
DOROTHY DAY – DEN ANDEREN NICHT AUFGEBEN
Dorothy Day
Teil IV: Radikale Hoffnung praktizieren
„Die größte Aufgabe ihrer Zeit sei es, eine Revolution des Herzens anzustoßen, sagte Dorothy Day: ‚a revolution which has to start with each one of us‘ – eine Revolution, die bei jedem und jeder Einzelnen beginnen muss.“²
Dorothy Day (USA, 1897–1980) war keine Theologin. Sie hatte kein fertiges Programm in der Schublade. Sie war Journalistin, Mutter und eine Frau, die noch mit sechzig Jahren im Gefängnis saß, weil sie sich einer städtischen Übung verweigerte.¹
New York, die Jahre der Suche
Dorothy Day wird 1897 in Brooklyn geboren. Ihre Familie ist nicht besonders kirchlich. Als junge Frau zieht es sie nach New York und in die linken Zeitungsredaktionen. Sie schreibt für sozialistische Blätter, bewegt sich in Kreisen von Schriftstellerinnen, Anarchisten und Gewerkschafterinnen und lebt ein Leben als Bohemienne.¹
1917 steht sie zum ersten Mal vor dem Weißen Haus. Gemeinsam mit den Suffragetten demonstriert sie für das Frauenwahlrecht. Sie wird verhaftet – offiziell wegen „Behinderung des Verkehrs“ – und tritt im Occoquan Workhouse in einen Hungerstreik.⁶ Es ist ihre erste Verhaftung. Es wird nicht die letzte sein.
Politisch ist Dorothy Day zu diesem Zeitpunkt längst wach. Spirituell sucht sie noch. 1926 wird ihre Tochter Tamar geboren. Die Geburt verändert etwas in ihr. Zum ersten Mal empfindet sie eine Dankbarkeit, für die ihr die Sprache der politischen Linken keine Worte bietet. Sie beginnt zu beten. Allein. 1927 lässt sie sich katholisch taufen. Für manche ihrer früheren Weggefährtinnen und Weggefährten ist das ein Bruch. Für Day selbst ist es keiner. Sie versteht ihren Glauben nicht als Abkehr von ihrem Engagement, sondern als dessen Fundament.¹
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Ein Mann klopft an ihre Tür
Im Dezember 1932 klopft ein französischer Wanderphilosoph namens Peter Maurin an ihre Tür. Maurin ist kein klassischer Lehrer. Er lebt einfach, fährt in Zügen mit und schreibt seine Gedanken in kurzen Versen auf – den „Easy Essays“.⁴ Er erzählt Dorothy Day von einer Vorstellung, die zunächst einfach klingt: Glaube müsse sich zeigen. In einer geteilten Mahlzeit. In einem geteilten Dach. In geteilter Arbeit.
Day hört zu. Aus Gesprächen wird ein Plan. Am 1. Mai 1933 verkaufen Dorothy Day und Peter Maurin auf dem Union Square in New York die erste Ausgabe einer Zeitung: The Catholic Worker. Der Preis: ein Cent.⁵ Aus der Zeitung wird eine Bewegung. Es entstehen Häuser der Gastfreundschaft, in denen Menschen ohne Obdach nicht als „Fälle“, sondern als Gäste an einem gemeinsamen Tisch sitzen. Dazu kommen landwirtschaftliche Gemeinschaften. Maurins Idee einer einfachen und geteilten Lebensform wird praktisch erprobt.⁵ Der Aufbruch ist schnell. Das Bleiben wird die eigentliche Aufgabe. Dorothy Day leitet die Zeitung fast fünfzig Jahre lang. Und sie bleibt dabei näher an der Suppenküche als am Schreibtisch.¹
Eine Parkbank und die Sirenen
Dorothy Days Friedensarbeit bleibt nicht bei Worten. Zwischen 1955 und 1960 verweigert sie sich gemeinsam mit anderen Menschen konsequent den städtischen Zivilschutzübungen für den Atomkrieg, der sogenannten „Operation Alert“. Wenn in New York die Sirenen heulen, sollen die Menschen in Schutzräume gehen. Dorothy Day setzt sich stattdessen auf eine Parkbank und wartet, wohl wissend, dass sie verhaftet werden wird.³
Ihr Argument ist einfach: Eine Übung macht einen Atomkrieg nicht überlebbar. Sie trägt aber dazu bei, Menschen daran zu gewöhnen, dass ein solcher Krieg überhaupt vorstellbar und hinnehmbar ist. Für die Übung im Jahr 1957 verbringt Dorothy Day rund einen Monat im Gefängnis. Sie ist zu diesem Zeitpunkt fast sechzig Jahre alt.³
Es bleibt nicht bei diesem Protest. Über Jahrzehnte stellt sie sich gegen Krieg, atomare Aufrüstung und später gegen den Vietnamkrieg. Dabei stößt sie auch in der eigenen Kirche auf Widerstand. Sie verliert Leserinnen und Leser. Spenden bleiben aus. Ihr Ansehen leidet. Sie macht weiter.
1973, mit 75 Jahren, steht sie noch einmal in einer Streikpostenkette. Diesmal in Kalifornien, an der Seite der United Farm Workers von Cesar Chavez. Es geht um die Rechte von Erntearbeiterinnen und Erntearbeitern, viele von ihnen Migrantinnen und Migranten ohne Absicherung. Dorothy Day wird erneut verhaftet und verbringt knapp zwei Wochen im Gefängnis. Es ist ihre letzte Verhaftung.²
Gastfreundschaft als Widerstand
Für Dorothy Day gehören Friedensarbeit und die Arbeit mit armen Menschen zusammen. Wer Gewalt zwischen Staaten ablehnt, kann die Gewalt gegen Menschen am Rand der Gesellschaft nicht einfach übersehen.
Ihre Häuser der Gastfreundschaft sind deshalb keine Nebensache. Sie sind ein Teil ihrer Friedensarbeit. Vielleicht sogar ihr Kern. Dorothy Day zitiert gern eine Zeile aus Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“: Liebe in der Tat sei „a harsh and dreadful thing“ – eine harte und schreckliche Sache. Denn in Gedanken ist Liebe leicht. Schwieriger wird sie, wenn ein konkreter Mensch vor der Tür steht. Ein Mensch ohne Wohnung, der Hilfe braucht, dessen Geschichte man nicht kennt oder der schwierig ist. Dann kostet Gastfreundschaft Zeit, Geld, Geduld und manchmal ein Stück Sicherheit.
Für Dorothy Day liegt genau darin ihre politische Bedeutung: Der Mensch vor der Tür bleibt ein Mensch. Auch wenn er fremd ist. Auch wenn seine Geschichte kompliziert ist. Auch wenn es einfacher wäre, ihn draußen zu lassen.
Nennt mich keine Heilige
Dorothy Day stirbt am 29. November 1980 in New York, in einem der Häuser, die sie selbst mitgegründet hatte. Bis heute bestehen weltweit mehr als 150 Catholic-Worker-Gemeinschaften, die in ihrer Tradition arbeiten.
Seit dem Jahr 2000 läuft in der katholischen Kirche ein Verfahren, das sie eines Tages zur Heiligen erklären könnte. Dorothy Day selbst hätte dieser Gedanke vermutlich nicht gefallen: „Don’t call me a saint. I don’t want to be dismissed that easily.“ Nennt mich keine Heilige. Ich möchte nicht so leicht abgetan werden. In diesem Satz steckt mehr als Bescheidenheit. Wer einen Menschen zur Heiligen macht, kann ihn auch auf Abstand halten. Man bewundert ihn, stellt ihn auf ein Podest und bleibt selbst dort stehen, wo man ist. Dorothy Day wollte das nicht. Ihre Radikalität sollte nicht unerreichbar sein. Sie sollte nachahmbar bleiben.
Was Dorothy Day uns heute sagt
Hat sie die Kriege beendet, gegen die sie protestierte? Nein. Atomwaffen gibt es weiterhin, Menschen arbeiten unter prekären Bedingungen, Menschen werden ausgegrenzt.
Aber ihr Leben macht etwas sichtbar: Frieden beginnt nicht erst dort, wo Regierungen Verträge unterschreiben. Er beginnt auch dort, wo Menschen sich entscheiden, den anderen nicht aufzugeben. Bei Dorothy Day kann das eine Parkbank sein, eine Zeitung für einen Cent, eine Mahlzeit, eine offene Tür, eine Streikpostenkette oder ein Gefängnis. Es sind kleine Dinge, verglichen mit den großen politischen Fragen ihrer Zeit. Und doch wurden daraus über Jahrzehnte Häuser, Gemeinschaften und eine Bewegung. Dorothy Day begann nicht mit einem fertigen Plan. Sie begann mit dem, was vor ihr lag.
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Fragen zur Reflexion
- Widerspruch wagen: Dorothy Day ließ sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder verhaften, weil sie ihre Überzeugungen nicht für sich behielt. Wofür würden Sie heute öffentlich einstehen, auch wenn es unbequem wird?
- Keine Podeste: Sie wehrte sich dagegen, als Heilige verehrt zu werden, weil sie fürchtete, man könnte sich dadurch aus der Verantwortung nehmen. Wo neigen wir dazu, Vorbilder auf ein Podest zu heben, statt ihrem Beispiel zu folgen?
- Gastfreundschaft leben: Für Dorothy Day gehörten Gastfreundschaft und Pazifismus zusammen. Wo könnte diese Verbindung in Ihrem Alltag sichtbar werden?
Gebet
Lass uns nicht am Rand stehen, wo Menschen Hilfe brauchen.
Schenke uns das Vertrauen, den ersten Schritt zu gehen,
und die Ausdauer, bei denen zu bleiben, die zu uns kommen.
Amen.
Zum Weiterlesen:
- Dorothy Day: The Long Loneliness: The Autobiography of the Legendary Catholic Activist, Harper & Brothers, New York 1952.
- Dorothy Day: Loaves and Fishes: The Inspiring Story of the Catholic Worker Movement, Harper & Row, New York 1963.
- Jim Forest: Love Is the Measure: A Biography of Dorothy Day, Orbis Books, Maryknoll 1994.
- Paul Elie: The Life You Save May Be Your Own: An American Pilgrimage, Farrar, Straus and Giroux, New York 2003.
- Catholic Worker Movement: www.catholicworker.org
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