16. August 2014

Verantwortung ja, Krieg nein – Interview der Ökumenischen FriedensDekade mit Pax Christi

Interview mit der pax-christi-Bundesvorsitzenden und Mitarbeiterin des Redaktionsteams der Ökumenischen FriedensDekade, Wiltrud Rösch-Metzler

Sie waren gerade mit Bundespräsident Joachim Gauck und einer Delegation an Schauplätzen des Ersten Weltkrieges: Was haben Sie mitgenommen von dieser Reise?

Rösch-Metzler: Ich habe erlebt, wie wichtig für die Menschen in den Nachbarstaaten das Gedenken an den Ersten Weltkrieg ist und wie wenig wir uns, zumindest in meiner Generation, dessen bewusst sind. Ich habe mir vorgenommen, jetzt in den Sommerferien mehr über den Ersten Weltkrieg zu lesen. Es hat mich sehr berührt, dass die Franzosen, Belgier und Briten dieses Gedenken nicht alleine veranstalteten, sondern ihren ehemaligen Feind Deutschland beteiligt hatten. Und dann hat es in mir auch den Wunsch verstärkt, mehr für ein friedliches Zusammenleben im heutigen Europa zu tun.

Nach dem Ersten und erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg haben viele Menschen aus ganzem Herzen „Nie wieder!“ gesagt. Im Augenblick scheinen wir weiter davon entfernt denn je. Haben Sie denn noch Hoffnung?

Rösch-Metzler: „Nie wieder Krieg“, diese pazifistische Grundhaltung, für die Deutsche von anderen belächelt oder sogar gescholten werden – ich denke da an US-amerikanische, aber auch an europäische Forderungen, mehr Waffen und Militär einzusetzen – ist heute nicht mehr selbstverständlich, und wir müssen dafür werben, weshalb es sich lohnt, auf einen friedlichen Interessensausgleich zu setzen. Sie haben Recht, die Kriege nehmen zu, und der Bundestag hat noch keinen Militäreinsatz abgelehnt, der dort debattiert wurde. Derzeit überlegt sogar eine Arbeitsgruppe aus CDU und SPD, wie die Bundeswehr noch leichter und am Parlament vorbei eingesetzt werden könnte. Das stimmt mich nicht hoffnungsvoll.

Andererseits sind Politiker und Politikerinnen auch ihren Wählerinnen und Wählern verpflichtet. Wenn die Zivilgesellschaft deutlich machen kann, dass das Mittel Militärintervention nicht in Frage kommt, muss das in der Politik berücksichtigt werden. Ein hoffnungsvolles Beispiel erleben wir gerade beim Rüstungsexport. Dazu hat pax christi, nachdem Deutschland Platz drei der weltweiten Rüstungsexporteure erreicht hatte, zusammen mit anderen Friedensorganisationen eine Kampagne gegen Rüstungsexport gestartet, der immer mehr Initiativen beitreten. Dazu gehört zum Beispiel auch der Diözesanrat im Bistum Essen. Derzeit sieht es danach aus, als würde Vizekanzler Gabriel tatsächlich neue Waffenlieferungen an Staaten, die Menschenrechte verletzen, verhindern wollen.

Das ist zumindest ein positives Signal. Doch derzeit ist viel von internationaler Verantwortung die Rede. Der friedensbewegte und christliche Bundespräsident Gauck schließt dabei ausdrücklich die Option von Militäreinsätzen ein und erhält dafür auch aus Kirchenkreisen Unterstützung, etwa vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Überspitzt gefragt: „Dürfen“ Christen an diese „Option“ überhaupt auch nur denken?

Rösch-Metzler: Denken ist nicht verboten, doch letztendlich steht man vor der Gewissensentscheidung: Jemanden töten oder nicht. Genausowenig wie Waffen neutrale Handelsgüter sind – ihr Zweck ist es, zu töten –, genauso wenig sind Militäreinsätze neutral. pax christi ist nicht gegen internationale Verantwortung. Diese muss jedoch bei der Gerechtigkeit ansetzen. Menschen in anderen Ländern der Erde müssen sich eine Existenz aufbauen können durch faire Wirtschaftsbeziehungen. Menschen mit anderen, uns zum Teil fremden Einstellungen, müssen erfahren können, dass Deutschland nicht Komplize bei Menschenrechts- und Völkerrechtsverstößen ist.

Sie setzen sich mit pax christi bedingungslos für den Frieden ein. Wenn man etwa in den Irak schaut, nach Israel oder Nigeria und das Leid der Kriegsopfer und der Verfolgten sieht: Muss dann nicht alles dafür getan werden, um dieses Leid so schnell wie möglich zu beenden? Geht das ohne Waffen? Und wie kann man den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen, der immer neue Eskalationen mit sich bringt?

Rösch-Metzler: Das sind sehr schwere Fragen, denn natürlich muss alles getan werden, um das Leid der Bevölkerung zu lindern und zu verhindern. Jede Situation ist anders. Nehmen wir den Krieg gegen Gaza, der seinen Ursprung auch im ungelösten Nahostkonflikt um Land hat, das die ehemalige Kolonialmacht jüdischen Einwanderern und der dort bereits lebenden palästinensischen Bevölkerung gleichermaßen zusprach. Oder es stehen Öl-, Rohstoff- oder Hegemonie-Interessen hinter einem Militärangriff, und wir werden belogen, dass dieser Krieg unbedingt für Menschenrechte und Demokratie geführt werden muss. Eklatantes Beispiel waren die nichtvorhandenen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins. Was hat man mit Gewalt gewonnen? Libyen wurde bombardiert – Gott sei Dank hatte sich die Bundesregierung dabei enthalten –, angeblich um einen Völkermord in Bengasi zu verhindern, und was hat man erreicht? Ein Land am Rande des Abgrunds ist Libyen heute.

Haben Christen eine besondere Verantwortung im Einsatz für den Frieden? Wenn ja: Wie kann der Einzelne diese wahrnehmen?

Rösch-Metzler: Ja und nein. Ja, weil unsere biblischen Quellen uns viele Hinweise für ein friedliches Miteinander geben. Wer sich hiervon anstecken lässt, so wie der heilige Martin, den sein Glaube dazu führte, den Soldatendienst zu verweigern, findet nicht nur im privaten Bereich Betätigungsfelder. Es ist gut, mit Gleichgesinnten zusammen zu überlegen, was man gemeinsam tun kann, um die Welt friedlicher zu machen, und sich einer Organisation wie pax christi, die diese Interessen vertritt, anzuschließen. Ich bin aber auch überzeugt, dass Menschen mit anderem Hintergrund ebenfalls eine Verantwortung spüren, sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen.

Kritiker werfen pax christi manchmal „Naivität“ vor und betonen, mit Terroristen könne man nicht verhandeln. Ihre Antwort darauf?

Rösch-Metzler: Von pax christi Holland gibt es eine Studie „Mit Hamas reden“. Darin argumentiert pax christi, dass gerade über das Gespräch mit Hamas-Politikern die Chance besteht, Hamas zu gemäßigten Positionen, wie sie von ihrem politischen Sprecher auch zu hören sind, zu bekommen. Hamas steht in der EU auf der Terrorliste, in Nicht-EU-Länder dürfen Hamas-Politiker zum Teil einreisen. Wer getötet hat, wer Terrorist ist, gehört vor ein Gericht und hinter Gitter. Wir sind überzeugt, dass für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts die Hamas in Gespräche miteinbezogen werden muss.

Früher gab es große Demonstrationen und öffentlichkeitswirksame Kampagnen für den Frieden. Heute scheinen dies vereinzelte Phänomene zu sein, obwohl Frieden eine Ursehnsucht und ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Sind viele Menschen zu abgestumpft, haben resigniert oder ziehen sich ins Private zurück, weil sie den Druck und die – vermeintliche – Ohnmacht gegenüber dem Leid in der Welt nicht mehr aushalten?

Rösch-Metzler: Ich glaube, Ohnmacht erlebt man, wenn man alleine bleibt. Wenn man sich jedoch darüber mit anderen austauscht, sich mit denjenigen, die Interesse haben, beispielsweise einmal im Monat trifft, kann sich der Funke Hoffnung entzünden, doch etwas bewegen zu können. Die Arbeitsfelder sind vielfältig: Atomraketen, bewaffnete Drohnen, Rüstungsbetriebe, Kommandoeinrichtungen bis zu den aktuellen Konflikten Ukraine oder Syrien. Ein Anstoß könnte die „Ökumenische FriedensDekade“ sein, die Initiativen und Kirchengemeinden jedes Jahr im November begehen.

Was ist für Sie aktuell die größte Herausforderung als Stimme des Friedens in der Kirche?

Rösch-Metzler: Wir haben zwei schreckliche Weltkriege hinter uns, zu denen die Kirchen mit aufgerufen hatten. Wenn es jetzt aus den Kirchen unter dem Stichwort „Verantwortung“ Stimmen gibt, die Militärschläge in Betracht ziehen, besteht die Gefahr, dass Kirche sich wieder in nationale, wirtschaftliche und Bündnis-Interessen verwickeln lässt, wie es beim Ersten Weltkrieg der Fall war.

Interview: Hildegard Mathies aus: Neues Ruhr-Wort, Jahrgang 1, Nr. 28, 16. August 2014

Das Interview können Sie hier als PDF herunterladen:

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