Rita Süssmuth ist tot: Frieden braucht Haltung
Zum Tod einer couragierten, widerständigen Demokratin
Rita Süssmuth | 1. Februar 2026 | Bundestagspräsidentin | CDU | Friedensarbeit | Demokratie
Lesenswert: Der ausführliche Nachruf von Dr. Michael Borchard (Konrad-Adenauer-Stiftung)
Am 1. Februar 2026 starb Rita Süssmuth. Sie wurde 88 Jahre alt. Mit ihr verliert Deutschland eine Stimme, die weit über Parteigrenzen hinaus gehört wurde. Viele Nachrufe würdigen sie jetzt als Bundestagspräsidentin, als Pionierin der Gleichberechtigung, als streitbare Christdemokratin. Alles richtig. Aber auch für die Friedensarbeit lohnt ein genauerer Blick. Auf eine Frau, die Frieden nicht als fertigen Zustand verstand, sondern als ständige Aufgabe demokratischer Verantwortung.
Rita Süssmuth war keine Friedenspolitikerin im klassischen Sinn. Sie hat keine Abrüstungsverträge verhandelt und keine Friedensmärsche angeführt. Trotzdem steht ihre Lebensleistung beispielhaft für ein Friedensverständnis, das heute dringlicher ist denn je. Frieden als Ergebnis von Menschenwürde, Gerechtigkeit, Dialog. Und als Widerstand gegen Angst und Ausgrenzung.
Das Motto der ökumenischen FriedensDekade 2026 lautet „couragiert widerständig“. Diese Beschreibung passt auf wenige Politikerinnen so genau wie auf Rita Süssmuth. Nicht weil man ihr das nachträglich zuschreibt. Sondern weil sie genau so gelebt hat.
Couragiert: Die Stimme erheben, wenn es unbequem wird
Rita Süssmuth trat erst 1981 in die CDU ein, mit 44 Jahren. Eine klassische Seiteneinsteigerin, bereits Professorin für Erziehungswissenschaften auf dem Höhepunkt ihrer akademischen Karriere. Sie brachte eine eigene Perspektive mit, die nicht immer zu den herrschenden Strömungen ihrer Partei passte. Und das blieb so.
Als Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (1985 bis 1988) stellte sie sich gegen Mehrheiten in der eigenen Partei, wenn sie Grundwerte in Gefahr sah. In der Asylpolitik, bei Fragen der Gleichberechtigung, im Umgang mit Krankheit und gesellschaftlicher Angst. Helmut Kohl hatte sie auf Vorschlag von Heiner Geißler ins Kabinett geholt. Er wusste um die wachsende Bedeutung der Familien- und Frauenpolitik und wollte wählende Frauen an die CDU binden. Das heißt aber nicht, dass Süssmuth sich dem Kanzler verpflichtet fühlte. Ihre eigenen politischen Wege ging sie trotzdem.
Die AIDS-Krise der 1980er Jahre zeigt das besonders deutlich. Während andere in ihrer Partei, nicht zuletzt Peter Gauweiler, eine Meldepflicht für AIDS-Kranke forderten und über Zwangsmaßnahmen diskutierten, widersetzte sich Süssmuth konsequent. Sie ließ sich intensiv informieren, erhöhte die Mittel für die Forschung und startete eine Aufklärungskampagne. Ihr Satz wurde legendär:
„Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Infizierten.“
Das ist bis heute ein Lehrstück für menschenwürdige Politik. Und ein deutliches Nein zu struktureller Gewalt, Stigmatisierung und Angstpolitik. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken würdigte bei Süssmuths Tod:
„Sie setzte auf Aufklärung statt Stigmatisierung und damit auf Menschlichkeit sowie wissenschaftliche Evidenz.“
Diese Haltung war kein taktisches Kalkül. Sie war Ausdruck einer tiefen Überzeugung, gespeist aus ihrem Glauben. Ein liberaler Katholizismus, so beschreibt es der Nachruf der Konrad-Adenauer-Stiftung,
„der den Menschen in seiner Freiheit, aber auch seinem Streben nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt“.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, würdigte sie als „engagierte Christin und herausragende Politikerin“, deren Engagement überzeugt vom christlichen Menschenbild gewesen sei.
Krisenfest war sie auch vorher schon gewesen. Wenige Monate nach ihrem Amtsantritt als Ministerin 1985 kam der Reaktorunfall in Tschernobyl. Von jetzt auf gleich lastet ihr eine Schlüsselrolle auf. Sie ruft sofort die Strahlenschutzkommission der Bundesregierung zusammen, lässt sich en detail informieren und sorgt dafür, dass alle Haushalte umgehend über die Gefahren durch erhöhte Strahlenwerte aufgeklärt werden. Eine auffällige, aber selten gesehene Parallele verbindet sie dabei mit Elisabeth Schwarzhaupt, der ersten Bundesministerin überhaupt, die als Gesundheitsministerin mit dem Contergan-Skandal ins kalteste politische Wasser geworfen wurde. Beide bewährten sich.
Widerständig: Standhalten über Jahre und Jahrzehnte
Widerstand bei Rita Süssmuth war selten laut. Er war beharrlich, argumentativ und langfristig angelegt. Sie blieb standhaft, auch wenn der Gegenwind aus den eigenen Reihen kam. Und der kam oft. Aus „lovely Rita“, wie sie manche anfangs nannten, wurde „lonely Rita“. In einem Interview bekannte sie später: „Ich habe Ablehnung in meiner Partei erfahren, ich habe viel Fremdheit empfunden. Es sind so wenige, auf die man sich wirklich verlassen, bei denen man ein offenes Wort wagen kann.“
Der Nachruf von Dr. Michael Borchard beschreibt sie treffend als jemanden, der es verstand, zugleich Störfaktor und Brückenbauerin zu sein. Unbequem, ohne zu verletzen. Klar, ohne zu polarisieren. Es gibt einen alten jesuitischen Leitsatz, der ihre politische Ethik präzise beschreibt:
„Fortiter in re, suaviter in modo“
Klar und kompromisslos in der Sache, verbindlich im Ton. In einer Zeit, in der Lautstärke oft mit Durchsetzungskraft verwechselt wird, blieb Rita Süssmuth widerständig, ohne schrill zu werden. Wer das Glück hatte, sie persönlich kennenzulernen, war vor allem von ihren menschlichen Fähigkeiten fasziniert. Ihre ausgeprägte Liebenswürdigkeit. Ihre wache, ernste und ehrliche Neugierde auf ihr jeweiliges Gegenüber. Ihre Fähigkeit zuzuhören. Eine Bodenständigkeit, die aus ihrer Kinder- und Jugendzeit erwuchs, in der sie mit ihren Schwestern früh Verantwortung bei der Pflege ihrer kranken Mutter übernehmen musste.
Diese Widerständigkeit zeigte sich über Jahrzehnte in ihrem Einsatz für die Gleichberechtigung der Frauen. Sie trat für politische Teilhabe, Quotenregelungen und die Sichtbarkeit weiblicher Stimmen ein, lange bevor diese Themen mehrheitsfähig wurden. Mit ihrem entschiedenen Eintreten für eine Frauenquote in Führungspositionen der CDU schlug sie 1991 in Hannover beim Bundesparteitag ein Kapitel auf, das erst 2024 am gleichen Ort mit dem Einstieg in eine verbindliche Quote geschlossen wurde.
Noch 2023 kritisierte sie, dass der Gesetzesentwurf zur Wahlrechtsreform keine Regelung zur paritätischen Vertretung von Männern und Frauen im Bundestag beinhalte. Sie konstatierte, dass eine demokratische Gesellschaft nicht vollständig sein könne, „wenn die Stimmen der Frauen nicht gehört werden“. Den Frauenanteil von unter 35 Prozent im Deutschen Bundestag empfand sie als hochproblematisch. Das trage dem „Engagement und den Erwartungen der Frauen in keiner Weise Rechnung. Sie werden schlichtweg ignoriert.“
Bundesfamilienministerin Karin Prien würdigte bei Süssmuths Tod: „Bis zuletzt kommentierte sie politisches Zeitgeschehen und ergriff Position in aktuellen Debatten, sie war in bester Weise streitbar und gleichzeitig Brückenbauerin.“ Ihre Stimme wird fehlen, sagte Prien. Das stimmt.
Nicht beugen: Der Bremer Parteitag und das Bundestagspräsidium
1988 berief Helmut Kohl Rita Süssmuth zur Bundestagspräsidentin. Als zweite Frau in diesem Amt, nach Annemarie Renger. Viele dachten damals, das sei eine Art Verschiebebahnhof gewesen. Kohl wollte die unbequeme Ministerin loswerden, die mit ihren Alleingängen zunehmend zum Problem wurde. Ein repräsentatives Amt sollte sie ein Stück weit ruhigstellen.
Das ging gründlich schief. Denn Süssmuth verstand ihr Amt keinesfalls nur repräsentativ, sondern als hochpolitische Plattform. Den Bundestag nannte sie eine „Werkstatt der Demokratie“. Kein Schaufenster, sondern ein Ort der Auseinandersetzung, des Ringens um Lösungen.
1989 gehörte sie zu jenen, die auf dem Bremer Parteitag Helmut Kohl als Parteivorsitzenden stürzen wollten. Der Versuch misslang. Heiner Geißler und Lothar Späth verloren in der Folge ihre Ämter. Rita Süssmuth aber konnte sich mit der Überparteilichkeit ihres Amtes als Bundestagspräsidentin über diese Krise hinwegretten. Ein Rettungsanker, der ihr auch danach ihren politischen Einfluss sicherte.
1998 fiel sie bei der Wahl zum Parteipräsidium durch. Mit der Abwahl Helmut Kohls sank auch ihr eigener politischer Stern. Doch aufgeben war für sie keine Option. Sie zitierte gern Samuel Beckett:
„Scheitern, weitermachen, nochmal scheitern, besser scheitern, weitermachen.“
Und sie hatte ein zweites Lebensmotto, das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seinem Kondolenzschreiben hervorhob: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Diese Maxime prägte ihr Leben bis zuletzt. Auch nach der öffentlichen Bekanntmachung ihrer Brustkrebserkrankung im Juni 2024 blieb sie eine Stimme im politischen Diskurs. Wenige Tage vor ihrem Tod war sie noch bei der Gedenkstunde des Bundestages zum Holocaust-Gedenken anwesend.
Frieden durch Verständigung und persönliche Präsenz
Besonders deutlich wird Rita Süssmuths Friedensverständnis in ihrem Einsatz für internationale Verständigung. Früher als andere erkannte sie die Notwendigkeit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das brachte sie in Konflikt mit den Vertriebenenverbänden. Aber sie wusste: In der Transformationszeit des Übergangs auf ein freies Ostmitteleuropa war diese rasche Anerkennung eine schiere Notwendigkeit. Ihr Engagement für die deutsch-polnische Verständigung war Ausdruck eines historischen Bewusstseins, das Frieden nicht dem Zufall überließ. Von 2005 an leitete sie das Deutsche Polen-Institut als Präsidentin.
Ihr Verhältnis zu Israel war geprägt von Solidarität und persönlicher Präsenz. Schon 1990, gemeinsam mit Sabine Bergmann-Pohl, der Präsidentin der letzten frei gewählten Volkskammer der DDR, reiste sie nach Israel. Angesichts der sich abzeichnenden Wiedervereinigung wollten sie dort Ängste vor einem übermächtigen Deutschland nehmen.
1991 folgte sie der Einladung des israelischen Ministerpräsidenten Itzchak Schamir und des Präsidenten Chaim Herzog nach Israel. Ohne jedes Zögern, und das just in jener gefährlichen Zeit, in der irakische Raketen israelische Städte trafen. Niemand wusste damals, was in den Sprengköpfen verborgen war. Sie setzte damit ein starkes Zeichen der Solidarität, das in Israel bis heute nicht vergessen worden ist.
Dieses Zeichen war mehr als Symbolpolitik. Es war ein Akt des Beistehens in Gefahr. Frieden beginnt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Genau das hat Rita Süssmuth vorgelebt.
Deutschland als Einwanderungsland: Gegen den Zeitgeist
Vielleicht am mutigsten war Rita Süssmuths Engagement für eine neue Migrationspolitik. Bereits Mitte der 1990er Jahre forderte sie als erste prominente CDU-Politikerin ein klares Bekenntnis: Deutschland ist ein Einwanderungsland und muss sich dieser Realität stellen. Zu einer Zeit, als in ihrer Partei noch das Mantra galt: „Deutschland ist kein Einwanderungsland.“
Als die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 eine Zuwanderungskommission einsetzte, übernahm Süssmuth deren Vorsitz. Sehr zum Unmut ihrer eigenen Partei, die die Mitarbeit in diesem Gremium ablehnte. Der 2001 vorgelegte Bericht begann mit dem programmatischen Satz: „Deutschland braucht Zuwanderinnen und Zuwanderer.“ Diese Kommission, bald nur noch „Süssmuth-Kommission“ genannt, markierte einen Wendepunkt in der deutschen Migrations- und Integrationsgeschichte.
Ihre Arbeit stieß in Teilen der Union auf heftige Ablehnung. Sie ließ sich nicht beirren. Von 2002 bis 2004 leitete sie den Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration, von 2003 bis 2005 arbeitete sie in der UN-Kommission zur internationalen Migration mit. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte in seinem Kondolenzschreiben: „Rita Süssmuth hat mutig und maßgeblich dazu beigetragen, dass Deutschland sich einer aufgeklärten Einwanderungspolitik öffnete. Integration war ihr ein Herzensanliegen.“
Auch hier zeigt sich: Frieden entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch Integration. Nicht durch Angst vor dem Fremden, sondern durch Aufklärung und Teilhabe.
Demokratie als Friedensarbeit
Vielleicht liegt Rita Süssmuths wichtigste friedenspolitische Leistung in ihrem tiefen Verständnis für die Fragilität demokratischer Ordnungen. Der Nachruf von Dr. Michael Borchard bringt das eindrucksvoll auf den Punkt: Sie wusste, „wie wenig man die Existenz liberaler, freiheitlicher Staatswesen als gegeben hinnehmen kann“.
Demokratie braucht Menschen, die bereit sind, „gegen den zu offensichtlichen Strich zu bürsten“, wie Borchard schreibt. Menschen, die sich gegen erbitterte Widerstände standhaft zeigen, wo nötig auch gegen den gesellschaftlichen oder politischen Mainstream. Menschen, die Gerechtigkeit und ein Umdenken einfordern, ohne deshalb in krampfhafte Ideologie zu verfallen.
Rita Süssmuth war mit Haut und Haaren Demokratin. Im sehenswerten Film „Die Unbeugsamen“ über die Frauen der Bonner Republik, an dessen Premiere sie selbst teilgenommen hatte, war sie eine der geachteten Hauptfiguren. Der Titel passt. Beugen musste sie sich am Ende nicht der Politik, sondern der Krankheit und dem Tod. Erst 2020 im Falle ihres Ehemannes Hans, den sie seit dem Abitur kannte. Und nun, wenige Wochen vor ihrem 89. Geburtstag, in ihrem eigenen Fall.
Bundeskanzler Friedrich Merz würdigte sie als „Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen“. Bundespräsident Steinmeier schrieb: „Rita Süssmuth ist stets vorweg gegangen, war Vordenkerin, Vorkämpferin und Vorbild.“
Ein Vermächtnis für die Friedensarbeit
Rita Süssmuth verkörperte eine Haltung, die heute schmerzlich fehlt. Mut ohne Lautstärke, Widerstand ohne Verbitterung, Klarheit ohne Ausgrenzung. Ihr Leben erinnert daran, dass Frieden nicht dort beginnt, wo Konflikte enden, sondern dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen.
Für die FriedensDekade bleibt sie eine wichtige Referenzfigur. Nicht als Ikone, sondern als Ermutigung. Haltung zeigen. Brücken bauen. Standhaft bleiben. Die ökumenische FriedensDekade 2026 steht unter dem Motto „couragiert widerständig“. Rita Süssmuths Leben zeigt, was dieses Motto konkret bedeuten kann. Widerstand aus Gewissen, Mut aus Glauben, Beharrlichkeit aus Überzeugung.
Oder, mit ihren eigenen Worten und ihrem Leben gesprochen: Frieden braucht Menschen, die sich nicht beugen. Weder dem Zeitgeist noch der Angst. Ihr Andenken verpflichtet.
Weiterführende Informationen
Ausführlicher Nachruf: Dr. Michael Borchard, Konrad-Adenauer-Stiftung: „Rita Süssmuth – eine unbeugsame ‘Demokratin mit Haut und Haaren’“
Film: „Die Unbeugsamen“ (2021) – Dokumentarfilm über Frauen der Bonner Republik
Archiv: Teile des persönlichen Nachlasses von Rita Süssmuth werden im Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung verwahrt
Ökumenische FriedensDekade 2026
Die ökumenische FriedensDekade findet jährlich in den zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag im November statt. Das Motto 2026 „couragiert widerständig“ lädt Gemeinden, Gruppen und Einzelpersonen ein, konkrete Wege des gewaltfreien Widerstands zu erkunden.
Unterstützen Sie die ökumenische FriedensDekade und kirchliche Friedensarbeit durch Spenden und den Kauf von Materialien. Besonders empfehlen wir den Friedenskompass 2026, der ab Februar 2026 ausgeliefert wird und praktische Impulse, Texte und Gebete zum Jahresmotto bietet.

