik an der Überschätzung militärischer Mittel

Besorgt zeigt sich der Friedensverband auch über eine aus seiner Sicht deutlich veränderte Bewertung militärischen Handelns. Die Denkschrift betone, militärisches und ziviles Handeln müssten zusammengedacht werden – in der Praxis werde aber vor allem militärisches Handeln als wirksamer Schutz vor Gewalt hervorgehoben.

Damit, so die AGDF, werde übersehen, dass militärisches Eingreifen häufig an seine Grenzen stoße, sobald ein Krieg ausgebrochen sei. Nachhaltiger Friede könne nur durch den Ausbau starker Institutionen, gerechter Strukturen und sozialer Resilienz entstehen, Ziele, die auch in den Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen betont werden.

Zivile Konfliktbearbeitung zu schwach gewichtet

Deutlich weist die AGDF auf ein weiteres Problem hin: Die neue Denkschrift unterschätze die Möglichkeiten und die Wirksamkeit ziviler Konfliktbearbeitung. Zivile, demokratische und gewaltfreie Wege würden rhetorisch als unrealistisch dargestellt, anstatt sie als tragfähige Alternativen zu fördern.

Dabei hätten Fachorganisationen für Friedensforschung, Konflikttransformation und Friedensbildung wertvolle Beiträge leisten können, um Grenzen und Potenziale ziviler Ansätze realistisch abzubilden. Diese Perspektiven seien, so die AGDF, jedoch in die Denkschrift nicht eingeflossen.

Fehlende Zukunftsperspektive

Besonders kritisch sieht der Verband, dass die Denkschrift keine klare Zukunftsperspektive entwirft. Zwar erkenne sie an, dass zivile Konfliktbearbeitung mehr Ressourcen erfordere, doch bleibe sie den Vergleich mit den milliardenschweren Aufrüstungsprogrammen schuldig.

„Kirchen und Zivilgesellschaft sollten sich nicht nur innerstaatlich für Rechtsstaatlichkeit einsetzen, sondern auch international Prozesse stärken, die Macht beschränken und völkerrechtswidrige Kriege verhindern können“, fordert die AGDF. Ein solcher Blick nach vorn, getragen von Hoffnung und Mut, fehle in der Denkschrift.

Hoffnung als aktive Friedenskraft

Insgesamt erkenne die AGDF in der neuen Denkschrift eine Tendenz zur politischen Realismusrhetorik. Gottes Friede werde als „Ewiger Friede“ beschrieben, der auf Erden nie erreichbar sei. Damit, so der Verband, werde die biblische Botschaft geschwächt, dass Gottes Friede bereits jetzt wirksam ist und in konkreten Schritten Gestalt gewinnen kann.

„Von einer Kirche, die aus der Hoffnung lebt, erwarten wir, dass sie Mut macht – Mut zu zivilem Handeln, zu Kooperation und zur Kraft des Glaubens, dass Frieden möglich ist“, betont die AGDF. Friedensarbeit brauche Vertrauen in diese Friedenskraft, nicht ihre Relativierung.

Ein Aufruf zum Dialog

Die Kritik der AGDF ist kein Angriff, sondern ein Einladung zum theologischen und gesellschaftlichen Dialog. Sie fordert dazu auf, neu zu fragen, wie evangelische Friedensethik im 21. Jahrhundert aussehen kann – in einer Welt, die von Unsicherheit, Aufrüstung und Klimakrise geprägt ist.

Gerade im Rückblick auf die FriedensDekade 2025 mit ihrem Motto „Komm den Frieden wecken“ erinnert die Stellungnahme daran, dass Frieden kein Zustand, sondern ein Prozess ist: ein gemeinsames Ringen um Gerechtigkeit, Vertrauen und Gewaltfreiheit.

Mehr erfahren:
Die vollständige Stellungnahme der AGDF ist unter www.friedensdienst.de abrufbar.

Die ganze EKD Friedensdenkschrift 2025 finden sie auf EKD.de
Weitere Impulse, Interviews und Stellungnahmen finden sich im Blogbereich auf www.friedensdekade.de.

0
    0
    Einkaufswagen
    Der Einkaufswagen ist leerZurück zum Shop