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Schlagwort: Courage

Frieden im Dialog mit Ruben Kurschat

Frieden im Dialog: Ruben Kurschat über das couragierte Aufeinanderzugehen. Der Widerstand gegen das Schubladendenken.

Frieden im Dialog – mit Ruben Kurschat

Couragierte Widerständigkeit heißt aufeinander zugehen FRIEDENSGESPRÄCHE. WERTSCHÄTZEND + KONTROVERS

In unserer Serie „Frieden im Dialog“ stellen wir die Menschen und Ideen hinter der ökumenischen FriedensDekade vor, die seit Jahrzehnten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung eintritt. In regelmäßigen Gesprächen teilen Akteure aus dem Gesprächsforum, dem Redaktionskreis und weiteren Netzwerken ihre Erfahrungen, Visionen und Impulse. Dieses Mal treffen sich Lars Blume und Ruben Kurschat, Koordinator des Projektes „Friedensgespräche. Wertschätzend + Kontrovers“ der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden.

 


Lars: Herzlich willkommen bei „Frieden im Dialog“, einer Serie der Ökumenischen FriedensDekade. In dieser Reihe möchten wir die Menschen und Ideen sichtbar machen, die Frieden gestalten. Es geht mir nicht um ein klassisches Interview, sondern um einen echten Dialog auf Augenhöhe. Heute bin ich mit Ruben Kurschat im Gespräch, Koordinator des Projektes „Friedensgespräche. Wertschätzend + Kontrovers“ der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden. Ruben, schön, dass du da bist. Ich starte direkt persönlich: Wenn du gerade mal nicht als Koordinator aktiv bist, wo tankst du Kraft und was lässt dich hoffnungsvoll bleiben?

Ruben: Zunächst mal: If in doubt, go out! Mir hilft es, in den Wald zu gehen, um aufzutanken. Und dann erlebe ich die sozialen Netze als essenziell. Also die echten – Freunde, Familie, Kolleginnen und Kollegen.

Lars: Wald und Natur, das kenne ich gut. Für mich sind das auch echte Kraftorte. Du hast außerdem in Bosnien-Herzegowina gelebt, einem Land, das weiß, was es bedeutet, wenn gesellschaftlicher Zusammenhalt zerbricht. Was hat dich das über Frieden gelehrt, was kein Seminar dir hätte beibringen können?

Ruben: Es sind oft die lauten Stimmen, die rufen „Wir können nicht miteinander!“ Das ist machtvoll, folgt der Kriegslogik und führt schlimmstenfalls zu „ethnischen Säuberungen“ und Genozid. Und ich habe erlebt, dass es immer auch Menschen gibt, die sich davon nicht beirren lassen. Die wieder und wieder das Gegenteil beweisen, indem sie Räume öffnen und das Miteinander leben. Die der Friedenslogik folgen und sagen „Wir können nur miteinander.“ Dieses Handeln ist Kraftquell für alle, die auf der Suche sind, wie Gewalt beendet werden kann. Solche Kraftquellen aufzuspüren und zu stärken, bringt uns dem Frieden näher.

Lars: „Wir können nur miteinander.“ Das ist ein Satz, der tief sitzt – erst recht, wenn man bedenkt, wie viel Mut es erfordert, ihn angesichts von Krieg und existenzieller Gewalt laut auszusprechen. Das zeigt ja: Gemeinschaft und echter Dialog entstehen nicht im geschützten Wohlfühlraum, sondern oft genau dort, wo es extrem ungemütlich und schmerzhaft ist. Das bringt mich direkt zu eurem Format. „Friedensgespräche“ klingt zunächst fast harmlos. Was steckt wirklich dahinter, und warum ist es gerade jetzt alles andere als selbstverständlich?

Ruben: Wenn wir harmlos verstehen können als den Versuch, Schaden abzuwenden, sind wir schon mal auf einem guten Weg. In unseren sozialen Alltagsstrukturen – in der Nachbarschaft, in der Kirchengemeinde, im Chor – stellen wir vielerorts die essentiellen Fragen von Krieg und Frieden gar nicht mehr, weil wir befürchten, das Gespräch entgleitet uns und wir entzweien uns darüber. Auf die Dauer wird es unserer Gesellschaft nicht gut tun, im Vermeidungszustand zu verharren. Friedensgespräche laden dazu ein, das Beschweigen zu überwinden.

Lars: Viele schweigen lieber, als Positionen zu beziehen, aus Angst, sofort etikettiert zu werden, als „Putinversteher“ oder „Bellizist“. Wie schafft ihr in einem Friedensgespräch diesen geschützten Raum, ohne die Kontroversität zu verlieren?

Ruben: Die Strategie, Menschen in Schubladen zu stecken, um uns die Welt zu erklären, ist gerade sehr en vogue. Es scheint leichter, anderen ein Etikett aufzukleben, als sich mit ihnen zu befassen. Ich finde das sehr verständlich in einer Zeit, in der wir spüren, dass wir in unserem Sein bedroht sind. Die Menschen hören, dass es ihre individuelle Verantwortung ist, sich vor sozialer Not zu bewahren. Mittel für Soziales, Kultur, Entwicklungszusammenarbeit usw. werden massiv gekürzt, während zugleich die Ausgaben für Waffenproduktion explodieren und kollektiv zu schultern sind. Das führt zu Wut und Ohnmachtsgefühlen: Ich fühle mich in meiner Integrität angegriffen, verteidige mich und reagiere meinerseits mit Angriff. Etikettierungen sind die einfachste Form von Angriff. Denn meistens sind wir nicht einverstanden mit dem Etikett, das uns jemand aufklebt. Dann ärgern wir uns und reißen es ab und versuchen uns ins richtige Licht zu rücken oder kleben schnell noch der anderen Seite ein Label auf. Nun ist es naheliegend, dass die das auch nicht mag. Der Schlagabtausch ist im vollen Gange und der Gegenstand der Auseinandersetzung spielt keine Rolle mehr. Und dann merken wir die Kosten der Schubladen – wir geraten in einen Strudel von Angriff und Selbstverteidigung. Und jetzt kommt das Überraschende: Viel leichter ist es, wenn wir uns die ganze Energie sparen, die in Angriff und Verteidigung gehen. Und stattdessen erleben, was „die anderen“ und wir eigentlich zu sagen haben.

Lars: Als Online-Redakteur erlebe ich das durchaus. Ich versuche, nicht jede Meinung zu kommentieren oder Menschen zu überzeugen. Manchmal ist meine Rolle eher die eines Blitzableiters: die Verzweiflung hinter einer Aussage erkennen und einfach sein lassen. Das kostet weniger Energie als ich dachte. Euer Ansatz setzt auf Wahrnehmen vor Bewerten. Was passiert in einem Raum, wenn Menschen das wirklich aushalten?

Ruben: Ein Teilnehmer einer Aktivistengruppe sagte in einer Abschlussrunde eines Friedensgesprächs: Ich wünschte, wir würden jedes künftige Treffen damit beginnen, dass einer von uns zehn Minuten aus seinem Leben erzählt. Wenn wir einander und uns selbst wieder als Menschen erleben, die Ängste und Hoffnungen haben und mit diesen Gefühlen auf der Suche sind nach Antworten auf die drängenden Fragen, dann knistert die Luft. Denn wenn Schubladen nicht mehr taugen, fangen wir an, neue Möbelstücke zu entwerfen, die uns andere Ordnungssysteme ermöglichen. Das fordert Mut und zugleich wirkt es unglaublich befreiend!

Lars: Plötzlich steht der Mensch im Vordergrund und nicht mehr die Position. Wenn jemand wirklich von sich erzählt, und der Raum lang genug dafür ist, entstehen keine Phrasen mehr sondern echte Begegnung. Der Mensch wird erfahrbar, jenseits der Polarisierung. Du machst neben deiner Prozessbegleitung auch Audiokunst. Was hat Klang mit Frieden zu tun?

Ruben: In der Klangkunst beschäftigt mich ja vor allem der Audiowalk, also die Verbindung von Hören und Unterwegssein. Und ein Element der Friedensgespräche ist der Moment danach, der Heimweg. Wenn die Teilnehmenden für sich das Erlebte noch mal nachklingen lassen. Was habe ich gehört und wo spüre ich jetzt noch eine Resonanz in mir? Und dann geht das Friedensgespräch nämlich weiter. Noch bevor die Menschen zu Hause ankommen, sind sie eingeladen, einen Nachhall an die Menschen zu senden, die sich noch mit dem Gedanken tragen, ob sie auch ein Friedensgespräch initiieren wollen. Dieser Nachhall kann eine Ermutigung sein, eine methodische Anregung, ein persönliches Erlebnis. Übermittelt wird der Nachhall als Nachricht auf einem Anrufbeantworter. Und diese Sprachnachrichten helfen dabei, die Friedensgespräche weiter zu entwickeln.

Lars: Der Nachhall auf dem Heimweg. Ich kenne diese Qualität aus Singkreisen: die Stille zwischen den Liedern, in der der Moment einfach nachklingen darf, bevor das nächste beginnt. Aus dieser Stille entsteht oft etwas Neues. Ein Gedanke, manchmal ein ganzes Lied. Das Friedensgespräch geht also weiter, auch wenn der Abend vorbei ist. Ihr stellt eine Handreichung bereit, damit Gruppen selbst ein Friedensgespräch initiieren können. Wer kann das anstoßen?

Ruben: Zunächst braucht es jemanden, die oder der sagt: Ich möchte eine Situation verändern. Diese Person sucht sich am besten noch weitere, denen es ähnlich geht. Damit ist der Anfang gemacht. Und die Handreichung der Friedensgespräche, von der du sprachst, ist wie ein Geländer. Das führt mich in der Vorbereitung durch die entscheidenden Fragen: Wer lädt ein? Was ist unser Thema und wie machen wir daraus einen Titel für das Friedensgespräch? Moderieren wir das selbst oder suchen wir uns da Unterstützung? Wie viel Zeit sollten wir einplanen? Ein Geländer greife ich mir dann, wenn ich festen Halt brauche und lasse es los, wenn ich selbst sicheren Grund habe.

Lars: Das Motto der FriedensDekade 2026 lautet „couragiert widerstständig“. Was bedeutet das für euch konkret, wo braucht es diesen Mut?

Ruben: Sich nicht abzufinden mit dem Bestehenden, erfordert Mut. Den anderen nicht mehr überzeugen zu wollen, erfordert Mut. Und sich selbst zu hinterfragen noch mehr. Das ist übrigens etwas, was ich auch von dir erlebe, Lars. Du bist Online-Redakteur für ein breites Publikum und trägst gleichzeitig eine klare Friedenshaltung. Wie hältst du diese Offenheit aufrecht?

Lars: Ich glaube, gemeinsame Positionen entstehen genau dann, wenn wir aufhören, uns hinter der eigenen Haltung zu verschanzen. Nicht weil wir uns anpassen, sondern weil wir wirklich zuhören. Das ist für mich der Unterschied zwischen Diskutieren und Gespräch. „Couragiert widerstständig“ klingt nach Reibung. Aber Friedensgespräche setzen ja gerade auf Begegnung. Ist das kein Widerspruch?

Ruben: Wenn ich dir sage, was du alles falsch siehst, verstehst, tust, und du zählst mir auf, wo ich daneben liege, führt das zu einer Reibung, die wir rasch vermeiden werden. Wir gehen aus der Begegnung. Was bleibt, sind Annahmen über den Gegenüber, Anschuldigungen, Zuschreibungen. Wenn ich mich jedoch an dem reibe, was ich von dir über dich höre, dann ist Veränderung möglich. Ich kann etwas neu verstehen, ich kann mich von einer Überzeugung verabschieden oder ich kann in ihr gestärkt werden.

Lars: Reibung als Kraftquelle, nicht als Abbruch. Kirchengemeinden, Bürgerinitiativen, Nachbarschaften, an wen richtet sich das Format und was habt ihr bisher beobachtet?

Ruben: Die Friedensgespräche sind ein ganz junges Format, wir bekommen gerade sehr vielfältige Rückmeldungen, wo das angedockt und ausprobiert werden soll. Als ein Element auf dem Gemeindefest, als einmalige Gesprächsabend – offen eingeladen, oder als neue methodische Anregung für eine sich regelmäßig treffende Gruppe. Friedensgespräch als Begegnung zwischen zwei Menschen oder für eine Großveranstaltung mit mehreren hundert Teilnehmenden. Ich bin gespannt, wohin uns das trägt und was die Community sich noch einfallen lässt.

Lars: Die FriedensDekade ist seit Jahrzehnten ein fester Ort im kirchlichen Jahr. Was kann das Format dort bewegen, was eine Andacht oder ein Vortrag nicht kann?

Ruben: Friedensgespräche sorgen dafür, dass alle Menschen, die zu einem Thema zusammenkommen, selbst etwas beitragen können. Sie reden von sich und ihren Ideen und Erlebnissen, sie zögern und schweigen, sie sprechen etwas aus, was sie vielleicht noch nie mit anderen geteilt haben. Friedensgespräche sind das kollektive aktive Suchen nach Veränderung. Ohne Besserwisser.

Lars: Ohne Besserwisser. Das sitzt. Die AGDF steht für „Freiden schaffen ohne Waffen“, eine klare Haltung. Wie verhält sich das zum Anspruch, wirklich alle Milieus einzuladen?

Ruben: In Friedensgesprächen kommen Menschen zu Wort, nicht Vertreterinnen und Vertreter von Gruppen oder Ideologien. Niemand muss Angst haben, in diesem Begegnungsformat die eigene Haltung um die Ohren gehauen zu bekommen. Denn wir reden von uns. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Welt friedlicher und gerechter machen, ist größer, wenn wir das gemeinsam versuchen, als wenn wir sagen, du musst nur tun, was ich für richtig definiere.

Lars: Ruben, eine letzte Frage: Wenn die Teilnehmenden eines Friedensgesprächs den Raum verlassen und nach Hause gehen, was sollten sie im Idealfall im Kopf oder im Herzen mitnehmen?

Ruben: Ich lasse da eine Teilnehmerin eines Friedensgesprächs zu Wort kommen. Sie sagte im Nachhinein: Mir hat die Kleingruppenarbeit gut getan! Ich bin mit jemandem ins Gespräch gekommen, mit der ich sonst wahrscheinlich nie so gesprochen hätte. Ich habe mich vorher gefragt: soll ich da hingehen? Jetzt sage ich DANKE!

Lars: Ruben, vielen Dank. Für dieses Gespräch, für das Format und für die Hoffnungskraft, die darin steckt. Wer selbst ein Friedensgespräch initiieren möchte, findet die Handreichung und alle weiteren Informationen unter friedensgespraeche.org. Der digitale Kick-off findet am 27. Mai 2026 von 17 bis 19 Uhr statt, die Anmeldung läuft über das hier verlinkte Formular. Der erste regionale DialogStarter-Tag für Menschen, die die Methode kennenlernen und selbst anwenden möchten, findet am 24. Juni in Berlin statt. Hier gibt es die Details. Bis zur nächsten Folge, bleibt im Dialog.

 

Gehen Sie in Begegnung und wagen Sie sich couragiert widerständig gemeinsam an die großen Themen!

Frieden im Dialog mit dem Gewinner des Motivwettbewerbes 2026 der ökumenischen FriedensDekade Olaf Warburg

Frieden im Dialog: Olaf Warburg über bunte Tauben vor Gefängnissgittern. Das Motiv, das der FriedensDekade 2026

Frieden im Dialog – mit Olaf Warburg

„Couragierte Widerständigkeit“ und die Kunst des Brückenbauens

In unserer Serie „Frieden im Dialog“ stellen wir die Menschen und Ideen hinter der ökumenischen FriedensDekade vor, die seit Jahrzehnten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung eintritt. In regelmäßigen Gesprächen teilen Akteure aus dem Gesprächsforum, dem Redaktionskreis und weiteren Netzwerken ihre Erfahrungen, Visionen und Impulse. Dieses Mal treffen sich Lars Blume und Olaf Warburg, Grafiker und Gewinner des Motivwettbewerbs für die FriedensDekade 2026.

Das Gewinnermotiv ziert bereits alle Materialien und Produkte und lädt ab sofort deutschlandweit auf Plakaten zur FriedensDekade und zu vielfältigen Aktivitäten ein. Hier geht es direkt zu den Motiven.

Ein Gespräch über die Kraft der Symbole, den Mut zum gewaltfreien Widerstand und die Frage, wie Kunst in Zeiten der Aufrüstung neue Freiräume schaffen kann.


Lars: Herzlich willkommen bei „Frieden im Dialog“. Heute blicken wir bereits auf den November 2026. Vor mir liegt dein Motiv für die FriedensDekade 2026 unter dem Motto couragiert widerständig, das dann an tausenden Kirchenwänden und Plakatwänden hängen wird: Zwei bunte Tauben, die ein Gitterfenster überwinden. Gestaltet hat es Olaf Warburg. Olaf, schön dass du dabei bist.

Olaf: Danke für die Einladung!

Lars: Ich fange gerne persönlich an. Was macht dich als Mensch aus, wenn du nicht gerade am Zeichentisch sitzt?

Olaf: Es sind die kleinen Momente, Begegnungen und Situationen, die mir Hoffnung und Mut geben. Momente der Empathie, der Toleranz, des Verständnisses. Viel Kraft schöpfe ich aus meiner Familie.

Lars: Das kann ich gut nachempfinden. Gerade als Vater merkt man ja oft, dass Familie nicht nur eine Kraftquelle ist, sondern das stärkste Friedensargument überhaupt, weil dort Söhne, Töchter und Väter sind, die niemand im Krieg verlieren will. Du hast dich entschieden, dieses Herzblut in ein Motiv für die FriedensDekade zu stecken. Was hat dich dazu bewogen?

Olaf: Wenn ich die Nachrichten schaue, frage ich mich oft: Wie konnte es wieder so weit kommen? Warum ist es inzwischen offenbar „unethisch“, Gewalt abzulehnen? Dagegen anzureden, erfordert in heutigen Zeiten mehr Mut denn je. Als Grafiker ist das eine naheliegende Form, sich damit auseinanderzusetzen.

Lars: Das Wort „unethisch“ in diesem Kontext ist ein deutlicher Befund, aber ich verstehe genau, was du meinst: Die pazifistische Stimme wirkt heute oft fast rechtfertigungspflichtig. Was bedeutet Frieden vor diesem Hintergrund für dich ganz persönlich?

Olaf: Zuhören. Verstehen wollen. Kompromissfähigkeit. Miteinander.

Lars: Vier Begriffe, die eigentlich schon den Kern des neuen Mottos treffen. „Couragiert widerständig“ klingt für 2026 ja erstmal sehr offensiv. Wie hast du auf dieses Motto reagiert?

Olaf: Ich empfinde Widerstand eher nicht als „Dagegen sein“, sondern als „Öffnung zur anderen Seite“. Es bringt gar nichts, Andersdenkende aufgrund ihrer Ansichten zu verurteilen oder gar zu ignorieren. Lasst uns weiter miteinander im Gespräch bleiben. Das allein erfordert Mut genug. Meist stellt sich heraus, dass (fast) niemand Gewalt befürwortet.

Lars: Das ist ein wunderbarer Akzent: Widerstand nicht als Mauer, sondern als Öffnung. Das ist genau das Brückenbauen, das wir im Dialog brauchen. In unserer letzten Folge Frieden im Dialog mit Miriam Kähne und ihrem Projekt justice.peace.imagination ging es viel darum, dass Kunst ausdrücken kann, was Worte oft nicht erreichen. Wie ist bei dir aus diesem Gedanken das Bild entstanden?

Olaf: Zurzeit ist Street Art eine sehr beachtete Kunstform, vor allem aufgrund der Popularität ihres bekanntesten Vertreters Banksy – für dessen Arbeit ich persönlich schon seit langer Zeit sehr empfänglich bin. Obwohl mein Motiv nicht im urbanen Umfeld, sondern auf Papier und am Computer entstand, soll es genauso zum Denken anregen. Insgesamt habe ich drei gänzlich unterschiedliche Entwürfe eingereicht. Zwei davon möchte ich hier nicht näher erläutern. 🙂

Lars: (lacht) Die bleiben dann wohl dein künstlerisches Geheimnis. Aber bleiben wir beim Gewinner-Motiv. Warum ist ein Fenster mit Gittern für dich das passende Bild für das Jahr 2026?

Olaf: Natürlich ist ein Gefängnis zunächst kein Symbol für Frieden. Wenn man aber weiß, wie viele Menschen allein aufgrund ihres Einsatzes für ein gewaltfreies Leben eingesperrt sind, gibt das schon zu denken. Das Gitterfenster macht aber nur einen kleinen Teil am Rand des Motivs aus. Im Zentrum stehen zwei Tauben, die sich über diese Unfreiheit erheben.

Lars: Ein Mitglied der Jury hat in deiner Grafik ein „Durchbrechen“ der Gitterstäbe gesehen. Fliegen die Tauben für dich eher hindurch oder zerstören sie das Hindernis aktiv?

Olaf: Da die Gitterstäbe leider noch intakt sind, stehen sie wohl eher für ein gedankliches, geistiges Durchbrechen, das hoffentlich jeder und jedem erhalten bleibt, der oder die für ihre Courage unter Druck gerät. „Die Gedanken sind frei.“ Auf dass sie sich erheben und möglichst viele Menschen erreichen.

Lars: Ein starkes Bild für die innere Freiheit. Du hast dich dabei gegen die klassische weiße Taube entschieden. Ein Wunsch aus der Community war auch, mehr über die Farbwahl der Tauben zu erfahren. Warum diese bunte Variante?

Olaf: Tatsächlich gab es einen Vorentwurf mit einfarbig schwarzen Tauben. Ich fand aber, dass sie so nicht genügend Gegenkontrast zum tristen Umfeld hatten. Ich wollte ihnen Kraft und Mut mitgeben, was mit satten Farben eindeutig besser funktioniert. Das Blau und Rot habe ich dann dem Auftritt der Ökumenischen FriedensDekade – insbesondere dem Signet „Schwerter zu Pflugscharen“ entnommen.

Lars: Du hast das Logo also direkt in die Illustration integriert.

Olaf: Die Farben werden von den Tauben zitiert. Wenn man so möchte, übernehmen die Gitterstäbe die Rolle eines Schwertes, welches es neu zu schmieden gilt.

Lars: „Neu schmieden“ das passt auch gut zu deiner Heimat Dortmund, einer Stadt mit industrieller Geschichte. Spielt diese Herkunft eine Rolle dabei, wie du Zusammenhalt und Widerstand wahrnimmst?

Olaf: Leider nehme ich auch in meiner Heimat den wachsenden Zuspruch zu mehr militärischer Präsenz wahr. Gleichzeitig gibt es auch nicht wenige Stimmen, die sich nach einer Führungspersönlichkeit und längst überwunden geglaubte Vorstellungen von vornehmlich patriarchalischer und rassistischer Vorherrschaft sehnen. Offenbar geraten Konsens- und Kompromissfähigkeit immer mehr ins Hintertreffen. Umfragen zeigen, dass der „starke Mann“ wieder gefragt ist – mit all seinen Klischees, Vorurteilen und Machtansprüchen. So entstehen neue Gefängnisse – nicht nur gedanklich.

Lars: Das ist eine Beobachtung, die viele von uns teilen: In der Überforderung durch Krisen suchen Menschen einfache Antworten und starke Figuren. Dein Motiv setzt dem etwas entgegen. Was sollen die Menschen im November 2026 fühlen, wenn sie im Alltag an deinem Plakat vorbeigehen?

Olaf: Ich hoffe, dass sie trotz des tristessen Hintergrunds – einer grauen Betonmauer mit einem dunklen Gitterfenster, und das auch noch in einer nicht minder farblosen Jahreszeit – dennoch spüren, dass es um Mut, Kraft, Aufbegehren und Beharrlichkeit geht. Es darf und muss erlaubt sein, gegen Kriegstüchtigkeit und für Menschenrechte einzustehen! Und das in einer Zeit, in der Aufrüstung ein gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint.

Lars: Ein Plakat als Erlaubnis, bei der eigenen gewaltfreien Haltung zu bleiben – das ist ein schöner Gedanke. Zum Abschluss: Welchen Impuls gibst du uns mit auf den Weg?

Olaf: Bleib bei dir. Bleib bei deinen Werten. Auch wenn du das Gefühl hast, dass alle um dich herum anders denken: Steh zu deiner Haltung! Lass dich nicht gedanklich einsperren. Befreie dich von vermeintlich Allgemeingültigem. Braucht unsere Welt wirklich noch mehr Waffen?

Lars: Eine Frage, die wir mit in die FriedensDekade 2026 nehmen. Olaf, vielen Dank für dieses Gespräch und für deine Arbeit. Wer mehr über das Motiv und die Produkte erfahren möchte, findet alle Infos auf friedensdekade.de. Bis zur nächsten Folge, bleiben Sie im Dialog.


Ein kleiner Hinweis für alle, die das neue Design in ihre Friedensarbeit tragen wollen: Das Motiv von Olaf ist bereits auf Postkarten, Postern und den ersten Aktionsmaterialien in unserem Shop erhältlich. Ab dem 11.05. gibt es dort auch das Leporello und in Kürze unsere beliebten Friedens-Streichhölzer.

 

Schauen Sie vorbei und bleiben Sie couragiert widerständig!

Mut vor der Rosenstraße – Als Liebe stärker war als Terror

Mut vor der Rosenstraße – Als Liebe stärker war als Terror

Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert | Folge 2

Aus der Serie „Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert“ zur Ökumenischen FriedensDekade zum Jahresmotto 2026 „couragiert widerständig“.
Das vollständige Porträt steht als PDF zum Download bereit.

Im Februar 1943 herrschte in Berlin der totale Krieg. Die Maschinerie des NS-Regimes lief auf Hochtouren, Deportationszüge rollten Tag für Tag in Richtung Osten. Widerstand schien aussichtslos, jede Kritam lebensgefährlich. Doch in der Rosenstraße, einer unscheinbaren Straße im Herzen Berlins, geschah etwas Außergewöhnliches: Etwa 2.000 Frauen versammelten sich vor einem Verwaltungsgebäude, in dem ihre jüdischen Ehemänner festgehalten wurden. Sie kamen wieder und wieder, trotz Drohungen, trotz vorgehaltener Gewehre, trotz der Angst vor Verhaftung und Tod.

Die Fabrik-Aktion: Wenn Menschen zu Nummern werden

Am 27. Februar 1943 begann die sogenannte „Fabrik-Aktion“ – die letzte große Verhaftungswelle von Jüdinnen und Juden in Berlin. Die Gestapo verhaftete über 10.000 Menschen an ihren Arbeitsplätzen, in ihren Wohnungen, auf offener Straße. Etwa 2.000 der Verhafteten waren Männer in sogenannten „Mischehen“ mit nichtjüdischen Frauen. Diese Männer wurden in der Rosenstraße 2-4 interniert, einem ehemaligen Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde.

Die Frauen dieser Männer wussten, was Deportation bedeutete. Sie kannten die Gerüchte aus dem Osten, das Unfassbare, das man sich nicht zu Ende denken wagte. Und so taten sie das Unmögliche: Sie gingen hin. Stellten sich auf die Straße. Und blieben.

Der Friedenskompass der Friedensdekade

Der Protest: Als Präsenz zur Macht wurde

Was genau Charlotte Israel, Elsa Holzer und Grete Moser bewegte, vor das Gebäude zu gehen, wissen wir nicht. War es Verzweiflung? Hoffnung? Die schiere Unmöglichkeit, zu Hause zu bleiben? Sie kamen und sie waren nicht allein.

Aus einzelnen Frauen wurde eine Menge. Aus einem Tag wurde eine Woche. Die Frauen riefen nach ihren Männern: „Gebt uns unsere Männer wieder!“ Immer wieder dieser Ruf durch die eiskalten Februartage.

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20) – diese Verheißung Jesu bekam in der Rosenstraße eine politische Dimension. Die Versammlung der Wenigen wurde zur Macht durch Präsenz, durch das sture Beharren auf dem Menschlichen in einer Zeit, die das Menschliche systematisch auslöschte.

Die Drohung: Mut trotz Todesangst

Die SS rückte an. Maschinengewehre wurden in Stellung gebracht. „Räumen Sie die Straße, oder wir schießen!“

Die Frauen wichen zurück. Einige gingen nach Hause. Aber sie kamen wieder. Am nächsten Tag. Und am übernächsten. Ihre Angst war real, ihre Verwundbarkeit offensichtlich. Aber stärker als die Angst war die Liebe zu ihren Männern, die Treue zueinander, ein letzter Rest Glauben daran, dass Menschlichkeit nicht ganz ausgelöscht werden kann.

In biblischer Sprache: Sie zogen aus wie David gegen Goliath – unbewaffnet gegen eine militarisierte Todesmaschinerie. Aber ihre Waffe war die Gewaltfreiheit selbst, jene paradoxe Macht, die in ihrer Schwäche stark ist (2 Kor 12,10).

Der Erfolg: Wenn das Undenkbare geschieht

Am 6. März 1943, nach einer Woche Protest, geschah das Undenkbare: Die Männer wurden freigelassen. Nicht alle sofort, aber sie kamen frei. Die meisten von ihnen überlebten das Kriegsende.

War es der Protest allein? Historiker streiten darüber. Manche argumentieren, das Regime habe bereits zuvor gezögert. Andere verweisen auf die Angst der Machthaber vor Unruhen in der bombardierten Hauptstadt.

Doch diese Debatte verkennt das Wesentliche: Die Frauen wussten nicht, ob ihr Protest erfolgreich sein würde. Sie kamen trotzdem. Sie handelten im Vertrauen, dass ihr Tun richtig war, ohne Garantie, ohne Sicherheit. Das ist das Wesen prophetischen Handelns: aufstehen, weil es geboten ist, nicht weil der Sieg sicher ist.

Parallelen zu heute: Zivilcourage in Zeiten der Gewalt

2026 leben wir in einer Welt, in der wieder Panzer rollen, in der Autokraten ihre Macht zementieren, in der Waffenexporte steigen und Diplomatie als Schwäche gilt. Die Rosenstraße erzählt eine andere Geschichte von Sicherheit, von der Macht der Zivilgesellschaft, der Kraft gewaltfreien Widerstands, der Bedeutung öffentlicher Präsenz.

Sie erinnert uns: Autoritäre Systeme sind verwundbarer, als sie erscheinen, gerade wenn Menschen ihre Angst überwinden und zusammenstehen.

Couragiert widerständig: Was wir lernen können

Das Jahresmotto der ökumenischen FriedensDekade 2026 „couragiert widerständig“ ist keine romantische Phrase. Die Frauen der Rosenstraße zeigen uns, was diese Haltung bedeutet:

Couragiert: nicht furchtlos, sondern trotz der Furcht handelnd. Mut ist die Entscheidung, das Richtige zu tun, obwohl man Angst hat.

Widerständig: nicht aus Opposition um ihrer selbst willen, sondern aus Treue zur Menschenwürde. Widerstand beginnt dort, wo Unrecht System wird.

Öffentlich: nicht im stillen Kämmerlein, sondern sichtbar, vernehmbar. Öffentlichkeit ist Schutz und Zeugnis zugleich.

Beharrlich: nicht ein Tag Empörung, sondern das geduldige Aushalten, das Wiederkommen, das Nicht-Aufgeben.

Gewaltfrei: weil der Weg die Botschaft ist und das Mittel das Ziel prägt.

Spendenaufruf FriedensDekade 2026

Eine letzter Gedanke

Die Geschichte der Rosenstraße ist keine Erfolgsgarantie. Sie ist kein Beweis dafür, dass Zivilcourage immer siegt. Tausende andere protestierten nicht und ihre Angehörigen wurden ermordet. Millionen gingen in den Tod, weil zu wenige aufstanden, zu viele schwiegen.

Aber die Rosenstraße ist ein Zeichen. Ein Friedenszeugnis. Eine Erinnerung daran, dass Menschen nicht machtlos sind, auch nicht unter Diktaturen. Dass das vermeintlich Unmögliche möglich werden kann. Dass Liebe stärker sein kann als Terror.

Die Frauen der Rosenstraße haben nicht die Welt gerettet. Aber sie haben ihre Männer gerettet. Sie haben gezeigt, dass es Widerstand gab, auch im dunkelsten Deutschland. Sie haben ein Licht angezündet, das bis heute leuchtet.

Das ist das Wesen von Friedenszeugen: Sie verändern vielleicht nicht alles. Aber sie verändern etwas. Sie brechen das Schweigen. Sie durchbrechen die Logik der Gewalt. Sie werden selbst zur Botschaft, ein lebendiges Zeichen dafür, dass eine andere Welt möglich ist.

In der Rosenstraße steht heute eine Gedenkstätte. Ein Ort, der fragt: Was würdest du tun? Wofür würdest du aufstehen? Wen würdest du nicht aufgeben?

Couragiert widerständig das ist keine historische Kategorie. Das ist eine Lebenshaltung. Für heute. Für morgen. Für uns alle.

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