
Betty Williams – Den anderen nicht zum Feind machen
Biographie einer Friedenspionierin
Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“
„The only force which can break down those barriers is the force of love, the force of truth, soul-force.“ (Die einzige Kraft, die diese Barrieren überwinden kann, ist die Kraft der Liebe, die Kraft der Wahrheit, die Kraft der Seele.)
Betty Williams (Nordirland, 1943–2020) war keine Politikerin. Sie hatte keinen Friedensplan in der Schublade. Sie war Büroangestellte, Mutter und eine Frau aus Belfast. Am 10. August 1976 sah sie drei tote Kinder auf einer Straße. Wenige Tage später standen Tausende Menschen auf den Straßen Nordirlands.
In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Im Juli zeigte uns Rosa Parks, dass Haltung zeigen Gemeinschaft braucht und aus Gemeinschaft erwächst. Betty Williams vertieft diesen Gedanken: Sie zeigt, dass Friede dort beginnt, wo Menschen aufhören, den anderen als Feind zu sehen.
Eine Frau greift zum Telefon
Nach dem Tod der drei Kinder ruft Betty Williams bei der Zeitung Irish News an und gibt ihre Telefonnummer weiter. In kurzer Zeit kommen mehr als 6.000 Unterschriften zusammen. Gemeinsam mit Mairead Corrigan, der Tante der getöteten Kinder, und dem Journalisten Ciaran McKeown gründet sie die Peace People. Es war nicht die Geschichte einer einzelnen Heldin. Es war die Geschichte von Menschen, die auf denselben Moment unterschiedlich reagierten und daraus gemeinsam etwas Neues entstehen ließen.
In den folgenden Monaten beteiligen sich Hunderttausende an den Kundgebungen. Menschen aus katholischen und protestantischen Gemeinschaften stehen nebeneinander auf Straßen, die sonst durch Angst und Feindbilder geprägt sind. Die Bewegung nennt sich nicht „die Katholiken für den Frieden“ und nicht „die Protestanten für den Frieden“. Sie nennt sich: Peace People. Friedensmenschen.
Den anderen nicht zum Feind machen
Betty Williams wusste, dass Demonstrationen allein einen Konflikt nicht lösen. In ihrer Nobelpreisrede spricht sie von den „Barrieren“, die Menschen voneinander trennen: physische, emotionale, ideologische. Diese Barrieren müssten nicht nur politisch, sondern zwischen den Menschen selbst abgebaut werden.
Darin liegt eine tiefe christliche Dimension ihrer Friedensarbeit. Der andere bleibt Mensch. Auch dann, wenn er mir fremd ist. Auch dann, wenn er mich verletzt hat. Jesus formuliert diesen Anspruch radikal: „Liebt eure Feinde.“ Feindesliebe bedeutet nicht, Gewalt zu verharmlosen. Sie bedeutet zunächst, dem anderen seine Menschlichkeit nicht abzusprechen. Wer den anderen wieder als Menschen sieht, kann mit ihm sprechen. Und wer miteinander spricht, kann beginnen, etwas über die Angst und die Hoffnungen des anderen zu verstehen.
1976 erhielten Betty Williams und Mairead Corrigan den Friedensnobelpreis. In Oslo sagte Williams: „The words are simple but the path is not easy.“ Die Worte sind einfach. Der Weg ist es nicht.
Was bleibt
Die Peace People gerieten unter Druck und zerfielen 1978 in ihrer ursprünglichen Form. Betty Williams engagierte sich später international für Kinderrechte. Sie starb am 17. März 2020 in Belfast.
Hat sie den Konflikt in Nordirland beendet? Nein. Aber die Peace People machten etwas sichtbar: dass Menschen auf beiden Seiten Frieden wollten. Dass Nachbarinnen und Nachbarn nicht zwangsläufig Feinde bleiben mussten. Dass der Wunsch nach Frieden nicht bei einem Wunsch bleiben musste.
Betty Williams begann mit einem Telefonanruf. Andere schlossen sich ihr an. Aus diesem ersten Schritt entstand eine Bewegung.
Couragiert widerständig, wie Betty Williams. Für eine Welt, in der Menschen nicht länger als Feinde leben müssen.
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Fragen zur Reflexion:
Betty Williams reagierte unmittelbar auf den Tod dreier Kinder. Gab es in Ihrem Leben einen Moment, in dem Sie nicht mehr einfach zuschauen konnten?
Die Peace People brachten Menschen aus unterschiedlichen religiösen und politischen Lagern zusammen. Wo erleben Sie heute Trennlinien, die Menschen voneinander fernhalten?
„Liebt eure Feinde“ gehört zu den radikalsten Forderungen des christlichen Glaubens. Was könnte Feindesliebe heute konkret bedeuten, ohne Unrecht und Gewalt zu verharmlosen?
Gebet:
Gott des Friedens, schenke uns den Mut, nicht wegzusehen, wenn Gewalt das Leben bestimmt. Gib uns Mitgefühl für Menschen, die uns fremd geworden sind, und bewahre uns davor, den anderen nur noch als Gegner zu sehen. Lass uns nicht vergessen: Jeder Mensch ist dein Geschöpf. Amen.
Couragiert widerständig, wie Betty Williams.
Für eine Welt, in der Menschen nicht länger als Feinde leben müssen
Quellen und zum Weiterlesen:
Betty Williams: „Nobel Lecture“ (1977), abrufbar unter nobelprize.org
Richard Deutsch: „Mairead Corrigan, Betty Williams“ (1977)
Community of Peace People: www.peacepeople.com
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Betty Williams?
Betty Williams (1943–2020) war eine nordirische Friedensaktivistin, Mutter und Büroangestellte aus Belfast. Nach dem traumatischen Erlebnis, den Tod von drei Kindern auf der Straße mitanzusehen, rief sie die „Peace People“ ins Leben und erhielt dafür 1976 gemeinsam mit Mairead Corrigan den Friedensnobelpreis.
Warum war Betty Williams „couragiert widerständig“?
Weil sie sich im tiefen, gewaltsamen Nordirland-Konflikt weigerte, dem Hass und den traditionellen Feindbildern nachzugeben. Sie brachte katholische und protestantische Menschen zusammen auf die Straße und setzte sich unermüdlich dafür ein, den Gegner im anderen wieder als Menschen zu sehen.
Was ist die Initiative „Peace People“?
Die „Peace People“ war eine von Betty Williams, Mairead Corrigan und Ciaran McKeown gegründete Bürgerbewegung, die Hunderttausende Menschen über die konfessionellen Grenzen hinweg vereinte, um ein gewaltfreies und friedliches Zusammenleben in Nordirland zu fordern.
Wo kann ich das Buch und die Langversionen erhalten?
Die vollständige Geschichte dieses Mutes und alle Porträts der Ausstellung finden Sie im gedruckten Buch „Frauen des Friedens“. Die vertiefenden Langversionen der Episoden stehen exklusiv im Mitgliederbereich der Ökumenischen FriedensDekade als PDF zum Download bereit. Sowohl das Buch als auch die Materialien zur Ausstellung können direkt über den Shop der FriedensDekade erworben werden.
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