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Von „Nie wieder Krieg!“ (1945) zu „ES IST KRIEG. Entrüstet euch!“ (2010)

Gedanken zum Motto von Jan Gildemeister (Ein Impuls)

„Nie wieder Krieg“ war für die meisten Deutschen die logische Konsequenz aus dem verheerenden Zweiten Weltkrieg. Dennoch waren es, als die Wiederbewaffnung sich abzeichnete, relativ wenige, die vor 50 Jahren beim ersten deutschen Ostermarsch auf die Straße gingen. Der Kampf ums tägliche Überleben und später die schönen Seiten des Wirtschaftswunders waren den meisten Westdeutschen wichtiger als gegen die Aufrüstung zu protestieren. Im Mittelpunkt standen die zunehmende Konkurrenz der politischen Systeme mit ihren unterschiedlichen wirtschaftlichen Vorstellungen und der Ost-West-Konflikt.  In diesem „Kalten Krieg“ war den USA ein militärischer Beitrag der BRD wichtiger als eine „Umerziehung“ der Bevölkerung. Und die damalige UdSSR setzte auf die „Deutsche Volksarmee“ als Beitrag der DDR zum Warschauer Pakt.

Nach den Umbrüchen in Osteuropa und dem Ende des „Kalten Krieges“ stellte sich für das wiedervereinigte Deutschland die Frage, welche Rolle es in bzw. für die Welt übernehmen möchte. Die von Ostermarschierern bereits vor 50 Jahren gestellte Forderung nach einem entmilitarisierten, neutralen Deutschland war schnell vom Tisch. Stattdessen blieb die um Ostdeutschland erweiterte Bundesrepublik in der NATO und der erste deutsche Abrüstungsminister (Ost) wurde gleichzeitig mit der Volksarmee abgewickelt. Die deutsche „Verantwortung für die Welt“ wurde recht bald als militärisches Engagement interpretiert. Nach dem Weißbuch für die Bundeswehr von 2006 geht es dabei um die Verteidigung deutscher (Macht- und Wirtschafts-)Interessen.

Es ist Krieg, und Deutschland ist wieder daran beteiligt. Diese ernüchternde Bilanz zieht das Gesprächsforum Ökumenische FriedensDekade mit dem diesjährigen Motto. Die Forderung, „Schwerter zu Pflugscharen“ zu schmieden, ist daher genauso aktuell wie zur ersten Friedensdekade bzw. Friedenswoche vor 30 Jahren. Die vielen vorrangig zivilen Toten aufgrund der deutschen Beteiligung an NATO-Einsätzen und als Folge deutscher Rüstungsexporte auch in anderen Konfliktgebiete sind Grund genug, sich nicht nur moralisch zu entrüsten, sondern zugleich aktiv für Abrüstung, Rüstungskonversion, Rüstungsexportkontrolle, für einen Abzug aus Afghanistan und für verstärkte Investitionen in Methoden ziviler Konflikttransformation einzutreten.

Christinnen und Christen sowie Kirchen sind aufgefordert, sich an Aktionen und Kampagnen zu beteiligen, die aufklären und politischen Druck ausüben. Neben der politischen Ebene stellt sich jedem persönlich die Frage, ob er oder sie bereit ist, ohne Rüstung zu leben und jeglichen Dienst für den Krieg zu verweigern. Kündigen wir eine Arbeitsstelle, wenn das Unternehmen auch Rüstungsgüter (oder -dienstleistungen) herstellt, vertreibt oder für sie forscht? Sind wir bereit, auf den militärischen „Schutz“ unseres Wohlstands zu verzichten? Wie weit geht unser Widerstand gegen eine Kriegsbeteiligung? Auch bis zur Kriegssteuerverweigerung? Und für die Kirchen stellen sich Fragen wie: Wo haben sie ihre finanziellen Rücklagen angelegt? Wie deutlich kritisieren sie Militäreinsätze wie in Afghanistan, Rüstungsexporte und Aufrüstung? Wie intensiv setzen sie sich für Gewissensschärfung und für diejenigen ein, die mit ihrer Kriegs(dienst)verweigerung ein deutliches Zeichen setzen?

Jan Gildemeister

Jan Gildemeister ist Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), Bonn,  und Koordinator der Ökumenischen FriedensDekade