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"UN-Tag der Toleranz" am 16. November 2007

"andere achten" - ein wenig ökumenisch toleriertes Wort?

Von Dr. Georg Schütz (ACK-Frankfurt)

Inmitten der Ökumenischen FriedensDekade, die heuer unter dem Motto „andere achten“ (Phil 2,3-4) vom 11.11. bis 21.11.2007 gefeiert wird, wird auch der „UN-Tag der Toleranz“ am 16. November feierlich begangen. Dieser Tag hat  bisher in der breiten Öffentlichkeit wenig Beachtung gefunden. 1996 hat ihn die Generalversammlung der Vereinten Nationen (resolution 51/95 of December) als „Internationalen Tag der Toleranz“ ihren Mitgliedern vorgeschlagen, um diesen Tag zu begehen „mit dem Ziel, Problembewusstsein in der Öffentlichkeit zu wecken, die Gefahren der Intoleranz deutlich zu machen und unser tätiges Engagement zu bekräftigen“ (vgl. „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“, 28. Generalkonferenz, 25.20.-16.11.1995, Deutsche UNESCO Kommission, Artikel 6). Begleitet wird dieser UN-Tag mit Aktivitäten in den Erziehungseinrichtungen und in einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit. So sollten alle positiven Schritte unternommen werden, „die notwendig sind, um den Gedanken der Toleranz in unseren Gesellschaften zu verbreiten – denn Toleranz ist nicht nur ein hochgeschätztes Prinzip, sondern eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker“ (Vorwort der Erklärung).

Ohne Toleranz ist ein harmonisches, friedvolles und gedeihliches Zusammen-leben unter den Menschen kaum möglich; das ist eine allgemeine weit verbreitete Meinung, denn die Toleranz als Eigenschaft und  Fähigkeit beschreibt sehr deutlich, jegliche Formen des Anders-Seins oder auch des Anders-Handelns (in der Herkunft, in der Kultur, in der Moral, in der Religion, im Lebensstil, in der Arbeitsweise u.a.) unangetastet bestehen zu lassen. Wird ein gewisses Maß an „Handlungsbewusstsein“ überschritten, gelangt man an die so genannte „Toleranz-Schwelle“; es kommt dann oft zu natürlichen Reaktionen. Im sozial-ethischen Sinn bezeichnet der Ausdruck „Toleranz“, die soziale, kulturelle, politische und religiöse Duldung, z.B. die Nichtverfolgung von einzelnen Personen, Gruppen, deren Glaubens- und Gesinnungshaltung oder Lebensweise vom etablierten religiösen, kulturellen oder gesellschaftlichen System abweicht.

Interessant ist, dass der Begriff „Toleranz“ als solcher nicht einmal in der Heiligen Schrift vorkommt, zumindest nicht in der Übersetzung von Martin Luther, sondern eher der Version des Duden in der Form von „Duldsamkeit“, in dem er dem Aushalten, Ertragen, Durchstehen und Erdulden nahe kommt. Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 2005 bot das theologische Hauptthema „Toleranz aus dem Glauben“ einen so breiten Deutungsspielraum, dass die meisten Mitglieder etwas anderes verstanden. Es ist ja auch nicht verwunderlich, dass in der modernen „dialogischen Toleranz“ die konkrete, existentielle Erfahrung, z.B. in der Begegnung oder in der philosophischen, vielgestaltigen Reflexion, diesen pluralistischen Ansatz deutlich macht.

Was „Toleranz“ bedeutet, hat die „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ ( der 28. Generalkonferenz der Deutschen UNESCO Kommission ) in 1.1. deutlich beschrieben:“ Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“

Die Frage, was Toleranz wirklich ist, scheint berechtigt, und zwar auch an welchen Orten, unter welchen Umständen und zu welcher Zeit sie angebracht ist oder zu unterlassen ist. Im Alltag gilt sie überall, in der Ehe und Familie, bei Freundschaften, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit und in unserer Gesellschaft für politische, kulturelle, wirtschaftliche, soziale, religiöse  Institutionen, für Konfessionen und  Religionen, Völker und Kulturen. So trifft der Toleranzgedanke im Sinne des „Toleranzbereiches“ die umfassende Vollmacht zur Sanktionierung eines Abweichlers, aber auch die bewusste Entscheidung, davon letztlich Abstand zu nehmen. So hat Toleranz immer auch etwas in der Vorstufe mit Einigung, Übereinstimmung, Akzeptanz, ja mit einer gewissen „koexistierenden Annäherung“ zu tun, die für Menschen einen Spielraum schafft, in dem durchaus abweichendes soziales, kulturelles, politisches und religiöses Verhalten Platz hat. Denn dort, wo es keine Abweichungen geben darf, herrscht die Intoleranz, inakzeptables und respektloses Verhalten, das Anlass gibt, die Gewalt zu konformieren, gewaltsame Auseinandersetzungen zuzulassen und soziale Destabilisierung zu verursachen.

Wenn die Vereinten Nationen am 16. November 2007 auf dieses hohe Gut der „Toleranz“ verweisen, dann spielen in einer globalisierten Welt unendlich viele Gedanken mit, angefangen von den Eltern und Kindern, die um des lieben Friedens Willen vieles ertragen, von den vielen christlichen Konfessionen, die es in der Ökumene  lernen mussten sich zu respektieren und zu akzeptieren, von den großen Weltreligionen, die im Gespräch miteinander in der existentiellen Begegnung die „dialogische Toleranz“ erfahren mussten, bis hin zu weltpolitischen Entscheidungen, die meist demokratisch gefällt werden. Ohne Respekt und Achtung vor der Glaubensauffassung und Gesinnungshaltung des anderen ist wohl wahre Toleranz nicht denkbar. Gleichwohl muss im Gegenzug gesagt sein, dass es keine Toleranz ohne Einschränkung gegenüber jeglicher Form von religiöser Intoleranz christlicher wie muslimischer oder anderer religiöser Fundamentalisten geben darf, die bei ihrer Art von Verkündigung und ihrer Einschätzung der Menschenwürde „gnadenlos“ über Leichen gehen. Gegenüber Intoleranz darf es keine Toleranz geben! „Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung oder Nachsicht. Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung, die sich stützt auf die Anerkennung der allgemeingültigen Menschenrechte und Grundfreiheiten anderer. Keinesfalls dar sie dazu missbraucht werden, irgendwelche Einschränkungen dieser Grundwerte zu rechtfertigen. Toleranz muss geübt werden von einzelnen, von Gruppen und von Staaten.“ (Erklärung, 1.2.)

Da inzwischen in Deutschland über vier Millionen Muslime leben, tragen die Christen eine hohe Verantwortung im Umgang mit ihnen, d.h. ihr religiöses wie kulturelles Anderssein zu ertragen und zu tolerieren. Wer aber in der theolo-gischen Reflexion auf eine notwendige Begrenzung wie auch Bedeutung der Toleranz verzichtet, wird sehr schnell weder den essentiellen Geltungsan-sprüchen wie auch den existentiellen Erfahrungen nicht mehr gerecht. Denn es gibt bei aller Toleranz auch eine Toleranzschwelle, wenn in einer Gesellschaft quasi „naturwüchsig“ Entartungserscheinungen gedeihen, die jeglicher  Gesell-schaft abträgig sind, wie Pädophilie, Rassismus, Antisemitismus, Gewaltverherrlichung u.a.. Der UN-Tag weist schließlich auch auf die Grenzen und Kriterien solchen Toleranzverstehens in einer heutigen gleichgültigen Gesellschaft hin, die sich zunehmend in ein multikulturelles und multireligiöses Gemeinwesen verwandelt, denn „Toleranz ist der Schlussstein, der die Menschenrechte, den Pluralismus … , die Demokratie und den Rechtsstaat zusammenhält“ (Erklärung, 1.3.) … „In Übereinstimmung mit der Achtung der Menschenrechte bedeutet praktizierte Toleranz weder das Tolerieren sozialen Unrechts noch die Aufgabe oder Schwächung der eigenen Überzeugungen. Sie bedeutet für jeden einzelnen Freiheit der Wahl seiner Überzeugungen, aber gleichzeitig auch Anerkennung der gleichen Wahlfreiheit für die anderen.  Toleranz bedeutet die Anerkennug der Tatsache, dass alle Menschen, natürlich mit allen Unterschieden ihrer Erscheinungsform, Situation, Sprache, Verhaltensweise und Werte, das Recht haben, in Frieden zu leben und so zu bleiben, wie sie sind.“ (Erklärung, 1.4.)

Auch wenn dabei Trennendes deutlich werden kann, darf die Wahrheitsfrage im ökumenischen wie im interreligiösen Gespräch nicht ausgeklammert werden.

Sie muss jedoch bei einer hohen Akzeptanz und Toleranzbereitschaft einer praktischen Zusammenarbeit nicht im Wege stehen. Niemanden dürfen die eigenen Ansichten aufgezwungen werden (vgl. Erklärung, 1.4.). Die Toleranz als eine Errungenschaft moderner Zivilisation, als einer der Grundpfeiler der demo-kratischen Gesellschaften und  als eine durchaus menschliche Tugend meint, das Andere, das Fremde, das Unbekannte ertragen zu können, ohne es zu vereinnahmen, verdrängen oder bekämpfen zu wollen.

Gerade am „Tag der Toleranz“ am 16.11.2007 wie der „Tag der Menschen-rechte“ am 10.12.2007 kann gemeinsam auf eine der größten Tugenden der Menschheit hingewiesen werden, wenn es um ein breites Verständnis für Grundwerte und des sozialen Lebens geht, um die Entwickung  kultureller Vielfalt, um die Achtung der Menschenwürde, um die Bekämpfung jeglicher Form von Gewalt und jeglichen Extremismus und um die Förderung des inter-konfessionellen wie interreligiösen Dialogs.

Alle diese Programme dürfen nicht nur Steckenpferde der Kirchen sein, sondern müssen echte ökumenisch geprägte Herzensanliegen werden. Gefördert und vernetzt sind sie in der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen“, wie im interreligiösen Projekt „Weißt du, wer ich bin?“, im  Ökumenischen Arbeitskreis für Ausländerfragen in den Neuen Bundesländern“, im „Ökumenischen Vorbereitungsausschuss für die Interkulturelle Woche/Woche des Ausländischen Mitbürgers“, im „Gesprächsforum zur Ökumenischen FriedenDekade“, im  „Offenen Forum zur Dekade ‚Gewalt überwinden’“ und im neuen Ausschuss „Kirche und Gesellschaft“ der ACK in der Ökumenischen Centrale in Frankfurt/M. . 

Toleranz meint hier nicht indifferentes, diffuses oder gar passives Verhalten, Selbstgefälligkeit oder Selbstgenügsamkeit, Gleichgültigkeit oder reines Akzep-tanzverhalten, sondern aktives und positives, weltoffenes Engagement für die Vielfalt der Menschen, um somit auf ein demokratisches Grundprinzip in unseren multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften aufmerksam zu machen. Vielleicht sind gerade die alten christlichen Tugenden wieder die von der UN eingeforderten Aktivitäten, gerade vorrangig im präventiv-pädago-gischen Bereich, um solidarisches  wie demokratisches, toleranz-förderndes und integratives Verhalten im gesamten kommunalen Bereich, z.B. am Arbeitsplatz, in den Schulen, in den Vereinen etc., zu fördern und Zugänge zur geistigen Ebene zu schaffen, z.B. in der menschlichen Begegnung, in den Bildungseinrichtungen, in den Kirchen etc. (vgl. Erklärung, Artikel 4). So sollten eigentlich alle Staaten die schon vorhandenen Menschen-rechtskonventionen ratifizieren, neue Gesetze erlassen, soweit erforderlich, „zu kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Wurzeln von Intoleranz – und damit über die tieferen Ursachen von Gewalt und Ausgrenzung.“ (Erklärung, 2.2.).

 Wer heute seinen eigenen Glauben im Kennenlernen des fremden Glaubens bereichert und seine eigene Identität festigt, muss in dieser „Begegnungsbereit-schaft“ eine große „inhaltliche Toleranz“ (G. Mensching)  aufbringen, die seinen eigenen Horizont mit vielen religiösen Empfindungen erweitern, ohne den anderen zu verletzen oder gar  zu vereinnahmen. Aus dem christlichen Glauben lassen sich gerade für den Christen genuine Grundüberzeugungen ableiten, die eine ressentimentfreie Toleranz im zwischenmenschlichen Um-gang aufzeigen, also in den Möglichkeiten des Verzeihens und Vergebens, des Annehmens und Angenommenseins, des einander Aushaltens in Geduld, Liebe und Wahrheit, aber auch in der gegenseitigen Verständigung, in der Solidarität, in der Toleranz zwischen Individuen, in der Überwindung von Angst und der damit verbundenen Ausgrenzungstendenz, in der selbständigen Fähigkeit zur unabhängigen Wertung und zum kritischen Denken (vgl. Erklärung,  4.2/4.3.)

In der Haltung des Christen gegenüber den Andersdenkenden und Anders-lebenden, vom Farbigen bis zum Arbeitslosen, vom Bettler bis zum Menschen einer ethnischen Minderheit, sollte sich letztlich die Liebe Gottes wie die Liebe des Nächsten widerspiegeln. Nur so wird die Aufforderung des Völkerapostels Paulus verständlich: „Ihr seid von Gott erwählt, der euch liebt und uns zu seinem heiligen Volk gemacht hat. Darum zieht nun wie eine neue Bekleidung alles an, was den neuen Menschen ausmacht:  herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Milde, Geduld. Ertragt einander! Seid nicht nachtragend, wenn euch jemand Unrecht getan hat, sondern vergebt einander, so wie der Herr euch vergeben hat. Und sozusagen über das alles darüber zieht die Liebe an, die alles andere in sich umfasst. Sie ist das Band das euch zu voll-kommener Einheit zusammenschließt. Der Frieden, den Christus schenkt, soll euer ganzes Denken und Tun bestimmen. In diesen Frieden hat Gott euch alle miteinander gerufen, denn ihr seid ja durch Christus ein Leib.“ (Kol 3,12-15).

Auf dieser christlichen Grundlage bekommen „Toleranz“ und „andere achten“ (Phil 2,3-4) für das internationale Zusammenleben und den multikulturellen wie multireligiösen Charakter der Menschheit ein neues Sinnziel und nicht zu letzt für den ökumenischen Kontext im christlichen Bereich das Erlebnis einer „anstrengenden und auszuhaltenden Freude“: „Ohne Toleranz gibt es keinen Frieden, und ohne Frieden kann es weder Demokratie noch Entwickung geben.“ (2.3.)

 

DDr.habil. J.Georg Schütz