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Schlagwort: Gerechtigkeit

Leymah Gbowee – Frieden beginnt auf dem Marktplatz

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„We must continue to unite in sisterhood to turn our tears into triumph, our despair into determination and our fear into fortitude.“ (Wir müssen uns weiterhin in Schwesternschaft vereinen, um unsere Tränen in Triumph zu verwandeln, unsere Verzweiflung in Entschlossenheit und unsere Angst in Stärke.)

Leymah Gbowee (Liberia, geboren 1972) sprach aus Erfahrung. Sie kannte Tränen, Verzweiflung und Angst. Sie hatte jahrelang in einem Land gelebt, das sich selbst zerfleischte. Und dann stand sie auf. Und mit ihr standen Tausende Frauen auf.

In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Die ersten drei Frauen zum thematischen Schwerpunkt Aufbruch waren von Suttner, Scholl und Kelly. Mit Maathai und nun Gbowee vertiefen wir den Schwerpunkt Schöpfung & Gerechtigkeit. Leymah Gbowee zeigt: Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist die Anwesenheit von Gerechtigkeit.

2026 leben wir in einer Welt, die auf militärische Hierarchien setzt, auf Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Leymah Gbowee zeigt uns einen anderen Weg: Frieden kommt nicht von den Verhandlungstischen der Mächtigen, sondern von den Marktplätzen der Frauen. Von der horizontalen Macht der Gemeinschaft.

 

Wenn Gott im Traum ruft

Leymah Roberta Gbowee wurde 1972 in Monrovia geboren. 1989 brach der erste liberianische Bürgerkrieg aus. Milizführer kämpften um Macht und Bodenschätze. Kindersoldaten wurden mit Drogen an die Front geschickt. Vergewaltigungen waren Kriegswaffe.

Leymah war 17, als der Krieg begann. Sie floh, wurde Mutter, lebte in einer gewalttätigen Beziehung. Sie arbeitete mit traumatisierten Kindersoldaten. Jeden Tag sah sie, was Krieg aus Menschen macht.

2002 hatte Leymah einen Traum. Sie hörte eine Stimme: „Versammle die Frauen, um für Frieden zu beten.“¹ Wie sollte sie, eine einzelne Frau ohne Macht, Frauen versammeln? Wie sollten Gebete einen Krieg beenden?

Aber die Stimme ließ sie nicht los. Leymah erkannte: Das war ein Auftrag. Gott rief sie nicht, weil sie mächtig war, sondern weil sie bereit war. Sie vertraute darauf, dass eine Kraft größer war als ihre Ohnmacht. Sie betete, um „den Teufel zurück in die Hölle zu treiben“.²

 

Spendenaufruf FriedensDekade 2026
Diese Serie ist dank Ihrer Spenden möglich

Die Kraft der weißen T-Shirts

Leymah begann, Frauen zu versammeln. Zunächst Christinnen. Dann geschah etwas Radikales: Sie sprach auch muslimische Frauen an. In einem Land, das entlang religiöser Linien zerrissen war, war das gewagt. Die muslimischen Frauen erkannten: Unsere Söhne sterben genauso. Krieg kennt keine Religion. Warum sollte Frieden Religion trennen?

So entstand „Women of Liberia Mass Action for Peace“ – eine interreligiöse Frauenbewegung. Christinnen und Musliminnen trugen weiße T-Shirts. Weiß für Frieden, weiß für Einheit. Sie besetzten öffentliche Plätze. Sie saßen in der prallen Sonne auf dem Fischmarkt in Monrovia, Tag für Tag. Sie beteten, sie forderten. Sie verweigerten ihren Männern Sex, bis Frieden geschlossen wurde.³

Aber wichtiger war ihre Präsenz. Sie waren da. Sie ließen sich nicht vertreiben.

Präsident Charles Taylor konnte sie nicht ignorieren. Tausende Frauen in weißen T-Shirts forderten: Verhandelt. Beendet den Krieg.

Ghana 2003: Als Frauen Milizführer einsperrten

2003 begannen Friedensverhandlungen in Accra, Ghana. Die Milizführer verhandelten halbherzig, zogen die Gespräche in die Länge. Draußen warteten die Frauen in weißen T-Shirts.

Im August 2003 wollten die Milizführer den Saal verlassen, ohne Ergebnis. Leymah und ihre Frauen blockierten die Türen. Sie ließen niemanden raus.⁴

Die Milizführer drohten mit Verhaftung. Leymah drohte zurück: „Wir haben keine Angst mehr. Wir sind bereit, für das zu sterben, woran wir glauben.“⁴ Dann begann sie, ihr T-Shirt auszuziehen. In der liberianischen Kultur eine tiefe Schande, ein Fluch.

Die Milizführer erstarrten. Das war ihr Moment des Mutes: Die Frauen riskierten öffentliche Demütigung, Verhaftung, Gewalt. Aber sie standen da. Unbewegt.

Die Milizführer blieben. Sie verhandelten weiter. Wenige Wochen später wurde Frieden geschlossen. Der Krieg war vorbei.

Heilige Wut als Kraft

Leymah war wütend. Wütend auf Milizführer, die Kindersoldaten rekrutierten. Wütend auf die Welt, die zusah.

Aber diese Wut machte sie stark. Leymah lehrte: Eure Wut ist heilig. Aber wir verwandeln sie nicht in Gewalt, sondern in Handeln. Wir organisieren uns. Wir besetzen Räume.

2011 erhielt Leymah den Friedensnobelpreis für ihren „gewaltfreien Kampf für die Sicherheit von Frauen“.⁵ In ihrer Rede sagte sie: „Ich bin das Gesicht der Frauen, die ihr nicht seht.“⁵

Was Leymah uns heute sagt

Frieden beginnt bei den Betroffenen. Frieden kommt von den Marktplätzen, nicht von Verhandlungstischen. Wer Frieden will, muss denen zuhören, die am meisten leiden.

Gemeinschaft überwindet Grenzen. Leymah vereinte christliche und muslimische Frauen. Unser Leid ist größer als unsere Unterschiede.

Wut ist eine Kraft für Gerechtigkeit. Friede bedeutet nicht, nett zu sein. Friede bedeutet, heilige Wut in Handeln umzuwandeln.

Leymah Gbowee zeigt: Auch wenn du arm bist, auch wenn du keine Macht hast, auch wenn du Angst hast – du bist Werkzeug für einen größeren Frieden.


Couragiert widerständig, wie Leymah Gbowee. Für eine Welt, in der Frieden von unten wächst.


Quellen und zum Weiterlesen:

¹ Leymah Gbowee: „Mighty Be Our Powers: How Sisterhood, Prayer, and Sex Changed a Nation at War“ (2011), Kapitel 8

² Dokumentarfilm: „Pray the Devil Back to Hell“ (Regie: Gini Reticker, 2008)

³ Gbowee (2011), Kapitel 10

⁴ Dokumentiert in „Pray the Devil Back to Hell“ (2008); Gbowee (2011), Kapitel 14

⁵ The Nobel Peace Prize 2011, Nobelprize.org

Gbowee Peace Foundation: www.gboweepeacefoundation.org

Ziviler Einsatz statt Gewaltlogik: Leymah Gbowee machte mit der Frauenfriedensbewegung in Liberia deutlich, dass Frieden von unten wächst – durch zivilen Mut, gemeinsames Handeln und die bewusste Entscheidung gegen Gewalt. Ihr Engagement stellt bis heute die Frage, wie Menschen Verantwortung für Frieden übernehmen können, ohne Teil militärischer Eskalation zu werden. Diese Frage greift auch der Beitrag Freiwillige Dienste oder Wehrpflicht?“ im Materialheft zur FriedensDekade 2025 auf Seite 40 auf. Sichern Sie sich diese praxisnahen Entwürfe im Materialheft 2025 zum Aktionspreis oder Bestellen Sie schon heute das Gesamtpaket im Abo für die Erstlieferung im Juni diesen Jahres.

Frieden im Dialog: Miriam Kähne über Vorstellungskraft als Friedenskraft und die Reise von 300 Sketchbooks durch Mitteldeutschland Kunst, Imagination und der Mut zur Veränderung

Frieden im Dialog – Folge mit Miriam Kähne

In unserer Serie „Frieden im Dialog“ stellen wir die Menschen und Ideen hinter der ökumenischen FriedensDekade vor, die seit Jahrzehnten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung eintritt. In regelmäßigen Gesprächen teilen Akteure aus dem Gesprächsforum, dem Redaktionskreis und weiteren Netzwerken ihre Erfahrungen, Visionen und Impulse. Dieses Mal treffen sich Lars Blume und Miriam Kähne, Bildungsreferentin für Frieden und Gerechtigkeit und Initiatorin des weltweiten Kunstprojekts justice.peace.imagination. Ein Gespräch über die Kraft der Vorstellungskraft, handgemachte Sketchbooks aus aller Welt und die Frage, ob Kreativität ein Act des Widerstands gegen Resignation sein kann – geprägt von Neugier, Tiefe und dem Glauben daran, dass das Morgen noch gestaltbar ist.

Lars: Herzlich willkommen bei „Frieden im Dialog“, einer Serie der Ökumenischen FriedensDekade. Heute spreche ich mit Miriam Kähne. Miriam ist Bildungsreferentin für Frieden und Gerechtigkeit und hat ein weltweites Kunstprojekt ins Leben gerufen: justice.peace.imagination, mit handgemachten Sketchbooks aus aller Welt. Miriam, schön, dass du da bist.

Miriam: Ich freue mich sehr!

Lars: Bevor wir ins Projekt einsteigen, wer bist du, wenn du gerade mal nicht als Bildungsreferentin Projekte jonglierst? Was lässt dich persönlich hoffnungsvoll bleiben?

Miriam: Ich bin Bildungsreferentin für die Themen Frieden und Gerechtigkeit und arbeite auf dem Gebiet der beiden Ev. Landeskirchen von Mitteldeutschland & Sachsen. Was mich – privat wie beruflich – immer wieder hoffnungsvoll stimmt ist, dass alle Systeme, die von Menschen gemacht sind, auch von Menschen anders gemacht werden können. Ab jetzt. Und erst recht ab morgen. Wir müssen uns nur darauf verständigen, welches Morgen wir gestalten möchten.

Lars: „Ab jetzt. Und erst recht ab morgen.“ Das ist ein Satz, den ich mir merke. Und er führt direkt zum Kern deines Projekts. Der Titel sagt ja schon viel: justice, Gerechtigkeit. peace, Frieden. Und dann: imagination, Vorstellungskraft. Warum braucht es ausgerechnet die, um Frieden und Gerechtigkeit greifbar zu machen?

Miriam: bell hooks sagte: „What we cannot imagine cannot come into being“. Wir brauchen also Bilder und Ideen davon, wie die Welt anders als jetzt aussehen könnte, wo es hingehen soll und wie wir so Frieden und Gerechtigkeit gemeinsam umzusetzen können. Ich beobachte, dass unsere Diskurse über Frieden und Gerechtigkeit oft nur kognitiv und in Begriffen geführt werden und selten mal jemand fragt „was meinst du denn damit“? Aber jede:r von uns verbindet mit den Begriffen doch Gefühle, Bilder, Ohnmachtserfahrungen, Wünsche und vieles mehr! Gerechtigkeit und Frieden (und noch stärker Ungerechtigkeit und Un-Frieden) berühren uns! Lasst uns doch mal schauen, wo wir hinkommen, wenn wir das miteinander teilen und sehen, was dann alles möglich wird!

Lars: Kommen wir zur Form, in der du das alles umsetzt. In einer Zeit, in der presque alles digital läuft, schickst du analoge Notizbücher um die Welt. Was macht den Reiz dieser kleinen Bücher aus?

Miriam: Ehrlich gesagt war ich mir gar nicht ganz bewusst, dass Sketchbook-Art „so ein Ding“ ist in der Künstler:innen-Community weltweit. Ich hatte von einem Projekt gehört (The Sketchbook Project), das ich bei einer USA-Reise in Brooklyn besuchen wollte. Die schickten seit Jahren tausende leere Sketchbooks in die Welt. Leider war das Haus kurz vor meinem Besuch abgebrannt und ich konnte das „Original“ nicht kennenlernen. Aber ich fand die Idee klasse! Und ich glaube, sie eignet sich aus mehreren Gründen perfekt für „Justice.Peace.Imagination“: 1. Es entsteht un Raum, in dem Menschen ernsthaft nach ihren Erfahrungen und Ideen gefragt werden. Und ich habe von sehr vielen die Rückmeldung erhalten, dass sie dadurch eine große Selbstwirksamkeit anstatt Ohnmacht erfahren haben. 2. Die Seiten sind weiß. Jede:r füllt sie mit dem ganz Eigenen. Mit den eigenen Ideen, eigenen Erfahrungen, eigener künstlerischer Handschrift, ohne Vorgabe, mit dem, was ganz tief aus dem Innersten kommt. 3. Menschen, die sich künstlerisch ausdrücken, sind geübt darin, ihre Vorstellungskraft ernst zu nehmen und können andere dadurch inspirieren.

Lars: Diese weißen Seiten sind fast schon ein Symbol. Das kenne ich auch aus dem gemeinsamen Singen. Ich bin musikalisch unterwegs und wenn Menschen zusammen singen, passiert etwas, das ich mit Worten kaum beschreiben kann: Die Stimmen werden eins. Du wächst mit den anderen zusammen. Das ist kein Konzept, das ist eine Erfahrung. Und ich glaube, diese Sketchbooks funktionieren genauso. Parallel zu dieser sehr physischen Welt gibt es das Projekt auch online. Wie ergänzen sich diese beiden Welten für dich?

Miriam: Das wird sich zeigen. 😉 Vor allem wollte ich den internationalen Künstler:innen die Möglichkeit geben, selbst die Ausstellung zu entdecken, sich in einer internationalen Plattform zu zeigen und wie alle anderen Künstler:innen auch, die das möchten, während der Ausstellung über ihre Kunst und ihren Prozess zu sprechen. Inzwischen ist über Insta außerdem eine community unter den Künstler:innen entstanden, sodass wir monatliche globale Kunsttreffs („90 art minutes“) entwickeln, in dem eine Person eine Gestaltungs-Art beibringt. Alle gestalten bei sich vor Ort und vorher wird kommuniziert, welche Materialien benötigt werden. Alle Infos dazu wird es auf dem Insta-Kanal geben. Es gibt eine Vielzahl von kurzfristigen Nutzmöglichkeiten des online-Raums, auch Gruppen können ihn nutzen, um die Sketchbooks zu entdecken und ich denke, dass sich da zwischen März und November noch einiges Kreatives entwickeln wird! Aber wie siehst du das eigentlich? Du bist ja für die Online-Redaktion bei der FriedensDekade zuständig. Wie erlebt man diesen Spagat von innen?

Lars: Das ist eine sehr lebendige Spannung. Ich bin für die Online-Redaktion bei der FriedensDekade zuständig und trotzdem bin ich ein großer Fan analoger Produkte. Wir haben das ja schon zusammen erlebt: Mit der digitalen Vorausstellung zu justice.peace.imagination im Rahmen der FriedensDekade 2025 haben wir gemeinsam erste Erfahrungen gesammelt, wie sich so ein Format online anfühlt und was es leisten kann. Und dieses Jahr machen wir den nächsten Schritt mit erstmals digitalen Versionen des Friedenskompasses 2026. Es ist nicht immer einfach, aber ich glaube: Es braucht beides. Der Mittelweg ist es. Digital öffnet Türen und analog schafft Tiefe.

Lars: Du hattest ja zwei Fragen zusammen beantwortet, die ich trotzdem beide kurz einleiten möchte. Zum einen: Warum war es dir wichtig, dass Menschen nicht nur schauen, sondern selbst aktiv werden? Und zum anderen: Kann ein Sketchbook manchmal mehr vermitteln als ein klassischer pädagogischer Vortrag über Frieden?

Miriam: Je nachdem, was das Ziel ist, muss der Weg dorthin natürlich passen. Und ich empfinde schon, dass es Kontexte gibt, wo zu Frieden und Gerechtigkeit nicht noch mehr Worte gesprochen werden müssen, sondern alles gesagt ist. Und vor allem bestimmte Leute bereits genug Raum in diesem Diskurs eingenommen haben und wir anderen Menschen mehr Gehör schenken sollten. Das war auch eine Frage, die mich geleitet hat während der Einladung von Künstler:innen: Welche Stimmen sind denn interessant zu fragen und werden im momentanen Diskurs nicht laut genug gehört? Ich bin eine große Freundin von ganzheitlicher Bildung und wünsche mir außerdem, dass die Bildungsarbeit Menschen zum Aktivwerden motiviert, zum eigenen Mitgestalten unserer Welt. Und dazu eignet sich die Kunst auf jeden Fall! Denn ein Bild spricht andere Dimensionen des Menschseins an als ein Vortrag. Diese Dynamik möchten wir auch mit den begleitenden Bildungsangeboten aufgreifen. Alle zu völlig unterschiedlichen Themen rund um Justice.Peace.Imagination, aber alle gleich darin, dass sie keine PowerPoint-Präsentation verwenden dürfen. Es sind aktivierende Formate geplant, die Menschen ins Gespräch, ins Kreativwerden und/oder ins Imaginieren bringen.

Lars: Kein PowerPoint, das gefällt mir sehr! Gerade beim Thema Krieg und Frieden nutzen wir so viele Worte. Manchmal zu viele. Kunst ist ein anderer Kanal, kein besserer, aber ein notwendiger. Ich freue mich, sagen zu können, dass ich selbst bei einigen Bildungsveranstaltungen im Rahmen der Ausstellungsreise dabei sein werde. Ohne Folien, dafür mit echtem Dialog. Genau das, wofür dieses Format steht. Ich freue mich sehr darauf, mit Menschen vor Ort zu diesen Themen ins Gespräch zu kommen. Das Motto der FriedensDekade 2026 lautet „couragiert widerständig“. Inwiefern ist das Wiederentdecken der eigenen Fantasie für dich ein Akt des Widerstands?

Miriam: Erstmal merke ich schon, dass es Mut erfordert, sich heute hinzustellen und dafür zu einzustehen, dass die Vorstellungskraft eine wirkliche Kraft ist, die der Katalysator für echte Veränderung sein kann. Wir leben in einer Zeit, in der die vielen Krisen eng miteinander verzahnt sind, hohe Komplexität aufweisen und ehrlicherweise von uns verlangen, dass wir uns radikal alles anders vorstellen. Dass wir Wege finden, die bisher nicht gegangen wurden, weil die Herausforderungen noch nie derartig waren. Unser kollektives Vorstellungsvermögen ist in dieser Zeit massiv gefragt und wir bräuchten viel mehr Mutige, die sich die Welt als lebenswerten Ort für alle vorstellen können.

Lars: Für mich bedeutet „couragiert widerständig“ auch Widerstand gegen die Spaltung unserer Gesellschaft. Im Brückenbauen, im Verbinden hinter dem, was uns verbindet. Wir sind alle Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Ideen. Aber die meisten von uns wollen doch eine Welt, in der es unseren Familien gut geht. Das ist mehr, als uns manchmal bewusst ist. Und das ist ein Anfang. Du hast jetzt so viele dieser Bücher in den Händen gehabt. Gibt es eine Geschichte, eine Seite, die dich besonders berührt hat?

Miriam: Ja, sehr viele. Es war nicht selten, dass ich beim Anschauen eines Hefts weinen musste über die Tiefe und die Ehrlichkeit der Bilder, die mir begegnet sind. Mich berühren die Worte der dementen Frau, deren Wortschnipsel echte Weisheit sind und von einer künstlerischen Wegbegleiterin zusammengefügt wurden. Das Heft eines Strafgefangenen, der in seinem ganz eigenen Stil und seinen Worten Frieden beschreibt. Das Sketchbook einer Frau, die das letzte Gespräch mit ihrem Vater kurz vor seinem Tod dokumentiert hat und mit Kerzenwachs und Haaren gestaltet hat. Es sind einzelne Hefte von Menschen mit Erkrankungen dabei, die es geschafft haben, die Ungerechtigkeitserfahrungen in Gerechtigkeits-Bilder zu verwandeln und eine Welt zu zeichnen, in der wir alle gerne leben. Einige Hefte von Frauen zeigen ganz konkrete Situationen und thematisieren politische Veränderungen, die umsetzbar wären. Und wenn ich anfange zu berichten, fallen mir so viele weitere ein, die alle erwähnt werden sollten. Am besten ist es, sie sich selbst mit viel Zeit anzuschauen! Die vielen so unterschiedlichen Darstellungen von unserer Welt wie sie möglich ist und schon in den Köpfen existiert fesselt mich immer von Neuem.

Lars: Ich merke, wie ich beim Zuhören ganz still werde. Kerzenwachs und Haare. Das letzte Gespräch mit dem Vater. Das ist kein Kunstprojekt mehr, das ist Menschsein in seiner reinsten Form. Ich freue mich sehr darauf, diese Bücher selbst in die Hand zu nehmen. Jetzt steht die Vernissage in Magdeburg bevor, am 26. März geht es los. Was ist das für ein Gefühl?

Miriam: Mich bewegt es sehr, dass sich so viele Menschen aus der ganzen Welt von der Projektidee anstecken ließen! Und ich freue mich, das am 26.3. zu feiern. Und wenn ich nun in der Planung höre, dass Menschen aus ganz Deutschland den Weg nach Magdeburg machen und genauso wie wir auf den Beginn der Ausstellung hinfiebern, fühlt es sich an als ob da eine Gemeinschaft von Menschen entstanden ist, die wie ich hoffen, dass „da noch was geht“ in unserer Gesellschaft und weltweit. Dass die Ohnmachtsgefühle, die wir durch die multiplen Krisen erleben, nicht das letzte Wort sind und dass Kreativität ein Ventil sein kann, das uns anstößt, auch andere Wege auszuprobieren. Darauf bin ich sehr neugierig. Und auch darauf, wie Menschen, die die vielen Sketchbooks noch nicht in der Hand hatten, darauf reagieren, wie sie mit den Bildern in Interaktion gehen, welche Reaktionen sie darauf zeigen, welche Hefte eher herausgezogen werden, usw. Ich freue mich darauf, dass die Sketchbooks nun dahin kommen, wofür sie gestaltet wurden.

Lars: Und genau dafür steht die FriedensDekade. Diese Gemeinschaft, die du beschreibst, die gibt es. Wir sind nicht allein damit. Im November endet die Tour in der Dresdner Frauenkirche, genau zur FriedensDekade. Was bedeutet dir dieser Ort als Abschluss?

Miriam: Ich freue mich sehr auf den Projekt-Abschluss während der Friedensdekade in Dresden. Und wie für alle anderen Ausstellungsorte sind wir auch hier schon in der Planung, um dem ganz speziellen Ort gerecht zu werden und den Ausstellungsrahmen an den Ort anzupassen, damit die Sketchbooks den Menschen begegnen können. Ich habe familiär eine enge Beziehung zu Dresden und bin jedes Mal persönlich berührt, in der wieder aufgebauten Frauenkirche sein zu können. Für mich persönlich ist sie ein Symbol des Friedens. Und ich finde, dass unsere Ausstellung dort ganz hervorragend hin passt, sehe das aber auch im Kontext der vielen andere Orte (kleine Kirchengemeinden auf dem Land, die sich kreativ für Demokratie in ihren Orten engagieren möchten, Jugendkirchen in Kooperation mit Kunstschulen, Ortsvereine, Think Tank-Orte uvm.), die den Weg der Ausstellung zeichnen und alle ihre ganz besonderen Elemente dort hinein bringen.

Lars: Letzte Frage, Miriam. Wenn die letzte Besucherin die Ausstellung in Dresden verlässt, was sollte sie im Idealfall im Kopf oder im Herzen mit nach Hause nehmen?

Miriam: Ich wünsche mir, dass Menschen, die die Ausstellung (und auch die Veranstaltungen, die damit zusammen gehören) besucht haben, motiviert sind, unsere Welt zu einem friedlicheren und gerechteren Ort zu gestalten. Dass sie Bilder gefunden haben von einer Welt, in der sie und wir alle gerne leben möchten. Dass sie begreifen (und zwar nicht nur kognitiv, sondern das auch fühlen und erlebt haben), dass die jetzigen multiplen Krisen nicht das letzte Wort sind, sondern wir zahlreiche Optionen haben, wie es morgen weitergehen kann. Toll wäre es, wenn sie ihre Idee mit anderen teilen konnten und sich bei sich vor Ort in einer Gemeinschaft von anderen Motivierten wiederfinden.

Lars: Miriam, vielen Dank. Für dieses Gespräch, für das Projekt und für deinen Mut, die Vorstellungskraft ernst zu nehmen. Wer die Ausstellung besuchen oder an den Bildungsveranstaltungen teilnehmen möchte, findet alle Infos in den Shownotes. Die Ausstellung startet am 26. März in Magdeburg und wandert bis November durch Mitteldeutschland bis zur Frauenkirche in Dresden. Bis zur nächsten Folge, bleibt im Dialog.

Termine der Ausstellung (Auswahl)

1.–7. Juni, Glindenberg, Glindenberger Leben e.V.

8.–12. Juni, Salzwedel, Jugendkirche

19.–25. Juni, Schmölln, Freiraum

28.–30. Juni, Magdeburg, Friedensmesse im Dom

31. August bis 6. September, Gera, Salvatorkirche

12. September, Lutherstadt Wittenberg, Schöpfungsfest der EKM

13.–20. September, Georgenthal/Altenbergen

21.–25. September, Gotha, ACHAVA-Festspiele, Limus Zukunftsschmiede e.V.

8.–18. November (FriedensDekade), Dresden, Frauenkirche

 

Für alle Termine und Orte schauen Sie gerne auf der Projektseite vorbei: Projekthomepage Sketchbook Project

 

Ausstellungsorte und Daten Ausstellung: justice.peace.imagination

Ein göttlicher Exodus: Papst-Botschaft als Kompass für „couragiert widerständig“

Die Weihnachtsansprache 2025 von Papst Leo XIV. ist mehr als ein Gruß, sie ist eine theologische Grundlegung für den Frieden in stürmischen Zeiten.

In seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie hat Papst Leo XIV. Worte gewählt, die wie eine Blaupause für die kommende Arbeit der Ökumenischen FriedensDekade wirken. Wer die Rede liest, erkennt schnell: Frieden ist für diesen Papst kein passiver Zustand, sondern ein aktiver, oft unbequemer Weg. Es ist ein Weg, der Mut erfordert, oder, wie wir es für 2026 formulieren: ein Weg, der couragiert widerständig gegangen werden muss.

Der Widerstand gegen die „Logik des Egoismus“

Ein zentraler Pfeiler der päpstlichen Rede ist der Aufruf zur Umkehr von einer Gesellschaft, die auf Individualismus baut. Der Papst wird hier sehr deutlich:

„Die Liebe des Vaters […] befähigt uns im Heiligen Geist, Zeichen einer neuen Menschheit zu sein, die nicht mehr auf der Logik des Egoismus und Individualismus beruht, sondern auf gegenseitiger Liebe und Solidarität.“

Hier liegt der erste Anknüpfungspunkt für unser Motto: Widerstand leistet heute bereits derjenige, der sich der herrschenden Logik von „Ich zuerst“ entzieht. Es braucht Courage, in einer Welt, die zunehmend von Aggressivität und Wut (auch in der digitalen Welt) geprägt ist, konsequent auf Solidarität zu setzen. Der Papst fordert uns auf, diese Logik zu durchbrechen – ein zutiefst widerständiger Akt im Sinne des Evangeliums.

Mut zur Niedrigkeit: Das Vorbild Dietrich Bonhoeffer

Besonders bemerkenswert ist, dass Papst Leo XIV. den evangelischen Märtyrer Dietrich Bonhoeffer zitiert, um das Geheimnis von Weihnachten zu erklären:

„Gott schämt sich der Niedrigkeit des Menschen nicht, er geht mitten hinein […]. Gott […] liebt das Verlorene, das Unbeachtete, Unansehnliche, das Ausgestoßene, das Schwache und Zerbrochene.“

Dieser Bezug ist für die ökumenische Friedensarbeit von unschätzbarem Wert. Er zeigt: Gott selbst ist der erste, der „couragiert“ handelt. Er verlässt die Sicherheit des Himmels (der Papst nennt dies den „göttlichen Exodus“) und begibt sich dorthin, wo es wehtut – in die menschliche Not.

Couragiert widerständig zu sein bedeutet für uns im Jahr 2026 genau das: Nicht wegzusehen, wenn Menschen ausgegrenzt werden, sondern „mitten hinein“ zu gehen, auch wenn es den eigenen Komfort oder die eigene Sicherheit kostet.

Keine „kleinen Gärtner“: Der weite Horizont des Friedens

Ein weiterer Aspekt der Rede ist die Warnung vor einer kirchlichen und gesellschaftlichen Selbstbezogenheit. Der Papst erinnert uns daran, dass wir eine universale Aufgabe haben:

„Wir sind keine kleinen Gärtner, die sich um ihren eigenen Garten kümmern, sondern wir sind Jünger und Zeugen des Reiches Gottes, die berufen sind, in Christus Sauerteig einer universalen Geschwisterlichkeit […] zu sein.“

Dieser „Sauerteig“ verändert den ganzen Teig. Friedensarbeit darf nicht im geschützten Raum der eigenen Gemeinde stehen bleiben. Couragierter Widerstand ist laut Papst Leo XIV. ein prophetisches Zeichen. Es geht darum, Sauerteig für eine Geschwisterlichkeit zu sein, die keine Grenzen von Religionen, Kulturen oder Sprachen kennt.

Fazit: Weihnachten als Startschuss für 2026

Die Ansprache macht deutlich: Mission und Gemeinschaft sind untrennbar mit dem Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden verbunden. Papst Leo XIV. ruft uns dazu auf, Baumeister einer Kirche zu sein, die auf die „großen kirchlichen, pastoralen und sozialen Herausforderungen der heutigen Zeit ausgerichtet ist“.

Für die Ökumenische FriedensDekade 2026 bedeutet das: Wir nehmen den Rückenwind aus dem Vatikan mit. Wir lassen uns ermutigen, Sauerteig zu sein. Wir bleiben dran – couragiert in der Liebe und widerständig gegen alles, was das menschliche Miteinander vergiftet.

Machen Sie mit!

Die Worte des Papstes zeigen: Jede Hand wird gebraucht. Gestalten Sie die Friedensgebete und Texte für das Jahr 2026 mit. In unserer Schreibwerkstatt (30.01.–01.02.2026) bringen wir das Motto „couragiert widerständig“ aufs Papier und in die Welt.

Den Frieden wecken: Warum „Frieden“ ein Prozess für Gerechtigkeit ist

Die FriedensDekade 2025 ruft mit ihrem Motto „Komm den Frieden wecken“ dazu auf, sich aktiv und kritisch mit dem Begriff und der Praxis des Friedens auseinanderzusetzen. Der folgende Impuls liefert eine wichtige Grundlage für diese Auseinandersetzung, indem er den Friedensbegriff erweitert und neu beleuchtet.

Dieser Impuls bezieht sich auf den Artikel „Frieden“, ein umkämpfter Begriff von Pro Peace „Ein Impuls aus der praktischen Friedensarbeit“ von Lea Heuser und Christoph Bongard (Pro Peace)

Im Angesicht weltweiter Konflikte und tief gespaltener Debatten stellt sich die Frage: Was bedeutet „Frieden“ heute eigentlich noch?

Man könnte meinen, er sei der kleinste gemeinsame Nenner. Doch beim Blick in Nachrichten und Talkshows reibt man sich verwundert die Augen: Der Begriff polarisiert, wird plötzlich instrumentalisiert und scheint alles andere als eine geteilte Utopie zu sein. Die politische Debatte neigt dazu, Frieden entweder als etwas zu sehen, das nur mit Waffen verteidigt werden kann, oder als etwas, das die pazifistische Ablehnung jeder Gewalt voraussetzt.

Die FriedensDekade 2025 ruft uns mit ihrem Motto „Komm den Frieden wecken“ dazu auf, dieses scheinbar Eingeschlafene neu zu beleben. Doch wie weckt man etwas auf, dessen Definition selbst umkämpft ist?

Frieden als Prozess: Mehr als die Abwesenheit von Gewalt

Für uns ist diese Reduktion zu kurz gedacht. Frieden ist viel mehr als die Abwesenheit von Gewalt. Die Organisation Pro Peace, vertreten durch Lea Heuser und Christoph Bongard, arbeitet für einen sogenannten Positiven Frieden, ein Konzept, das auf den Friedensforscher Johan Galtung zurückgeht. Dieser umfassende Ansatz schließt neben der Abwesenheit direkter, physischer Gewalt auch die Abwesenheit struktureller und kultureller Gewalt ein. Es geht um:

  • Gerechtigkeit

  • Die Verwirklichung der Menschenrechte

  • Demokratische Teilhabe

  • Die Überwindung diskriminierender und rassistischer Strukturen

Ein einfacher Waffenstillstand ist aus dieser Perspektive nicht das Ende, sondern kann bestenfalls der Beginn eines Friedensprozesses sein, der die tieferliegenden Ursachen von Konflikten adressiert.

„Komm den Frieden wecken“: Ein Aufruf zur aktiven Gestaltung

Genau hier wird das Motto „Komm den Frieden wecken“ für die FriedensDekade 2025 greifbar und relevant. Den Frieden zu wecken, bedeutet, ihn nicht als passiven Zustand hinzunehmen, sondern diesen umfassenden Prozess aktiv anzustoßen und zu begleiten. Es heißt, sich nicht mit der bloßen Waffenruhe zufriedenzugeben, sondern die Gerechtigkeitsfragen anzugehen, die immer wieder zu Konflikten führen.

Für die praktische Friedensarbeit gilt der zentrale Leitsatz, den wir uns zu eigen machen sollten:

„Frieden ist kein Zustand, Frieden ist ein Prozess abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit.“

Lassen Sie uns gemeinsam für dieses umfassende Verständnis streiten und den Friedensbegriff aus der Schusslinie holen, wie Heuser und Bongard appellieren.

Machen Sie mit: Unterstützung und Ausblick

Die FriedensDekade lädt Sie ein, diesen Prozess der zunehmenden Gerechtigkeit zu begleiten.

  • Materialien: Um das Motto „Komm den Frieden wecken“ in die Tat umzusetzen, finden Sie alle Materialien zur FriedensDekade. HIER GEHTS ZUM SHOP

  • Spenden: Ihre Spende ermöglicht uns die Fortführung dieser wichtigen Arbeit und die Begleitung von Projekten für einen positiven Frieden. Frieden spenden – Jetzt unterstützen!

Seien Sie außerdem dabei, wenn wir ab Anfang Dezember das neue Motto für 2026 bekannt geben, das diesen Weg entschlossen weiterführen wird.

Zum Original-Impuls: Den vollständigen Artikel von Lea Heuser und Christoph Bongard von Pro Peace können Sie HIER LESEN.

Justice.Peace.Imagination – Eine digitale Ausstellung zur FriedensDekade 2025

Ein Stapel leerer Sketchbooks, darauf der Titel der digitalen Ausstellung justice.Peace.Imagination

Justice.Peace.Imagination

Eine digitale Ausstellung zur FriedensDekade 2025

Kunst kann sagen, was Worte oft nicht können.
Unter dem Motto „Komm den Frieden wecken“ lädt die FriedensDekade 2025 dazu ein, den eigenen Blick auf Frieden, Gerechtigkeit und Verantwortung zu schärfen. Das künstlerische Sketchbook-Projekt „Justice.Peace.Imagination“ greift diese Einladung auf und verwandelt sie in gelebte, sichtbare Kreativität. 

Während der Ökumenischen FriedensDekade werden wir zehn Werke aus dem Projekt präsentieren. Von März bis November 2026 ist die komplette Sketchbook-Ausstellung auf Tour durch Ostdeutschland.

Über 300 Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten gestalten ihr eigenes Sketchbook. Ein leeres Buch, das Raum bietet für Gedanken, Farben, Linien, Visionen. Es ist eine persönliche Auseinandersetzung mit zwei zentralen Fragen:

Wo begegnen dir Gerechtigkeit und Frieden in deiner Lebenswelt und wo nicht?
Und wie könnte eine Welt aussehen , die gerecht und friedlich ist?

Jedes Sketchbook erzählt eine Geschichte. Zusammen bilden sie eine wachsende Bibliothek künstlerischer Stimmen, die zeigen, wie vielfältig und zugleich verbunden unsere Vorstellungen von Frieden sind.

Die Sketchbooks laden ein zu einem lebendigen Dialog zwischen Kunst, Spiritualität und gesellschaftlichem Engagement. Ein Raum, in dem wir gemeinsam beginnen können, den Frieden zu wecken.

Justice.Peace.Imagination

Justice.Peace.Imagination ist ein gemeinsames Projekt der Evangelischen Landeskirchen in Mitteldeutschland und Sachsen. Mehr Infos zum Projekt und zur Teilnahme gibt es hier oder auf dem Instagram-Kanal justice.peace.imagination.

  • Das Bild zeigt einen ziemlich verworrenen Weg, der an manchen Stellen sehr eng ist, an anderen in Sackgassen endet, sich im Kreis dreht, mal in leuchtenden Farben, mal eher düster. Parallel zum Weg sind Worte zur (fehlenden) Gendergerechtigkeit zu lesen.

    Tag 1

    „Die Stunde ist da“ (Römer 13,11). Es ist Zeit aufzuwachen, den Frieden zu suchen und zu wecken. Das erste Bild der digitalen Ausstellung zur FriedensDekade 2025  von Sandy Körner macht sichtbar, dass dieser Weg kein einfacher ist: Er schlängelt sich, verzweigt sich, führt in Sackgassen und wieder hinaus. Für manche ist er leicht, für andere steinig. Doch genau in diesem Unterwegssein beginnt der Frieden – in der Auseinandersetzung, im Dranbleiben, im Versuch, gerecht zu leben.

    Mein Buch hat insgesamt zum Motto, dass es ein sehr langer Weg zu Frieden und Gerechtigkeit ist. Für die einen ist es leicht, für andere ein ziemlich steiniger Weg. Und ein wirkliches Ankommen am Ziel gibt es vielleicht auch gar nicht. Möglicherweise muss die Freiheit und die Gerechtigkeit an manchen Punkten auch mit Gewalt verteidigt werden?! 

    Der Weg zu Frieden und Gerechtigkeit wird sich sichtbar durch mein gesamtes Buch ziehen und durch Schlagworte und kurze Gedankenschnipsel ergänzt werden. 

    Die Doppelseite zeigt einen ziemlich verworrenen Weg, der an manchen Stellen sehr eng ist, an anderen in Sackgassen endet, sich im Kreis dreht, mal in leuchtenden Farben, mal eher düster. Parallel zum Weg sind Worte zur (fehlenden) Gendergerechtigkeit zu lesen.

    – Sandy Körner

     

  • Eine Kerze in einer herbstlichen Landschaft.

    Tag 2

    „Komm, den Frieden wecken“ Mit einer Kerze, die Wärme verspricht, wo noch Dunkel ist. In Gabi Herbsts Beitrag wird das Warten auf Frieden zum Warten auf die Sonne: ein leises Vertrauen, dass Licht und Liebe bleiben, auch wenn sie schon im Aufbruch waren.

    auf die sonne warten

    auf das grosse versprechen

    dass man nicht

    erfrieren wird heute

    und morgen auch nicht

    dass licht da sein wird

    an allen ecken und enden

    und die liebe den koffer

    noch einmal auspackt

    mit dem zu fliehen sie

    vorhatte

    – Gabi Herbst

  • Sonne der Gerechtigkeit

    Tag 3

    „Komm, den Frieden wecken“. Dieser Ruf der FriedensDekade 2025 klingt in vielen Tönen. Manchmal leise und hoffnungsvoll, manchmal rau und schmerzhaft ehrlich.
    Das heutige Werk, „Sonne der GERECHTIGKEIT“, stammt von einer Jugendlichen, die Worte und Farben für das findet, was schwer auszuhalten ist: Ungerechtigkeit, Schweigen, Verlust von Vertrauen.

    In kräftigen Linien und schmerzlicher Klarheit zeigt sie, dass Frieden nicht entstehen kann, wo Unrecht verdrängt wird. Das Bild erinnert uns daran, dass Frieden auch Wahrheit braucht und den Mut, hinzusehen.


    Sonne der GERECHTIGKEIT
              (G., eine Jugendliche)

    So gerne 
    würde ich das singen; 
    hoffnungsvoll 
    und
    hoffnungsfroh.

    „in unserer Zeit“
    NEIN. Nicht mal in unserer Zeit.
    NEIN. Trotz ForuM Studie.
    NEIN. Trotz angekündigtem Kulturwandel.

    Unser Damals 
    bleibt JETZT.
    Ohne Sonne.
    Ohne Gerechtigkeit.

    „Brich in deiner Kirche an…“
    NEIN. Sie schützt sich lieber selbst.
    NEIN. Sie versteckt sich lieber hinter „unabhängigen“ Kommissionen.
    NEIN. Sie schenkt uns lieber keinen Glauben.

    Erbarm dich Gott.

    ___________________________________

    Dies ist die erste Seite aus einem Sketchbook des Projekts ich.und.ICH.und.wir. Gemalt und geschrieben von einer unserer Jugendlichen, die so sehr damit ringt, dass Kirche ihr Zuhause war/ist und sie erleben muss, wie andere von uns in ihren Gewalterfahrungen durch Kirche allein gelassen werden, wie ihnen nicht geglaubt wird, dass sie sexualisierte, organisierte und rituelle Gewalt durch Pfarrer erlebt haben.

    Material: Ölpastellkreide, Gouache, Acryl

  • Unser langer Weg - Lutz Olaf Walter

    Tag 4

    „Komm, den Frieden wecken“ erinnert daran, dass Frieden kein Ziel ist, das man einmal erreicht, sondern ein Weg, der immer weiterführt.
    Das Werk „Unser langer Weg“ von Lutz-Olaf Walter zeigt diese Bewegung eindrucksvoll: eine Reise durch Dunkelheit und Licht, durch das Chaos der Welt und das Aufblitzen von Hoffnung.

    In den Tiefen des Schwarz verbirgt sich ein zartes, aber beständiges Leuchten. Es erzählt von dem Mut, trotz Unsicherheit weiterzugehen, von der Kraft, das Licht zu suchen, wo Schatten sind.

    Frieden entsteht unterwegs . Schritt für Schritt, inmitten der Ungewissheit.

  • Das Bild Bärbel Benkerts zeigt einen Baum, eine Pistole, sowie eine goldene Rüstung.

    Tag 5

    Das aussdrucksstarke Bild von Bärbel Benkert spricht von einem tiefen, stillen Wandel, vom Ablegen der Schwere und vom Hineinwachsen in etwas Lebendiges.
    „Die Rüstung ablegen“ heißt hier: sich dem Frieden anvertrauen, nicht als Flucht, sondern als bewusste Entscheidung, nicht länger im Widerstand, sondern in Verbindung zu leben.
    So wird der Lebensbaum zum Gegenbild der Waffe. Er steht für Verwurzelung statt Verteidigung, für das leise, beharrliche Wecken des Friedens in uns selbst.
    Ein innerer Akt der Entwaffnung, der den Mut der Liebe sichtbar macht.

  • Tag 6

    Frieden beginnt oft dort, wo wir ihn am wenigsten suchen: in uns selbst. Das Werk von Fanny Oehmichen lädt dazu ein, einen Moment innezuhalten, den Blick nach innen zu richten und den Frieden nicht als Zustand, sondern als tägliche Entscheidung zu begreifen.
    In ihrem Werk spiegelt Fanny Oehmichen den inneren Raum, aus dem Frieden erwachsen kann.
    Ihre warmen Linien und sanften Farben erinnern daran, dass jeder neue Tag eine Einladung zur Achtsamkeit, zur Sanftheit mit uns selbst und zu einer Haltung ist, die Frieden nicht fordert, sondern nährt.
    Der Titel „Jeden Morgen“ verweist auf diese tägliche Verantwortung: Wie wollen wir uns und anderen begegnen? Mit welcher inneren Haltung betreten wir den Tag?

    In meinem Sketchbook geht es um den Frieden, der zuerst in uns selbst beginnt.

    Der Titel heißt „Jeden Morgen“ und verweist auf die Verantwortung, die wir alle dafür tragen wie wir mit uns selbst und anderen umgehen – und jeden Morgen eine neue Entscheidung treffen können und müssen, wie wir den neuen Tag begrüßen wollen. Damit aus dem inneren Frieden auch Frieden mit Anderen werden kann – und wir auch Frieden in die Welt tragen können!

  • Tag 7

    Peggy Einickes leuchtende Komposition fragt direkt: „Do you like what you see?“
    Sie fordert uns heraus, über Wahrnehmung, Verantwortung und schöpferische Kraft nachzudenken. Ihre Arbeit ist ein Weckruf an die Vorstellungskraft. An die Fähigkeit, die Welt neu zu sehen, sie mitzugestalten und das innere Feuer der Hoffnung zu entfachen. 

    Wenn wir unseren Imaginations-Muskel stärken, öffnen wir den Raum, in dem Frieden wachsen kann.
    So wird aus dem Motto „Komm den Frieden wecken“ ein kreativer Auftrag: den Mut zu haben, neue Bilder von Zukunft zu entwerfen und sie Schritt für Schritt Wirklichkeit werden zu lassen.

  • Tag 8

    Christiane Thiels vielschichtiges Werk verbindet Intimität, Ritual und Verletzlichkeit zu einer stillen, aber eindringlichen Meditation über Frieden im eigenen Alltag. Eine Badewanne, Werkzeuge, Teekanne und die in Blau getauchte Figur treten in eine irritierende Spannung: Pflege und Gefahr, Wärme und Verletzbarkeit, Trost und Erschöpfung liegen dicht nebeneinander.

    Ihr Bild erinnert daran, wie oft Frieden dort beginnt, wo wir Selbsterhalt und Selbstfürsorge ernst nehmen. Ein ehrlicher Blick auf unsere Wunden, in der Reinigung von dem, was uns schwer macht, und im mutigen Schritt hin zu Klarheit und Lebendigkeit.

    Der darunter stehende Gundermann-Vers „Sing an gegen die Stille des Todes aus Gier und Trug“ eröffnet einen zweiten Resonanzraum: Frieden ist kein Zustand, der von allein kommt, sondern ein bewusstes Gegen-Anstimmen gegen das, was uns stumpf oder sprachlos macht.

    So schließt das Werk den Kreis zum Motto „Komm den Frieden wecken“: Es ist eine Einladung, im eigenen Inneren anzufangen: im Badewasser, im Atemzug, im Gesang, im kleinen Widerstand gegen das Verstummen.

  • Tag 9

    Das Werk des Kindes bringt auf berührende Weise auf den Punkt, was uns Erwachsenen manchmal verloren geht: klare, mutige Wahrheit. „Wer an Frieden glaubt, tut das Richtige“. Ausgeschnittene Buchstaben, Farbfelder, ein leuchtendes Peace-Symbol. Kein Zögern, kein Konjunktiv, kein vielleicht.

    Es zeigt, dass Frieden nicht kompliziert beginnt. Kinder verstehen intuitiv, dass Glauben an Frieden eine Haltung ist, die das eigene Handeln verändert.

    In seiner spielerischen Klarheit erinnert dieses Bild daran, was die FriedensDekade immer wieder betont: Frieden wächst dort, wo wir ihn ernst nehmen.
    So lädt dieses Werk uns ein, den Frieden wach zu halten. Gerade weil Kinder ihn so selbstverständlich sehen können.

  • Tag 10

    Was tun mit dem geschenkten Frieden?

    In Gisela Wicherns Arbeit liegt ein leiser, aber kraftvoller Moment der Menschlichkeit: Das grob angedeutete Kleid aus Papier wirkt wie eine Hülle, die fehlt, fast so als wäre jemand nicht nur ohne Kleidung, sondern auch ohne Schutz und ohne Stimme in dieser Welt dagestanden.

    Doch im Zentrum des Bildes geschieht etwas Unerwartetes: Zwei Hände, die ein Herz anbieten. Nicht als possessive Geste, sondern als Einladung. Das Herz steht hier nicht nur für Mitgefühl, sondern für Beziehung. Für das, was zwischen Menschen entsteht, wenn wir uns einander ehrlich zuwenden.

    Vielleicht erzählt dieses Bild weniger von Demütigung und mehr von Wiederherstellung. Von dem Moment, in dem jemand, der zu lange unsichtbar war, wieder ins Licht geholt wird. Als würde das Kleid nicht nur den Körper, sondern die Identität zurückgeben.

    Unter dieser Perspektive wird die Arbeit zu einer Frage an uns alle:
    Wie oft laufen wir an Menschen vorbei, die darauf warten mit Respekt und mit Aufmerksamkeit „angezogen“ zu werden?

    Frieden wecken heißt dann: nicht nur Strukturen verändern, sondern Beziehungen heilen.

    Es heißt, sich berühren zu lassen.
    Dem anderen wieder Gewicht geben.
    Die Würde eines Menschen nicht als abstrakten Wert, sondern als Geschenk zu behandeln.

    „Friede“ kommt aus dem Lateinischen und umschreibt die „Pax Romana“, die römische Rechtsordnung. Frieden bedeutet hier „Ordnung“ und gleichzeitig die Abwesenheit von Krieg!

    Aus Gottes Frieden leben –
    – für gerechten Frieden sorgen! Eine Denkschrift des Rates der EKD 2007 –

    Friede + Gerechtigkeit interpretieren sich wechselseitig…

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