Zum Hauptinhalt springen

Schlagwort: Cruise Missiles

Greenham Common (1981): Als Frauen den Zaun umarmten

Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert | Folge 5

Aus der Serie „Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert“ zur Ökumenischen FriedensDekade zum Jahresmotto 2026 „couragiert widerständig“.

Web-Version | Juli 2026

Über Beharrlichkeit, Atomwaffen und die Frage, was Sicherheit wirklich bedeutet

Es ist der 27. August 1981. In Cardiff, Wales, brechen 36 Frauen, vier Männer und einige Kinder zu einem Marsch auf. Ihr Ziel: ein Militärstützpunkt in der englischen Grafschaft Berkshire, 190 Kilometer entfernt. RAF Greenham Common. Dort sollen amerikanische Cruise Missiles stationiert werden – Atomraketen, jede einzelne um ein Vielfaches stärker als die Bombe, die Hiroshima zerstörte.

Die Gruppe nennt sich „Women for Life on Earth“. Ihr erster Schritt nach der Ankunft am 5. September 1981: Sie übergeben dem Kommandanten des Stützpunkts einen offenen Brief. Darin schreiben sie:

„Wir sind hier, weil wir glauben, dass das Wettrüsten mit Atomwaffen die größte Bedrohung darstellt, der die Menschheit und unser lebendiger Planet je ausgesetzt war.“¹

Der Kommandant antwortet, sie dürften so lange bleiben, wie sie wollten.

Sie bleiben 19 Jahre.

Diese Episode unserer Serie „Friedenszeugen“ erzählt von Frauen, die aus einem Marsch ein Protestcamp machten. Aus dem Protestcamp entstand eine Bewegung, die ihren Teil dazu beitrug, dass einer der wichtigsten Abrüstungsverträge des 20. Jahrhunderts möglich wurde.

Ein Lager, das nicht geplant war

Ann Pettitt, eine Bäuerin aus Wales, hatte einen Zeitungsartikel gelesen. Darin ging es um amerikanische Atomraketen, die auf britischem Boden stationiert werden sollten. Eine Entscheidung, die getroffen worden war, ohne die Bevölkerung einzubeziehen. Sie rief Freundinnen an. Gemeinsam planten sie einen Marsch – kein Lager, keinen jahrelangen Protest, nur einen Marsch.

Ann Pettitt sagte später:

„Ich kann nicht sagen, dass Greenham das Wettrüsten gestoppt hat, weil ich denke, dass es einer von vielen Faktoren war, die es für die Verantwortlichen unausweichlich machten, Abrüstung ernst zu nehmen. Aber es veränderte die Atmosphäre.“²

Was folgte, war nicht geplant. Als der Marsch sein Ziel erreichte und der Kommandant die Frauen gewähren ließ, entschieden einige: Wir gehen nicht. Wir bleiben. Bis die Raketen verschwinden.

Aus dieser spontanen Entscheidung entstand die längste Friedensbesetzung der britischen Geschichte.

Was am Zaun geschah

Der Zaun um RAF Greenham Common war neun Meilen lang. Er wurde zum Mittelpunkt eines der kreativsten und beharrlichsten Proteste, den Europa im 20. Jahrhundert erlebt hat.

Im Dezember 1982 umarmten mehr als 30.000 Frauen den gesamten Stützpunkt – Schulter an Schulter, Hand in Hand, den Zaun entlang.³ Sie befestigten Fotos ihrer Kinder und Familien am Stacheldraht, dazu Berichte und Bilder aus Hiroshima und Nagasaki. Ihr Protest war persönlich. Sie wollten zeigen: Hinter der Debatte über Atomwaffen stehen Menschen, Familien und zukünftige Generationen.

Sie wurden verhaftet, immer wieder. Geräumt, immer wieder. Jean Hutchinson, eine der letzten Frauen im Camp, war in den 19 Jahren mehr als 15 Mal inhaftiert.⁴ Sie kam jedes Mal zurück.

Was machte diesen Widerstand so schwer zu brechen?

Es gab keine Zentrale, die man schließen konnte. Keine Anführerin, die man ausschalten konnte. Das Camp veränderte sich ständig, neue Frauen kamen hinzu, andere gingen. Wie der Zaun selbst: Man konnte einzelne Abschnitte beseitigen. Der Rest blieb.

Frieden als Schöpfungsbewahrung

Die Frauen von Greenham Common haben selten mit theologischer Sprache argumentiert. Und doch hatte ihr Handeln eine tiefe spirituelle Dimension. Sie stellten das Leben gegen die Logik der Vernichtung.

Atomwaffen sind keine gewöhnlichen Waffen. Sie bedrohen nicht einzelne Menschen, sondern die Lebensgrundlagen ganzer Regionen und Generationen. Wer sich ihnen entgegenstellt, entscheidet sich für das Leben, für die Erde und für kommende Generationen.

In der biblischen Tradition hat das einen Namen: Zeugnis ablegen. Nicht, weil der Erfolg sicher ist, sondern weil Verantwortung nicht vom Ausgang abhängt.

Die Frauen am Zaun wussten, dass die Raketen vielleicht trotzdem kommen würden. 1983 wurden sie tatsächlich stationiert. Die Frauen blieben trotzdem.

Rebecca Johnson, die von 1982 bis 1987 im Lager lebte, beschrieb später, wie sich das Camp entwickelte. Ursprünglich wollten die Frauen eine öffentliche Debatte mit der Regierung erzwingen. Mit der Zeit wurde Greenham aber zu einem Ort, an dem Frauen aus vielen Ländern zusammenkamen und erfuhren, dass sie mit ihrem Engagement nicht allein waren.⁵

Was uns das heute sagt

Greenham Common hat gewirkt, auch wenn die Raketen zunächst kamen. Die Bewegung trug, so der Historiker Martin Shaw, entscheidend zum INF-Vertrag von 1987 bei – dem ersten Vertrag, der eine ganze Klasse von Atomwaffen abschaffte.⁶ Die letzten Cruise Missiles verließen Greenham 1991.

2026 ist der INF-Vertrag Geschichte. Er wurde 2019 aufgekündigt. Neue Atomwaffen werden entwickelt, über neue Stationierungen wird diskutiert und erneut wird Abschreckung als Sicherheitsgarantie präsentiert. Die Fragen, die die Frauen von Greenham 1981 stellten, sind deshalb erstaunlich aktuell.

Was wäre heute ein Äquivalent zum Zaun von Greenham?

Diese Frage stellen wir als FriedensDekade bewusst. Nicht weil wir eine fertige Antwort hätten. Sondern weil sie gestellt werden muss.

Und noch etwas: Greenham Common war bewusst eine Frauenbewegung. In einer Welt, in der Entscheidungen über Krieg und Frieden bis heute überwiegend von Männern getroffen werden, bleibt das mehr als eine historische Randnotiz. Es ist eine Perspektive, die in der Friedensarbeit bis heute wichtig ist.

Eine letzte Wahrheit

Das Lager bestand 19 Jahre. Länger als viele politische Bewegungen, Parteien oder Regierungen.

Es endete am 5. September 2000, genau 19 Jahre nach seinem Beginn.

Was blieb?

Ein Gedenkort. Eine Bewegung, die Frauen weltweit inspirierte. Ein Beitrag zu einem Abrüstungsvertrag, der Geschichte schrieb. Und die Erinnerung daran, dass Beharrlichkeit Geschichte verändern kann – auch wenn ihre Wirkung oft erst Jahre später sichtbar wird.

Ann Pettitt sagte am Ende:

„Es veränderte die Atmosphäre.“

Der Satz wirkt zurückhaltend. Seine Bedeutung ist es nicht.

Couragiert widerständig, wie die Frauen am Zaun von Greenham Common. Für eine Welt, in der Sicherheit nicht auf der Drohung mit Vernichtung beruht, sondern auf dem Mut, Leben zu schützen.

Reflexionsfragen

  1. Die Frauen von Greenham Common blieben 19 Jahre. Was braucht es, damit Beharrlichkeit nicht zur Erschöpfung wird?
  2. Greenham war eine bewusste Frauenbewegung. Was bedeutet das für unser Verständnis von Friedens-Engagement heute?
  3. Der INF-Vertrag, zu dem Greenham beitrug, ist aufgekündigt. Was bedeutet das für die Frage, ob Protest „etwas bringt“?

 

FAQ: Häufige Fragen zu Greenham Common

Was war das Greenham Common Women’s Peace Camp?

Ein Friedenscamp in England, das von 1981 bis 2000 vor dem Militärstützpunkt RAF Greenham Common bestand. Gegründet wurde es von Frauen aus Wales, die gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen protestierten. Es entwickelte sich zur längsten Friedensbesetzung der britischen Geschichte und wurde weltweit zu einem Symbol des gewaltfreien Widerstands.

Haben die Proteste in Greenham 1991 etwas bewirkt?

Ja. Nach Einschätzung zahlreicher Historiker:innen trug die Bewegung zum politischen Klima bei, das den INF-Vertrag von 1987 ermöglichte. Dieser Vertrag beseitigte erstmals eine komplette Kategorie nuklearer Mittelstreckenwaffen. Die letzten Cruise Missiles verließen Greenham 1991. Ob der Protest allein ausschlaggebend war, lässt sich nicht sagen. Dass er Teil dieser Entwicklung war, gilt jedoch als gut belegt.

Warum waren die Proteste in Geenham 1991 eine Frauenbewegung?

Ganz bewusst. Die Gründerinnen sahen Frauen in der damaligen Friedens- und Sicherheitspolitik kaum vertreten. Greenham sollte ein Ort sein, an dem Frauen ihren Protest selbst organisierten und sichtbar machten.

Was bedeutet Greenham Common für heute?

Der INF-Vertrag wurde 2019 aufgekündigt. Neue Atomwaffen werden entwickelt und über neue Stationierungen wird erneut diskutiert. Die Fragen, die die Frauen 1981 am Zaun stellten, sind deshalb bis heute aktuell: Wie entsteht Sicherheit? Welche Risiken sind wir bereit einzugehen? Und welche Verantwortung trägt die Zivilgesellschaft?

Quellenangaben

¹ People’s History Museum: Greenham Common Peace Camp.
phm.org.uk/blogposts/greenham-common-peace-camp/

² Ann Pettitt, zit. nach:
greenhamwomeneverywhere.co.uk/ann-pettit-und-karmen-thomas/

³ Imperial War Museum: The Women Who Took On The British Government’s Nuclear Programme.
iwm.org.uk/history/cold-war/nuclear-threat/the-women-who-took-on-the-british-governments-nuclear-programme

⁴ Jean Hutchinson.
Wikipedia:
en.wikipedia.org/wiki/Jean_Hutchinson

⁵ Rebecca Johnson, zit. nach:
keymilitary.com/article/women-long-wire

⁶ Martin Shaw, zit. nach:
en.wikipedia.org/wiki/Greenham_Common_Women’s_Peace_Camp

 

 

0
    0
    Einkaufswagen
    Der Einkaufswagen ist leerZurück zum Shop