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Eindringlicher Appell zu Toleranz und Respekt
Theologische Gedanken zum diesjährigen Motto von Dr. Georg Schütz (04.01.2007)
„andere achten“ erscheint zunächst als ein biederes christliches Motto für die 28. Ökumenische FriedensDekade 2007, das vom Gesprächsforum als Trägerkreis der Ökumenischen FriedensDekade ausgewählt wurde. Traditionell findet sie in den zehn Tagen vor Buß- und Bettag statt und wird getragen von der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) in Bonn und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Frankfurt.
Beim näheren Hinsehen mit dem „menschlich geistig-geistlichen Weitwinkelobjektiv“ erweist sich das Motto „andere achten“ als ein eindringlicher Appell und noch mehr als zeitgerechter Anstoß zur Achtung, zur Toleranz und zum Respekt. Es ist ein mahnender Appell zur Wahrnehmung der Mitmenschen in einer zunehmend gewinnsüchtigen, eigennützigen und hochmütigen Menschheit angesichts einer mehr und mehr „gefährdeten Zukunft“ (Freisinger Agenda). Obgleich Achtung und Toleranz nicht in den klassischen Tugendkatalog gehören, ist diese „paulinische Zeitansage“ der grundlegende Baustein für eine mitmenschliche Grundhaltung und Gesinnung, die neben der Gottesliebe, Nächstenliebe und Feindesliebe durchaus die Früchte des rechten Glaubensgeistes benennt (Gal 5,22-24).
Dazu zählen Toleranz, Achtung, Ehrfurcht, Anerkennung, Wertschätzung, Bewunderung, Wertschätzung, Sachlichkeit, Respekt, Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit Vorurteilslosigkeit, Diskretion, Kollegialität, Aufgeschlossenheit, Dialogfähigkeit, Geselligkeit ebenso wie Mitfreude, Mitleid, Wiedergutmachung, Umkehr, Demut, Bescheidenheit, Dankbarkeit, Selbstbeherrschung, Geduld und Freundlichkeit. Wenn diese „modernen Tugenden“ einen selbstlosen, gemeinschaftsbezogenen Charakter tragen und nicht individualistisch verstanden werden, gewähren sie als „moderne Tüchtigkeiten“ Stabilität, Konsistenz und „Tauglichkeit“ im menschlichen Miteinander, für die menschlichen Beziehungen und für das Entstehen von Gemeinschaft. In unserem breiten Spektrum menschlicher Aktivitäten, in unserem politischen, kulturellen, ökologischen, sozialen, ethnischen und religiösen Leben spielen diese „Tüchtigkeiten“ die Grundlage, d.h. die „Tauglichkeit“ („Tugend, Brauchbarkeit) für ein friedvolles und gewaltfreies menschliches Zusammenleben, das in den einzelnen Bereichen die Forderungen nach uneingeschränkter Anerkennung des Andersseins fokussiert, nämlich des anders Handelnden, des anders Denkenden, des anders Glaubenden wie des anders Lebenden.
Wo und wie dies geschieht, darauf will die nächste Ökumenische FriedensDekade mit ihrem Motto „andere achten“ im kommenden Jahr vom 11. – 21. November 2007 aufmerksam machen. „Handelt nicht aus Selbstsucht oder Eitelkeit! Seid bescheiden und achtet Bruder oder die Schwester mehr als euch selbst. Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern an den der anderen, jeder und jede von euch.“ So der neutestamentliche Text aus dem Philipperbrief (2,3-4 nach der Einheitsübersetzung), der zusammen mit Genesis 13 den biblischen Bezugsrahmen bildet. (Die Lutherbibel: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, was dem andern dient.“).
Für die christliche Gemeinde waren damit die Vorbedingungen und Grundforderungen des christlichen Lebens gestellt. Alle Mitglieder der Gemeinde sollen eines Sinnes sein, d.h. „Liebe und Eintracht“, so im Vers 2. So war es auch in der Mutterkirche zu Jerusalem, solange im Gemeindeleben die Kraft des Heiligen Geistes wirksam blieb, so Apg 4,32 . Sobald aber jeder zuerst bestrebt ist, zu seinem Recht zu kommen oder seine "Richtung" durchzuboxen, sein Interesse aus „Selbstsucht“, aus „Eitelkeit“, aus „Eigennutz“ zum Sieg zu verhelfen, ist es mit der Einheit dahin. Paulus verweist darauf sehr deutlich: Denn wo man um Rechte und Vorrechte, um Vorteile und Eigeninteressen streitet, da stirbt die Liebe, die Achtung, die Ehrfurcht, die Anerkennung und die Toleranz. Dagegen sind Ruhmsucht, Eigennutz, Hochmut, eitle Ehre die Grundlagen für Entzweiungen; Jede/r hat nur sich selbst noch im Blick, es leben Parteien auf und jede/r sucht den/die andere/n zu übertreffen und zu überbieten. Es geht nicht mehr um den Dienst am Ganzen, sondern um sich und seiner Partei/seiner Lobby/seinen Interessengemeinschaft Anerkennung zu verschaffen. Es ist ein Haschen nach Ruhm, nach Erfolg, nach Selbstdarstellung, nach Egoismus und Individualität.
Die diabolischen Zentrifugalkräfte sprengen den inneren Zusammenhalt der Menschen. Die tiefste Wurzel aller Streitigkeiten und Prahlereien ist die Ichsucht, die vermeintlich eigene Größe, die verachtend (d.h. ohne Ehrfurcht, Würde, Achtung, Respekt etc.) auf alles Fremde und Unbekannte schaut. Sie verliert nicht nur das rechte Augenmaß gegenüber Menschen oder für die wirklichen Werte, sondern sie findet dauernd neue Gründe, sich von der Unterordnung unter andere zu entbinden, um sich über andere hinwegzusetzen und um sich selbst zum Maßstab aller Dinge zu machen.
„Andere achten“ erhält hier durch die Demut einen doppelten Richtungssinn: Demut zeigt sich im Verhalten Gott gegenüber und erweist sich im Verhalten dem Nächsten gegenüber. Dabei dürfen wir Demut nicht mit bloßer Bescheidenheit verwechseln oder sie gar zur Selbstverachtung herabwürdigen. Sie hat einen durch und durch spirituellen, sozial-dienenden, gottes- wie menschenfürchtigen Aspekt. Demut ist so sehr eine spezifisch christliche Tugend, dass sogar das Wort dafür dem Hellenismus der apostolischen Zeit unbekannt war und bei dem zeitgenössischen jüdischen Religionsphilosophen Philo zur Bezeichnung niedriger, charakterloser Gesinnung diente. Hier hat wohl Paulus die Zusammenhänge menschlichen Denkens und Wollens tiefer erfasst, indem er unmittelbar an die Mahnung zur Bescheidenheit und Demut den unwiderstehlichen Aufruf zu echtem Gemeinschaftssinn anschließt. Wir würden heute sagen, dass nur der demütige Mensch selbstlos, tolerant und ehrfuchtsvoll genug ist, um das Wohl des anderen auf eigene Kosten zu fördern, zu achten, und den Gemeinnutz über den Eigennutz zu stellen. Der wahrhaft große, einsichtige und tolerante Mensch hat einen scharfen Blick für die eigenen Mängel und Schwächen, die er ehrlich anerkennt, während er bei den anderen genug an Vorzügen sieht, um ihre Überlegenheit gelten zu lassen und darum sie zu respektieren und sich auch bescheiden unterzuordnen weiß.
Toleranz meint soviel wie die Fähigkeit, etwas durchzustehen, auszuhalten, zu erdulden, etwas zu tragen, ertragen zu müssen, nämlich die „Duldsamkeit“, das Anderssein des anderen, des Mitmenschen „mitzutragen“. Interessant ist wohl, dass dieser Begriff „Toleranz“ als solcher nicht in der Heiligen Schrift vorkommt, sondern in verschiedenen Versionen umschrieben wird, besonders bei Übersetzungen von „tolerare“ und „anechomai“. Während sie im neutestamentlichen Denken eingebettet als ist eine „christliche Grundgesinnung“ im Kontext bestimmter menschlicher Verhaltensweisen, in denen das „Ich am Du“ werde und umgekehrt und „alles wirkliche Leben … Begegnung“ ist, quasi als Gespräch zwischen „Himmel und Erde“, so Martin Buber, hat der Begriff in der modernen „dialogischen Toleranz“ die konkrete, existentielle Erfahrung im Blick, d.h. in der Begegnung oder in der philosophischen, vielgestaltigen Reflexion eine handlungsorientierte und spekulative Sehweise, die aber primär nicht paulinisch ist.
Sie beschreibt die Fähigkeit, generell jegliche Formen des „anders Seins“ oder auch des „anders Handelns“ und besonders im Verständnis der Wahrheit des „anders Glaubens“ unangetastet stehen zu lassen, d.h. andere Ansichten und Überzeugungen, andere Herkunft, andere Sexualität, andere Lebensweisen, andere Moral, andere Religionen, andere Sitten, andere Maßhaltigkeiten, andere Kulturen, andere gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche, religiöse, kulturelle Systeme, u.a. grundsätzlich zu achten. Oft empfindet man die fremde Überzeugung und Haltung als eine Bedrohung, Gefährdung und Infragestellung der eigenen Überzeugung und Haltung. Doch je stärker die eigene Überzeugung ist, je lebenszentraler der Gegenstand ist, gerade in bezug auf abweichende und sich gegenseitig ausschließende Auffassungen, um so intensiver gerät man in die Auseinandersetzung mit dem Menschen anderer gegensätzlicher Auffassungen. Arroganz, Unversöhnlichkeit und Streitsucht führen hier nicht weiter. Die „Tugend der Toleranz“ verlangt es, die Wahrheit weiterhin zu lieben, für sie einzutreten, ohne die personale Würde des anderen zu verletzen oder zu desavouieren. Die Andersartigkeit des Mitmenschen muss respektiert werden, wenn auch nicht akzeptiert werden. Gerade dies ist Dienst an der Wahrheit, indem man auf Mittel der Gewalt, des Zwangs, des Drucks, der Lieblosigkeit und des Eigennutzes verzichtet. Wahrheit duldet zwar keine Intoleranz, aber überzeugen lässt sich nur, wenn man die Wahrheit und den Menschen liebt. Selbst die „Gleichgültigkeit“ als modernes Dekorum ist nach K. Jaspers die „mildeste Form der Intoleranz. Doch gerade diese moderne Tugend der „Achtung“, der „Toleranz“ und des „Respekts“ schafft besonders für das soziale und religiöse Verhalten neue Gestaltungsräume:
- Z.B. beim gegenseitigen Gespräch, um den anderen kennen zu lernen, den anderen zu informieren über den Glauben, die Riten, die religiösen Verpflichtungen, über das soziale Umfeld und Verhalten.
- Dabei muss klar werden, dass gerade die, die in der letztjährigen Dekade als die „Rausgeworfenen“, die „Ausgegrenzten“, die „Chancenlosen“, die „Aufgegebenen und Entsorgten“, die „Diskriminierten“ und „Desavouierten“ unserer eigenen „gnadenlosen“ Kontrastgesellschaft gelten, einen ehrenvollen Platz erhalten müssen: Arbeitslose, Obdachlose, Schwerstkranke, Alleinerziehende, alte Menschen, Kleinkinder, sozial Zerrüttete und Durchgefallene, Menschen in „neuer Armut“ u.a. – sie leben mitten unter uns und bedürfen unserer Achtung, unserer Hilfe und Fürsorge.
- Z.B. um ein Toleranzverständnis zu entwickeln, das zwar eine friedliche Koexistenz ermöglicht und gewährleistet, aber im alltäglich Zusammenleben noch weit darüber hinausgehen muss. Es gilt besonders auf die Menschen hinweisen, die in den eigenen Kirchen und Religionen, in Weltanschauungen oder Kulturen, im gesellschaftlichen und politischen Leben in vielfältiger, ja subtiler Weise missachtet und auch ausgebeutet werden; es sind aber auch die im Blickfeld, die wiederum im Größenwahn und in eigener Respektlosigkeit sich über andere „gewissenlos“ hinwegsetzen, und auf solche, die Andere im direkten Kontakt in ihrer Ignoranz und Gleichgültigkeit manchmal gar nicht wahrnehmen und beachten wollen.
- Beim Toleranzverständnis geht es um mehr als nur um soziale, kulturelle, religiöse Duldung, z.B. bei der Nichtverfolgung einzelner Personen oder Gruppen, deren Glaubens- und Lebensweisen vom etablierten gesellschaftlichen, kulturellen oder auch religiösen System abweicht. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt in der Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von heute“ (Gaudium et spes 28): „Achtung und Liebe sind auch denen zu gewähren, die in gesell-schaftlichen, politischen und religiösen Fragen anders denken und handeln als wir. Je mehr wir in Menschlichkeit und Liebe inneres Verständnis für ihr Denken aufbringen, desto leichter wird es für uns, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
- „Andere achten“ heißt aber auch, sich selber zu achten und wahrzunehmen, sich im Auge zu behalten und sich selbstkritisch ernst zu nehmen, sich mit seiner Herkunft und in seiner eigenen Tradition zu akzeptieren, sich nicht „nachbarnlos“ und „fugenlos“ zu sehen, sondern sich bewusst zu sein, dass er/sie erst dann Mensch wird, wenn er in der größeren Ich-Du-Beziehung der Menschen als Mitgeschöpfe lernt, sich zu achten und sich zu verwirklichen.
„Toleranz“ und „Achtung“ sind mehr als nur Errungenschaften moderner Zivilisation und Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaften, mehr als nur eine „moderne menschliche Tugend“, das Andere und Unbekannte ertragen zu können, ohne es zu vereinnahmen oder es bekämpfen zu wollen, mehr als ein diffuses oder gar passives Verhalten in einer Art von Selbstgefälligkeit und Selbstgenügsamkeit, Gleichgültigkeit oder reinem Akzeptanzverhalten.
Toleranz hat etwas mit der ureigenen Identität und geistig-geistlicher Ausrichtung zu den Mitmenschen, zu sich Selbst und dem „Allheiligen und Ewigen“ zu tun, in welcher Weise es auch immer an den Menschen herantritt und akzeptiert wird. Diese Wahrnehmung wird erfahren in der ganz persönlichen „Begegnungsbereitschaft“ einer „inhaltlichen Toleranz“ im Sinne von Mit-Tragen, Mit-Leiden und „Mit-Leben“ der Andersartigkeiten der Mitmenschen, die den eigenen Horizont mit vielfältigen Empfindungen erweitern und auch bereichern, ohne den anderen zu verletzen oder zu vereinnahmen. In ehrfurchtsvollem Respekt werden sie dabei den altwertigen Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder den pharisäischen Gedanken „O Gott, danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen …“ zugunsten einer neuen globalen Sehweise und Wertung des Nächsten, seiner selbst und sogar des Feindes würdigen (Lk 18,11; Mt 5,38.43) und sich im Umgang miteinander an dem orientieren, „was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat.“ (Phil 2,5).
Dr.Dr.habil. J.Georg Schütz (ACK/Frankfurt)
20.12.2006
- Dateien:
Georg_Schuetz.pdf
