6. November 2015

Wort des Präses der Ev. Kirche im Rheinland (EKIR) zur FriedensDekade

Präses Manfred Renkowski

„Wie ein Einheimischer soll euch der Fremde gelten, der bei euch lebt.“ (3. Buch Mose 19, 34)

“GRENZERFAHRUNG“

 Wort des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland zur 36. Ökumenischen Friedensdekade vom 3.11.2015 

„Wie ein Einheimischer soll euch der Fremde gelten, der bei euch lebt.“ (3. Buch Mose 19, 34 – Losung der Herrnhuter Brüdergemeine für den 8. November 2015)

Seit mehr als 30 Jahren wird die Ökumenische Friedensdekade begangen. Während der elf Tage vom 8. November bis zum Buß- und Bettag am 18. November finden in vielen Gemeinden Friedensgebete und Gottesdienste, Veranstaltungen und Aktionstage statt. In diesem Jahr steht die Friedensdekade unter dem Thema „Grenzerfahrung“. Es geht dabei um Menschen, die aufgrund von Kriegen und Gewalt aus ihrer Heimat fliehen müssen oder die sich aufgrund von Armut auf den Weg nach Europa, nach Deutschland machen.

Kriegsflüchtlinge und Armutsmigranten leben nun unter uns. Sie haben Deutschland mit der Hoffnung erreicht, von uns aufgenommen und angenommen zu werden. Sie kommen aus Ländern, in denen Recht und Gerechtigkeit unterdrückt und Menschenrechte verletzt werden.

Ich bin dankbar, dass viele dieser Menschen in unseren Gemeinden und Kommunen eine herzliche Aufnahme, gute Betreuung und Hilfe für ihre Integration erhalten. Aber es gibt auch andere Erfahrungen: offene Ausländerfeindlichkeit, gepaart mit Gewalt und Hass.

Rechtsextreme Gruppen schüren Angst – bei Flüchtlingen, Migranten, Einheimischen. Hier ist es unsere Aufgabe, Grenzen zu ziehen: also dagegen zu halten, Besorgnisse ernst zu nehmen, Ursachen für Angst abzubauen, Vorurteilen mit Argumenten und Informationen zu begegnen. Flüchtlinge machen ihre Erfahrungen mit uns und wir mit ihnen. Es ist ein Lernen auf beiden Seiten, das uns verändern wird.

Die Europäische Union startete mit der Vision, Europa als ein großes gemeinsames Friedensprojekt zu entwickeln. Seine Nationen, in Frieden miteinander lebend, würden der Welt ein Zeugnis der Gewaltfreiheit und Gerechtigkeit, der Solidarität und Gemeinschaft geben. Doch in den letzten Monaten erleben wir abgrenzende, populistische und nationalistische Bewegungen. An den Außengrenzen der EU und zwischen EU-Staaten werden Stacheldrähte gezogen und Zäune errichtet. Europa wird zu einer Festung entwickelt in der irrigen Annahme, so Territorien, Wohlstand und Lebensstandards zu schützen.

Hier wir, dort ihr – wir hinter, ihr vor dem Zaun – wir drinnen, ihr draußen? Diese Zweiteilung der einen, gemeinsamen Lebenswelt stimmt schon lange nicht mehr. Wir sind es, die schon längst auf der anderen Seite der europäischen Festung agieren, denn wir sind beteiligt an Kriegen und gewaltförmigen Konflikten, die auch mit deutschen Waffen ausgetragen werden. Wir sind Mitverursacher wirtschaftlicher Not, die mit Verdrängungs- und Verteilungskämpfen einhergeht und große Wanderungs- und Fluchtbewegungen auslöst. Die Flüchtlingsproblematik und die Friedensfrage lassen sich nicht trennen. Flüchtlinge und Migranten lehren uns verstehen, dass Frieden gleichermaßen eine Herausforderung ihrer und unserer Lebenswelt ist. Dringender denn je ist es heute, alle Chancen zu nutzen, um Frieden zu schaffen und zu gestalten. Als vorrangige Aufgabe sehen wir die aktive Gewaltfreiheit, nämlich gewaltfreie Konfliktlösungen, Konzepte für die Prävention von Konflikten, Maßnahmen zur Herstellung wirtschaftlicher Gerechtigkeit und demokratischer Strukturen, Programme zur Beseitigung von Kriegsfolgen, die deutliche Verstärkung des zivilen Friedensdienstes.

Durch Rüstungsproduktion und Waffenhandel beteiligen wir uns an Kriegen und Auseinandersetzungen in Krisengebieten. Wir sind verflochten in wirtschaftliche und militärische Strukturen, die die UN-Trias Entwicklung, Freiheit und Frieden als vorrangige Ziele der internationalen Zusammenarbeit unterlaufen(1).

Mit großer Sorge hören wir von der Aufrüstung der amerikanischen Atomwaffen, die in der Eifel gelagert sind, und von der Bereitstellung finanzieller Mittel durch die Bundesregierung zur Modernisierung der Infrastruktur des Standortes Büchel. Es ist an der Zeit, die Forderung von Bundesregierung und Bundestag nach dem Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland umzusetzen und den Aufruf des US-Präsidenten Barack Obama vom 5. April 2009 für eine Welt ohne Nuklearwaffen zu realisieren.

Präses Manfred Rekowski

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(1)
UN-Bericht „In größerer Freiheit. Auf dem Weg zu Entwicklung, Sicherheit und Menschenrechten für alle“, 2005