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"Frieden riskieren"
Theologische Gedanken zum Motto (Joh. 14,25; 2 Kön 6,8-23)
Von Dr. Dr. Georg Schütz, ACK
Die Einladung Jesu zur Nachfolge (vgl. Mt 5), ermutigt uns, auch Konflikte anzugehen, mit ihm das Risiko einzugehen, diesen Frieden, den letztlich nur er geben kann, anzustreben und zu riskieren, um in dieser Welt einen menschenwürdigen Frieden zu stiften.
Das Gesprächsforum „Ökumenische FriedensDekade“ hat mit dem Motto „Frieden risikieren“ die Worte „Sicherheit“ und „Mut“ verbunden, d.h., den Frieden wagen, sich getrauen, sich einzumischen, sich bis dahin zu trauen, um den „Frieden“ sogar aufs Spiel zu setzen. Es geht konkret darum, praktische Lern- und Übungsorte des Friedens und der Versöhnung zu schaffen, die mit Risiken verbunden sind.
Das bedeutet konkret, auch einen „befriedeten Raum“ des Lebens unter Risiken und Sicherheitsbeschränkungen zu entwickeln und zu gestalten („Entwicklung“ als neuer Name für „Frieden“), in dem die Unterschiede, die Menschen entzweien und trennen, mit Klugheit und Vernunft, mit Vertrauen und Verantwortung, mit Versöhnungsbereitschaft und Mut überwunden werden können, indem aus den entzweiten Menschen biblisch der „eine Mensch“ geformt werde: am deutlichsten wird dieser Sachverhalt im Symbol des Leibes Christi dargestellt.
Dieses Symbol des bereits angebrochenen Friedensreiches erfordert nicht nur ein immer wieder neues politisches und kirchliches Umdenken, sondern auch die ständige Neubesinnung auf den versöhnenden Tod Jesu hin, die gleichsam die Voraussetzung für eine Friedensstiftung ist. Jesus verabschiedet sich mit der „Gabe des Friedens“ als seine Zusage: „Zum Abschied gebe ich euch den Frieden, meinen Frieden, nicht den Frieden, den die Welt gibt. Erschreckt nicht, habt keine Angst!“ (Joh 14,27).
Sein „Friede“ ist das eschatologische Heil, das er jedem einzelnen Menschen als sein bleibendes Geschenk angeboten hat. Dieser „Friede Christi“ umfängt den ganzen Menschen und ist Teil seines Lebens (Joh 14,19), seiner Liebe (Joh 21,23), seiner Freude (Joh 15,11; 16.22; 17,13), die im paulinischen Sinne mit Gerechtigkeit und Freude die Gottesherrschaft, das Reich Gottes, manifestiert. Und das Reich Gottes wird denen zu teil, die sich bedingungslos auf seine Zusagen einlassen. Die Mahnung, sich nicht verwirren zu lassen oder gar zu verzagen, ist weder ein Hinweis auf einen Verzicht äußerer Friedensbemühungen noch eine Beschreibung für eine Verwirklichung des Friedens, sondern eher eine Aufmunterung, den anfänglichen Worten Jesu zu trauen (Joh 14), auf ihn zu setzen und zu bauen, wenn er seine Geborgenheit, sein Vertrauen und seine Freude schenkt.
Die Erfahrung wird uns allen immer wieder zeigen, das eine bloße menschliche Gerechtigkeit und ein menschlich verantwortetes Friedenswagnis, so sehr sie ihre Eigenberechtigung haben, immer wieder scheitern werden, sich sogar selbst menschlich ad absurdum führen und allein keinen wahren Frieden stiften können. „Wenn der gerechte Mensch weiß, dass er der sich selbst wagende und vergebende, Vorleistungen wagende Mensch sein kann und soll, dann wird das nur möglich sein in der Hoffnung, dass in diesem noch laufenden Prozess einmal – nicht durch Menschen, sondern durch Gottes Tat – das Reich Gottes und damit der Friede schlechthin gegeben ist, der alle Begriffe übersteigt“ (aus: K. Rahner, Zur Theologie des Friedens, in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft Bd. 33, 167).
Echte friedfertige Menschen riskieren heute neue Wege des Teilens, des Schenkens, des Vergebens, des Versöhnens, des Mittragens, des Sich-Einlassens, des Sich-Aushaltens, des Ertragens, des Duldens. Das sind nicht nur Ansprüche und Forderungen, sondern auch Risikohaltungen, um das „Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Versöhnung“ in unserer Konflikt- und Krisengesellschaft als „Gottes Herrschaft und Reich“ erfahrbar zu machen. Das heißt:
- jede einzelne Friedenserfahrung für sich selbst als ganz persönlichen
Anspruch zu verinnerlichen,
- den Frieden als Botschaft und Verhaltensnorm mit anderen Menschen
im zwischenmenschlichen Bereich wahrzunehmen und
- den Frieden mit Gott als den Gott des Friedens, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit und der gesamten Schöpfung zu erfahren
Wenn unter diesem Risikoverhalten eine neue Qualität von Friede als gesamtmenschlicher Zustand entsteht, dann ist dieser Friede mehr als ein allgemein menschlicher Zustand oder eine politische Angelegenheit. Dann ist dieser Frieden eine „religiöse Angelegenheit“, wie Gertrud von le Fort sagt, mit einer hohen sozialen, ja zwischenmenschlichen Kompetenz. Dabei geht es um eine friedliche Sozialität für ein gerechtes Miteinander, um ein verantwortungsbewusstes Solidaritätsbewusstsein, um eine verteilende Gerechtigkeit, um eine ethisch maßvolle Bewertung vieler Dinge in unserer Gesellschaft.
Wer den Frieden wachsen lassen will, muss sich vorbehaltlos für Gerechtigkeit einsetzen (Papst Johannes Paul II.) und damit persönlich bei sich beginnen wider allen beschönigenden, gerechtigkeitsverherrlichenden Verhandlungstaktiken der Wirtschaft, Politik etc. Der Frieden wie die Gerechtigkeit sind die Schlüsselworte für alle mit allen gesellschaftlichen und besonders friedensfördernden Implikationen.
Und wer sich einmischt wird merken, wie schnell er „abgestempelt“ wird, weil er angeblich das Gemeinwohl in Verruf bringt, den sozialen Frieden gefährdet oder sogar „stört“, wenn es z.B. um den Minimallohn oder um den Megaverdienst geht, um Korruption oder Steuerschlupflöcher, um Arbeitsbedingungen oder Sozialabbau, um das Gesundheitssystem oder humanitäre Interventionen oder friedenssichernde Maßnahmen geht. Frieden und Gerechtigkeit meinen daher keine Vereinheitlichung, etwa in einer gleichen Verteilung u.ä., sondern es geht um das Lebensnotwendige, um ein Verhalten, das den verschiedenen Grundbeziehungen der Menschen sozialverträglich entspricht (für alle ein neues Verhältnis zu den Gütern, in der Solidarität, Subsidiarität, Vertrauen, Versöhnung, Verteilung, Grundversorgung u.a.) als Basis für den gemeinsamen Frieden.
„Sich um andere zu bemühen, heißt zu riskieren, dass man beteiligt wird,“ meint eine Volksweisheit, auch an den Friedensbemühungen mit all ihren Risiken und Gefährdungen, Viele ziehen die „bequeme Sicherheit“ vor: Halt dich raus! Sag’ nichts! Nichts riskieren! – All das bedeutet auch, persönliche Erneuerung und Verantwortung zu tragen und Rechenschaft (Friede ist eine Frucht der Rechtfertigung Röm 5,1) zu geben vor der Hoffnung, die in uns ist, d.h. geschwisterlich, barmherzig, demütig gesinnt zu sein, sein Gewissen zu schärfen, das Schlechte abzuwenden, um der Gerechtigkeit willen zu leiden, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen (vgl. 1. Petr 3 ).
„Frieden riskieren“ hat daher eine Vielfalt von Facetten des Sich-Einlassens und Sich-Einmischens, des Vertrauens und Mitgestaltens, in deren Umfeld der Mensch durch sein zur Freiheit und Verantwortung ermächtigtes Handeln wie durch seinen in Versöhnung und Vertrauen gründenden Glauben den Ertrag einer ihm widerfahrenden Erlösung und Befreiung erntet. Doch dieses Risiko wird für den Menschen erst erfahrbar, wenn er das Geschenk des zugesagten und geschenkten Friedens annimmt und mit ihm angstlos wuchern kann gegen alle gesellschaftlichen Trends des Zeitgeistes. Daran zu glauben heißt, die „Früchte der Gerechtigkeit und des Friedens“ einzufahren, ohne der fatalen Risikophobie ausgesetzt zu sein und dem täglichen Sicherheitswahn Tribut zu zahlen.
DDr.habil. J.Georg Schütz
Januar 2008
