1. März 2017

Grußwort des Friedensbeauftragten der EKD

Renke Brahms

„Auch im Streiten können wir lernen, die Perspektive zu wechseln“

Grußwort von Renke Brahms, Leitender Geistlicher der Bremischen Evangelischen Kirche und Friedensbeauftragter des Rates der EKD

Streit! Wie klingt dieses Wort für Sie? Verbinden wir auch Positives oder nur Negatives damit? Wir alle haben bereits zahlreiche Erfahrungen mit Streit gemacht … in der Familie, im Freundeskreis oder in der Politik. Auch mit Gott lässt sich streiten. Mit Gott zu ringen ist die konstruktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. In diesem Sinne sind wir alle Streitexpertinnen und Streitexperten. Wir können die Erfahrung machen, dass Streit auch sein Gutes hat. Insbesondere dann, wenn es uns gelingt die Sicht des Gegenüber nachzuvollziehen. Auch im Streiten können wir lernen die Perspektive zu wechseln.

Ein Blick in die Nachrichten oder die sogenannten sozialen Medien – und wir sehen Streit. Sei es zwischen Anhängerinnen und Anhängern verschiedener politischen Strömungen, sei es im Bundestagswahlkampf oder zwischen den politisch Verantwortlichen im In- und Ausland. Dieses Streiten ist das zentrale Element der demokratischen Kultur!

Der Soziologe Georg Simmel betont 1908 in einem bekannten Aufsatz „Streit“ über soziale Konflikte die positive Bedeutung des Streits oder Kampfes: „So muss der Kampf, der doch eine der lebhaftesten Wechselwirkungen ist, … durchaus als Vergesellschaftung gelten. Tatsächlich sind das eigentlich Dissoziierende die Ursachen des Kampfes, Hass und Neid, Not und Begier“. Genau wegen der Bedeutung des Streits für das Zusammenleben in der Gesellschaft müssen wir auf das Trennende und dessen Ursachen unser Augenmerk legen.

Die Ökumenische FriedensDekade hat sich in diesem Jahr das Ziel gesetzt auf die großen finanziellen Zuwächse im bundesdeutschen Militärhaushalt hinweisen und für einen Ausbau ziviler Maßnahmen der Konfliktbearbeitung zu streiten. Des Weiteren soll die demokratische Streitkultur stark gemacht werden. Insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender populistischer und nationalistischer Tendenzen in Deutschland müssen wir auf den demokratischen Umgang mit anderen Meinungen hinweisen und diesen weiter einüben. Wir sollten den eigenen Standpunkt deutlich machen ohne das Gegenüber aus dem Blick zunehmen. Hass lässt uns Konflikte nicht konstruktiv bearbeiten. Wir müssen weiterhin friedlich streiten und die Auseinandersetzung und den Dialog im politischen Raum suchen, denn Streiten ist notwendig.

Ich will allen ganz herzlich danken, die die Ökumenische FriedensDekade vorbereiten oder durchführen und an ihr teilnehmen.