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23. Januar 2024

Erzähl mir vom Frieden (von Jan Gildemeister, Bonn)

Ein Impulstext zum Jahresmotto der Ökumenischen FriedensDekade in 2024

von Jan Gildemeister

Ich kann es bald nicht mehr hören!“. So reagieren viele in meinem Umfeld auf scheinbar nicht enden wollende Berichte über Kriege und Krisen. Fast täglich führen uns Medien vor Augen, dass Gewalt offenbar immer noch für viele Staatenlenker*innen das erste Mittel der Wahl zu sein scheint, um ihre Macht zu sichern und ihre Ziele durchzusetzen. Hinzu kommt die Gewalt von Terrorist*innen, von Warlords, Drogenbanden und sonstigen kriminellen Gruppen. An Waffen mangelt es nicht: Mit Rüstungsexporten lässt sich sehr viel Geld verdienen, da werden gerne restriktive Regelungen ausgehöhlt oder umgangen, auch von der aktuellen Bundesregierung. Es fällt vielen schwer, die zahlreichen Berichte über Kriege und Krisen mit dem Gedanken „so ist halt die Welt“ abzutun. Das Leid der Opfer geht ihnen immer mehr unter die Haut.

Dass es Menschen und Regionen auf der Welt gibt, die friedlich zusammenleben, immun sind gegen Feindbilder, die einfaches Gut/Böse-Denken ablehnen und einen konstruktiven Umgang mit Konflikten praktizieren, geht oftmals in der Berichterstattung unter, ist keine Nachricht wert oder wird kaum wahrgenommen.

Auch wenn an vielen Orten der Welt ein Leben in Frieden und Freiheit nicht möglich ist, setzen sich doch überall Menschen mit zivilen und gewaltfreien Mitteln für Schwächere, für Demokratie, für Gerechtigkeit und Freiheitsrechte oder für den Erhalt unserer Erde ein. Viele tun dies, auch wenn sie dafür angefeindet, bedroht, verfolgt oder sogar bestraft werden. In den Schlagzeilen landen dennoch zumeist Berichte über Gewalt und Unfrieden, nur allzu selten wird über das durchaus wirksame Engagement für eine bessere Welt berichtet.

Das diesjährige Motto der Ökumenischen FriedensDekade „Erzähl mir vom Frieden“ will den Fokus auf dieses positive Engagement richten, ohne den vorhandenen Unfrieden, ohne das vorherrschende Unrecht oder die grassierende Angst vor einer ungewissen Zukunft auszublenden. Aber es wird angeregt verstärkt wahrzunehmen, was bereits gelingt und wo sich Menschen gemeinsam erfolgreich für den Frieden engagiert haben und aktuell engagieren. Solche Geschichten und Erzählungen stehen in diesem Jahr im Zentrum der FriedensDekade. Wie ist es gelungen, dass Deutschland und Frankreich nach dem II. Weltkrieg heute nicht mehr Erzfeinde sind? Was hat zum Erfolg der „friedlichen Revolution“ in der ehemaligen DDR geführt? Warum sind in Norwegen die Menschen glücklicher als anderswo? Wie gelingt es Staaten, Millionen Geflüchtete aufzunehmen oder Zugewanderte zu integrieren, ohne dass es zu massiven, gewalttätigen Protesten kommt?

Das Versprechen auf eine schnelle, gewaltsame Bekämpfung von Unrecht oder terroristischer Gewalt ist attraktiv, aber unsere Erfahrungen und auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich mit Waffengewalt kein Frieden herstellen lässt. Gewalt führt vielmehr zu unvorstellbarem Leid und immenser Zerstörung. Umso wichtiger ist das Wissen über Alternativen, die existieren und täglich praktiziert werden. Denn es gibt diese gewaltfreien Alternativen, im sozialen Miteinander genauso wie bei inner- und zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen.

Für eine erfolgreiche Friedensbildung, eine „Erziehung zum Frieden“, braucht es Vorbilder und positive, Mut-machende Beispiele. Im näheren Umfeld sind dies im besten Fall Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen, das soziale oder Arbeitsumfeld. Aber es ist zugleich wichtig und lehrreich über den lokalen oder regionalen Horizont hinaus zu blicken. Ein Beispiel: Im Rahmen des Programms des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) gibt es eine Vielzahl an Projekten, in denen sich Initiativen und Organisationen weltweit mit professioneller Unterstützung für Frieden, Versöhnung und die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen (www.ziviler-friedensdienst.org).

Über Jahrhunderte hinweg erfolgte in den meisten Fällen die schriftliche Überlieferung, die geschichtliche Einordnung von Konflikten aus der Sicht von Mächtigen. Dabei ging es nicht so sehr um eine authentische Vermittlung von Tatsachen, sondern darum, sie als Helden, als erfolgreiche Kriegsherren darzustellen. Und zugleich gibt es aber fast überall ursprünglich mündlich tradierte Geschichten und Erzählungen über ein gewaltfreies Engagement, das in der Vergangenheit wie in der Gegenwart zu Frieden beigetragen hat. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die meine Mutter aus ihrer Heimat Nordfriesland erzählt hat: Als dänische Krieger intervenierten, wollten die nordfriesischen Männer gegen sie in den Krieg ziehen. Die Frauen sperrten sie ein, um ein Blutvergießen und weitere Rachezüge zu verhindern. Sie vertrieben die dänischen Krieger mit Bratpfannen und Kochtöpfen. Andere Geschichten erzählen, wie Frauen Sex verweigerten, um ihre Männer zur Vernunft zu bringen und Kämpfe zu verhindern.

Im Geschichtsunterricht lernen wir bis heute viel über römische Feldherren, Kolonialmächte oder die Gräuel zweier Weltkriege und der NS-Herrschaft. Dabei droht das Friedensengagement aus dem Blick zu geraten: Von Jesus wird berichtet, wie er zum Widerstand gegen die römische Besatzungsmacht geraten hat („Gebt des Kaisers, was des Kaisers ist …“). Der von Mahatma Ghandi angeführte indische Widerstand gegen die britische Kolonialmacht, der Widerstand gegen die rassistische Vorherrschaft Weißer in den USA (Martin Luther King) und in Südafrika (Nelson Mandela), alles Beispiele für ein gewaltfreies Engagement, das überaus erfolgreich war. Die Sklaverei wurde letztlich nicht freiwillig von den Staaten geächtet, sondern dank des breiten, vorrangig gewaltfreien Widerstehens von vielen Menschen an vielen Orten. Wer kennt schon die Entstehungsgeschichte des Internationalen Versöhnungsbundes, das mutige Handreichen und Friedensversprechen von Franzosen und Deutschen 1914, direkt vor Beginn des Ersten Weltkrieges? Oder wer hält die Erinnerung an den vielfachen Widerstand gegen die nationalsozialistische Unrechtsherrschaft in Deutschland, aber auch in den besetzten Ländern wach?

Wir sind auf Geschichten jenseits von Gewalt, Kriegen und Krisen angewiesen, die uns Mut machen. Viele solcher Hoffnungsgeschichten finden sich auch in der Bibel, aus denen Christ*innen weltweit Kraft schöpfen für ihr gewaltfreies Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Frieden auf Erden ist die biblische Verheißung. Und dann noch die schöne Zusage aus den sogenannten Seligpreisungen. Die Botschaft ist klar: Gemeinsam können wir Berge versetzen – mit Gottes Hilfe. Um dies nicht zu vergessen, ist eines dringender denn je: Erzähl mir vom Frieden!

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Jan Gildemeister ist Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e. V. und Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF)

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