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4. November 2022

Von der Vision einer Welt ohne Krieg (Predigt von Esther Zeiher)

Liebe Gemeinde,

das kleine Stückchen Flies, das ihr auf euren Plätzen findet, ist ein beredtes Zeichen dafür, wie kreativ Menschen, die den Frieden lieben, schon immer waren. Diese Menschen haben die Vision einer Welt ohne Krieg in sich groß werden lassen. Und sie haben darüber nicht geschwiegen, sondern ihre Vision so ausgedrückt, dass sich die Welt dadurch tatsächlich verändert hat. Oft begann es klein, aber es wurde immer kraftvoller.

So wie der Prophet Micha: Er schaut im 7. Jahrhundert vor Christus aus der Perspektive eines Mannes vom Land auf das zerstörerische Treiben der Großgrundbesitzer. Eigentlich verkündet Micha den Untergang Jerusalems, denn er sieht, wie sich das begangene Unrecht auftürmt und auf die Verursacher zurückfällt. Doch dann weitet sich sein Blick auf das „Ende der Tage“ und in aller Unmöglichkeit sieht er plötzlich eine mögliche neue Welt:

„Die Völker werden herzulaufen, und sagen: ‚Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln!‘ Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“

Micha sieht vor seinem innerem Auge, wie sich Menschen in Bewegung setzen und wie sie sich Gott zuwenden. Ganze Völker erkennen, wie fehl sie bisher gegangen sind – es ist wie ein gemeinschaftliches Erwachen und Bereuen. Das führt zu dem schönsten Bild des Michabuches: Menschen schmieden ihre Schwerte um zu Pflugscharen. Aus der inneren Reue entspringt eine Dynamik, die dem Leben zugewandt ist. Aus Vernichtung wird Verheißung: „Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“

Das ist möglich…

Über die Jahrhunderte hat sich die Vision weitergetragen und manifestiert in Verlautbarungen und Vereinbarungen. Ohne die Vision einer friedvollen Welt, ohne das, was wir heute Friedensethik nennen, wäre weder das Völkerrecht entstanden, noch die Strukturen der Vereinten Nationen. In der UN-Charta von 1945 ist der nachhaltige Völkerfriede festgeschrieben. Die meisten Staaten haben seither das Verbot jedes Angriffskrieges anerkannt. Auch die damalige Sowjetunion.

Als Zeichen ihres Friedenswillens ließ die Sowjetunion eine Skulptur anfertigen, die 1959 der UN übergeben wurde. Der Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch gestaltete eine drei Meter hohe Bronzefigur im Stil des sozialistischen Realismus: da schmiedet ein muskulöser Mann mit einem Hammer ein Schwert um. Der Titel lautet: „Let us beat our swords into plowshares“. Tatsächlich hat Wutschetitsch das Zitat aus dem Michabuch genutzt, um der aufkeimenden Hoffnung Gestalt zu geben, dass es nie wieder Krieg geben darf: „Lasst uns unsere Schwerter zu Pflugscharen machen.“

Ungeachtet dessen begann die Sowjetunion, wie auch die NATO damit, stetig aufzurüsten. Das militärische Gleichgewicht schien die einzige Möglichkeit zu sein, einen Frieden zu wahren – der Mann vor dem UN-Gebäude konnte mit dem Umschmieden der immer neuen Waffen gar nicht fertig werden.

Aber das Wort des Propheten Micha und das Bild des schmiedenden Mannes begannen ein von den Machthabern nicht mehr zu steuerndes Eigenleben zu führen.

Es war der November 1980, als Christinnen und Christen in DDR und BRD gleichzeitig beschlossen, eine Friedensdekade auszurufen. Zehn Tage sollte es um die Fragen der Stationierung von Mittelstreckenraketen gehen und in der DDR konkret um die geplante Wehrerziehung in den Schulen. Während man sich hier im Westen ungestört treffen durfte, musste die Dekade in der DDR heimlich in privaten Wohnungen vorbereitet werden. Als Einladung für den Abschlussgottesdienst am 19.11.1980 lag ein Lesezeichen aus, das die Skulptur von Wutschetisch zeigte und dazu den Schriftzug: Schwerter zu Pflugscharen.

Gedruckt war es auf Fliesstoff, denn eine offizielle Druckgenehmigung hätte man in der DDR für diese Aktion niemals erhalten. Aber in Herrnhut gab es Christen, die den Druck auf Fliesstoff als Textiloberflächenveredlung argumentierten. Und so entstand aus der Not eine ziemlich kreative Idee: ein Aufnäher für Jacken mit einer Friedensbotschaft, die sich eines sowjetischen Künstlers bediente. Was sollte der DDR-Staat dagegen sagen können?

Nun, es brauchte nicht lange, bis man begriff, das dieses Zeichen die Rollenverhältnisse umdrehte: Die DDR und auch die Sowjetunion waren keine Friedensmächte. Vielmehrwaren die, die sich in den Kirchen trafen, diskutierten und Gottesdienst feierten, die eigentlich Friedensbewegten – frei im Geist und mit der Vision des Micha im Herzen.

Im November 1981 folgte das Verbot der Aufnäher und wer sie dann immer noch trug, musste damit rechnen, dass die Kleidung beschlagnahmt wurde, dass man von der Schule flog und keine Studien- oder Ausbildungsplatz mehr bekam. Mein älterer Bruder wurde unter anderem für das Tragen des Zeichens, für die Verweigerung des Wehrunterrichts in der Schule und für manch politischen Witz wegen sogenannter Staatsverleumdung zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Als kleine Schwester wuchs ich in die Überzeugung hinein, dass Frieden oftmals auf Fahnen geschrieben stand, aber das Gegenteil der Fall war. Und ich erlebte, wie mit Mut und Kreativität für echten Frieden gekämpft wurde. Viele Jugendlichen, denen der Aufnäher verboten worden war, nähten sich weiße Kreise auf den Ärmel und schrieben darauf: „Hier war ein Schmied.“

Wer diese Zeit auf der anderen Seite der Mauer so miterlebt hat, ist oft immer noch getragen von dem Vermächtnis, dass Frieden auch ohne Waffen möglich sein muss. Vielleicht macht es jene Friedensbewegte in den neuen Bundesländern verständlicher, die sich heute gegen Waffenlieferungen aussprechen.

Ist das Zeichen, das ihr in euren Händen haltet, eine Vision, die nur dann trägt, wenn der Krieg kalt und noch nicht heiß ist? Wie gehen wir als Christinnen und Christen mit dem Dilemma um, dass sich eine Autokrat entschließt, ein Nachbarvolk anzugreifen, um es in sein imperialistisches Weltbild hineinzuzwingen? Kurz: Darf man als Christ befürworten, dass Waffen in die Ukraine geliefert werden oder widerspricht das der Friedensethik der Bibel?

Mir hilft ein Blick zurück zum Propheten Micha. Der spricht nicht von einem billigen Frieden, nicht von Frieden, den man vor sich herträgt und der nur bedeutet, dass gerade mal die Waffen schweigen. Er spricht von einem Frieden, der in Reue gründet. Eigentlich spricht er von Gericht: Gott wird unter den Völkern Recht sprechen und so ihre Konflikte schlichten. Erst dann können sie freiwillig auf ihre Waffen verzichten.

Genau diese prophetische Vision brauchen wir, auch wenn sie bedeutet, dass allen ein langer Weg bevorsteht. Sie bedeutet, dass wir nicht aufhören dürfen, alles zu tun, um begangenes Unrecht zu benennen. Die russische Historikerin Irina Scherbakowa hat am 9. Oktober diesen Jahres in Leipzig die „Rede zur Demokratie“ gehalten. Zwei Tage vorher hat ihr Verein „Memorial“ den Friedensnobelpreis für die Aufarbeitung der Leidensgeschichte der russischen Bevölkerung unter Stalin bekommen. Irina Scherbakowa sagt: „Wir empfangen den Preis schweren Herzens, denn man muss zugeben, dass wir unser Ziel – die Aufarbeitung der Verbrechen des Sowjetischen Staats, damit diese nicht wieder passieren – nicht erreicht haben! Wir müssen nun darüber reflektieren, warum unsere Stimmen zu schwach waren, warum die russische Gesellschaft uns nicht zuhören wollte, als wir von Verbrechen und Gräueltaten – im sowjetischen GULAG, in Katyn, über den Holodomor in der Ukraine und dann im Tschetschenischen Krieg – gesprochen haben. Genau solche Gräueltaten, die wir jetzt in Butscha, Izyum und jeder ukrainischen Stadt und Dorf mit Entsetzen beobachten.“

Sie beginnt ihre Rede mit der Feststellung: „Der Krieg kann nur mit einem Sieg der Ukraine enden.“ Und sie schließt ihre Rede mit der Erkenntnis, dass dauerhafter Frieden und Versöhnung nur möglich ist nach Aufarbeitung, Sühne und Bestrafung aller Kriegsverbrecher.

Das Symbol der Friedensdekade zeigt einen schmiedenden Mann, für den möglicherweise ein Russe Modell stand. Es kann auch ein Ukrainer gewesen sein, denn Jewgeni Wutschetisch ist in der Ukraine geboren. Der russische oder ukrainische Mann, der heute mitten im Krieg steht, bildet die Vision ab, dass es keinen Krieg mehr gibt.

Er ist Teil einer großen Vision, in der sich Menschen wieder Gott zuwenden. Sie stellen sich in Gottes lebensfördernden Strom. In seinem Licht erkennen sie das Unrecht, das sie tun und haben keine Angst mehr, ihre Schuld einzugestehen. Und dann hören sie – wie Micha schon – dass Gott ihnen vergibt und dass er ihnen ein gutes Leben zutraut. Und dann – erst dann – richten sie sich auf und schmieden kraftvoll ihre Schwerter zu Pflugscharen.

Das ist möglich…

Amen


Esther Zeiher, Kind aus einer ostdeutschen christlichen Oppositionellenfamilie und über den Ökumenischer Pilgerweg e.V. in Mitteldeutschland immer noch mit den friedensbewegten Ostdeutschen in Verbindung, ist Pfarrerin in Kitzingen (Mainfranken)

 

 

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