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13. September 2022

Über die Rolle privater Stiftungen im weltweiten Gesundheitsgeschehen (ein Kommentar)

Die Bill-und-Melinda-Gates Stiftung ist die zweitgrößte Geberin von Geldern für Programme der globalen Gesundheit. Gates Äußerung, dass seine Stiftung alle Aktivitäten zurückstellen und nur noch in die Bekämpfung der Corona-Pandemie investieren werde, kann somit weitreichende Folgen für die Gesundheitssituation in ärmeren Ländern haben. Denn die globale Aufmerksamkeit für Corona lässt vergessen, dass sich viele ärmere Länder in einer dauerhaften Gesundheitskrise befinden. Gesundheitssysteme vielerorts sind zu schwach, um alltägliche Erkrankungen zu behandeln: Es fehlt an Personal, an Medikamenten, an Laborkapazitäten. Gesundheit ist nicht nur von medizinischen Faktoren beeinflusst – von Armut geprägte Lebensbedingungen machen Menschen anfälliger für Gesundheitsgefahren aller Art.

Derzeit zielen Ansätze hin zu einer globalen Gesundheit jedoch vorrangig auf rein medizinisch-technische Lösungen ab. Die dominierenden Ansätze werden durch die großen Geldgeber propagiert, insbesondere durch private Stiftungen, die seit den frühen 2000er Jahren eine bedeutende Rolle einnehmen und den Entwicklungsdiskurs prägen. Allen voran die Gates Stiftung, deren Fördervolumen das aller anderen Stiftungen um ein Vielfaches übertrifft. Dabei bringt die Gates Stiftung Wirtschaftslogik in die Gesundheitsarbeit ein, unter dem selbst erklärten Credo: Tue Gutes und das möglichst effizient. Um diese Kosten-Nutzen-Analyse zu erfüllen, sind Maßnahmen zentral, die kurzfristig umsetzbar und gut messbar sind. Programme zu nachhaltiger Armutsbekämpfung oder dem Aufbau von Gesundheitssystemen sind dabei wenig attraktiv.

Die Einbindung von Unternehmen wird zur Vorbedingung für Kooperationen gemacht und stets auf marktbasierte Lösungen gepocht. Die „Hilfe“ wird zu einer „Ware“ und damit interessant für Unternehmen und Kapitalanleger. Der Nachteil dieser Situation wird deutlich an der weltweiten Medikamentenentwicklung, die fast ausschließlich durch Angebot und Nachfrage gesteuert ist. In ärmeren Ländern sind somit lebenswichtige Therapien häufig nicht verfügbar, weil der dortige Markt für Pharmaunternehmen kaum Kaufkraft bietet. Regierungen haben bisher zu wenig eingegriffen und eine vom Markt losgelöste Medikamentenentwicklung vorangebracht.

Das Handeln der Gates Stiftung wäre weniger problematisch, wenn es umfassendere Ansätze nur ergänzen würde. Tatsächlich wurden aber Entwicklungsprogramme entsprechend der von ihr favorisierten Ansätze verändert. Es wäre zu einfach, die Superreichen dieser Welt dafür verantwortlich zu machen, dass die Gesundheitsagenda bisher so stark durch Privatakteure bestimmt wird. Erst recht gilt es, abstrusen Verschwörungstheorien, die Bill Gates gar als Erfinder der Corona-Pandemie verunglimpfen, entschieden entgegenzutreten.

Jedoch herrscht im politischen Raum ein unerschütterlicher Glaube an die Bedeutung und Leistungsfähigkeit privater Stiftungen. Eine öffentliche Debatte, besonders hinsichtlich ihrer Legitimation und Rechenschaftspflicht, ist überfällig. So sind Stiftungen üblicherweise den eigenen Gremien gegenüber verpflichtet, nicht jedoch gegenüber ihren Mittelempfängern oder gar internationalen Vereinbarungen zur Abstimmung in der Entwicklungszusammenarbeit.

Schließlich ist der Aufschwung privater Stiftungen die Folge einer Wirtschafts- und Fiskalpolitik, die die Anhäufung von Vermögen in diesem Maße erst ermöglicht. Auch dadurch wächst die Kluft zwischen Arm und Reich und Ungleichheit mit all ihren Symptomen verschärft sich. Dies sind die gleichen Symptome, die philanthropische Stiftungen bekämpfen möchten.

MAREIKE HAASE
Referentin Internationale Gesundheitspolitik, Brot für die Welt

 

 

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