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9. September 2020

Nicht nachlassendes Erinnern und tätiges Erschrecken (von Dagmar Pruin, Berlin)

Das gesellschaftliche Klima in Deutschland ist nicht nur belastet, wie es in vielen auch kirchlichen Verlautbarungen zu lesen ist. Es steht mehr auf dem Spiel und verlangt von uns die Bündelung aller unserer Kräfte, um Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus, Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und jeglicher Form von Rassismus entgegenzutreten.

Wer der Friedenskraft der christlichen Religion vertrauen möchte – und das ist die Grundlage all unserer Arbeit – muss sich mit der Gewaltgeschichte unserer Religion auseinandersetzen. Nur so können die Gefährdungspotentiale erkannt werden, die der theologischen Rede vom Frieden innewohnen können und nur dann ist auch ein tragfähiger interreligiöser Dialog möglich.

In den Zeitraum der diesjährigen FriedensDekade fällt der 9. November, der Tag an dem 1938 Jüd*innen ermordet wurden, an dem die Synagogen brannten und die Rollen der Heiligen Schrift auf unseren Straßen zertreten wurden. Dieser Tag erinnert uns daran, dass wir als Christ*innen gerade nicht vor Verführungen gefeit sind – im Gegenteil. Wir sind immer auch ein Teil des Problems, nicht nur der Lösung. Die Erinnerung an den 9. 11., muss zunächst zweckfrei sein, denn es geht darum, den Ermordeten eine Stimme zu geben. Doch ruft dieses Erinnern dann aber auch zur Tat. Denn es zwingt uns zu der Frage, welche Handlungsoptionen bestanden hätten, um das System des Nationalsozialismus zu beenden und führt von daher dann auch folgerichtig in die heraus­fordernde Gegenwart.

Wir wissen, wo wir geschwiegen haben, wir wissen, wo wir den Anfängen nicht gewehrt haben und Ausgrenzungen hingenommen und vorangetrieben haben und wo wir heute schweigen. Wir wissen, dass wir das Ruder heute herumreißen können. Aber das müssen wir jetzt um Gottes Willen auch tun – denn es steht viel auf dem Spiel!

Dagmar Pruin ist Pfarrerin und war bis Ende August Co-Geschäftsführerin von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Sie ist designierte Präsidentin von Brot für die Welt.

 

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