Archiv für das Jahr: 2019

Gebet für unsere Erde (Papst Franziskus in Enzyklika “Laudato si”)

Gebet für unsere Erde
(zum download)

Allmächtiger Gott,
der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist
und im kleinsten deiner Geschöpfe,
der du alles, was existiert,
mit deiner Zärtlichkeit umschließt,
gieße uns die Kraft deiner Liebe ein,
damit wir das Leben und die Schönheit hüten.
Überflute uns mit Frieden,
damit wir als Brüder und Schwestern leben
und niemandem schaden.
Gott der Armen,
hilf uns,
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen,
zu retten.
Heile unser Leben,
damit wir Beschützer der Welt sind
und nicht Räuber,
damit wir Schönheit säen
und nicht Verseuchung und Zerstörung.
Rühre die Herzen derer an,
die nur Gewinn suchen
auf Kosten der Armen und der Erde.
Lehre uns,
den Wert von allen Dingen zu entdecken
und voll Bewunderung zu betrachten;
zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind
mit allen Geschöpfen
auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.
Danke, dass du alle Tage bei uns bist.
Ermutige uns bitte in unserem Kampf
für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.
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Schlussgebet aus der Enzyklika „Laudato si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015) von Papst Franziskus zum Thema Umwelt und Entwicklung.

DER NARR DENKT NUR AN SICH – Ein Impuls von Dr. Marc Witzenbacher

 

Für ein gutes Klima zu sorgen, das hat sich auch der reiche Kornbauer vorgenommen. Von ihm erzählt Jesus im Lukasevangelium (Lk 12,16-21). Der Abschnitt ist einer der biblischen Texte zum diesjährigen Motto der FriedensDekade „friedensklima“. Der Kornbauer plant Erweiterungsbauten für seine reichen Ernteerträge. Er trifft Vorsorge für die nächsten Jahre, er investiert und schafft Arbeitsplätze. Eigentlich scheint das vernünftig, unternehmerisch vorbildlich. Und doch bezeichnet Gott diesen Kornbauern als „Narr“. Denn noch während er plant, sich an seinen Vorräten gütlich zu tun, wird seine Seele gefordert. Und seine ganzen Bemühungen laufen ins Leere.

Seine Torheit ist die Selbstbezogenheit. Ein gutes Klima, das will der Kornbauer nämlich nur für sich. Er meint, für sich selbst planen, arbeiten und wirtschaften zu können. Dabei geraten seine Umwelt und seine Mitmenschen aus dem Blick. Doch ein gutes Klima kann ich nicht alleine schaffen. Das Klima umfasst mein gesamtes Lebensumfeld, und nicht nur das: mit dem Klima verbinden sich gesellschaftliche, ja globale Zusammenhänge. Wenn ich nur an mich denke, hat das nicht nur für mich Konsequenzen. Wenn wir nur darauf schielen, billige Lebensmittel und preisgünstige Textilien kaufen zu können, leiden Menschen bei uns und an vielen Orten der Welt. Wenn die Wasservorräte in bestimmten Ländern knapp werden, weil sie für unsere Nahrungsmittelproduktion genutzt werden, dann hat mein Alltag ganz konkret mit dem Klima zu tun. Wenn wir schonungslos mit unserem Verkehr und unserer Energiewirtschaft die Erdtemperatur in die Höhe schrauben, dann hat das jetzt schon Folgen für Menschen, deren Dörfer im gestiegenen Meer versinken. Und sehr bald wird es sich auch auf uns auswirken. Verrückte Wetterkapriolen und lange Sommerphasen stören schon jetzt unser vermeintliches „friedensklima“. Aber es drohen zahlreiche Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen um Wasser, um bewohnbare Gebiete und Ressourcen. All das ist Folge einer solchen Selbstbezogenheit, wie sie der reiche Kornbauer im Evangelium an den Tag legt.

Jesus deutet wenige Verse später im gleichen Kapitel des Lukasevangeliums an, wie ein „friedensklima“ erreicht werden kann: „Sucht Gottes Reich; dann wird euch das andere dazugegeben“ (Lk 12,31). Das Ziel unseres Lebens soll das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sein. Von diesem Ziel her muss sich unser Umgang mit Erarbeitetem und Geerntetem bestimmen, unser Umgang mit den irdischen Gütern, mit der Umwelt und auch mit unseren Mitmenschen. Das bedeutet eben gerade nicht, als Einsiedler ins Gebet versunken der Welt zu entfliehen, sondern im Gegenteil gerade dort anzupacken, wo es am nötigsten ist. Wo wir uns am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit orientieren, können wir heraustreten aus gott- und menschenvergessener Selbstbezogenheit. Wo wir uns für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen, kann Neues wachsen. Wenn wir für alle einen Lebensraum mit gerechten Verhältnissen schaffen, erfahren wir ein „Reich sein bei Gott“ (Lk 12,21), in dem wir unseren eigenen Reichtum mit anderen teilen und uns dann das zufallen wird, was wir zuvor für das Wichtigste hielten. Geld und Besitz machen nicht glücklich, ja sie beruhigen nicht einmal, weil sie keine letzte Sicherheit unseres Lebens garantieren können. Besitz und Wohlstand nehmen uns vielmehr in die Pflicht, damit Sinnvolles zu stiften.

Wer sich wie der reiche Kornbauer nur durch seine eigenen Vorräte durchfuttern will, wird nicht satt, sondern geht am Ende leer aus. Die wahren Schätze tragen wir eben nicht in unseren Händen, sondern in unseren Herzen. Dort entstehen Gedanken des Friedens und der Versöhnung, die andere nicht aus dem Blickfeld verlieren. Die FriedensDekade 2019 ermutigt uns: Wenn wir unsere Selbstbezogenheit verlassen, dann arbeiten wir mit an einem „friedensklima“, das uns allen ein Leben in Frieden und Gelassenheit ermöglicht.

Dr. Marc Witzenbacher, Referent der Evangelischen Kirche in Deutschland
und Referent für Öffentlichkeitsarbeit in der ACK – Ökumenische Zentrale

(im Februar 2019)

Hochzuckdrohne: Gedanken zum Plakatmotiv (von Peter Herrfurth)

Friedensklima – Plakatmotiv – Hochzuckdrohne
(zum Downlaod hier klicken)

Mein Lieblingsversprecher im Fernsehen war in der Tagesschau: „Von Westen her setzt sich eine Hochzuckdrohne durch.“ Was für ein Lacher! Daran musste ich denken, als ich unser Plakatmotiv gesehen habe.

Hochzuckdrohne – Damals habe ich bei „Drohne“ nur an die männliche Honigbiene gedacht. Sie sammelt keinen Honig, aber sie begattet die Königin. So hat es mir ein alter Imker erklärt. Die Drohne – oder vielleicht muss ich besser sagen: der Drohn – sorgt für Nachwuchs im Bienenstock und hat keinen Stachel. Wie friedlich! Den ganzen Tag lang Liebe machen, Leben schaffen und pazifistisch sein. Leider sind die Bienen und viele andere Insekten durch die industriell-technisierte Landnutzung und den Klimawandel inzwischen stark bedroht.

Ganz anders ist es bei den Drohnen, die im Drohnenkrieg ferngesteuert mit einem explosiven Bombenstachel ihre Ziele erreichen und effektiv vernichten. Die haben rasanten Nachwuchs. Da redet man von „autonom-operierenden Drohnen-Schwärmen“. Doch es sind nicht die Drohnen, die planlos vor sich hin töten. Es sind die Menschen in den Militärzentren hinter den Monitoren. Sie sitzen mit zuckenden Augenlidern an den Steuergeräten. Vormittags sind sie mit Drohnenkrieg beschäftigt, nachmittags holen sie ihre süßen Kleinen aus dem Kindergarten ab.

Ich wünsche mir, dass sich eine friedensklimatische Hochdruckzone durchsetzt. Dass wir mit hohem Druck für ein Friedensklima sorgen, in dem es keine bewaffneten Drohnen mehr gibt, sondern fröhliche Jahreszeiten, friedliche Menschen und summende Bienen. Und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. (Jes 2,4)

Peter Herrfurth (4.02.2019)
Landesjugendpfarrer der EKM

Weisheit ist besser als Kriegswaffen (von Dr. Marc Witzenbacher)

Das biblische Buch des Predigers spricht mir an vielen Stellen aus dem Herzen. „Alles hat seine Zeit“ (Pred 3,1) erinnert mich daran, den Augenblick zu genießen und in düsteren Momenten nicht die Hoffnung zu verlieren. Lebenspraktisch und hilfreich sind die gesammelten Sprichwörter, manchmal auch schwierig und provokativ. Doch immer geben sie mir etwas zum Nachdenken mit auf den Weg. Hängen geblieben bin ich dieser Tage an Pred 9,18: „Weisheit ist besser als Kriegswaffen; aber ein einziger Bösewicht verdirbt viel Gutes.“

Weisheit meint in den Texten des Alten Testaments das Bemühen, die Wirklichkeit zu ordnen, zu erfassen und zu erklären und sich so in dieser Welt zurechtzufinden. Wer weise ist, weiß um die Regeln, nach denen das Leben abläuft. Wer diese Regeln kennt und beachtet, dem gelingt das Leben. Wer die Regeln bricht, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umwelt. Weise zu handeln ist nach der Überzeugung des Predigers immer besser, als Waffen zu schmieden und eine kriegerische Lösung von Konflikten erreichen zu wollen. Weisheit weiß um die Bedürfnisse des anderen, sie ist besser als Stärke (Pred 9,16), ja sie erhält das Leben (Pred 7,12).

Doch ähnlich wie es der Prediger in den ersten Kapiteln des Buches wahrnimmt, ist der Blick in die gegenwärtige Situation eher ernüchternd. Man zählt nicht auf die Weisheit, sondern mehr auf die Kriegswaffen. Höhere Rüstungsausgaben werden gefordert, die Kriegs- und Tötungstechnik immer mehr verfeinert. Nimmt man den Tun-Ergehens-Zusammenhang, der in der weisheitlichen Literatur aufgestellt wird, ernst, dann schlägt diese Aufrüstung direkt auf den Menschen zurück: „Die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52). Eine steigende Aufrüstung vergrößert die Gefahr eines Krieges. Und je mehr die Rüstungsindustrie sich auf einen Krieg 3.0 präpariert, desto wahrscheinlicher wird es, dass ein solcher Krieg auch ausbrechen kann. So einfach ist es und dabei ebenso bedrohlich.

Vor einer solchen realen Gefahr warnt auch der Prediger, wenn er dem einzigen Bösewicht die Vernichtung des Guten zuschreibt. Wir wissen heute darum, wie schnell die Emotionsausbrüche eines Machthabers zu blutigen Konsequenzen für viele Menschen führen können. Wer sich nicht von der Weisheit leiten lässt, verfällt rasch in eine Spirale von Aktion und Reaktion, von Hass und Gewalt. Wir leben immer noch auf einem Pulverfass. Es ist also an der Zeit, wieder mehr Weisheit zu lernen und ihr mehr zuzutrauen als allen Waffensystemen. Unsere Welt braucht die Weisheit, um in Frieden leben zu können. Weisheit könnte beispielsweise bedeuten, friedliche Konfliktlösungen auszubauen und diese auch in den aktuellen Krisenherden dieser Welt einzusetzen. Weise ist, wer auf Atomwaffen verzichtet und aus der Aufrüstungsmaschinerie aussteigt. Weise kann es sein, den Weg zueinander zu suchen und auf Gespräch und Diplomatie zu setzen. Weisheit bedeutet, das Geld für die Erhaltung des Lebens und nicht für dessen Zerstörung auszugeben.

Die FriedensDekade 2018 regt dazu an, mehr Weisheit zu wagen und die Gefahren deutlich beim Namen zu nennen, zu denen eine weisheitsferne Politik führen kann. Alles hat seine Zeit. Jetzt ist die Zeit, aufzustehen und für die Weisheit einzutreten. Denn „der Weisen Worte, in Ruhe vernommen, sind besser als des Herrschers Schreien unter den Törichten“ (Pred 9,17).

Dr. Marc Witzenbacher
Referent der Evangelischen Kirche in Deutschland
und Referent für Öffentlichkeitsarbeit  in der ACK – Ökumenische Zentrale

Krieg 3.0 oder alles halb so schlimm?

von Jan Gildemeister, Vorsitzender der Ökumenischen FriedensDekade e. V.

2018 vor 400 Jahren: Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Vordergründig ging es um die Frage, welche Konfession sich in Europa durchsetzt. Faktisch ging es um Macht und Einfluss. Söldnerheere zogen brandschatzend durch die Länder.

2018 vor 100 Jahren: Ende des Ersten Weltkrieges. Auch hier ging es um Machtinteressen, die Diplomatie versagte, Freiwilligenheere zerstörten Dörfer und Städte. Giftgas wurde eingesetzt.

2018 vor 70 Jahren: Bildung der UNO, „um künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat“.

2018 vor 70 Jahren: Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Dieser positionierte sich eindeutig: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“

Wo stehen wir heute? Befinden wir uns vielleicht schon aufgrund der „Stellvertretungskriege“ in Syrien oder im Jemen, von Terroranschlägen und extralegalen Tötungen durch US-Drohnen in Afghanistan sowie Cyberwar-Attacken im Netz im permanenten Krieg? Oder ist alles halb so schlimm? Schließlich stagniert die Zahl der kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit. Nach dem Heidelberger Konfliktbarometer waren es 2017 20 Kriege (2016: 18) und 385 Konflikte, von denen die Hälfte gewaltsam ausgetragen wurde. Im Großen und Ganzen funktionieren die Institutionen und Mechanismen, die Kriege verhindern sollen, recht gut, oder?

Angst vor einem dritten Weltkrieg oder Verzweiflung angesichts der scheinbar nicht zu stoppenden Kriege in Syrien, im Jemen oder in Mali sind nachvollziehbar, erschweren aber den nüchternen Blick auf das, was kriegstreibend ist und auch auf das, was dagegen bereits unternommen wird und noch verstärkt werden sollte.

In Medienberichten oder in Reden von Politiker*innen wird der Eindruck erweckt, als ob wir zunehmenden Bedrohungen ausgesetzt sind und uns dagegen militärisch schützen müssen, nur so könne unsere Sicherheit gewährleistet werden. Wer sich mit den Behauptungen näher auseinandersetzt, stellt schnell fest, dass die beste Vorbeugung vor vielen „Bedrohungen“ der Abbau von Ungerechtigkeit und ein besserer Klimaschutz wären. Wenn es um den Schutz vor (militärischer) Gewalt geht, so zeigen wissenschaftliche Studien, dass es u.a. eines Ausbaus der Friedens- und Versöhnungsarbeit, der Diplomatie sowie der Stärkung internationaler Institutionen bedarf – und nicht „mehr Militär“ und neuer Waffensysteme.

Die Tendenz geht heute zu vollautomatischen Waffen. Menschen übernehmen so immer weniger Verantwortung für die Kriegsführung, das Gewissen bleibt auf der Strecke. Versuche auch von Kirchen, diese Entwicklungen zu stoppen, um ein breites ethisches Nachdenken zu ermöglichen, lehnen (u.a.) die NATO-Staaten ab.

Notwendig ist, dass die Bevölkerung besser informiert wird und ein „Wegschauen“ nicht mehr möglich ist. Hier ist jede und jeder gefordert: Ob in persönlichen Gesprächen, durch Diskussionen in (Jugend-)Gruppen oder durch Veranstaltungen im Rahmen der Ökumenischen FriedensDekade: Aufklärung tut not. Hilfreich sind dabei die vielfältigen Angebote und Konzepte der Friedensbildung, wie sie beispielsweise die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden entwickelt hat.