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Monat: April 2022

„Schwerter zu Pflugscharen!“ (von Pfarrer Volker Mihan, Herrnhuter Brüdergemeine Neugnadenfeld)

Liebe GN-Leserinnen und -leser,

1958 erschuf der sowjetische Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch für die Tretjakow-Galerie in Moskau eine drei Meter große Bronzeskulptur: Ein kräftiger Mann, der ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet. Ein Kriegsgerät zu einem Werkzeug, das man für die Erzeugung von Lebensmitteln braucht. Heute würde er wahrscheinlich dafür vom Putin-Regime inhaftiert werden …

Vor 63 Jahren schenkte Nikita Chrustschow diese Skulptur „Schwerter zu Pflugscharen“ der UNO. Mitten im Kalten Krieg nähten wir Jugendliche uns in der DDR diese Abzeichen an unsere Parkas, um damit gegen die Aufrüstung zu protestieren. Unsere LehrerInnen und Parteifunktionäre zwangen uns, sie abzutrennen. Das taten wir zwar, markierten aber die Stellen am Arm auffällig mit einem gelben Rand aus Farbe, so dass alle wussten: Hier gehörte mal was dran… Die Textilaufnäher wurden damals bei der Firma „Dürninger“ im sächsischen Herrnhut an der Zensur der DDR vorbei gedruckt und zum Symbol der Friedens- und Abrüstungsbewegung in Ost und West angesichts drohender Stationierungen von Raketen auf deutschem Boden.

Micha 4,3: „Er wird Recht schaffen zwischen vielen Völkern und mächtige Nationen zurechtweisen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“

Niemals hätte ich gedacht, dass diese Worte und dieses Symbol noch einmal in unserer Zeit so drängend wichtig werden sollten. Es zeigt, dass wir niemals fertig sind mit dem „Umschmieden“ von lebensfeindlicher Gewalt in lebensdienliche Kooperation, die nicht mehr mit Drohungen und Rüstung abgesichert werden muss.

Spätestens jetzt, mit Bildern weinender Kinder und naherückender Panzer vor Augen, ist klar: wirklicher Friede entsteht niemals durch den Versuch der Absicherung mit Abschreckung.

Friede kommt allein dadurch, dass wir auf alle Sicherungen verzichten und Frieden wagen lernen.

Das Lernen von Frieden ist uns noch lange nicht in Fleisch und Blut übergegangen – ganz gleich, ob bei dem Propheten Micha, im Kalten Krieg zwischen Ost und West, in den Konflikten und Ungerechtigkeiten zwischen Nord und Süd und jetzt wieder angefacht durch wahnsinnige Machthaber in Russland. Immer leiden auf allen Seiten Menschen im Krieg.

Mag sein, dass wir jetzt erst einmal sichern müssen, dass nicht noch mehr Unheil und Elend entsteht. Mag sein, dass Sanktionen und Waffenlieferungen Despoten und ihr Gefolge stoppen müssen, die unser bisheriges Versagen erst so mächtig gemacht haben.

Aber für alle Zukunft: Friede kann nur gelernt und gewagt werden! Alle miteinander – jenseits jeglicher Grenzen. Das ist unsere gewaltige Aufgabe, nie zu vergessendes Gebot und keine offene Frage, die man diskutiert. In Gottes Armen sind niemals Waffen zu finden.

Wort zum Sonntag vom 2. April, erschienen in der Grafschafter Nachrichten (GN)

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Pfarrer Volker Mihan, Herrnhuter Brüdergemeine Neugnadenfeld)

Golgatha 2022 – ukrainische Passion (von Peter Herrfurth, Magdeburg)

Golgatha 2022 – ukrainische Passion

Kreuze säumen die Straße. Soldaten patrouillieren davor. Frauen und Kinder stehen da und weinen. Der Himmel verdunkelt sich. Ein Beben geht durchs ganze Land. Der Vorhang zerreißt. Es riecht nach Tod. Golgatha wohin man schaut: in Bucha, Mariupol, Odessa, Kiew, Charkiw und in vielen Orten der Ukraine. Es ist Karfreitag. Schon seit Wochen.

Die Kreuze sind Panzerkreuze. Sie wurden rasch aus Stahlträgern zusammengeschweißt. Frauen und Kinder verlassen ihre Heimat zu Millionen. Heimkehr auf lange Zeit ungewiss. Der Himmel verdunkelt sich im Qualm der brennenden Häuser, Panzer und Industrieanlagen. Es stinkt zum Himmel.

Der hohe Priester in Moskau feiert indessen fromm Gottesdienst, statt den Mund aufzumachen – oder wenigstens zu weinen über das unermessliche Leid der Kinder Gottes. Putin wäscht seine Hände in Unschuld wie einst Pilatus – und befiehlt bereits den nächsten Angriff.

Ostern ist weiter weg als drei Tage. Der Frieden begraben. Leben zerstört.

Jetzt zeigen Nachbarn ZUSAMMEN:HALT. Ungezählte Hilfskonvois hatten sich auf den Weg gemacht. Menschen haben Material und Geld gesammelt, Wohnungen bereitgestellt, Feldbetten aufgebaut, Getränke verteilt. Sie helfen bei Behördengängen, geben Sprachkurse, treffen sich zu Friedensgebeten, spielen mit den Kindern und zeigen: ласкаво просимо – Herzlich willkommen! Lauter kleine österliche Hoffnungszeichen.

ZUSAMMEN:HALT heißt miteinander auszuhalten. Heißt gemeinsam den Krieg zu verdammen, zu demonstrieren: „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein – um der Menschen willen!“

Ostern ist nicht, wenn der Ölpreis fällt und die Regale wieder voll sind, sondern wenn die Waffen schweigen und die Truppen abmarschieren. Wenn der Schutt beseitigt wird und die Menschen in ihre Heimat zurückkehren können. Wenn das Leben aller als heilig geachtet wird.

Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg, MItglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade

Krieg ist ein Versagen der Politik (von Jan Gildemeister, Bonn)

ZUSAMMEN für ein HALT der Eskalation

von Jan Gildemeister

Der Angriffskrieg Russlands ist ein durch nichts zu rechtfertigendes Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der russische Präsident Putin und die anderen, die ihn zu verantworten haben, gehören vor den internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen.

Auch wenn es angesichts der schrecklichen Bilder aus der Ukraine schwerfällt, braucht es eine Analyse der Gründe, die zu dem Krieg geführt haben, der Suche nach Wegen, wie er unter Einbezug der russischen Regierung beendet werden kann und einer nüchternen Diskussion über die Konsequenzen, die für die Politik Deutschlands, der EU und der NATO zu ziehen sind – also Vernunft, die nicht von Wut, Ohnmacht und Trauer gesteuert wird.

Dieser Krieg fiel nicht vom Himmel, sondern hatte einen langen Vorlauf. Seit 1990 gab es eine Vielzahl von Entscheidungen auf Seiten der NATO und Russlands, die Vertrauen vermindert, Abrüstungsinitiativen verhindert und Gewalt befördert haben. Beide Seiten haben zu einer Eskalation der Krise beigetragen, die letztlich zu dem unentschuldbaren Angriffsbefehl führten. Inwiefern hätten wir ZUSAMMEN mit anderen früher und lauter HALT zu dieser Eskalationsspirale rufen können?

Der bewaffnete und gewaltfreie Widerstand der Ukraine bremst den russischen Vormarsch offensichtlich aus. Sanktionen mögen – bei allen ihren unerwünschten Wirkungen – dazu beitragen, dass die russische Regierung überdenkt, inwieweit sie ihre imperialistische Politik fortsetzt. Ein Waffenstillstand wird letztlich aber nur durch Verhandlungen erreicht, bei dem von Seiten der Ukraine bittere Kompromisse eingegangen werden müssen. Wie können wir dazu beitragen, dass trotz aller Verbrechen der russischen Armee der Weg zu erfolgreichen Verhandlungen möglich bleibt?

Es zeichnet sich ab, dass die NATO weiter den Weg einer Eskalation im Verhältnis zu Russland fortsetzt: Hochrüstung, verstärkte militärische Präsenz an der Grenze, atomare Abschreckung und Beförderung des Feindbildes. Auch die EU setzt auf militärische Stärke, die deutsche Regierung befördert dies in beiden Bündnissen. So berechtigt die Angst vor weiteren Interventionen Russlands ist, so stellt sich zugleich die Frage, wie wir aus der Spirale der Gewalteskalation mit der realen Gefahr eines Atomkrieges auf einen anderen Weg kommen: hin zu neuem Vertrauen, zur Abrüstung und einer neuen Friedensordnung zusammen und nicht gegen Russland. Wie können wir als Kirchen und Zivilgesellschaft dazu beitragen, dass Brücken der Verständigung bleiben und wir nicht in einem neuen Kalten Krieg landen? ZUSAMMENHALT darf sich nicht auf die EU beschränken, sondern wir brauchen durch eine Stärkung der OSZE und des Europarates, durch grenzüberschreitenden Austausch und gemeinsame Aktivitäten für mehr Klimagerechtigkeit und Wohlstand für alle eine neue Basis für ganz Europa. Was können wir zu einer Neubesinnung beitragen, dass Frieden sich nur ohne Waffen schaffen lässt?

Noch ein Abschlusskommentar: Aktuell stehen in Deutschland wichtige Weichenstellungen an, die wesentlichen Einfluss darauf haben, wie wir in Zukunft leben: Wieviel wird für Klimaschutz ausgegeben? Wieviel für das Sozial- und Gesundheitssystem? Wie können und sollen sich Demokratien in Deutschland und Europa verteidigen und was benötigen sie hierfür? Es besteht die große Gefahr, die die Entscheidungen beispielsweise zur Aufrüstung der Bundeswehr vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges ohne breite gesellschaftliche Debatte getroffen und selbst im Bundestag unzureichend diskutiert werden. Dazu sind sie aber viel zu wichtig. Wie können wir dies zusammen mit anderen verhindern?

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Jan Gildemeister ist Vorsitzender des Ökumenischen FriedensDekade e. V. und Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) mit Sitz in Bonn

 

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