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Monat: November 2022

Ökumenische FriedensDekade legt Jahresmotto für 2023 fest

Pressemitteilung

„sicher nicht – oder?“

Bonn/Frankfurt, 30. November 2022. Das Motto der Ökumenischen FriedensDekade für das Jahr 2023 steht fest. Es lautet: „sicher nicht – oder?“. Auf seiner Sitzung in Kassel legte das Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade das Motto für die zehn Tage vor dem Buß- und Bettag im kommenden Jahr fest (12-22. November 2023). Im gesamten Bundesgebiet werden unter dem Jahresmotto mehrere Tausend Gottesdienste, Friedensgebete und Informationsveranstaltungen stattfinden.

 Unter dem Motto „sicher nicht – oder?“ greifen die Trägerorganisationen die aktuellen Verunsicherungen auf, die in Gesellschaft, Kirche und Politik zu spüren sind. Nach über zwei Jahren Pandemiegeschehen, dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der damit verbundenen Energiekrise und dem großen Kaufkraftverlust aufgrund der immensen Inflation sind viele Menschen verunsichert, was ihre Zukunftsperspektiven betrifft. „Hinzu kommt die menschengemachte Klimakrise, deren dramatische Folgen immer deutlicher werden. All‘ das stellt eine ehemals gefühlte Grundsicherheit, ein Grundvertrauen in die Zukunft, infrage“, so Jan Gildemeister, Vorsitzender der Ökumenischen FriedensDekade e. V..

Viele Menschen verspürten eine generelle Unsicherheit. Bislang Selbstverständliches wird als nicht mehr sicher wahrgenommen, wie etwa das Zusammenleben in einem friedlichen Europa. Versprochen wird mehr Sicherheit durch verstärkten militärischen Schutz. „Aber ist Frieden durch Waffen, ist Frieden durch Aufrüstung wirklich langfristig sicherzustellen?“. Auch diese Fragestellung möchte die Ökumenische FriedensDekade im kommenden Jahr mit dem Motto „sicher nicht – oder?“ aufgreifen und Angebote machen, wie die Resilienz der Menschen angesichts eines Vertrauensverlustes in die Zukunft gestärkt werden kann.

 „Uns ist weiterhin wichtig, den Blick über den deutschen oder europäischen Tellerrand hinaus auch auf andere Krisen- und Konfliktregionen zu lenken, die für unzählige Menschen katastrophale Folgen mit sich bringen“, macht Jan Gildemeister deutlich und verweist darauf, dass weltweit immer mehr Menschen unter Hunger, den Folgen der Klimakrise und Kriegen leiden und deshalb flüchten oder auswandern müssen. .

 In ihren Angeboten wird sich die Ökumenische FriedensDekade nicht nur mit den Ursachen und Folgen der Krisen und einer Stärkung der Resilienz beschäftigen, sondern sie möchte auch Impulse setzen, wie Kirchen und Religionsgemeinschaften, aber auch Politik und Zivilgesellschaft einen Beitrag zu einem umfassenden Schalom leisten können. „Angesichts der gerade auch in der jungen Generation spürbaren Verunsicherung und der zunehmenden Krisen weltweit ist es überfällig, den Begriff der Sicherheit neu zu denken und von einer militärischen Sicherheitslogik auf eine zivile Friedenslogik umzuschwenken“, betont Jan Gildemeister, der auch Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) ist. Die AGDF ist neben der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) eine der Trägerorganisationen der Ökumenischen FriedensDekade.

 Mit „sicher nicht – oder?“ haben sich die Organisatoren bewusst für ein Motto entschieden, das sich möglicherweise erst auf den zweiten Blick erschließt, das aber neugierig machen und zu Diskussionen und zum Nachdenken anregen möchte. „Ja, auch im Gesprächsforum verspüren wir auf dem Hintergrund des Ukraine-Krieges eine große Verunsicherung, wie Frieden in Zukunft ausgestaltet werden kann. Sicher nicht mit Maßnahmen, die zu einer neuen Aufrüstungsspirale führen und Ressourcen verschwenden, die an anderer Stelle dringend benötigt werden. Oder?“, räumt Jan Gildemeister ein.

 Als biblische Bezugsquellen zum Motto „sicher nicht – oder?“ wurden die Verse 3-11 aus Kapitel 5 des 1. Briefes des Apostels Paulus an die Thessalonicher (NT) und Jesaja 32,11-20 aus dem Alten Testament ausgewählt.

Wie in den Jahren zuvor lädt die Ökumenische FriedensDekade in den kommenden Wochen zur Teilnahme an einem Plakatwettbewerb ein, um Anfang Februar 2023 aus den eingesandten Entwürfen ein grafisches Motiv auszuwählen, mit dem das Jahresmotto „sicher nicht – oder?“ gestalterisch umgesetzt soll. Das ausgewählte Motiv wird als zentrales visuelles Element sowohl als Plakat und Postkarte als auch auf allen Bildungs- und Aktionsmaterialien im Jahr 2023 eingesetzt.

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Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an:

Jan Gildemeister (AGDF), 0228/24999-13, E-Mail: jan.gildemeister@friedensdekade.de

Thomas Oelerich, Tel. 0173/81 58 627 E-Mail: thomas.oelerich@friedensdekade.de

Ökumenische FriedensDekade zieht erfreuliche Zwischenbilanz

Pressemitteilung

Deutliche Zunahme an Friedensaktivitäten

Bonn, 14.11.2022. Kurz vor Ende der diesjährigen Ökumenischen FriedensDekade (6.-16. November) ziehen die Organisatoren eine erfreuliche Zwischenbilanz. Im Vergleich zu den Vorjahren wurde das Friedensthema in Kirchengemeinden und Friedensgruppen weitaus häufiger aufgegriffen.

„Die Bestellungen unserer angebotenen Materialien sind um fast 20% gestiegen und die Anzahl an Gottesdiensten, Friedensgebeten und Informationsveranstaltungen hat im gesamten Bundesgebiet deutlich zugenommen“, fasst Thomas Oelerich, zuständig für Marketing und Fundraising, die positive Entwicklung wenige Tage Ablauf der Ökumenischen FriedensDekade zusammen.

Diesen gesteigerten Zuspruch sehen die Organisatoren in zwei zentralen Punkten begründet. Einmal im Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine, in dessen Folge der Wunsch und die Hoffnung auf Frieden nicht zuletzt wegen der Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen gewachsen sind. Zum zweiten sei mit dem Motto „ZUSAMMEN:HALT“ ein zentrales Jahresmotto ausgewählt worden, das in der heutigen Zeit vielen Menschen am Herzen liegt. „Angesichts des Krieges in der Ukraine, wegen der daraus resultierenden Wirtschafts- und Energiekrise und auch wegen des zunehmenden Bewusstseins in der Bevölkerung darüber, dass die Klimakrise wie ein Damoklesschwert über allem schwebt, ist der Wunsch nach gesellschaftlichem Zusammenhalt deutlich gewachsen“, so Jan Gildemeister, Vorsitzender der Ökumenischen FriedensDekade.

Mit einem zentralen Abschlussgottesdienst, der am 16.11., dem Buß- und Bettag, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin stattfindet (18.00 Uhr), endet die diesjährige Ökumenische Friedensdekade. „Diese Feier ist ein Ort für unsere Sehnsucht nach Frieden“, erklärte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), der orthodoxe Erzpriester Radu Constantin Miron. In dem Gottesdienst wolle man darum bitten, dass „Frieden keine Illusion bleibt, sondern Wirklichkeit werden kann.“

Bereits Ende November kommt das Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade, zu dem Vertreter*innen aller Trägergruppen gehören, zu einem zweitägigen Planungstreffen in Kassel zusammen. Dort steht die Auswahl des Jahresmottos für das Jahr 2023 auf der Tagesordnung. „Für uns beginnt kurz nach Ende einer FriedensDekade bereits die Planung für die kommende FriedensDekade, die wir im Jahr 2023 zum 45sten Mal vorbereitend gestalten. Eine lange Tradition, auf die wir auch mit einem gewissen Stolz zurückblicken dürfen“, freut sich Jan Gildemeister.

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 Das  Jahresmotiv kann im Internet (www.friedensdekade.de) in druckfähiger Qualität heruntergeladen werden.

Oder Sie fordern eine druckfähige Vorlage  als jpg- oder pdf-Datei an unter: thomas.oelerich@friedensdekade.de.

 Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an:

Jan Gildemeister (AGDF), 0228/24 999 -13, E-Mail: jan.gildemeister@friedensdekade.de

Thomas Oelerich, Tel. 0173/81 58 627, E-Mail: thomas.oelerich@friedensdekade.de

 

Zentraler Abschlussgottesdienst der FriedensDekade in Berlin am Buß- und Bettag

Datum: 16.11.2022

Uhrzeit: 18.00 Uhr

Ort: Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Berlin, Breitscheidplatz, 10789 Berlin

Frankfurt a.M./Berlin (epd). Der zentrale Gottesdienst im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade 2022 findet am Buß- und Bettag in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin statt. „Diese Feier ist ein Ort für unsere Sehnsucht nach Frieden“, erklärte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), der orthodoxe Erzpriester Radu Constantin Miron, am Dienstag in Frankfurt am Main. In dem Gottesdienst wolle man darum bitten, dass „Frieden keine Illusion bleibt, sondern Wirklichkeit werden kann.“

Angesichts von aktuell mehr als vierzig stattfindenden kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit steht die diesjährige ökumenische Friedensdekade bis 16. November unter dem Motto „ZUSAMMEN:HALT“. Die Predigt hält den Angaben zufolge die Generalsekretärin des ökumenischen Netzwerkes Church and Peace, Lydia Funck. Die Liturgie soll von Gedächtniskirchen-Pfarrerin Kathrin Oxen, dem Vorsitzenden des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg, Monsignore Hansjörg Günther, und dem ACK-Vorsitzenden Erzpriester Miron gestaltet werden.

Trägerorganisationen der 1980 in West- und Ostdeutschland ins Leben gerufenen Ökumenischen Friedensdekade sind neben der ACK die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Zudem wirken Vertreterinnen und Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und evangelischer Landeskirchen sowie evangelisch-freikirchliche und römisch-katholische Organisationen mit. Seit 1983 ist das aus der kirchlichen Friedensarbeit der DDR bekannte Logo „Schwerter zu Pflugscharen“ Erkennungssymbol der Ökumenischen Friedensdekade.

Die 1948 gegründete Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland repräsentiert etwa 50 Millionen Christen. Ihr gehören 18 Kirchen an, weitere sieben Kirchen sind Gastmitglieder, fünf ökumenische Organisationen haben Beobachterstatus.

„Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Mt 5,9 (von Peter Herrfurth, Magdeburg)

Frieden stiften! Ja, wer will das nicht? Ok, Putin nicht. Der hat Krieg angestiftet. Und befeuert. Und lässt töten, vernichten, bombardieren, einberufen, verheizen, krepieren…

Selenskyj verteidigt sein Land mit allen Mitteln. Das ist sein Recht und seine Not. Beide Seiten haben ihre Verbündeten und Partner. Die einen rasseln mit den eigenen Säbeln, einige führen Scheinabstimmungen durch, wieder andere liefern Haubitzen, Granaten, Flugabwehrsysteme und was die Rüstungsindustrie sich noch alles ausgedacht hat. Manche sprengen Brücken, andere steuern Drohnen, die Propagandamaschinerie heizt tüchtig ein – und als sei nicht schon Schweinerei genug, predigt Kirill Opfertod und Sündenerlass auf dem Feld – aber niemand stiftet Frieden. Wir geben uns als Söhne und Töchter der Politik, des Rechtes, der Militärbündnisse, der Freiheit – aber nicht als Kinder Gottes. Pazifisten geraten unter die Trümmer der wankenden eigenen Haltung und Militaristen haben es ja immer schon gewusst: der Friede muss bewaffnet sein. 

Sind wir mit unserem Friedenslatein also am Ende? Müssten Christen und Kirchen nicht hundertprozentig gegen das Töten und für Gewaltfreiheit beten und demonstrieren. Oder dienen wir damit letztlich dem Unrecht und reden der Macht der Gewalt das Wort? Müssen wir Putin und seine Dämonen aushalten, um irgendwann Frieden zu bekommen?

Montags demonstrieren wieder die Wütenden. Aber nicht gegen den Krieg, sondern für die Wohnzimmertemperatur. Doch es geht nicht um Wohlfühlfrieden, der an der Heizkostenabrechnung endet. Ein Gaspreisdeckel stiftet keinen Frieden. Und bitte – der Hinweis auf den befreienden Einsatz der alliierten Truppen vor mehr als 77 Jahren hilft auch nicht. Wir stehen heute an einer ganz anderen Schwelle zur Apokalypse. 

Frieden stiften heißt ausgelacht werden. Frieden stiften heißt Nachteile in Kauf nehmen. Frieden stiften heißt Unrecht aushalten. So ist das nun mal, wenn wir Gottes Kinder sein wollen. Lasst uns Frieden stiften. Um des Himmels und der Menschen Willen.

Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg, Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade

Von der Vision einer Welt ohne Krieg (Predigt von Esther Zeiher)

Liebe Gemeinde,

das kleine Stückchen Flies, das ihr auf euren Plätzen findet, ist ein beredtes Zeichen dafür, wie kreativ Menschen, die den Frieden lieben, schon immer waren. Diese Menschen haben die Vision einer Welt ohne Krieg in sich groß werden lassen. Und sie haben darüber nicht geschwiegen, sondern ihre Vision so ausgedrückt, dass sich die Welt dadurch tatsächlich verändert hat. Oft begann es klein, aber es wurde immer kraftvoller.

So wie der Prophet Micha: Er schaut im 7. Jahrhundert vor Christus aus der Perspektive eines Mannes vom Land auf das zerstörerische Treiben der Großgrundbesitzer. Eigentlich verkündet Micha den Untergang Jerusalems, denn er sieht, wie sich das begangene Unrecht auftürmt und auf die Verursacher zurückfällt. Doch dann weitet sich sein Blick auf das „Ende der Tage“ und in aller Unmöglichkeit sieht er plötzlich eine mögliche neue Welt:

„Die Völker werden herzulaufen, und sagen: ‚Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln!‘ Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“

Micha sieht vor seinem innerem Auge, wie sich Menschen in Bewegung setzen und wie sie sich Gott zuwenden. Ganze Völker erkennen, wie fehl sie bisher gegangen sind – es ist wie ein gemeinschaftliches Erwachen und Bereuen. Das führt zu dem schönsten Bild des Michabuches: Menschen schmieden ihre Schwerte um zu Pflugscharen. Aus der inneren Reue entspringt eine Dynamik, die dem Leben zugewandt ist. Aus Vernichtung wird Verheißung: „Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“

Das ist möglich…

Über die Jahrhunderte hat sich die Vision weitergetragen und manifestiert in Verlautbarungen und Vereinbarungen. Ohne die Vision einer friedvollen Welt, ohne das, was wir heute Friedensethik nennen, wäre weder das Völkerrecht entstanden, noch die Strukturen der Vereinten Nationen. In der UN-Charta von 1945 ist der nachhaltige Völkerfriede festgeschrieben. Die meisten Staaten haben seither das Verbot jedes Angriffskrieges anerkannt. Auch die damalige Sowjetunion.

Als Zeichen ihres Friedenswillens ließ die Sowjetunion eine Skulptur anfertigen, die 1959 der UN übergeben wurde. Der Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch gestaltete eine drei Meter hohe Bronzefigur im Stil des sozialistischen Realismus: da schmiedet ein muskulöser Mann mit einem Hammer ein Schwert um. Der Titel lautet: „Let us beat our swords into plowshares“. Tatsächlich hat Wutschetitsch das Zitat aus dem Michabuch genutzt, um der aufkeimenden Hoffnung Gestalt zu geben, dass es nie wieder Krieg geben darf: „Lasst uns unsere Schwerter zu Pflugscharen machen.“

Ungeachtet dessen begann die Sowjetunion, wie auch die NATO damit, stetig aufzurüsten. Das militärische Gleichgewicht schien die einzige Möglichkeit zu sein, einen Frieden zu wahren – der Mann vor dem UN-Gebäude konnte mit dem Umschmieden der immer neuen Waffen gar nicht fertig werden.

Aber das Wort des Propheten Micha und das Bild des schmiedenden Mannes begannen ein von den Machthabern nicht mehr zu steuerndes Eigenleben zu führen.

Es war der November 1980, als Christinnen und Christen in DDR und BRD gleichzeitig beschlossen, eine Friedensdekade auszurufen. Zehn Tage sollte es um die Fragen der Stationierung von Mittelstreckenraketen gehen und in der DDR konkret um die geplante Wehrerziehung in den Schulen. Während man sich hier im Westen ungestört treffen durfte, musste die Dekade in der DDR heimlich in privaten Wohnungen vorbereitet werden. Als Einladung für den Abschlussgottesdienst am 19.11.1980 lag ein Lesezeichen aus, das die Skulptur von Wutschetisch zeigte und dazu den Schriftzug: Schwerter zu Pflugscharen.

Gedruckt war es auf Fliesstoff, denn eine offizielle Druckgenehmigung hätte man in der DDR für diese Aktion niemals erhalten. Aber in Herrnhut gab es Christen, die den Druck auf Fliesstoff als Textiloberflächenveredlung argumentierten. Und so entstand aus der Not eine ziemlich kreative Idee: ein Aufnäher für Jacken mit einer Friedensbotschaft, die sich eines sowjetischen Künstlers bediente. Was sollte der DDR-Staat dagegen sagen können?

Nun, es brauchte nicht lange, bis man begriff, das dieses Zeichen die Rollenverhältnisse umdrehte: Die DDR und auch die Sowjetunion waren keine Friedensmächte. Vielmehrwaren die, die sich in den Kirchen trafen, diskutierten und Gottesdienst feierten, die eigentlich Friedensbewegten – frei im Geist und mit der Vision des Micha im Herzen.

Im November 1981 folgte das Verbot der Aufnäher und wer sie dann immer noch trug, musste damit rechnen, dass die Kleidung beschlagnahmt wurde, dass man von der Schule flog und keine Studien- oder Ausbildungsplatz mehr bekam. Mein älterer Bruder wurde unter anderem für das Tragen des Zeichens, für die Verweigerung des Wehrunterrichts in der Schule und für manch politischen Witz wegen sogenannter Staatsverleumdung zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Als kleine Schwester wuchs ich in die Überzeugung hinein, dass Frieden oftmals auf Fahnen geschrieben stand, aber das Gegenteil der Fall war. Und ich erlebte, wie mit Mut und Kreativität für echten Frieden gekämpft wurde. Viele Jugendlichen, denen der Aufnäher verboten worden war, nähten sich weiße Kreise auf den Ärmel und schrieben darauf: „Hier war ein Schmied.“

Wer diese Zeit auf der anderen Seite der Mauer so miterlebt hat, ist oft immer noch getragen von dem Vermächtnis, dass Frieden auch ohne Waffen möglich sein muss. Vielleicht macht es jene Friedensbewegte in den neuen Bundesländern verständlicher, die sich heute gegen Waffenlieferungen aussprechen.

Ist das Zeichen, das ihr in euren Händen haltet, eine Vision, die nur dann trägt, wenn der Krieg kalt und noch nicht heiß ist? Wie gehen wir als Christinnen und Christen mit dem Dilemma um, dass sich eine Autokrat entschließt, ein Nachbarvolk anzugreifen, um es in sein imperialistisches Weltbild hineinzuzwingen? Kurz: Darf man als Christ befürworten, dass Waffen in die Ukraine geliefert werden oder widerspricht das der Friedensethik der Bibel?

Mir hilft ein Blick zurück zum Propheten Micha. Der spricht nicht von einem billigen Frieden, nicht von Frieden, den man vor sich herträgt und der nur bedeutet, dass gerade mal die Waffen schweigen. Er spricht von einem Frieden, der in Reue gründet. Eigentlich spricht er von Gericht: Gott wird unter den Völkern Recht sprechen und so ihre Konflikte schlichten. Erst dann können sie freiwillig auf ihre Waffen verzichten.

Genau diese prophetische Vision brauchen wir, auch wenn sie bedeutet, dass allen ein langer Weg bevorsteht. Sie bedeutet, dass wir nicht aufhören dürfen, alles zu tun, um begangenes Unrecht zu benennen. Die russische Historikerin Irina Scherbakowa hat am 9. Oktober diesen Jahres in Leipzig die „Rede zur Demokratie“ gehalten. Zwei Tage vorher hat ihr Verein „Memorial“ den Friedensnobelpreis für die Aufarbeitung der Leidensgeschichte der russischen Bevölkerung unter Stalin bekommen. Irina Scherbakowa sagt: „Wir empfangen den Preis schweren Herzens, denn man muss zugeben, dass wir unser Ziel – die Aufarbeitung der Verbrechen des Sowjetischen Staats, damit diese nicht wieder passieren – nicht erreicht haben! Wir müssen nun darüber reflektieren, warum unsere Stimmen zu schwach waren, warum die russische Gesellschaft uns nicht zuhören wollte, als wir von Verbrechen und Gräueltaten – im sowjetischen GULAG, in Katyn, über den Holodomor in der Ukraine und dann im Tschetschenischen Krieg – gesprochen haben. Genau solche Gräueltaten, die wir jetzt in Butscha, Izyum und jeder ukrainischen Stadt und Dorf mit Entsetzen beobachten.“

Sie beginnt ihre Rede mit der Feststellung: „Der Krieg kann nur mit einem Sieg der Ukraine enden.“ Und sie schließt ihre Rede mit der Erkenntnis, dass dauerhafter Frieden und Versöhnung nur möglich ist nach Aufarbeitung, Sühne und Bestrafung aller Kriegsverbrecher.

Das Symbol der Friedensdekade zeigt einen schmiedenden Mann, für den möglicherweise ein Russe Modell stand. Es kann auch ein Ukrainer gewesen sein, denn Jewgeni Wutschetisch ist in der Ukraine geboren. Der russische oder ukrainische Mann, der heute mitten im Krieg steht, bildet die Vision ab, dass es keinen Krieg mehr gibt.

Er ist Teil einer großen Vision, in der sich Menschen wieder Gott zuwenden. Sie stellen sich in Gottes lebensfördernden Strom. In seinem Licht erkennen sie das Unrecht, das sie tun und haben keine Angst mehr, ihre Schuld einzugestehen. Und dann hören sie – wie Micha schon – dass Gott ihnen vergibt und dass er ihnen ein gutes Leben zutraut. Und dann – erst dann – richten sie sich auf und schmieden kraftvoll ihre Schwerter zu Pflugscharen.

Das ist möglich…

Amen


Esther Zeiher, Kind aus einer ostdeutschen christlichen Oppositionellenfamilie und über den Ökumenischer Pilgerweg e.V. in Mitteldeutschland immer noch mit den friedensbewegten Ostdeutschen in Verbindung, ist Pfarrerin in Kitzingen (Mainfranken)

 

 

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