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Monat: Juni 2026

FriedensDekade Online Workshop Materialien

Online-Workshop 13. Oktober 2026: Vorstellung der neuen Materialien zur FriedensDekade 2026

Die Ökumenische FriedensDekade 2026 steht kurz vor der Tür! Das Motto lebt, die Materialien liegen in den Gemeinden und die Vorbereitungen vor Ort biegen auf die Zielgerade ein. Unter dem Jahresthema „couragiert widerständig“blicken wir voller Vorfreude auf den Aktionszeitraum vom 8. bis 18. November 2026.

Damit Sie Ihren Planungen den letzten Schliff geben können, noch offene Fragen klären und letzte Impulse für Ihre Praxis mitnehmen, laden wir Sie herzlich zu unserem finalen Online-Workshop ein.

Die Eckdaten im Überblick

  • Wann: Dienstag, 13. Oktober 2026

  • Uhrzeit: 17:30 bis 19:00 Uhr

  • Ort: Online via Zoom (Den Zugangslink erhalten Sie nach der Anmeldung.)

  • Teilnahme: kostenfrei

Programm

  • 17:30 Uhr | Ankommen und Technik-Check Zeit zum Einwählen sowie zum Testen von Kamera und Mikrofon.

  • 17:45 Uhr | Begrüßung und thematischer Impuls Ein fokussierter Blick auf das Motto „couragiert widerständig“ – die Kernbotschaften für die FriedensDekade 2026 im aktuellen Kontext.

  • 17:50 Uhr | Letzte Impulse für die Praxis Wie setzen wir die Bausteine aus der Materialmappe jetzt konkret um? Ideen für den Endspurt, gelungene Gottesdienst-Kombinationen und Tipps für kurzfristige Aktionen in Gemeinden und Initiativen.

  • 18:20 Uhr | Digitale Tools & Last-Minute-Bestellungen So nutzen Sie die digitale Materialsammlung am Aktionstag optimal. Kurzer Überblick über schnell abrufbare Vorlagen und Fristen für Last-Minute-Bestellungen im Shop.

  • 18:35 Uhr | Ihre Fragen & der gemeinsame Austausch Der Raum gehört Ihnen: Bringen Sie Ihre konkreten Fragen aus der Vorbereitung mit. Tauschen Sie sich mit Kolleginnen, Kollegen und der Redaktionsleitung über Herausforderungen und Lösungen aus.

  • 18:55 Uhr | Ausblick und Segen Wir starten gemeinsam gestärkt und gut vorbereitet in den Aktionszeitraum.

Jetzt hier kostenfrei zum Workshop anmelden

Der Salzmarsch (1930): Eine Handvoll Wahrheit

Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert | Folge 4

Aus der Serie „Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert“ zur Ökumenischen FriedensDekade zum Jahresmotto 2026 „couragiert widerständig“.
Das vollständige Porträt steht als PDF zum Download bereit.

Der Salzmarsch (1930): Eine Handvoll Wahrheit

Wie Gandhi eine Weltmacht mit 385 Kilometern und einem Strandkorn Salz herausforderte

Es ist der Abend des 11. März 1930. Im Sabarmati-Ashram bei Ahmedabad hält ein 61-jähriger Mann seine letzte Gebetsversammlung vor dem Aufbruch. Morgen früh wird er losgehen. 385 Kilometer zu Fuß, bis ans Meer. Mit 78 Gefährten. Gegen das mächtigste Kolonialreich der Welt.

Am nächsten Morgen sagt Gandhi zu seinen Anhängern: „Lasst nicht zu, dass jemand im Zorn unüberlegt Handlungen begeht. Wir haben beschlossen, alle Reserven für die Verfolgung eines ausschließlich gewaltlosen Kampfes einzusetzen.“¹

Dann gehen sie los.

24 Tage später, am 6. April 1930, bückt sich Gandhi am Strand von Dandi, hebt eine Handvoll Salz aus dem Sand und bricht damit das Gesetz der britischen Krone. Es ist eine der kleinsten Gesten der Weltgeschichte. Und eine der wirkungsmächtigsten.

Diese Episode gehört zu unserer Serie „Friedenszeugen – Wenn Courage den Lauf der Dinge ändert“, in der wir historische Momente beleuchten, in denen gewaltfreier Widerstand Großes bewirkte. Der Salzmarsch von 1930 ist vielleicht das klarste Beispiel: Hier wurde eine der mächtigsten Kolonialherrschaften der Geschichte nicht mit Waffen herausgefordert, sondern mit Wahrheit, Geduld und einem Strandkorn Salz.

Das Monopol und die Armen

Um zu verstehen, warum Salz, muss man verstehen, was Salz bedeutete. Es war kein Luxusgut. Es war das Lebensnotwendigste: zum Konservieren von Nahrung, zum Überleben in der Hitze Indiens, zur täglichen Zubereitung des Grundnahrungsmittels Reis. Und genau dieses Salz hatte die britische Kolonialverwaltung mit einem Monopol belegt.² Es war verboten, Salz selbst zu gewinnen, selbst wenn man am Meer lebte, selbst wenn man neben Salzvorkommen wohnte. Man musste es kaufen, teuer, vom Staat, dem fremden Staat.

Das Salzmonopol war nicht nur eine Steuer. Es war Kontrolle über das Lebensnotwendige. Wer das Salz kontrolliert, kontrolliert die Menschen.

Gandhi verstand das genau. Und er verstand noch etwas anderes: Dieses Gesetz war so offensichtlich ungerecht, dass selbst diejenigen, die dem britischen Empire gegenüber loyal waren, es nicht verteidigen konnten, ohne sich selbst zu beschämen.

Satyagraha: Festhalten an der Wahrheit

Gandhi nannte seine Methode Satyagraha, wörtlich: Festhalten an der Wahrheit.³ Es war kein Konzept der Schwäche. Es war eine Disziplin, strenger als jede militärische Ausbildung. Wer am Salzmarsch teilnahm, verpflichtete sich: keine Gewalt, unter keinen Umständen. Auch nicht wenn Polizisten schlugen. Auch nicht wenn Verhaftungen drohten.

Satyagraha hat nichts mit Passivität zu tun. Sie verlangt eine weit größere Stärke als Gewalt. Sie setzt die Bereitschaft voraus, für eine gerechte Sache zu leiden – und dabei die Würde des Gegners nicht anzutasten.⁴

Was folgte, war eines der erstaunlichsten Phänomene der modernen Geschichte. Die Bilder gingen um die Welt: Inder, die friedlich Salz schöpften und dafür geschlagen wurden. Männer, die ohne Gegenwehr zu Boden gingen. Frauen, die die Reihen der Verhafteten sofort wieder schlossen. Die Brutalität der Kolonialherrschaft und die Würde des Widerstands auf einem einzigen Foto.

Die Weltpresse berichtete. Die britische Öffentlichkeit war erschüttert. Das Empire hatte sein Gesicht verloren, nicht durch Niederlage, sondern durch das Spiegelbild seiner eigenen Gewalt.

Das Gebet als politischer Akt

Gandhi betete täglich. Nicht als Nebenbeschäftigung, sondern als Grundlage. Jeder Marschtag begann mit einer Gebetsversammlung, jeder Abend endete damit. Das war keine Inszenierung. Das war Überzeugung: Gewaltlosigkeit als spirituelle Praxis, nicht als politische Taktik.

Er schrieb vor dem Marsch an den britischen Vizekönig: „Mein Ehrgeiz besteht in nichts Geringerem als darin, das englische Volk durch Gewaltlosigkeit zu bekehren und zu der Erkenntnis zu führen, welches Unrecht es Indien angetan hat.“⁵

Der Vizekönig antwortete nicht persönlich.

Diese Verbindung von Gebet und Widerstand ist der Kern, den die ökumenische FriedensDekade im Salzmarsch erkennt: Frieden ist keine politische Strategie allein. Er wächst aus einer inneren Haltung, aus der Überzeugung, dass die Würde des anderen unantastbar ist, auch die Würde des Gegners. Das unterscheidet Satyagraha von allem, was wir heute unter politischem Druck verstehen.

Was uns das heute sagt

Wer kontrolliert heute das Lebensnotwendige? Die Frage ist alt. Die Antworten verschieben sich.

1930 war es Salz. Heute sind es Lieferketten, Energieversorgung, Rohstoffe. Wer sie kontrolliert, kontrolliert Abhängigkeiten, das gilt für Staaten genauso wie für Menschen. Der Iran-Konflikt 2026 ist auch ein Konflikt um Öl-Lieferrouten, um Energiesicherheit, um wirtschaftliche Einflusssphären. Das sagt niemand so direkt. Aber es stimmt.

Und innenpolitisch? Wir erleben gerade, wie die Debatte über Sicherheit sehr schnell sehr eng wird. Aufrüstung hier, Wehrpflicht dort. Ob es daneben noch Raum gibt für die Frage, was zivile Sicherheit bedeutet, Bildung, soziale Stabilität, Konflikttransformation, das ist offen. „Wir als FriedensDekade stellen diese Frage. Nicht weil wir die Antwort haben. Sondern weil wir glauben, dass sie gehört werden sollte.“

Gandhi hat 1930 keinen Masterplan gehabt. Er hatte eine Überzeugung und einen Strand. Ob seine Methode auf 2026 übertragbar ist, vollständig, eins zu eins, das glauben wir ehrlich gesagt nicht. Die Welt ist komplizierter geworden. Aber der Kern bleibt: Wer das Lebensnotwendige als Druckmittel einsetzt, hat die Legitimation verloren. Und wer schweigt, macht mit.

Die Schülerinnen und Schüler, die am 8. Mai 2026 auf die Straße gingen, bewusst am Jahrestag des Kriegsendes, erinnern uns daran, dass diese Fragen nicht akademisch sind. Sie sind generational. Was wir heute entscheiden, tragen andere aus.

Eine letzte Wahrheit

Der Salzmarsch hat Indien nicht sofort befreit. Gandhi wurde verhaftet. Die Unabhängigkeit kam erst 1947, 17 Jahre später. Das ist die nüchterne Wahrheit.

Und doch: Der Marsch hat die Welt verändert. Er hat gezeigt, dass ein Volk, das seine Würde nicht aufgibt, letztlich stärker ist als eine Armee. Er hat Bewegungen inspiriert, die nach ihm kamen: die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die Friedensbewegung in Europa, den gewaltfreien Widerstand in der DDR, deren Jugendliche ihren Aufnäher trugen wie Gandhi sein Salz, ein kleines Zeichen, das eine große Wahrheit trägt.

Was von 1930 bleibt: Widerstand braucht keine Waffen. Er braucht Wahrheit, Geduld und die Bereitschaft, dafür einzustehen. Das ist unbequem. Es ist auch das Einzige, was dauerhaft etwas verändert.

Couragiert widerständig, wie Gandhi und die Satyagrahi auf dem Weg nach Dandi. Für eine Welt, in der das Lebensnotwendige nicht als Druckmittel dient, und Frieden nicht nur denen gehört, die Waffen haben.

Reflexionsfragen

  1. Welches „Salzmonopol“ begegnet Ihnen in Ihrem Alltag: Wer kontrolliert, was als alternativlos gilt?
  2. Satyagraha bedeutet leiden ohne Gegengewalt. Wo stoßen Sie persönlich an die Grenzen dieser Haltung?
  3. Was wäre heute ein Äquivalent zur Handvoll Salz: eine kleine, konkrete Geste, die eine große Wahrheit sichtbar macht?

Gebet

Gott,
gib uns den Mut der kleinen Geste.
Dass wir aufstehen, auch wenn niemand zusieht.
Dass wir schweigen können, wo Worte verletzen,
und sprechen, wo Schweigen schuldig macht.
Amen.

Quellenangaben

¹ Gandhi, Mohandas K.: Gebetsansprache, Sabarmati-Ashram, 11. März 1930. Zit. nach: ernaehrungsdenkwerkstatt.de/fileadmin/user_upload/EDWText/TextElemente/Lebensmittel/Salz_Politik_Salzmarsch_Indien_Gandhi_Infos.pdf

² Salzmarsch. Wikipedia

³ Satyagraha. Wikipedia

keinegewalt.com: Satyagraha in Theorie und Praxis. 

⁵ Gandhi an Vizekönig Lord Irwin, März 1930. Zitat nach dadalos-d.org/deutsch/Vorbilder/Vorbilder/gandhi/salzmarsch.htm

PORTRÄT • FRIEDENSBOTIN 2026 Dr. Friederike F. Spengler – Couragiert widerständig seit 1982

Von der Nikolaikirche ins Bischofsamt: Warum die Friedensbotin 2026 den Frieden nicht nur als Ideal kennt, sondern als gelebte Haltung.

Es war ein Novemberabend, der sich ihr eingraviert hat. 1982, Nikolaikirche Leipzig. Friederike Spengler ist 14 Jahre alt, als ihr Vater (damals Präses der Leipziger Synode) sie nicht in ihre Heimatgemeinde mitnimmt, sondern hierher: in eine Kirche, die die DDR-Staatsführung längst zum politischen Risiko erklärt hat. Die Kreissynode hat sich verabredet, den Eröffnungsgottesdienst der Friedensdekade als Teilnehmende zu unterstützen. Ihr Vater gehört zu den Sprechenden der Fürbitten.

Die Staatssicherheit ist bereits eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn da. Großflächig über das Kirchenschiff verteilt, gut sichtbar. Als die Gemeinde nach dem Friedensgebet durch das Eingangstor hinaus in den Novemberabend tritt, ist die gesamte Etage des gegenüberliegenden Hauses hell erleuchtet. Männer mit Ferngläsern stehen hier. Die mit hinauslaufenden Stasileute scannen die Gesichter. „Ich bilde mir heute ein, damals mit anderen gemeinsam hinauf gewunken zu haben“, sagt Spengler. „Vielleicht ist das mehr Wunsch als reale Erinnerung, aber es war das Gefühl des Abends.“

Als Schülerin „politisch unzuverlässig“

Friederike Spengler war ihrer Schule unbequem, auch weil sie in ihrem Jahrgang die Einzige war, die nicht zur Jugendweihe, sondern ausschließlich zur Konfirmation ging, sich nicht der Ideologie der DDR verpflichten wollte. Noch schwieriger wurde es für sie, als sie den militärisch aufgeladenen Unterricht kritisierte und deshalb das Aufsagen von Gedichten und Singen von Liedern mit Militär-verherrlichenden Inhalten ebenso verweigerte wie Sportübungen mit Attrappen von Gewehren und Handgranaten. Als sie sich in der 9. Klasse dem für Mädchen (parallel zum obligatorischen Wehrlager für Jungs) verpflichtendem Kurs für Erste Hilfe und Schutz vor atomaren Angriffen verweigerte und stattdessen bat, die Stunden in einer diakonischen Einrichtung arbeiten zu dürfen, drohte man mit nachhaltigen Konsequenzen. „Ich hatte Gott sei Dank Eltern, die hinter mir standen, und eine Kirchengemeinde, deren Gemeindeleben mir Kraft gab. Sonst hätte ich diesen Weg so nicht gehen können“, sagt sie. Über die Angebote kirchlicher Friedens- und Umweltarbeit kam sie mit Gleichgesinnten zusammen. Deshalb war es auch gar keine Frage, sondern nur folgerichtig, den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ an der Jacke zu tragen. Für dieses Symbol habe ich gestritten und gelitten“, sagt sie heute. Wer in der DDR weiß, was dieser Stoff auf dem Ärmel bedeutete, versteht den Preis. Von nun an gab man ihr unumwunden zu verstehen, dass weder Abitur noch Fachschulausbildungen für sie möglich wären. Man hielt Wort.

Zwischen Bekenntnis und Denkschrift

Heute, als Regionalbischöfin in Thüringen und Mitglied der EKD-Synode, ist Friederike Spengler längst eine der markanten Stimmen in der evangelischen Friedensdebatte. Als die EKD bei ihrer Synode in Dresden 2025 ihre neue Friedensdenkschrift vorlegte, die den Rahmen für kirchliche Stellungnahmen zu Krieg und militärischer Gewalt neu absteckt, meldete sie sich zu Wort: Es tue ihr weh, welch marginale Stellung dem Pazifismus in dem Papier eingeräumt werde, sagte sie im Kirchenparlament. Auch, dass die Passage, der Dienst ohne Waffe ist das „deutlichere Zeugnis des gegenwärtigen Friedensgebots unseres Herrn“ nicht mehr länger Teil evangelischer Friedensethik sei, hinterfragte sie. Und sie übte Kritik an der Denkschrift in puncto Stellung zu atomarer Bewaffnung.

Friederike Spengler hatte bereits bei der EKD-Synode 2019 beantragt, Artikel 16 der Confessio Augustana, jenes Bekenntnisstück aus dem Jahr 1530, das Christen die Teilnahme an Kriegen und staatlicher Gewalt erlaubt, kritisch in den Blick zu nehmen, im Wortsinn: „Re-Vision“, sie erneut anzusehen und zeitgemäß zu interpretieren. Eine Kirche, die sich als „Kirche des gerechten Friedens“ verstehe, müsse konsequent vom Frieden her denken – nicht vom Krieg als geregeltem Ausnahmefall. Das ist theologische Grundsatzdiskussion, aber sie hat politische Konsequenzen. Und Spengler ist willens, sie zu ziehen.

Seelsorge als Fundament

Bevor Spengler ab 1989 Theologie studierte, fand sie bei Diakonie und Kirche Ausbildungsmöglichkeiten und arbeitete als Kinderdiakonin und in der Psychiatriepflege. Das sind für sie keine biografischen Fußnoten: Sie haben ihr Menschenbild geprägt und wie sie Kirche denkt. Auch Kirchenleitung. Sie mischt sich in ethische Debatten ein und meldet sich für jene zu Wort, deren Stimme überhört wird. Ihr Amt nutzt sie bewusst als Ökumenikerin, die den konfessionsübergreifenden Dialog ebenso wie für den zwischen Christen und Juden in Thüringen sucht und lebt. Sie unterstützt als Gesicht der EKM bei „Weltoffenes Thüringen“ demokratiefördernde Projekte und Initiativen. In ihrem Ehrenamt ist sie als Vorstandsvorsitzende des Thüringer Hospiz- und Palliativverbandes tätig. Die FriedensDekade 2026 bekommt mit ihr eine Botschafterin, für die Frieden kein bloßes Ideal ist, sondern auch Handwerk.

Der Kreis schließt sich

Wenn Friederike Spengler nun im Jahr 2026 als Friedensbotin auftritt, ist das für sie keine neue Rolle. Es ist Fortsetzung. Die FriedensDekade gehöre „elemtar“ zu ihrer Prägung, sagt sie und diese Formulierung klingt nach innerer Haltung. Wer die Nikolaikirche 1982 erlebt hat, wer für seine Überzeugung Nachteile in Kauf nehmen musste, wer in der EKD-Synode so deutliche Worte sagt, der glaubt man das.

„Martin Luther soll gesagt haben: Wes das Herz voll, des geht der Mund über. So ist es wohl.“– Dr. Friederike F. Spengler, in ihrer Zusage, das Amt der Friedensbotin für die FriedensDekade 2026 zu übernehmen

Ihren 90-jährigen Vater, der sie damals in die Nikolaikirche mitnahm, wird die Nachricht besonders freuen. Er habe immer Wert auf die Bedeutung ihres Vornamens gelegt, sagt sie. Friederike heißt „Friedensfrau“. Als Friedensbotin 2026 wird dieser Name erneut zur Aufgabe.

Zur Person

Dr. Friederike F. Spengler, Jahrgang 1968, ist seit 2019 Regionalbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Mitglied der 13. Synode der EKD und der Kirchenleitung der VELKD. Sie studierte Theologie in Jena, Erfurt und Marburg und wurde in Heidelberg promoviert. Sie war Gemeinde- und Schulpfarrerin und bekleidete eine landeskirchliche Pfarrstelle. Zuvor arbeitete sie als Kinderdiakonin, Psychiatriepflegerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Jena. Spengler ist verheiratet und hat drei Kinder.

Friedenspolitische Einordnung | Teil 5: Zwischen Aufrüstung und Aufklärung

Wenn Sicherheitspolitik sich verschiebt

Von Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF (redaktionell aufbereitet für die FriedensDekade)

 

In Deutschland erleben wir auf verschiedenen Ebenen eine schleichende Militarisierung. Zuletzt stellte der Bundesinnenminister neue Planungen für den Bevölkerungsschutz vor – mit deutlichem Vorrang auf Maßnahmen im Kriegsfall. Die Auswirkungen betreffen letztlich alle, nicht zuletzt durch die entsprechende Priorisierung im Bundeshaushalt.

 

Die Eckwerte der Bundesregierung sehen beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung weitere Kürzungen von mindestens sechs Prozent vor. Betroffen sein dürften unter anderem der entwicklungspolitische Freiwilligendienst weltwärts und vermutlich auch der Zivile Friedensdienst – während für die Bundeswehr erheblich mehr Mittel vorgesehen sind.

 

Politisch wird das als Sachzwang dargestellt: Die weltweiten Krisen und Kriege bedrohten unsere Sicherheit, weshalb militärischer Schutz notwendig sei. Von Russland geht eine reale militärische Bedrohung für europäische NATO-Mitgliedsstaaten aus, für die Europa auch ohne den Beistand der USA gewappnet sein müsse. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

 

Gleichzeitig bleibt es schwierig, diese Art einer Zeitenwende zu hinterfragen und überzeugende Alternativen aufzuzeigen. Wer den Umfang militärischer Verteidigungsfähigkeit zur Debatte stellt, braucht Friedensgeschichten, die auf die aktuelle Lage wirklich antworten, das wird eines der zentralen Themen der AGDF-Fachwerkstatt Friedensbotschaften im Februar 2027 sein.

 

So bleibt in einem erheblichen Teil der Bevölkerung eine latente Unzufriedenheit mit der Sicherheitspolitik und viel Verunsicherung. Protest lässt sich kaum organisieren – am ehesten noch durch Kreise, mit denen wir keine gemeinsame Sache machen wollen.

 

Was bleibt, ist eine Aufgabe, die wichtiger geworden ist als seit langem: eine längerfristig angelegte Aufklärungs- und Friedensbildungsarbeit. Sie braucht langen Atem – und sie lohnt ihn.

 


Serie „Friedenspolitische Einordnung“: In dieser monatlichen Reihe ordnet Jan Gildemeister, Vorsitzender des Ökumenische FriedensDekade e.V. und Geschäftsführer der AGDF, aktuelle Entwicklungen aus friedenspolitischer Perspektive ein. Der Text basiert auf seinem Editorial im monatlichen AGDF-Newsletter.

Rigoberta Menchú Tum – Stimme der Geächteten und Hüterin der Erde

Biographie einer Friedenspionierin

Zum Jahresmotto 2026 der ökumenischen FriedensDekade „couragiert widerständig“

„Peace is not only the absence of war; as long as there is poverty, racism, discrimination and exclusion, we could hardly achieve a world of peace.“ (Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg; solange es Armut, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung gibt, können wir schwerlich eine Welt des Friedens erreichen.)

Rigoberta Menchú Tum (Guatemala, geboren 1959) sprach aus bitterer Erfahrung. Ihr Vater starb 1980 beim Brand der spanischen Botschaft in Guatemala-Stadt, ihre Mutter und ihr Bruder wurden vom Militär ermordet. Das Schicksal ihrer Familie war kein Einzelschicksal. Es war das kollektive Trauma des Maya-K’iche‘-Volkes, das eine Militärdiktatur mit systematischer Gewalt verfolgte.

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In unserer Reihe „Frauen des Friedens“ zur ökumenischen FriedensDekade 2026 stellen wir Pionierinnen mutiger Widerständigkeit vor. Mit Wangari Maathai haben wir im April gezeigt, dass Schöpfungsbewahrung Friedensarbeit ist. Mit Leymah Gbowee im Mai, dass Frieden von unten wächst. Rigoberta Menchú Tum scließen wir den Schwerpunkt „Schöpfung & Gerechtigkeit Wer die Erde raubt, raubt auch das Leben.

Das Buch, das die Welt aufweckte

Im Exil in Mexiko erkannte Rigoberta Menchú: Das wirksamste Mittel des Unrechts ist das Schweigen der Weltöffentlichkeit. 1982 diktierte sie der Anthropologin Elisabeth Burgos ihre Lebensgeschichte. Das daraus entstandene Buch „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ gab dem namenlosen Sterben in den Bergen Guatemalas erstmals ein Gesicht.

Als indigene Frau, der die koloniale Gesellschaft jegliches Recht auf Sprache abgesprochen hatte, brach sie das Schweigen, das die Diktatur ihren Opfern auferlegt hatte. Jahre später stellte ein Anthropologe einzelne Angaben des Buches in Frage. Menchú räumte ein, Erlebnisse anderer in ihre eigene Erzählung eingewoben zu haben, um das kollektive Schicksal ihres Volkes sichtbar zu machen. Sie ließ sich davon nicht beirren. Die Massaker hatten stattgefunden. Die Erde war geraubt worden. Die Menschen waren tot.

Sie reiste von Land zu Land, sprach vor den Vereinten Nationen, organisierte den gewaltfreien Widerstand aus dem Exil. 1992, genau 500 Jahre nach der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika, erhielt sie den Friedensnobelpreis.

 

 

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Schöpfung als Lebensgrundlage

Für das Volk der Maya ist die Erde kein Spekulationsobjekt. Sie ist spirituelle Heimat und Lebensgrundlage. Der Raub des Landes durch Großgrundbesitzer war deshalb nicht nur wirtschaftliches Unrecht. Es war ein Angriff auf die Würde eines ganzen Volkes und auf die Schöpfung selbst.

Menchú zeigt: Umweltzerstörung, Rassismus und Gewalt sind eng verbunden. Wer den Boden ausbeutet, beutet auch die Menschen aus, die auf ihm leben. Diese Erkenntnis verbindet sich mit dem biblischen Auftrag aus Genesis 2,15: die Erde bebauen und bewahren, nicht ausbeuten und zerstören.

Inmitten von Verlust und Bedrohung bewahrte sie den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2. Timotheus 1,7). Sie verfiel nicht der Spirale der Gegengewalt, sondern setzte auf das Wort, auf das Recht, auf die Hoffnungskraft einer besseren Zukunft.

 

Was Rigoberta uns heute sagt

Weltweit werden Umweltaktivistinnen und Aktivisten sowie indigene Gemeinschaften bedroht, wenn sie sich der Ausbeutung der Natur entgegenstellen. Rigobertas Botschaft bleibt dringend: Frieden entsteht nicht durch militärische Absicherung allein. Frieden setzt Gerechtigkeit voraus, die Bewahrung der Schöpfung und den Respekt vor der Würde des Nächsten.

Ihr Leben fordert uns auf, das Schweigen zu brechen, wo Unrecht geschieht, und unseren eigenen Wohlstand zu hinterfragen.

Fragen zur Reflexion:

Rigoberta Menchú sieht den Frieden gefährdet, solange Armut, Diskriminierung und Umweltzerstörung existieren. Wo sehen Sie in Ihrem Alltag den Zusammenhang zwischen ökologischer Zerstörung und gesellschaftlichem Unfrieden?

Menchú brach das Schweigen über die Verbrechen in ihrem Heimatland unter Lebensgefahr. In welchen Bereichen Ihrer Gemeinde nehmen Sie ein lähmendes Schweigen wahr, das durch couragierten Widerstand gebrochen werden müsste?

Trotz des Verlusts ihrer engsten Angehörigen lehnte Menchú die Logik der Rache ab. Was gibt uns die Kraft, in Konflikten nicht mit Gegengewalt zu reagieren, sondern für das Recht einzutreten?

 

Gebet: Gott der Gerechtigkeit, danke für Menschen wie Rigoberta Menchú, die das Schweigen brachen und für die Würde ihres Volkes eintraten. Gib uns Mut, die Schöpfung zu bewahren und die Stimme zu erheben, wo Unrecht geschieht. Amen.

 


Couragiert widerständig, wie Rigoberta Menchú Tum.
Für eine Welt, in der die Würde aller Völker geachtet und die Schöpfung bewahrt wird.


Quellen und zum Weiterlesen:

Rigoberta Menchú / Elisabeth Burgos: „Ich heiße Rigoberta Menchú und so entstand mein Gewissen“ (1983)
Rigoberta Menchú: „Die Enkel der Maya. Das Überleben der indigenen Kulturen Guatemalas“ (1998)
Fundación Rigoberta Menchú Tum: www.menchutum.org

 

 

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